Ab ins Silicon Valley, nieder mit der Demokratie!

Silicon Valley. Der Aufschrei war groß. Daten von 50 Millionen Facebook Nutzern sollen durch Cambridge Analytica illegal missbraucht worden sein. Mark Zuckerberg soll möglicherweise vor verschiedenen Parlamenten und Gremien Stellung beziehen. Unsere neue deutsche Justizministerin Katarina Barley kann sich gleich profilieren und Facebook in die Verantwortung rufen, selbst dann, wenn die Dienstleister und deren Server nicht in Deutschland oder Europa betrieben werden. Ich muss sagen: Als mir der Fall bekannt wurde, war ich von den Socken. Oh Wunder! Nutzerdaten werden missbraucht. Und das auch noch zum Zwecke politischer Einflussnahme, vulgo Manipulation. Vielleicht wird es mal Zeit, ein paar grundsätzliche Entwicklungen der letzten ca. 15-20 Jahre vor dem Hintergrund eines „Cogito ergo sum“ in Augenschein zu nehmen und einer fundamentalen Kritik zu unterziehen. Denn was wir jetzt erleben ist das Ergebnis technikgläubiger Digitalisierung, wenn wir keinen passenden kulturellen Rahmen mitentwickeln. Kurz: Facebook ist nur ein Symptom, mit Sicherheit nicht die Ursache.

Eine unverschämt kurze Geschichte technikgetriebenen Fortschrittsglaubens

Es ist recht beliebig, wenn ich in meiner Reflexion der aktuellen Entwicklung (nur) bis Descartes zurückgehe. Aber ich bin so frei, selbst ein ganzes Buch würde nicht reichen, um ein umfassendes Bild zu zeichnen. Also ab dafür: Die Realität der eigenen Existenz vor allem durch das eigene Denken zu belegen, oder andersherum: die eigene Nicht-Existenz zu widerlegen, indem man aufzeigt, dass der Gedanke der Nicht-Existenz ein Widerspruch in sich ist, da wir ja sein müssen, um die Nicht-Existenz zu denken, ist schon ein erheblicher Winkelzug. Wie meine geschätzte Kollegin Daniela Röcker neulich mal formulierte: „Ich atme also bin ich.“ Das scheint mir ein klein wenig direkter und organischer. Ich behaupte keineswegs, dass dieser Gedanke, dieses Credo, der Urgrund pervertierter Technikgläubigkeit ist. Aber zumindest ein Stein, der die Lawine ins Rollen gebracht hat, deren teils apokalyptische Folgen wir heute vor uns sehen. Schließlich stellte Descartes nicht nur das Denken über das körperliche und emotionale Erleben, sondern degradierte zudem Tiere zu seelenlosen Automaten. Ein nicht zu unterschätzender Schritt in unserer kollektiven Entkoppelung von der Natur hin zu einem quasi religiösen Glauben an den Fortschritt durch Technologie. Apokalypse? Übertreibe ich es jetzt nicht ein bisschen? Fragst Du Dich, ob der Zeuch mal wieder rumspinnt? Auf zum Beleg, mit der Zeitmaschine ab zum nächsten Absatz:

Rund 300 Jahre später veröffentlichte der Deutsche Philosoph und Schriftsteller Günther Anders sein empfehlenswertes Werk „von der Antiquiertheit des Menschen, Band I“ (1956). Dort stellte er ausgesprochen ernüchtert fest, das wir das, was technisch möglich ist, aller Voraussicht nach auch umsetzen. Egal wie desaströs die Folgen sein werden. Anders kam zu diesem Ergebnis nachdem er sich die Folgen von Hiroshima und Nagasaki vor Augen führte (q.e.d.: Apokalypse. In Anders Worten: Wir glauben zu dürfen, was wir können.). Aber Anders nahm noch etwas anderes vorweg, was wir heute in Anbetracht unzähliger medialer Beiträge immer wieder vor Augen geführt bekommen:

Seine Kritik an der Zivilisation in der Mitte des 20. Jahrhunderts setzt am Gefälle zwischen der Unvollkommenheit des Menschen und der immer größer werdenden Perfektion der Maschinen an. Dieses Phänomen nennt Anders prometheisches Gefälle. Hiermit verknüpft er die prometheische Scham, d. h. die von dem Wunsch, selbst wie eine Maschine zu sein, erzeugte Scham des Menschen angesichts der eigenen Unterlegenheit gegenüber seinen technischen Schöpfungen.

Die Diskrepanz zwischen der Leistungsfähigkeit des Menschen und der seiner Geräte werde größer, seit das Werkzeug als Verlängerung und Verbesserung menschlicher Organe durch die Maschine mit ihrer Eigendynamik ersetzt werde; dies sei der Beginn der Antiquiertheit des Menschen gewesen. Das Mensch-Sein – im Grunde das Leben überhaupt – erscheine nun als antiquierte Daseinsform; der Mensch erzeuge mittels Arbeit Produkte, mit denen er sich selbst überflüssig mache. (Wikipediaeintrag zu Günter Anders)

Das erscheint angesichts der aktuellen Entwicklung künstlicher Intelligenz und nahender technischer Singularität (Vernor Vinge und Ray Kurzweil:  die eigenständigen Weiterentwicklung von Maschinen / künstlicher Intelligenz durch sich selbst, womit die Maschinen den Menschen gleichgestellt werden) geradezu prophetisch. Schade, dass Anders bis heute in der allgemeinen Öffentlichkeit jenseits akademischer Diskurse eher ein Schattendasein führt. Denn seine Analyse passt exakt zu dem, was in den letzten ein bis anderthalb Jahrzehnten an technikgläubiger Getriebenheit im Valley nochmals potenziert entstanden ist. Dabei ist die quasi religiöse Technikgläubigkeit der Valley Jünger das Pendant zu genereller Technikfeindlichkeit: „Diese Technologie zu verdammen und mit einem pauschalen Verdacht zu belegen, das ist so ziemlich das Dümmste und Gefährlichste, was man in einer globalen Krisensituation machen kann.“ (Dietz 2018) Diese Aussage ist allerdings ihrerseits fragwürdig. Denn was die technokratische Elite des Valleys an naivem Technikglauben an den Tag legt, ist nicht minder dumm und gefährlich.

Der Geist des Silicon Valley

Peter Thiel, Berlin, Germany, March 2014. Hy! Summit – Image by Dan Taylor. www.heisenbergmedia.com

Eben jene Technikgläubigkeit und das prometheische Gefälle werden vielleicht am besten mit dem wirklich ausgegorenen Verhältnis von Peter Thiel zu seinem eigenen Tod deutlich. Der Paypal Gründer und Facebook Investor und Förderer der ersten Stunde (!) will ewig leben. Kein Scherz. Seiner Ansicht nach leugnen oder akzeptieren die meisten Menschen den Tod – wie dämlich, Peter hingegen bekämpft ihn. Und zwar ganz konkret, wie CNBC im März 2017 berichtete. Des Weiteren arbeitet die Alphabet Tochter Calico daran, den Tod zu besiegen und hat dafür einen Haufen hochkompetenter Spezialisten zusammengebracht. Mit so spießigen Gedanken, was wohl passieren würde, wenn wir alle ewig leben und nicht nur ein paar unfassbar gemeinwohlorientierte Techmilliardäre, schlagen sich Thiel & Co. erst gar nicht rum. Genau diese dämlich deutsche Zögerlichkeit, in diesem Fall eine pragmatische Anwendung des Kant’schen Imperativs, galt es ja im dynamischen Valley zu überwinden. Mega-Agilität ist da gefragt: „Move fast and break things“ (ehemaliges Facebook Unternehmensmotto). Tod als Kehrseite des Lebens? Bullshit. Move fast, time is short!

So allmählich wird klar, wo der Hase lang läuft, oder? Im Valley ist eine hochgradig fortschrittsgläubige Technokratie entstanden, eine Elite, die sich zunehmend von allen jenseits des Valleys entkoppelt und ihnen gleichzeitig Services anbietet, um in der Folge ausgesprochen fragwürdiger Geschäftsmodelle deren Daten so umfänglich wie irgend möglich abzusaugen und sie meistbietend zu verhökern. Aus meiner Sicht kommen hier mindestens vier Elemente zusammen, die einen hochexplosiven Cocktail ergeben:

  1. Exponentiell beschleunigte IT Technologie (Rechenkapazitäten, Miniaturisierung, Big Data, Mobiles, Wearables etc.)
  2. Einseitig positiver Glaube an den Segen (diesen) technischen Fortschritts (vgl. neben G. Anders auch Yuval Harari: Homo Deus)
  3. FreeForData Geschäftsmodelle, deren Kern in kostenfreien Diensten bei gleichzeitigem Sammeln und Verkaufen von Daten und/oder Microtargeting-Werbung besteht
  4. Zunehmende Kumulation von Kapital in den Händen einer finanzieller Elite, die dieses Kapital durch VC Investments möglichst schnell vergrößern will

Die Ergebnisse dieser Systemelemente und ihrer fatalen Konfiguration erleben wir jeden Tag und bekommen sie regelmäßig in verschiedenen Medien gespiegelt: Google und dessen sich vergrößerndes Informations- und Internet-Zutritts-Monopol; diverse kostenfreie Apps wie „MyFitnessPal“ von Under Armour, der eben mal die Daten von 150 Millionen Usern geklaut wurden; und natürlich Facebook selbst. Darüber hinaus gibt es noch weitere Unternehmen mit anders gelagerten Geschäftsmodellen, die aber zu ähnlichen großen Problemen führen: Amazon und seine Ausbeutungstendenzen einerseits, sowie dessen zunehmende Marktdominanz; Ubers hochaggressiver Angriff auf den Taximarkt, immer wieder jenseits rechtlicher Rahmen oder AirBnB und dessen Auswirkungen auf bezahlbaren Wohnraum in Ballungszentren. Was technisch geht, wird gemacht. Es zu hinterfragen stört die Maximierung der Skalierungsgeschwindigkeit und die damit verbundenen schnellen Exits.

Ab ins Silicon Valley, lernen von den Besten der Besten!

Wir deutschen Michel, solche Schnarchnasen!

Und wir tumben, total unagilen, uninnovativen deutschen Michel? Wir müssen verdammt noch mal dorthin, wo die Zukunft aus Silikon geschmiedet wird. Schluss mit karbonbasierter Intelligenz! Schluss mit unseren bürokratischen Zweifeln und Wortmonstren wie „Technikfolgenabschätzung“. So ziemlich jeder deutscher Konzernlenker hat seine Truppen (bewusstes WarWording) ins Valley entsendet, um sich für den bereits in vollem Gange befindlichen Disruptionskrieg zu wappnen. Die Fußtruppen und Kavallerie der Führungsetagen sollen kapieren, wie die alles dominierenden Ultra-Unternehmen ihren Erfolg zustande gebracht haben. Die Lernreisen dorthin sind bereits zu einem eigenen Markt avanciert. Denn wer seine Manager nicht dorthin schickt, dem droht in den nächsten Monaten die Insolvenz. Garantiert.

Folgerichtig wird Schwarmintelligenz durch Herdendummheit ersetzt. Je mehr Manager ins Valley entsendet werden, desto mehr müssen folgen. Eine herrliche Kumulationsdynamik, durch die sich jeder, der dort noch nicht war oder auch nicht plant hinzufahren, zum völligen Hinterwäldler degradiert. Es ist so sicher wie der nächste Datenklau, so sicher wie die nächste super zielgenaue Werbeeinblendung während Deiner Internetrecherche: Wer in der alten Logik von Verdrängungswettbewerb überleben will, der MUSS dorthin. Und wenn das Geld dafür nicht reicht, weil Du der Geschäftsführer einer fünfköpfigen IT Butze bist, dann solltest Du Deiner Truppe zumindest ein Silicon Valley Seminar spendieren.

Auf diesen Reisen oder in diesen Seminaren ist dann dankenswerter Weise endlich Schluss mit den ständigen deutschen Zweifeln um die Datensicherheit; oder wie Facebook & Co. Demokratie eher unterhöhlen als weiterzuentwickeln; oder welche Folgen die Skalierung in Warpgeschwindigkeit für einfache Lagerarbeiter hat; oder das alleinerziehende Mütter ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Alles Schnickschnack. „Weniger Demokratie wagen„, wie Lars Vollmer neulich im Rahmen einer katalanischen Grillreflexion schrieb, zwischen Zwiebel pulen und überaus köstlichen Lammstückchen den Komplexbegriff „Demokratie“ als „Flutschbegriff“ missverstehend. Jeder ist seines Glückes Schmied, jeder kann vom Tellerwäscher zum Milliardär werden, das Valley beweist es! Nein, der amerikanische Traum ist keineswegs dabei zu verrotten, sondern pulsiert so lebendig wie nie zuvor. Das Allergeilste aber: Süßer die Kasse nie klingelte. Wie etwa bei Uber: „… wachsen so schnell es nur geht … nach einigen Statistiken schneller als jedes andere Unternehmen zuvor in der Geschichte: 12.000 Mitarbeiter und 6,5 Milliarden Dollar Umsatz in 2016, nur sieben Jahre nach Gründung. Zudem rund 16 Milliarden Dollar eingesammeltes Wagniskapital. So viel wie alle deutschen Start-ups zusammen – in den vergangenen zehn Jahren.“ (Schulz 2017)

Na wenn das kein Grund ist, im Valley vor dem Altar rein technologischer Digitalisierung niederzuknien!

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

  • Dietz, G. (2018): Fürchtet Euch nicht. Spiegel
  • Schulz, T. (2017): Der Böse Junge des Silicon Valley. Spiegel

Weitere Literatur

  • Anders, G. (2009): Von der Antiquiertheit des Menschen. Band 1. C.H.Beck
  • Diez, G. (2018): „Bei Facebook herrscht Panik“. Spiegel
  • Harari, Y. (2017): Homo Deus. C.H.Beck
  • Horchert, J. (2018): Facebook und Cambridge Analytica. Spiegel
  • Schäfers, B. (2016): Den Tod besiegen. Wie Google & Co das Leben verlängern wollen. Deutschlandfunk
  • Schulz, T. (2018): Die Facebook-Krise. Ein Insiderreport. Spiegel
  • Spiegel Online (2017): Ubers Firmenwert fällt drastisch.

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Elf | Talk, CC BY-SA 3.0
  • Descartes: Frans Hals 1648, gemeinfrei
  • Peter Thiel: Dan Taylor, CC BY 2.0
  • Deutscher Michel: gemeinfrei
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