Neue EU-Richtlinie CSR 2017

CSR – neue EU-Richtlinie ab 2017

Es ist schwierig mit dem Thema CSR (Corporate Social Responsibility) – in Deutschland. Endlich gibt es eine EU-Richtinie, die Unternehmen verpflichtet auch nicht-finanzielle Angaben zu ihrer Geschäftstätigkeit zu machen und dann hängt der Entwurf, der nach den Vorgaben aus Brüssel schon am 06. Dezember 2016 in Kraft treten sollte, im Parlament fest. Ja, muss das denn sein? Doch zurück auf Anfang.

Änderung bisheriger Bilanz-Anforderungen

Die „CSR-Richtlinie“ (2014/95/EU) wurde am 22.Oktober 2014 vom Europäischen Parlament und Rat verabschiedet. Zielsetzung ist eine Abänderung der „Bilanz-Richtlinie“ (Richtlinie 2013/34/EU). Eine innerstaatliche Umsetzung der Richtlinie war bis Dezember 2016 vorgesehen.

Mit der neuen Richtlinie (2014/95/EU) sollen Großunternehmen in Europa künftig zur Angabe nichtfinanzieller Informationen verpflichtet werden. Das Ziel ist eine erhöhte Transparenz, speziell in Umwelt-, Sozial- und ArbeitnehmerInnenbelangen. Geschäftsverlauf und Auswirkungen sollen sichtbarer werden. Betrachtet man die Strategie der EU zum Thema Nachhaltigkeit, darf man erwarten, dass die verpflichtende nichtfinanzielle Bilanz-Erstattung von Großunternehmen sich auch auf kleine und mittelgroße Betriebe, die Geschäftsbeziehungen zu den Großunternehmen unterhalten, auswirken wird.

Das „S“ bedeutet „gesellschaftlich“

CSR, Corporate Social Responsibility, die Verantwortlichkeit von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft, war von Anfang an ein schwieriges und sperriges Thema. In den 1980er Jahren aus dem angelsächsischen Raum kommend, übersetzte man hierzulande das „Social“ nicht mit „gesellschaftlich“, sondern mit „sozial“. Diese inhaltliche Verkürzung reduzierte das Handeln von Unternehmen auf soziales Engagement in Form von finanziellem Sponsoring für soziale Projekte und Initiativen und wirkte sich darüber hinaus weder auf Kerngeschäft, Arbeitnehmerbelange, Lieferketten oder Umweltverhalten aus. Konzerne entdeckten CSR als Marketinginstrument und schufen damit den Terminus „Greenwashing“. Dies wiederum hielt Firmen, die schon immer nachhaltig wirtschafteten und umweltbewusst agierten, davon ab, den Begriff CSR in ihrer Kommunikation zu verwenden. Da CSR immer auch eine freiwillige Verpflichtung war, blieb es ein reines Nischenthema.

CSR bekommt ein Gesicht

Erst 2001 nahm die Europäische Kommission das Thema auf die Agenda und verknüpfte die Idee CSR mit den Modellen der Nachhaltigkeit und machte es somit konkreter. Modelle, wie z.B. das damals aktuelle 3-Säulen-Modell basierten auf der Annahme, dass alle Handlungen des Menschen Auswirkungen auf die Großbereiche Ökonomie (Wirtschaft), Ökologie (Umwelt) und Soziales (Gesellschaft). Weiterhin blieb es bei der freiwilligen Verpflichtung.

CSR Handlungsfelder

Abb.: Die 4 Handlungsfelder im Modell CSR

Definition seit 2011

Im Zuge zunehmender Sichtbarkeit von globalen Schieflagen kam auch der Begriff „ehrbarer Kaufmann“ wieder ans Licht und verband sich mit dem CSR-Thema. Das Bewusstsein für die Vielfalt verschiedener Anspruchsgruppen im Umfeld von Unternehmen war geweckt und wächst seitdem.
2011 erfuhr die EU-Definition eine überarbeitete Formulierung, die sich seitdem auf die „Verantwortlichkeit der Unternehmen auf ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ bezieht („the responsibility of enterprises for their impacts on society“)

Welche Auswirkungen damit gemeint sind, definiert die EU so:

„To fully meet their corporate social responsibility, enterprises should have in place a process to integrate social, environmental, ethical, human rights and consumer concerns into their business operations and core strategy in close collaboration with their stakeholders, with the aim of:

– maximising the creation of shared value for their owners/shareholders and for their other stakeholders and society at large;
– identifying, preventing and mitigating their possible adverse impacts.“
(http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52011DC0681)

Erstmals wird explizit auf das Kerngeschäft von Unternehmen verwiesen, was auch mit der „Strategie Europa 2020“ der Kommission korrespondiert, die sich durchaus an den internationalen SDGs (Sustainable Devolopment Goals) der UN orientiert. CSR wird als Wertekanon verstanden.

CSR in der Praxis

Alles in allem also eine gute Entwicklung für alle Stakeholder. Aber wie immer ist die Politik eher langsam und natürlich gibt es Kritik an der neuen Richtlinie, dass die Anforderungen nicht weit genug gehen. Aber CSR ist ein Prozess, kein Zustand. Die gute Nachricht ist: CSR und nachhaltiges Wirtschaften praktizieren zahlreiche Unternehmen schon seit Jahrzehnten und es werden mehr. Das Thema ist aus der Nische raus, auch wenn nicht überall CSR draufsteht. Längst gibt es freiwillige und etablierte Standards, mit denen sich wunderbare CSR-Strategien entwickeln und umsetzen lassen und auch noch messbar sind. Speziell für den Bereich Umwelt bietet sich z.B. EMAS (zertifizierbar) oder EMASplus (nicht zertifizierbar) an. Wer es umfassender angehen will, orientiert sich an der ISO 26000. Bei der Berichterstattung hilft der internationale Standard der GRI (Global Reporting Initiative), nach dem z.B. auch 19 DAX-Unternehmen berichten. Wer es einfacher haben möchte, greift zum (noch jungen) DNK (Deutscher Nachhaltigkeitskodex).

 

CSR Leitbild

Preisfrage: Wurde dieses Leitbild partizipativ entwickelt?

Mehr Demokratie und Partizipation

Neben den etablierten Standards, die ausschließlich einen Top-Down-Ansatz haben, treten in den letzten Jahren verstärkt Alternativen auf, die demokratischere und partizipativere Ansätze bieten. Unternehmen wie der Outdoor-Hersteller VAUDE z.B. erstellen seit 2015 statt einem Nachhaltigkeitsbericht eine Gemeinwohl-Bilanz, die von der Initiative Gemeinwohlökonomie (GWÖ; Gründer Christian Felber; Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie, Wien) initiiert wurde und ständig weiterentwickelt wird (aktuelle Version 4.1).

Pilotprojekt Gemeinwohlbilanz in Baden-Württemberg

Die Gemeinwohlökonomie findet in Deutschland zunehmend Anhänger und wurde in den Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Regierung in Baden-Württemberg mit aufgenommen. Federführend begleitet durch die Wirtschaftsförderung Stuttgart wurde ein Pilotprojekt mit vier städtischen Unternehmen initiiert, die den GWÖ-Bilanzierungsprozess bis Ende 2017 durchlaufen sollen (http://www.stuttgart.de/item/show/273273/1/9/614008?).

In der europäischen CSR-Richtlinie wird die Gemeinwohlbilanz als möglicher Standard zur Darstellung der nichtfinanziellen Anforderungen genannt.

Next Generation CSR

Neuerdings schwappt aus den USA die sogenannte „B corp“ über den Atlantik, von der es bereits einen deutschen Ableger „B corp Europe“ gibt. B corp richtet sich an junge Unternehmen, die sich auch Communities austauschen wollen. Aber auch größere Unternehmen wie z.B. die Triodos-Bank aus den Niederlanden findet man bei B corp. Auch wenn die Initiative inhaltlich noch sehr amerikanisch ist, darf man erwarten, dass der europäische Ableger sich künftig ein deutliches Profil erarbeiten wird.

Als weiterer Zweig im CSR-Universum dürfen durchaus auch die verschiedenen Social Impact Initiativen, Hubs und Labs sowie die Social Innovation Bewegung verstanden werden, die mit explizit unternehmerischen Mitteln Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen suchen – mehrheitlich mit umweltbewussten Ideen. Und last but not least seien auch die Felder von Circular Economy und Cradle to Cradle genannt. Beide Bereiche haben große Schnittmengen und zeigen ein neues Verständnis von Wirtschaft und Nachhaltigkeit auf – das Denken und Handeln in Kreisläufen, eine mehr als wünschenswerte Entwicklung, die längst international vorangetrieben wird.

Liebes Parlament: Ihr seht, dass die Unternehmen auch ohne Euer Zutun handeln. Trotzdem ist es jetzt an der Zeit, den Hintern hochzubekommen, damit das Ganze rund wird.

Am 23.01.2017 findet in Berlin übrigens das jährliche CSRCamp statt. Sehen wir uns dort?

 

Herzliche Grüße
Daniela

 

Zum Weiterlesen:

Europa-Strategie 2020: http://ec.europa.eu/europe2020/europe-2020-in-a-nutshell/flagship-initiatives/index_de.htm
EU-Klimapolitik: http://ec.europa.eu/clima/policies/strategies/2050_de
Sustainable Development Goals: http://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/
Verein Gemeinwohl-Ökonomie: https://www.ecogood.org/de/
Deutscher Nachhaltigkeitskodex: http://www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de/de/startseite.html
B Corp: https://www.bcorporation.net/
B Corp Europe:  http://bcorporation.eu/germany
EMAS: http://www.emas.de/home/
EMASplus: https://de.wikipedia.org/wiki/EMASplus
ISO 26000: https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a395-csr-din-26000.pdf?__blob=publicationFile
Cradle to Cradle Verein Berlin: http://c2c-ev.de/
Circular Economy: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/circular-economy

 

Bildquellennachweis:

  • Beitragsbild: Fotolia, #84388256, master1305
  • Grafik CSR-Handlungsfelder: Daniela Röcker
  • Cartoon „Leidbild“: Daniela Röcker
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