Das Unmögliche wagen: Demokratie im Knast!

Ich habe vier Jahre Knasterfahrung. Ja, natürlich nicht als Insasse. Ich war von 1999-2003 honorarbeauftragter Musiktherapeut der Sozialtherapeutischen Strafanstalt Hohen-Asperg, Baden-Württemberg. Diese Einrichtungen sind bereits ganz besondere Gefängnisse. Dort finden sich all jene Gefangenen, die bereit sind, verschiedene therapeutische Angebote zu nutzen, um nach der Entlassung eine bessere Chance zur Reintegration zu haben. Mit anderen Worten: Dort finden sich Gefangene, die bereits ein relativ hohes Maß an Eigenverantwortung für ihre Taten übernehmen. Und was hat das nun mit Unternehmensdemokratie zu tun? Dreht der Zeuch jetzt völlig ab?

Nein, ich habe noch nicht den Verstand verloren. Also um was geht es? Erst einmal ist es hilfreich, noch etwas über diese Justizvollzugsanstalt zu erfahren. Ihrem Auftrag zufolge (Sozialtherapeutische Anstalt) gibt es dort – neben den einsichtsfähigen Gefangenen – auch wesentlich mehr hochausgebildetes Personal, das die Insassen bei deren Veränderungs- und Lernprozessen unterstützt. Und trotzdem wirkte meine ehemalige Auftraggeberin geradezu vorsintflutlich im Vergleich zu dem Gefängnis, über das ich per Zufall gestolpert bin. Das befindet sich, ich konnte es nicht glauben, in den USA. Für einige ganz wenige mag dieser Fall nicht neu sein, aber die meisten dürften ihn wohl noch nicht kennen: Die Federal Correctional Institution McKean in Bradford/Pennsylvania. Und die ist eine echte Quelle an Inspiration für alle, die Partizipation, Mit- und Selbstbestimmung für wertvolle Aspekte zukünftiger Arbeitsgestaltung halten.

Organisationsdemokratie: Basisdaten

Was ist das Besondere an diesem – auch noch – amerikanischen Gefängnis? Kurzgesagt: Man könnte es als demokratischen Knast bezeichnen. Wie bitte? Also das Personal wählt den Direktor und die Führungskräfte im Mittelbau? Nein nicht ganz. Bezüglich der Stellenbesetzung läuft es in Bradford nicht anders als anderswo. Dafür passiert dort indes etwas viel unglaublicheres, als die Chefs zu wählen. Den Gefangenen wird in Grenzen zugestanden, sich selbst zu verwalten. Kein Scherz. Bradford ist gewissermaßen ein selbstverwaltetes Gefängnis.

Wie geht das? Wie kann das sein? Gefangene verwalten sich selber? Vermutlich wird es eine kleine, gut überschaubare Einrichtung sein, in der jeder jeden kennt, so dass dieser Irrwitz überhaupt möglich ist, oder? Nein, das stimmt nicht ganz. 1992 arbeiteten dort immerhin 334 Mitarbeiter, die 1266 Gefangene zu überwachen hatten. Das Gefängnis gehörte zur mittleren Sicherheitsstufe und war sogar deutlich über die Gesamtkapazität belegt. Insgesamt hielten sich in den Gebäuden des Gefängnisses somit 1600 Menschen auf, die dort täglich miteinander zu tun hatten. Das ist wohl alles andere schnell überschaubar. Übrigens war damit das McKean Gefängnis deutlich größer, als die definitiv nicht demokratische Sozialtherapeutische Anstalt Baden-Württemberg. Dort arbeiten aktuell gerade 51 Menschen die 2015 durchschnittlich 55 Gefangene betreuten. Das ist überschaubar. Und trotzdem nicht demokratisch geführt.

Organisationsdemokratie: Das Leben

Tom Peters

Wie könnt Ihr Euch nun das Leben in einer solchen Vollzugseinrichtung konkret vorstellen? Das beginnt zunächst mit einer zentralen Leitlinie: „Die Einweisung ins Gefängnis ist die Strafe. Sind die Insassen erst einmal im Gefängnis, darf der Aufenthalt dort keine ununterbrochene Strafaktion sein.“ (Peters 1993: 336) Und das sind nicht bloß wohlklingende Worte. Dem folgen radikal andere Verhaltensweisen seitens des Gefängnispersonals, insbesondere der Wächter. In McKean finden genauso wie in anderen Gefängnissen immer wieder „Shakedowns“ also Durchsuchungsaktionen statt. Während es in anderen Anstalten üblich ist, den Gefangenen anschließend ein durchwühltes Chaos zu hinterlassen, müssen die Zellen in McKean von den Wärtern so verlassen werden, wie sie sie vorgefunden haben. Einer der Insassen fand eines Tages seine Zelle durchwühlt vor und beschwerte sich. Der Wärter, der die Beschwerde entgegennahm sagte lediglich, dass er die Zelle lassen solle wie sie sei, sein Kollege würde wieder aufräumen.

Oder bei Filmvorführungen dürfen die Gefangenen sich den Film mit Popcorn versüßen. Klingt nicht weltbewegend, ist aber doch ein großer Vertrauensbeweis. Denn eigentlich ist das ein Nogo, da mit Popcorn Schlösser verstopft werden können. Die Praxis indes zeigte, dass seit der Ausgabe des Popcorns kein einziges Schloss manipuliert wurde. Deutlich spektakulärer ist jedoch ist die Innenausstattung des Gefängnisses. Wer dort die üblichen abgrenzenden Stahlgitter sucht, wird nicht fündig und die Türen zu den Gefangenenräumen sind nicht verschlossen. Außerdem erhalten die Insassen das gleiche Essen wie das Personal. Kein Unterschied. Schon das erscheint unfassbar. Aber es kommt noch besser.

Organisationsdemokratie: Mitbestimmung

„Jeder Vorschlag zur Änderung von Bestimmungen und Verfahren wird zunächst den Insassen vorgelegt.“ (a.a.O.: 335). Das sollten wir uns gründlich vorstellen: Die Gefangenen haben die Möglichkeit, Abläufe mitzubestimmen. Sie bleiben in einem gewissen Rahmen selbstwirksam. Ihnen bleiben weiterhin demokratische Gestaltungsmöglichkeiten. Ein weiteres Beispiel dafür sind die „McKean-Clubs“: Eine katholische Organisation, ein Vegetarier-Club (ja, in einem amerikanische. Gefängnis), die Brüderschaft der Moslems oder einen Spanisch Club. Dort können sich die Gefangenen mit Gleichgesinnten mit Themen befassen, an denen ihnen etwas liegt und so die äußerst besondere Kultur dieses Gefängnisses pflegen.

Über ein Unterstützungsfonds und die damit gesammelten finanziellen Mittel, immerhin 50.000 $ pro Jahr, werden Kulturveranstaltungen, Freizeitangebote und verschiedene Sonderprogramme ermöglicht. Im Vorstand dieses Fonds sitzen auch Vertreter der Insassen, die durch ihre Mitgefangenen gewählt wurden. Der Leiter des oben erwähnten Vegetarier-Clubs erläutert die Bedeutung dieser Institution: „Die Stärke des Unterstützungsfonds liegt darin, dass wir dazu beitragen können, die inneren Angelegenheiten des Gefängnisses mitzubestimmen.“ (ebend.)

Organisationsdemokratie: Ergebnisse

Den Kollegen von Tom Peters, der in seinem Buch „Jenseits der Hierarchien“ über McKean berichtet, wurden im Zuge ihrer Recherchen keine Beschränkungen auferlegt. Sie konnten mit den Gefangenen frei ohne Kontrolle durch das Gefängnispersonal reden. Dabei wurde deutlich, welche faszinierenden Ergebnisse die demokratische Führung hervorbringt. Ein Gefangener, der bereits 15 Jahre inhaftiert ist berichtete: „Ich habe noch nie erlebt, dass Leute sich trotz unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeiten oder Hautfarbe vertragen – hier ist es aber so.“ Ein anderer stellte fest: „Noch zwei Monate nach meiner Einweisung kam mir die – ich muss dieses Wort benutzen – Freiheit, die man hier hat, immer noch wie ein Traum vor.“

Ein früherer „Top-Unruhestifter“, der Moslem Abdul Adam, sorgt mittlerweile dafür, dass Neuzugänge, die ihn bitten, ein Messer zu besorgen, davon Abstand nehmen, indem er ihnen erklärt, wie es in McKean zugeht. Tatsächlich führt das alles dazu, dass es innerhalb von sechs  Jahren Gefängnisbetrieb keine Ausbrüche, sexuelle Übergriffe, Mord oder Selbstmord gab. Es kam zu genau drei ernsthaften Angriffen auf das Personal und sechs auf Mitgefangene. Eine Quote, die in anderen US Gefängnissen wöchentlich erreicht wird. Das alleine wäre schon sensationell. Aber es damit sind die Erfolge nicht zu Ende erzählt. Denn obendrein war das Ganze auch finanziell unglaublich erfolgreich: Ein Gefangener in McKean kostest die Steuerzahler pro Jahr gut 15.000 Dollar. Das lag unter dem Durchschnitt vergleichbarer Einrichtungen und sehr viel unter dem bundestaatlichen Durchschnitt von über 21.000 Dollar.

So weit, so faszinierend. Und wo liegt der Haken an der Geschichte? Ist es eine Erfindung von mir, von einem verträumten, bocknaiven Unternehmensdemokraten? Nein, sofern Tom Peters kein verlogener Idealist ist, der für sein Buch eine Geschichte frei erfunden hat, um einen Bestseller zu landen. Ich gehe davon aus, dass wir ihm glauben können. Nein, der Haken liegt darin, dass der demokratische Knast Geschichte ist. Denn mit der Pensionierung des Gefängnisleiters Dennis Luther wurde die Demokratie wieder aufgehoben. Trotz der enormen Erfolge, der objektiv nachweisbaren positiven Ergebnisse wurde das alles wieder kassiert. Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Eine Tragödie. Und ein Zeichen dafür, dass es nicht ein Sekunde in unserer Welt vorwiegend um Wirtschaftlichkeit geht. Einerseits. Andererseits zeigt diese Geschichte, was alles möglich ist. Dagegen ist die Demokratisierung von Unternehmen und anderen Organisationen vergleichbarer Größe jenseits des Strafvollzugs ein Kaffeekränzchen.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

 

Literatur

  • Peters, T. (1993): Jenseits der Hierarchien. Liberation Management. Econ.
  • Worth, R. (1995): A model prison. The Atlantic

 

Bildnachweis

3 Kommentare
  1. Markus Hänsel
    Markus Hänsel says:

    Es ist immer hilfreich und spannend über den Unternehmenstellerrand hinaus zu schauen, wo in der Zivilgesellschaft aktuell demokratisierende Ansätze ausprobiert werden – wenn auch nur als temporäre Innovationskeime. Ich denke da könnte die unternehmensbezogene Entwicklungsperspektive einiges von profitieren.
    Mit Blick auf Strafvollzug wäre auch das Projekt von Peter Garrett (Dialog-Kerngruppe um Bohm) interessant: http://www.prisondialogue.org/

    Einen herzlichen Gruß, Markus

    Antworten
  2. Ralf Metz
    Ralf Metz says:

    Da fällt mir auch ein Beispiel aus dem Film „Where to invade next“ von Michael Moore ein.
    Ging um das Norwegische Halden Gefängnis, kann nicht genau sagen, wie die Struktur dort ist, sieht aber sehr offen aus und Möglichkeiten zur Mitbestimmung.

    Insgesamt geht das aber m.E. nach nur mit einer anderen Haltung. Die Strafe ist der Freiheitsentzug und nicht die Behandlung im Gefängnis. Wenn man sich viele der Kommentare im Artikel unten durchliest wird schnell klar, dass bei den meisten Menschen Rache noch gross geschrieben wird. Vermutlich eine Frage des Menschenbilds: Es gibt gute Menschen und böse.

    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/terror-in-norwegen/Mehr-Ferienanlage-als-Gefaengnis/story/29158630?dossier_id=996

    lg
    Ralf

    Antworten

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