Demokratie ist mehr als nur abstimmen. Was Unternehmens- demokratie von der Politikwissenschaft lernen kann. #1

Schon seit geraumer Zeit beobachte ich mit großem Interesse die Diskussion um die Thematik der Unternehmensdemokratie. Oft stört mich an der Diskussion eines im besonderen Maße: Unabhängig, ob Befürworter oder Kritiker – beide Seiten neigen dazu, den Demokratiebegriff – ich will nicht sagen zu verstümmeln – aber zumindest zu verkürzen und zu reduzieren. Natürlich mag der eine oder andere einwenden, dass die politikwissenschaftliche Verwendung des Demokratiebegriffs nicht ohne Weiteres auf den Unternehmenskontext übertragbar ist. Ich persönlich vertrete jedoch eine andere Auffassung, die auch von Andreas Zeuch geteilt wird.

Demokratie wird nicht selten auf Mehrheitsdemokratie, auf konkurrenzdemokratische Muster beschränkt. Konsensusdemokratische oder konkordanzdemokratische Modelle werden weitgehend in der Diskussion, insbesondere außerhalb des Kontexts von Teams, ausgeblendet oder auf basisdemokratische Elemente reduziert.

Konkordanzdemokratie beschreibt Muster, die darauf abzielen, möglichst viele betroffene Akteure in die Entscheidung einzubeziehen. Ziel ist es dabei, einen möglichst breiten Konsens zu erzielen, der von allen Akteuren getragen wird. Hierunter fallen unter anderem deliberative Ansätze (nach dem Discourstheorem von Jürgen Habermas) wie z. B. das mehrstufige Dialogverfahren, dass unter anderem in städteplanerischen Prozessen in der Vergangenheit erfolgreich eingesetzt wurde oder das systemische Konsensieren. Verhandlungslösungen mit einem breiten Konsens sind ein wesentliches Kennzeichen dieses Musters.

Arend Lijphart – neben Gerhard Lehmbruch – einer bedeutenden Politikwissenschaftler, die den Begriff in den 1960er Jahren bekannt gemacht haben und große Verdienste rund um die Demokratietheorie geleistet haben, nennt sechs Elemente, die seiner Auffassung nach typisch für Konkordanzdemokratien sind:

  1. Große Mehrparteienregierungen
  2. kulturelle Autonomie
  3. Proportionalität der Behörden
  4. Minderheitenschutz
  5. gesellschaftliche Segmentierung
  6. Elitenkooperation

Im Gegensatz dazu steht die Konkurrenzdemokratie oder Wettbewerbsdemokratie, die in sich primär am Mehrheitsgrundsatz orientiert und wie wir sie in Deutschland tagtäglich in der großen Politik erleben. Hier stehen sich Regierung und Opposition im parteipolitischen Wettbewerb gegenüber und der Mehrheitsentscheid gilt ausschlaggebend

Der Demokratiebegriff wird eindimensional verwendet, rein auf Mitsprache bzw. auf das Abstimmungsprozedere reduziert, und dies, obwohl er in der klassischen Demokratietheorie mehrdimensional verstanden wird. Was für mich immer wieder die Frage aufwirft, wie gut die demokratietheoretischen Grundlagen überhaupt im Allgemeinwissen verankert sind. Schade, nicht nur in Bezug auf die Diskussion um die Unternehmensdemokratie, sondern auch im Hinblick auf gesellschaftliche Debatten als solche. Das ist allerdings eine andere Baustelle.
Vorneweg – um gleich zu beruhigen – ich werde nicht in die Tiefe gehen und anfangen einen allgemeinen demokratietheoretischen Diskurs zu führen. Was ich mir erhoffe, ist einen Anstoß zu geben, einen Anstoß sich vertiefender mit den Grundlagen – auch in Bezug auf die Diskussion um die Unternehmensdemokratie – zu beschäftigen.

Demokratie ist mehr als das Mehrheitsprinzip

Zurück zum Bild der Demokratie als reine Mehrheitsdemokratie oder Konkordanzdemokratie. Auch wenn die Versuchung groß ist, Demokratie mit Abstimmungen nach Mehrheitsprinzip gleichzusetzen – bitte widersteht der Versuchung. Das ist nämlich nicht ganz korrekt. Das Mehrheitsprinzip ist nur ein Baustein von mehreren und noch nicht mal zwangsläufig der wichtigste. Neben dem Mehrheitsprinzip gibt es auch konsensuale Demokratiemuster. Deliberative Demokratie, systemisches Konsensieren sind Ansätze, die in diese Richtung gehen.

Schaue ich ein agil arbeitendes Team, fällt mir auf, dass dort zum Beispiel bei der Aufwandsschätzung sogar eben diese konsensualen Muster angewandt werden. Das gemeinsame Verständnis zwischen den Teammitgliedern wird über diesen Weg erzeugt.

Demokratie bedeutet verteilte Macht

Mit dem Demokratiebegriff sind direkt und indirekt Grundsätze verbunden, die als wesentliche Bausteine einer demokratischen Verfassung gelten. Demokratie bedeutet immer auch Aufteilung von Macht, um Missbrauch zu vermeiden – horizontal und vertikal. Föderalismus (bitte nicht verwechseln mit Dezentralisierung auf der operativen Ebene, bei der „Aufgabenvollzug“ – nicht die strategische Entscheidung, an untergeordnete Organisationseinheit delegiert wird) ist ein Beispiel, wie im staatlichen Bereich versucht wird, vertikal Machtkonzentration zu vermeiden. Auch die klassische Gewaltenteilung gehört im Übrigen in diese Logik. Das Prinzip der Checks and Balances kommt Euch sicherlich bekannt vor. Ein Begriff, der laut Wikipedia übrigens auch in Bezug auf Aktiengesellschaften Anwendung findet. Die Bedeutung einer kritischen Gegenöffentlichkeit brauche ich angesichts der jüngsten Skandale in Unternehmen sicherlich nicht weiter zu erörtern.

Mensch stelle sich einen großen Konzern vor, der verschiedene Tochterunternehmen besitzt. Analog zum unitarischen System gibt die Holding sämtliche strategischen Entscheidungen vor. Die Tochtergesellschaften haben keine Möglichkeit bei diesen mitzusprechen. Das schließt auch die Auflösung der Tochtergesellschaften (im Extremfall) mit ein. In einem „föderalen“ Modell ist den Tochtergesellschaften bei bestimmten strategischen Themen, ein Mitspracherecht garantiert. Das „Einheitsmodell“ mag im ersten Moment effizient erscheinen, aber auf dem zweiten Blick versperrt sich der Konzern die Möglichkeit der strategischen Differenzierung. Was wäre aber, wenn wir das Föderalmodell übertragen. D. h . den Konzerntöchtern nicht nur den Freiraum einräumen dezentral selbst auf operativen Ebene mitzureden, sondern auch strategisch auf der Ebene der Holding?

Demokratie und Hierarchie – ist kein Widerspruch

Falls es an dieser Stelle noch nicht aufgefallen ist, Demokratie und Hierarchie schließen sich nicht zwangsläufig aus. Auch wenn mensch gelegentlich angesichts der Debatte um die Unternehmensdemokratie auf die Idee kommen könnte, dass Demokratie gleichbedeutend mit Hierarchiefreiheit sei. Nein, ist nicht korrekt. Hierarchie per se ist nichts Schlechtes und Undemokratisches. Überhaupt nicht. Die Frage ist, wie wird Hierarchie als „Steuerungs- und Machtinstrument“ angewandt und legitimiert wird. Vergessen sollte auch nicht, dass es neben der formalen Hierarchie immer auch eine informelle Hierarchie gibt. Ein solche bildet sich immer auch dann heraus, wenn die formale Hierarchie fehlt. Sprich selbst laterale Führung macht sich des hierarchischen Prinzips zunutze. Es geht daher viel mehr um die Legitimierung und Begründung hierarchischer Strukturen.

Genau hier müsste der Hebel meines Erachtens in der Debatte um hierarchische Organisationen angesetzt werden. Die Diskussion, in der oft die Hierarchiefreiheit als Wunschzustand formuliert wird, ist in diesem Sinne nicht wirklich zielführend. Aber diese nur am Rande bemerkt. Hier spielt natürlich auch die Frage eine Rolle, was sinnvollerweise dezentralisiert und was zentralisiert organisiert werden kann und sollte. Es geht nicht um die Frage, ob es ein Über- und Unterordnungsverhältnis gibt, sondern eher um die Frage, wie dieses Verhältnis ausgestaltet ist, und letztendlich nachvollziehbar begründet (legitimiert) wird.

Demokratie und Diversität

Wenn wir von Demokratie reden, sprechen wir auch von einem Minderheitenschutz. Das Problem der „Tyrannei der Mehrheit“ ist bereits früh erkannt worden und nimmt seit den Anfängen der Demokratietheorie bis heute einen breiten Raum ein. Und wir reden hier nicht von ein paar Jahrzehnten ideengeschichtlicher Entwicklung. Wir reden hier von einem Zeitraum, in der die betriebswirtschaftliche Theorie vergleichsweise ein Youngster ist. Auch die Übertragung dieses Prinzips auf Unternehmen hat einen Sinn.

Stellt mensch sich vor, unterschiedliche Auffassungen, die nicht mehrheitsfähig sind, würden grundsätzlich im Unternehmen unter Strafe gestellt? Wie würde Diversität, wie wir sie vor dem Hintergrund der Innovationsfähigkeit des Unternehmens verstehen, sich entwickeln? Sicherlich nicht positiv. Und wie wir alle wissen, ist Diversität für die Innovationskraft eines Unternehmens elementar. Im Extremfall geht es auch um den Schutz kritischer Stimmen im Sinne einer unternehmensinternen kritischen Öffentlichkeit, die missbräuchliche Vorgänge im Unternehmen sichtbar machen und damit Schaden vom Unternehmen verhindern. In diesem Zusammenhang verweise ich kurz und bündig auf die Thematik „Corporate Governance“, die auch im folgenden Abschnitt eine Rolle spielt.

Verlässlichkeit und Prinzipien

Rechtsstaatlichkeit ist ebenfalls ein Begriff, der im politischen Bereich sehr stark mit Demokratie verbunden wird. Rechtsstaatlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang Verlässlichkeit und Transparenz der Entscheidungsregeln sowie des Vollzugs der Entscheidungen. In Bezug auf Unternehmen also auch nichts Außergewöhnliches, wenn ein Unternehmen funktionieren sollte. Willkürliche Managemententscheidungen können einem Unternehmen nicht nur schädigen, sondern auch die Frustration der Mitarbeiter nachhaltig steigern und – mensch denke zum Beispiel an den „Kampf der Talente“ – einen Wettbewerbsnachteil erzeugen.

***

Teil 2 folgt am kommenden Donnerstag

 

Herzliche Grüße

Thomas Michl

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 France
  • Plenarsaal Deutscher Bundestag: Times, CC BY-SA 3.0
  • Hierarchie: Pixabay CC0 Creative Commons
1 Antwort
  1. André Claaßen
    André Claaßen says:

    Ich gehöre auch zu der Mehrheit der Menschen, die keine Politikwissenschaft studiert haben und denen die Vielfalt des Demokratiebegriffes gar nicht bewußt ist. Dafür danke und ich freue mich schon auf den nächsten Artikel.

    Bei SCRUM (was für mich nicht identisch für Agilität steht) musste ich doch etwas schlucken. Gerade die Aufwandsschätzungen werden sehr kontrovers diskutiert. Es gibt eine sehr starke „NoEstimates“ Bewegung. Auf der anderen Seite ist gerade der Planungs- und Reflektionsprozess sehr konsensorientiert, wenn auch mit sehr klar vergebenen Rollen. Eine Planung funktioniert nur, wenn eine Balance zwischen dem Wünschenswerten (vom Product Owner) und dem Machbaren (vom Team) hergestellt wird. Aber auch hier wird in der Szene stark diskutiert.

    Egal, ich freue mich auf den nächsten Beitrag.

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