Der Preis der Disruption

Disruption! Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, das man dem Tinnitus nahe ist: Alte, Jahrzehnte erprobte Industrien werden von den jungen disruptiven Innovatoren bedroht. Es sei fraglich, ob sie den Anschluss an sich radikal verändernde Märkte noch schaffen und die nächsten 20 oder 30 Jahre überleben. In diesem Zusammenhang fallen dann Namen wie Tesla und Uber ebenso sicher wie das Amen in der Kirche. Passt ja auch, zumal das Ganze Innovationsevangelistentum dank neuer, innovativer Jobtitel (Chief Innovation Evangelist) eine nachweislich religiöse Angelegenheit ist. Ergo werden entsprechenden Innovations-Bergpredigten gehalten, und der neue Messias tritt gleich in verschiedenen Gestalten auf. Elon Musk, ein Wunder, dass er nicht über Wasser laufen kann. Und Trevor Kannick hat ein so herrlich innovatives Führungsverständnis als kapitalistischer Möchtegern-Tyrann, dass ihm alle Rendite geilen Investoren die  Milliarden persönlich hinterhertragen. Mal ganz abgesehen davon, ob sich die permanenten Disruptionsbeschwörungen am Ende als richtig erweisen werden, stellt sich noch eine Frage, die bislang viel zu wenig diskutiert wird: Welchen Preis hat alleine nur der Versuch echter marktverändernder Innovationen?

Angenommen die großen Probleme der Elektromobilität und des autonomen Fahrens und Fliegens (wir wollen Trevor ja nicht um seine Vision individueller Luftmobilität auf Abruf prellen) wären gelöst: Entweder wird Lithium ausreichend recycelt oder es wurde ein deutlich besserer Ersatz gefunden; die Batterien speichern ein vielfaches an Energie und das auch noch signifikant länger; es gibt ein ausreichendes Versorgungsnetz an Ladestationen (und Herr Kretschmann muss sich für seinen defätistischen Pessimismus eine Runde schämen); die maschinelle Steuerung durch eine nur bedingt vorhersehbare Verkehrswelt ist gelungen und mit Fehlerquoten gesegnet, die weit unter der menschlichen Versagens liegt; auch die juristischen Probleme der Haftungsfragen sind Schnee von gestern (schließlich waren Smart Contracts nur der Anfang, mittlerweile haben sich Smart Judges etabliert). Ja, dann hätten die Visionen von Tesla und Uber etwas für sich. Wenn auf diesem Wege ein großer Teil des noch aktuellen und doch irgendwie altvorderen Individualverkehrs endgültig abgeschafft wäre. Und wir nicht mehr diesel- und benzinverseuchte Luft ventilieren müssten. Alles schick in der sauberen Welt von morgen.

Wenn da nicht ein paar Schönheitsfehler wären in dem Bild. Das liegt ganz einfach daran, dass wir ärgerlicherweise noch weiter von der Singularität und vollumfänglicher Robotik entfernt sind, als das den Visionären lieb ist. Dummerweise müssen sie ihre Büros, Werkhallen und Baustellen doch tatsächlich mit so ekligen, transpirierenden und ab und an kranken Entitäten wie Menschen besetzen. Und die, man höre und staune, stehen den Bergpredigern nicht 24/7 mit permanenter Maximalleistung zur Verfügung, um den Anforderungen der unglaublich schnellen Firmenkultur gerecht werden zu können.

Ausbeutung

Das Genie, das nach den Sternen greift.

Wer disruptiv sein will, muss vor allem schnell sein. Schnell Ideen erzeugen, auswählen, testen, Fehler machen, lernen, verändern; nebenbei die Marke  und das Image aufbauen, Investoren finden und gewinnen, viele neue Mitarbeiter*innen rekrutieren, herausragende Marketingkampagnen entwickeln und durchführen, und so weiter und so fort. Kurz: Wer disruptiv sein will muss Vollgas geben. Da darf nicht lange gezögert werden. Die Konkurrenz schläft nie, selbst wenn es sie noch gar nicht gibt. Ergo müssen die Mitarbeiter*innen auch entsprechend geführt und motiviert werden, denn die hochgesteckten Ziele wollen erreicht werden. Und nach genau solchen Leuten sucht Tesla. Nachweislich. Dazu reicht ein Blick in die Firmen interne Jobbörse. Aktuell (Stand 20.06.2017) wurde ein EHSS Manager gesucht. Der hat dann natürlich passenderweise die Aufgabe, (to) „stimulate enthusiasm and commitment in others to accomplish common objectives.“ Logisch, kann ja nicht jeder so abgehen wie Elon höchst selbst.

Bei dem Tempo kommt es halt mal zu Kollateralschaden, wie soll sich das den vermeiden lassen? Der Guardian berichtete denn auch von 100 Notarzteinsätzen bei Arbeitern alleine im Jahr 2014. „Grund für die Überlastung sei der enorme Druck, den das Management auf die Belegschaft ausübe.“ (Spiegel Online, 19.05.2017: Psychischer Druck – Tesla Arbeiter beklagen Arbeitsbedingungen). Als eines Tages ein Arbeiter mit aufgeschlagenem Gesicht am Boden lag, wurden die anderen Arbeiter aufgefordert, um ihn herumzugehen, um weiterzuarbeiten (a.a.O.) Natürlich geht es dabei nicht um Ausbeutung, wie Herr Musk betont: Da Tesla jedes Jahr hohe Verluste macht – genau genommen: Noch nie seit der Gründung 2003 einen Jahresabschluss mit Gewinn verzeichnen konnte – gehe es nicht um Ausbeutung. Es wäre alles nur eine Frage des Überlebens. Ich persönlich wundere mich da ein wenig. Jemand, der 2002 ein privates Raumfahrtunternehmen gründete, um den Mars zu kolonisieren, schafft es nicht, für seine Angestellten anständige Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Naja, vielleicht reicht es da nicht mehr zu, wenn man schon so große, hehre Ziele verfolgt, die die Menschheit in der Zukunft neben Tesla auch noch mit Hyperloop, der Gigafactory und Neuralink neben anderen Unternehmungen sicherlich um Quantensprünge nach vorne bringt. Das sind so ein paar Notarzteinsätze und Arbeitsunfälle aufgrund des natürlich unabdingbar hohen Tempos absolut zu vernachlässigender Kollateralschaden.

Denn selbstverständlich geht es nicht darum, dass die Investoren irgendwann mal – endlich – eine richtig feiste Rendite sehen wollen. Die machen das alle nur, damit wir bald einige der fundamentalen Menschheitsprobleme gelöst haben. Das Tempo dient also nicht dazu, die Marktführerschaft zu erobern, und der innovativste oder größte eMobil Autobauer zu werden. Die Milliarden, die da fließen, sind die monetäre Reinform aller nobelster Philanthropie. Das beweist ja schon die Tatsache, dass Tesla eben immer noch mit Fremdkapital versorgt wird, obwohl es bis heute in 14 Jahren keinen Gewinn erzielen konnte. Also: In die Hände gespuckt und weiter gemacht. Bloß nicht zweifeln. Ein paar blutige Nasen und der eine oder andere Burnout oder Herzinfarkt sind da doch zu verschmerzen.

Sexismus und Wirtschaftskriminalität

Paris, France, December 10, 2013. LeWeb Day 1. Image by Dan Taylor/Heisenberg Media

Ähnlich sieht es bei einem der anderen gaaanz großen Player aus. Glücklich, wer da den Zuschlag als Investor bekommen hat, denn auch hier ist ein echter Managementheld am Werke, der etwas Geniales schaffen will. Travis Kalanick schredderte mit seinem virtuellen Taxiunternehmen die gesamte Taxibranche weltweit. In Amerika, dem unangefochtenen Innovationsmekka, wird schon kein Taxi mehr gerufen, sondern da heißt es: „Let’s uber there.“ Freuen wir uns also auf die Tage, da wir nicht einfach nur mehr googlen, sondern auch ubern! Und das geht nur, wenn Regeln gebrochen werden, die ohnehin nur für kreativitätskastrierte deutsche Bürokratenwallache sinnvoll erscheinen. Es wurde Zeit, dass da einer wir Travis Kalanick aus dem scheinbaren Nichts auftaucht und einfach über alles drüber walzt, was sich ihm in den Weg stellt (vielleicht sollten deutsche Panzerhersteller ihn mal modellieren für einen Leopard 4.0!). Da sind Sätze wie „Angst ist eine Krankheit, was immer du willst, hol es dir.“ echt willkommen. Aber natürlich geht es noch viel besser: „Wir sind in einer politischen Kampagne, der Kandidat ist Uber, und der Gegner ist ein Arschloch namens Taxi.“ Hey, that’s it. Disruption braucht klare Worte und handfeste Taten!

Und das gilt dann natürlich auch für sexuelle Bedürfnisse. Wäre ja auch irgendwie langweilig, wenn es nur darum ginge, Partner „systematisch zu hintergehen“, „Politiker zu belügen“ und „Konkurrenten zu drangsalieren“ (Schulz 2017) Bislang wurden gut 20 Mitarbeiter aufgrund sexueller Belästigung von Kolleginnen entlassen. Aber ganz ehrlich – was soll das Geschrei? Bei 12.000 Mitarbeiter*innen im letzten Jahre macht das lächerliche 0,17%. Hallo? Worüber regen wir uns eigentlich auf? Da sind halt ein paar Alphamännchen, die ansonsten supererfolgreich die Städteplanung von morgen genauso revolutionieren wie unser Mobilitätsverhalten, ein bisschen über die Strenge geschlagen. Bei Uber menschelt es halt – das wollen wir doch alle, die so sehr über die schöne neue, agile Welt reden. Wer schnell sein will, muss Regeln brechen. Und wo gehobelt wird, fallen Späne.

Abgesehen von diesen Peanuts zeigte der Taxi-Killer in einem anderen Punkt seinen Großmut bei allem Jagdinstinkt. Nachdem ihm zu Ohren kam, dass Anthony Levandowsky, einer der führenden Experten autonomen Fahrens und ex Google Mitarbeiter, Daten von seiner alten Firma mitgehen ließ, forderte er Levandowsky auf, diese Daten zu vernichten. Trotz dieser potentiellen wirtschaftskriminellen Handlung arbeitete er weiter mit Levandowsky zusammen und bohrte nicht noch lästig schmerzhaft in dieser Wunde herum. Von wegen hire and fire. Spätestens hier lernen wir, dass es im Silicon Valley auch sozial zugehen kann, wenn potentiellen Wirtschaftsstraftätern tiefgreifendes Vertrauen entgegengebracht wird. Bei uns hätte sich sicherlich irgendeine altvordere Staatsanwaltschaft eingeschaltet, um diesen Vorwürfen nachzugehen und am Ende sogar strafrechtliche Konsequenzen zu ziehen. Und das wäre sicherlich das Ende der Mobilitätsdisruption gewesen!

Selbstausbeutung

Musk und Kalanick sind, ohne es selbst zu merken, auch echte Bibel-Disruptoren. Ihr Leitmotto lautet offensichtlich: Wie ich Dir, so ich mir! Musk stellte neulich in einem Tweet dar, wie es zu seinen bisweilen „bizarr anmutenden Einträge bei … Twitter“ käme: „Wissen Sie, wenn da ein bisschen Rotwein ist, ein alter Plattenspieler, etwas Ambien. Zauberei. Zauberei passiert.“ (Spiegel, 08.06.2017) Schlafmittel (Ambien) und Alkohol sind eine nicht ganz risikofreie Mixtur – da zeigt also der Chef höchstselbst, dass er a) offensichtlich von Schlafstörungen gepeinigt ist und es b) zusätzlich dringend nötig ist, auch noch Alkohol einzusetzen. Gut zu wissen, dass dann wenigstens Zauberei passiert.

Bei Kalanick verhält es sich ein bisschen anders, aber im Kern irgendwie gleich. Der Mann war wirklich gebeutelt (Cave: KEINE IRONIE), als seine Mutter bei einem Bootsunfall vor einiger Zeit ums Leben kam und sein Vater dabei auch noch schwer verletzt wurde. Das alleine hätte ihn ja noch nicht zu einer Auszeit motiviert, da hätte sich Ubers Mitgründer einfach durchgebissen. Aber als dann noch die sexuellen Belästigungen und Diskriminierung in seinem Unternehmen hinzukamen, da entschied er sich, doch mal kürzer zu treten. Dabei zeigte er auch gleich sein tiefgreifendes Verständnis menschlicher Entwicklungsprozesse. Er versprach seinen Mitarbeitern, an einem „Travis 2.0“ zu arbeiten. Also ab zum Betriebssystem-Update.

Aber der ultimate Beweis, dass wir hier nur über unwichtige Nebenkostenposten der Disruption reden, kommt noch: Ganze 1000 Mitarbeiter von Uber wollen ihren alten Chef zurück, nachdem der vor kurzem von den Investoren gezwungen wurde, den Chef-Posten zu räumen. Das sind immerhin rund 8,3% der gesamten Belegschaft. Und die glauben daran, dass aus ihrem Chef noch die Führungsfigur werden könne, die das Unternehmen brauche. Denn Kalanick sei „entscheidend“ für den zukünftigen Erfolg von Uber. Fußnote: Interessant wie eine Firma mit großer Energie am autonomen Fahren arbeitet, aber bei der Autonomie der Mitarbeiter noch in der Zeit von Kutschen verhaftet ist. Aber sei’s drum. Denn die Investoren stehen zwar nicht mehr zu Kalanick, aber zu Uber. Die 708 Millionen US $ Verlust im ersten Quartal sprechen eine klare Sprache und belegen unmissverständlich: Hier kommt die neue große Disruption. Und die hat ihren Preis.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

 

Quellen

4 Kommentare
  1. Lippold
    Lippold says:

    Gut geschrieben und doch nur Teil des Ganzen. Dass es “erfolgsgeile Alpha-Tierchen“ auch in vorhandenen etablierten Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen gibt sollte nicht unerwähnt bleiben.

    Warum Auswüchse von Compliance-Umsetzung immer wieder vorkommen und “schwache Signale“ innerhalb von Führungsetagen nicht wahrgenommen werden verwundert mich seit Jahren. Müsste “Der Prophet im eigenen Land zählt nichts.“ bzw. “Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht.“ nicht an dieser Stelle kritisch hinterfragt, wie sich diese Phänomene im gesellschaftlichen Kontext zumindest mit positivem Ergebnis für Gesellschaft und Unternehmen gewandelt werden können?

    In diesem Sinne und einem positiven Ausblick aus einer bereits mitten in Umsetzung befindlichen Singularität (wenn auch nicht die technologische gemeint ist)

    Ralf Lippold

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch says:

      Lieber Ralf,

      danke für den Kommentar! Ja, sicher ist das nur ein Teil des Ganzen und wir finden das auch bei etablierten Konzernen. Allerdings wird denen nicht jeden Tag eine Innovationshuldigungsmesse gehalten. Genau dieses ∆, diese völllig schräge Differenz zwischen (potentieller!) technologischer Disruption und Zementierung alter tayloristischer Organisationskultur regt mich auf. Diese Differenz finden wir bei den etablierten Konzernen nicht. Deshalb sind die – so idiotisch es ist – in sich schlüssig.

      Und mich nervt das zumeist unreflektierte deutsche Anbiedern ans Silicon Valley. So, als ob wir selbst nicht genug zu bieten hätten. Dabei ist dieses Valley doch gerade im aktuellen Amerika eine ganz offensichtliche Blase. Das Land befindet sich im freien Fall und irgendwo sitzt eine große Horde Tekkis, die ziemlich weltfremd und entkoppelt vom Rest der Menschheit irgendwelche (pseudo)disruptiven Technologien entwickeln (und dabei selbst Bunker in Neuseeland für den Worst Case bauen (Prepping Szene) – siehe #prepping #preppertalk etc. …).

      Ansonsten zum warum des brechenden Krugs: Weil es um die Bevorteilung einiger weniger geht, und nicht um das große Ganze auch nur des Unternehmens. Würde eine harte Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen, müssten Mitarbeiter*innen in der Breite anders behandelt und eingebunden werden. Die Zahlen diverser Studien sprechen da eine recht unmissverständliche Sprache. Aber es geht eben gar nicht um diese Wirtschaftlichkeit.

      Antworten
  2. Gregor
    Gregor says:

    Vielen Dank für diesen (weiteren) unterhaltsamen Artikel. Ich habe ihn (mal wieder ) mit gemischten Gefühlen gelesen.

    Auf der einen Seite steht der Impuls, laut auf den Tisch zu hauen und zu rufen: „Ja, recht hat der Mann. Diese geldgeilen Ausbeuter, sollen sich mal mehr um ihre Mitarbeiter kümmern und nicht um die große Kohle“.

    Aber bei längerem drüber nachdenken, bröckelt die Zustimmung. Ich kenne die Geschichte von Uber und Kalanick nicht im Detail und kann mir darüber so gar kein Urteil erlauben. Die Geschichte von Tesla und Elan Musk hingegen verfolge ich schon seit längerem und glaube, da zumindest basierend auf den öffentlich zugänglichen Informationen einen rech tuten Einblick zu haben. Auch hier würde ich mir nicht anmaßen, entscheiden zu wollen, was Musk im innersten antreibt, aber die Vision für die er steht, hat m.E. erstmal nichts mit persönlicher Bereicherung zu tun. Immerhin hat er beinahe sein gesamtes Vermögen bis kurz vor den persönlichen Bankrott in Tesla investiert. Zu einer Zeit als nicht abzusehen war, dass das Konzept funktioniert
    Natürlich ist er ein Workaholic und natürlich verlangt er seinen Mitarbeitern viel ab. Aber ist das nicht ein Berufsrisiko, dass man in Kauf nimmt, wenn man sich bei Tesla bewirbt? Mein Bruder hat für eine kurze Zeit bei Tesla gearbeitet und hat für sich selbst die Entscheidung getroffen, dass er sich diesem Druck nicht aussetzen möchte. Es gibt viele andere Unternehmen und Branchen (die nichts mit Disruption oder Innovation zu tun haben), die psychisch und/oder physisch extrem fordernd sind. Ob nun Bauarbeiter, Fußballer, Schauspieler, Ärzte, Polizisten, Lehrer usw.. Sie alle können in ein Umfeld geraten, dass gesundheitlich schädigend ist bis hin zu chronischen Schäden. In den USA – noch stärker als in Deutschland – ist der CEO rechtlich verpflichtet im wirtschaftlichen Interesse seines Unternehmens zu handeln sonst macht er sich strafbar. Das kann man mehr oder weniger aggressiv tun. Aber ich persönlich halte es für falsch die komplette Verantwortung auf den CEO abzuwälzen. Elon Musk hat eine Vision und die führt einerseits dazu, dass z.B. Elektromobilität zu einem Mainstreamthema geworden ist (gut) und auf der anderen Seite dazu, dass Menschen bis an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus gehen (ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gut). Ich finde es gut und richtig, dass zu adressieren, aber ich finde es zu einfach, dem CEO oder dem Konzept von disruptiver Innovation an sich den schwarzen Peter zuzuschieben. Es wird immer wieder Leute geben, die sich selbst und andere an die Belastungsgrenze bringen. Und oft kann gerade das zu großartigen Ergebnissen führen („no pain, no gain“). Aber es kann auch schiefgehen. Die Entscheidung, wie weit man persönlich gehen möchte, kann und sollte zumindest in der freien Wirtschaft jeder für sich selbst treffen.

    Antworten
  3. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch says:

    Lieber Gregor,

    ein schöner Aufschlag, Deine Kommentar, danke.

    Ja – es wäre zu simpel, alleine einen CEO verantwortlich zu machen. Natürlich. Für mich gibt es aber verschiedene Aspekte, warum diese Helden des Digitalwirtschaftsmanagements endlich auch mal kritisch beleuchtet werden sollten:

    1. Wie oben schon in der Antwort auf Ralf: Das Delta, die Differenz zwischen (erhoffter) technologischer Disruption und sozialem Taylorismus. Diese Differenz finden wir nirgends derartig gewaltig, wie bei den großen Disruptoren der Digitalwirtschaft. Und diese Differenz verweist auf das große Risiko der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der nächsten 10-20 Jahre: Wir sollten verdammt aufpassen, dass wir die Digitale Transformation nicht als reines technisches Projekt begreifen und abwickeln. Denn dann sind wir nur eine Stufe weiter in den alten Ausbeutungslogiken. Darauf haben ja außer mir schon genügend andere verwiesen, wie zB PD Dr. Andreas Boes vom ISF München.

    2. Wie schon per Twitter geantwortet: Gerade Musk ist offensichtlich hyperaktiv. Fein, das geht niemanden was an. Eigentlich. Aber irgendwie dann doch. Denn seine Energie reicht, um m.E. wirklich schwachsinnige Unternehmungen wie Space X voranzutreiben. Wenn er das schon tut, anstatt lieber reale Not auf diesem Planeten JETZT zu ändern mit all der Kohle und Reputation die er hat, dann sollte er sich zumindest eben um die Unternehmenskultur kümmern.

    3. das insbesondere deshalb: Wenn Tesla zB Unternehmensdemokratie oder Neue Arbeit vorleben würde – was glaubst Du wohl, was das für eine Wirkung hätte? Verschenkte Chance, Mrd. Investitionen in alte Sozialtechnologien versenkt. Warum? Natürlich weil das die Investoren so wollen. Und die muss Musk et al. bedienen (müssen die??).

    4. „ist der CEO rechtlich verpflichtet im wirtschaftlichen Interesse seines Unternehmens zu handeln sonst macht er sich strafbar.“ – glaubst du ernsthaft, dass es wirtschaftlicher ist, die Belegschaft in Denkende und Handelnde zu unterscheiden? Und topdown anzuweisen? All deren natürlich Kreativität in Vorschlagswesensärgen zu beerdigen? Glaubst Du das? Ich nicht. Interessante These: Vielleicht sollten mal ein paar Investoren ein paar CEOs verklagen, weil die sich nicht wirklich rational um die wirtschaftlichen Belange der Firma kümmern. Denn dann müssten die anders mit ihren Leuten umgehen. Und jetzt haben wir noch gar nicht über Folgekosten wie Krankenstände und Frustrationsbedingte Fluktuationen gesprochen. Kostet die deutsche Wirtschaft jedes Jahr rund 100Mrd. Euro. Wirtschaftlichkeit???

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.