Die CSR Sau

CSR: Es wird Zeit, einen weiteren Pflock einzuschlagen, eine klare Positionierung vorzunehmen: Wie sinnvoll ist eigentlich Corporate Social Responsibility, die unternehmerische Verantwortung, als längst nicht mehr neue, aber immer noch anhaltende Erscheinung im Reigen allgegenwärtiger Managementthemen? Wer die Entwicklung von Managementthemen beobachtet, könnte auf die Idee kommen, dass wir die Verantwortung von Unternehmen erst in der Post-Postmoderne entdeckt und entwickelt haben. Dabei sieht die Sache gänzlich anders aus.

Sozialverantwortung gibt es schon lange

CSR-SauEigentlich klingt die Idee, die unternehmerische Sozialverantwortung zu einem besonderen Thema zu machen, im ersten Moment ja irgendwie plausibel. Allein: Bei genauerer Betrachtung ist dies ziemlich sicher mal wieder eine Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Das beginnt schon damit, dass sowohl in der UN Erklärung der allgemeinen Menschenrechte als auch im deutschen Grundgesetz das Wesentlichste zur Sozialverantwortung bereits gefordert ist. Zur Erinnerung hier die entsprechenden Punkte.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), Artikel 23

  • Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
  • Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
  • Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.
  • Jeder hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

Die Grundrechte im deutschen Grundgesetz (1949), Artikel 14, Abs. 2

  • Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Sozialverantwortung wurde aktiv deinstalliert

Damit ist bereits seit fast 70 Jahren klar, das Unternehmen und Unternehmer auch eine soziale Verantwortung haben. Gesetzlich geregelt. Interessant, dass sogar diese Minimalstandard in so manchen Fällen in rein gewinnmaximierenden Unternehmen nicht eingehalten wird. Aber die Geschichte der sozialen Verantwortung reicht bei Lichte betrachtet noch wesentlich weiter zurück. Das hat dankenswerter Weise Pavan Sukhdev in seinem →Buch „Corporation 2020“ gut herausgearbeitet:

Der soziale Zweck von Unternehmen wurde erst in der Zeit von 1819 bis 1919 deinstalliert. Bis dahin war das Gemeinwohl eine Grundlage der Legitimation. Erst durch die allmähliche Einführung der beschränkten Haftung, der Reduzierung des Unternehmenszwecks auf die Gewinnmaximierung durch einen beispielhaften Gerichtsprozess gegen Henry Ford und die rechtlich verankerte Personalisierung eines Unternehmens zur „juristischen Person“ mit entsprechenden Rechten hat die Jahrhunderte währende Tradition ausgehebelt. Das die heutige Sicht und Konstruktion beileibe kein Naturgesetz ist, zeigte sich insbesondere an der eher schleichenden Einführung der beschränkten Haftung. Denn die wurde erst mal gar nicht angenommen. Vielmehr war die unbeschränkte Haftung verständlicherweise ein Gütesiegel, das Vertrauen schaffte. Erst als die City of Glasgow Bank 1878 ohne Haftungsbeschränkung zusammenbrach, kam es zu einer breitflächigen Umsetzung.

Viel Gerede, wenig Handlung

Ja sicher, nicht jeder hat Corporation 2020 gelesen oder sich mit der Geschichte der Betriebs- und Volkswirtschaft befasst. Geschenkt. Wenn sich indes ein Unternehmen sozial verantwortlich zeigen will, wäre es doch naheliegend, erst mal damit zu beginnen, die externe Kosten wie Umweltverschmutzung öffentlich zu bilanzieren und dann vor allem in die Verpreisung einzurechnen. Denn bislang werden diese Kosten sozialisiert und die Gewinne privatisiert. Hier geht der Sportartikelhersteller Puma mit gutem Beispiel voran, der 2011 das erste Mal die externen Kosten in einer ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführt hat. Dieser Environmental Profit & Loss account wurde 2016 dann auch auf den französischen Mutterkonzern Kering (Gucci, Yves Saint Laurent, u.a.m.) ausgeweitet. Eingedenk dessen ist es natürlich nur ein Ausdruck besonderem Kritikastertums, von CSR-Maßnahmen nicht vollends begeistert zu sein, wenn externe Kosten weiterhin an die Gemeinschaft abgedrückt werden!

Das Beste an der ganzen Thematik ist jedoch die Idee, eine weitere unternehmerische Funktionssäule einzuführen: Das CSR-Management. Und das braucht natürlich ausgebildete CSR-Manager. Also sprießen seit ein paar Jahren entsprechende Angebote aus dem Boden, um der Sau noch einen wohlmeinenden Bauern zur Seite zu stellen. Das ist wirklich eine tolle Geschäftsidee, denn wie könnte man auf die absurde Idee kommen, dass die Sozialverantwortung auch mit einfachem, gesunden Menschenverstand umzusetzen wäre? Nein, da braucht es weitere Funktionalisierung, weitere Trennung von Aufgaben- und Verantwortungsbereichen. Das ist eine runde Sache (eben wie die wohlgenährte Sau).

Summa Summarum: Unternehmen haben grundsätzlich eine soziale Verantwortung. Die muss nicht mit einem besonderen Etikett versehen und verkauft werden. Zurück zu den Wurzeln!

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Guanbirra, CC BY-SA 3.0
  • CSR Sau: © Andreas Zeuch
5 Kommentare
  1. Kurt Schauer
    Kurt Schauer says:

    Danke für diese Provokation!
    Wie bei jedem Thema – so auch bei CSR – gibt es Menschen, die etwas draus machen oder es eben ausnutzen. Sollte es etwas geben, wo das nicht so ist, bitte sagt es mir. Aber: Ändert das etwas daran, dass es gut ist sich – vielleicht sogar trotzdem – mit diesem Thema zu befassen?
    Wenn es genügen würde, dass etwas in einem Gesetz steht, dann bräuchte es auch keine Verkehrskontrollen, denn erstens ist klar was gefordert ist und zweitens lernt das jeder bei der Fahrausbildung.
    Die richtige Feststellung, dass es eigentlich keinen Grund gäbe CSR als Thema zu forcieren ist daher trotzdem irreführend. Letztlich geht es um Aufmerksamkeit. CSR ist der Versuch notwendigen und richtigen Entwicklungen wieder mehr Bedeutung zu geben. Dass dies auch ausgenutzt ja sogar pervertiert wird ist wohl als Teil menschlichen Verhaltens zu akzeptieren. Das ändert aber nichts daran, dass jedes Thema, das in die Defensive kommt entweder eine neue Aufmerksamkeit erhält oder eben in einer Nische verschwindet.
    Als Sprecher einer CSR-Expert-Group sehe ich die Verantwortung genau darin Unternehmen dabei zu helfen Pflöcke einzuschlagen, die dem verantwortungsvollen Wirken und dem Dialog darüber wieder mehr Raum geben. Denn es gibt viele Menschen die anders agieren wollen, die es auch tun, denen aber das Wasser von jenen abgegraben wird, die sich nicht an die Forderungen von CSR halten. Für diese Unternehmen und dahinterstehenden Menschen gilt es etwas zu tun, diese gilt es zu stärken. Im Zweifelsfall treibe ich dafür auch eine Sau durch das Dorf 🙂
    Wenn es jedoch eine bessere Idee gibt ich bin dabei!!!
    Hinter all der herzlichen Polemik mit der Sau wäre es daher schön auch auf diesen Aspekt zu achten, denn die Alternative kann ja nicht sein, dass wir entweder darauf hoffen, dass sich alle selbstverständlich und von sich aus an alle Gesetze halten oder wir auch in diesem Bereich dem Kontrollwahn freien Lauf lassen. Also braucht es andere Wege: Der Diskurs um CSR als Managementmethode ist EINE Lösung dazu. Danke!
    Zum Abschluss noch mein Beitrag zu einer notwendigen Polemik. Wie wäre es z.B. mit der Rechts-Sau – da kann man endlich darüber herziehen wie sinnlos es ist, Gesetze zu schreiben, an die sich ohnehin keiner hält oder wie Gesetze jede Innovation im Keim ersticken, weil es ja gesetzlich noch nicht geregelt ist. Beide Behauptungen stimmen, führen mich aber nicht dazu zu behaupten das Recht gehört aus dem Dorf getrieben. (Wo das der Fall ist sehen wir ja die Folgen!)

    Danke

    Kurt Schauer

    Antworten
  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch says:

    Lieber Herr Schauer,

    vielen Dank für Ihren ausführlichen und hilfreichen Kommentar. Wie Sie richtig erkennen und schreiben: Es ist ein polemischer Ansatz, eine Pointierung – natürlich mit ernstem Hintergrund.

    Grundsätzlich bin ich völlig bei Ihnen, dass die meisten Sachen an sich weder gut noch schlecht sind. Es kommt auf die Haltung und Intention an, mit der wir etwas nutzen. Insofern ist es fraglos so, dass es Sinn machen kann, die soziale Verantwortung via CSR zu thematisieren und endlich auf den Tisch zu bringen. Allerdings habe ich – ganz subjektiv – den Eindruck, dass die soziale Verantwortung gewissermaßen fein säuberlich abgetrennt in einem neu abgesteckten Claim einen kleinen Spielplatz zugewiesen bekommt: wenn, wie geschildert, zahlreiche unsoziale Aspekte eines Unternehmens exakt so weitergeführt werden, wie ehedem. Und das neben den schönen, gut vermarkteten CSR Aktivitäten des Unternehmens. Das ist ein massiver Widerspruch. Da wird dann eben etwas missbraucht (sic!), um soziale Verantwortungsübernahme in der nötigen Außen- und Innenkommunikation vorzuheucheln. Die soziale Verantwortung findet in eben jenem abgesteckten Gebiet statt, aber durchdringt nicht das ganze Unternehmen. Genau DAS ist m.E. das eigentliche Problem – das habe ich tatsächlich nicht herausgearbeitet. Auch deshalb nochmals meinen Dank an Sie, meine Gedanken zu schärfen.

    Zu der Rechts-Sau: Schöne Idee 🙂 Allein: Wenn schon Gesetze nicht eingehalten werden, wieso sollten dann rechtlich nicht durchsetzbare CSR Aktivitäten erfolgreicher sein? Nicht dass ich nun die Idee hätte, alles sollte rechtlich reguliert werden. Davon bin ich Lichtjahre weg, alleine schon aus der Erkenntnis, dass sich erstens nicht alles regeln lässt und zweitens Regeln deshalb immer wieder situativ gebrochen werden müssen, um ihren eigentlichen Sinn zu erfüllen.

    Was ich sehr wertvoll fände: Schilder Sie hier im Kommentarbereich doch ein Fallbeispiel gelungener CSR Aktivitäten. Das werde ich dann auch gerne nochmals extra via Social Media bewerben.

    Ansonsten sehe ich das recht demokratisch: Für mich macht CSR so gut wie keinen Sinn, für andere schon. Und so macht sich jeder sein eigenes Bild. Und deshalb fände ich ein gelungenes Fallbeispiel toll!

    Herzlich
    Andreas Zeuch

    Antworten
  3. Jörn Wiedemann
    Jörn Wiedemann says:

    Vielen Dank für diese bedenkenswerten Aussagen!

    Bei den meisten CSR-Aktivitäten geht es mir ganz ähnlich. Im Großen und Ganzen empfinde ich es meist als einen Ablasshandel für vorhergehende fragwürdige Geschäftspraktiken, bei denen weder soziale noch ökologische Kriterien berücksichtigt wurde.

    Deshalb bin ich auch überzeugter Anwender der Gemeinwohl-Bilanz. Insbesondere deshalb, weil diese von vornherein sagt, dass nur die „CSR“-Aktivitäten positiv gewürdigt werden, die über gesetzliche Standards HINAUS gehen. Für Fehlverhalten, bzw. Gesetzesverstösse gibt „Punktabzug“. Damit geht die Gemeinwohl-Bilanz einen wesentlich konsequenteren Weg, als viel Zertifizierungen und selbstgestrickten CSR-Berichte.

    Letztlich geht es aber nicht darum Punkte oder Zertifikate zu sammeln. Was wir wirklich benötigen ist eine dauerhafte, im Unternehmen verankerte, Strategie um sich die Auswirkungen des eigenen Handelns vor Augen zu führen. Das muss in letzter Konsequenz, im Extremfall sogar zur Einstellung von Produkten führen.
    Positiv ausgedrückt kann eine nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens höchst innovative Effekte erzielen.

    Herzliche Grüße

    Jörn Wiedemann

    Antworten
  4. Lohmeyer
    Lohmeyer says:

    Die Frage könnte auch lauten, warum gibt es eigentlich diese CSR Bewegung oder anders gesagt, wann wäre dieser Versuch der Instrumentalisierung von Verantwortung unnötig. Richtig, wenn Unternehmen, Mitarbeiter, Organisationen Verantwortung für das eigene Handeln und die Auswirkungen daraus auf andere übernehmen. Und genau diese Haltung soll also durch so ein Instrument benannt werden.
    Also ist es eine nette Idee, jedoch ohne konkretem Nutzen für irgendwen außer für die PR Abteilung eines Unternehmens, da alle die Sau sehen wollen, die durch ein Dorf getrieben wird, geben sie den Leuten, was sie wollen. Und jetzt das schöne, alle erwarten eine rosa Sau, obwohl die Sau im Unternehmen eigentlich dunkel lila wäre. Also wird die Sau aufgefrischt und alles ist wieder gut. Zu einem Umdenken, oder einer Umkehr führt es in den seltensten Fällen. Und wenn man mal darüber nachdenkt, wie soll ein ehrlicher Bericht auch aussehen. Da wäre ein Beispiel vom Experten wirklich interessant, in dem ein Unternehmen wirklich eine Kehrtwende vollzogen hat und zu eigenen Verfehlungen steht. Wir verunreinigen seit Jahren das Grundwasser und wissen das das nicht in Ordnung ist, aber wir geloben das nicht mehr zu tun und spendieren drei Brunnenanlagen für die Bevölkerung.
    Es bleibt abzuwarten, wie es sich weiter entwickelt und es bleibt ja die Hoffnung das folgende Arbeitnehmergenerationen auch in dieser Hinsicht der Verantwortungsübernahme neue Standarts setzen. Bei der zukünftigen Arbeitgeber Auswahl auch ethische Kriterien an das Geschäftsgebahren ansetzen und somit im Wettbewerb um Nachwuchstalente, Führungskräfte etc. ein natürlicher Umkehrprozess in Unternehmensleitungen einsetzt, der das Wohl des Unternehmens aber insbesondere auch die Folgen des wirtschaftlichen Handelns für die Umwelt und das Umfeld berücksichtigt.

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