Technologische Singularität und Unternehmensdemokratie

Ich habe im Beitrag Business Intelligence und die digitale Reise von OTTO bereits berichtet, dass ich auf der Konferenz „Die digitale Zukunft der Supply Chain“, die in Düsseldorf am 23. und 24. Mai 2016 stattfand, über den Kulturwandel bei OTTO im Zusammenhang mit Business Intelligence berichte. Heute möchte ein Resümee zu der Konferenz und insbesondere zu meinem Vortrag ziehen.

Die Technologische Singularität

Was fiel mir grundsätzlich auf? Im Kontext von Digitalisierung wird fast ausschließlich nur auf Technologie fokussiert. Der Mensch bleibt häufig außen vor. Das ist in meine Augen sehr bitter, denn wir sollten unseren technologischen Fortschritt mit einer sozialen Weiterentwicklung begleiten. Dazu gleich mehr.

Im ersten Vortrag des zweiten Konferenztages am 24. Mai wurde die bevorstehende technologische Singularität, die Ray Kurzweil seit geraumer Zeit propagiert, angesprochen. Singularität sagt ja aus, dass wir in Zukunft einen Punkt auf unserer technologischen Fortschrittskurve erreicht haben werden, wo jede zu treffende Entscheidung prinzipiell von Maschinen besser getroffen werden kann, als von Menschen. Da war sie wieder. Eine meiner Lieblingsthemen, das Entscheiden. Dass in meiner Definitionswelt Maschinen nicht entscheiden können, habe ich bereits im Beitrag Können Maschinen entscheiden? ausgeführt. Maschinen können einzig und allein aus von Menschen vorgefertigten Entscheidungsoptionen auswählen. Mehr dazu im eben angeführten Beitrag. Zwei Aspekte möchte ich in diesem Punkt dennoch anmerken.

Heinz von Förster postulierte ja, dass nur prinzipiell unentscheidbare Situationen überhaupt entschieden werden können, da alle anderen bereits entschieden sind. Man könnte auch sagen, es liegen in Entscheidungssituationen quasi keine guten Gründe für eine Entscheidung vor. Zum Zeitpunkt einer Entscheidung lässt sich diese nicht logisch mit Argumenten belegen. Deshalb steigen Maschinen in diesen Situationen aus. Sie würden stets zwischen „0“ und „1“ hin und her flackern und damit einen Fehler melden. Der Mensch muss ins Spiel kommen.

Mit dieser Erkenntnis möchte ich die Singularität noch einmal kurz aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Wenn wir glauben, dass zukünftig Maschinen all unsere „Entscheidungen“, mit Absicht in Anführungsstriche setzend, übernehmen werden, müssen wir Menschen uns also in Richtung der Maschinen HERAB entwickeln. Zufall und damit Lebendigkeit ist dann in dem Punkt der Singularität eliminiert. Alles ist vorhersagbar. Wie langweilig!!! Wünschen wir uns diesen Zeitpunkt herbei? Maschinen werden also nicht intelligenter. Wir Menschen stumpfen immer mehr in Richtung der Maschinen ab. Wir verlieren unsere Fähigkeiten uns zu fühlen und uns wahrzunehmen. Wir verlernen zu denken.

Vielleicht erkennen Sie bereits an diesem Punkt den Zusammenhang zu der von uns hier auf dieser Plattform immer wieder propagierten Unternehmensdemokratie. Nun möchte ich kurz auf meinen Vortrag eingehen und diesen Fakt noch weiter untermauern.

Zusammenfassung meines Vortrages

Im ersten Teil des Vortrages bin ich kurz auf die Geschichte von OTTO eingegangen. Wichtig zu erwähnen ist, das wir im letzten Jahr den 20. Geburtstag unseres Onlineshops gefeiert haben. Wir haben bereits sehr frühzeitig erkannt, das der Handel sich in Richtung eCommerce entwickeln wird.

Im zweiten Teil habe ich die Bedeutung von Business Intelligence bei OTTO (BI@OTTO) reflektiert. Hauptaufgabe von BI ist es, Entscheidungen, die tagtäglich in internen Prozessen bei OTTO anfallen, besser und auf den Markt abgestimmter zu gestalten. Unternehmen können in der heutigen Zeit nur dann überlebensfähig sein, wenn sie einen geschlossenen Regelkreislauf mit dem Markt bilden, der es ihnen erlaubt, Entscheidungen schnell auswertbar zu machen und eben daraus dann zu lernen. Denn wie oben bereits erwähnt, ist es zum Zeitpunkt der Entscheidung unmöglich zu validieren, ob diese richtig oder falsch ist. Deshalb muss ein sich schnell drehender Regelkreislauf gebildet werden. Herzstück dieses Kreislaufes ist die neue BI Plattform namens BRAIN, die wir derzeit implementieren. In diesem Zuge habe ich den Zuhörern die funktionalen Stacks der Plattform inklusive ihrer Interaktion angereicht.

Im dritten Teil bin ich dann zu Big Data übergegangen und habe erklärt was Big Data bedeutet und wie wir Daten bei OTTO für uns mehrwertgenerierend in Entscheidungsprozessen zum Einsatz bringen. Wichtig war mir in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass Big Data die Antwort auf eine Frage ist, die niemand gestellt hat. Wir haben also Big Data, weil wir es können, weil also der technologische Fortschritt uns die Möglichkeit bietet diese zu haben. Jedes Unternehmen muss also Big Data in „Relevant Data“ transformieren, in dem ein enger Bezug zu Entscheidungsprozessen in den Mehrwertströmen hergestellt wird. In diesem Sinne ist es essentiell, sich über die Grenzen des Einsatzes von Daten bewusst zu machen. Daten erklären nämlich immer nur das „Was“. Sie zeigen ausschließlich in die Vergangenheit. Die Bedeutung für die Zukunft und die Beantwortung des „Warum“ ist ausschließlich dem Menschen vorbehalten. Für Details möchte ich gerne auf meinen Beitrag Maschinen kennen nur das „WAS“, niemals das „WARUM“ verweisen.

Im vierten Abschnitt meines Vortrages bin ich den auf den Menschen im Zuge der Digitalisierung zu sprechen gekommen. Viel zu viele verbinden Digitalisierung ausschließlich mit Technologie, wie bereits erwähnt. Technologie entwickeln wir auch rasant weiter. Wir arbeiten und denken aber noch in dem Muster von vor 100 Jahren. Kann das passen? Ich glaube nicht. Menschlichkeit wird immer wichtiger. Wir sprechen immer so despektierlich von beispielsweise den primitiven Urvölker Australiens. Warum? Weil sie den technologischen Fortschritt, den wir erreicht haben, nicht teilen. Wir vergessen dabei aber, dass diese Völker uns auf der menschlichen Komponente weit überlegen sind. Also wer ist denn nun primitiv? Aua!!! Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich verdamme unseren technologischen Fortschritt nicht, ganz im Gegenteil. Er wird uns aber nur dann positiv zu Nutze werden, wenn wir diesen mit einem sozialen Fortschritt untermauern. Diesen Fakt haben wir beispielsweise bei OTTO erkannt und den Kulturwandel ausgelobt, um die technologische mit der sozialen Komponente in Einklang zu bringen.

Fazit

In diesem Kontext war es mir auch eine Ehre das neue Buch Freiheit und Verantwortung für intelligente Organisationen unseres Mitautoren auf dieser Plattform, Mark Lambertz, zu erwähnen. Mark übersetzt das Viable System Model (VSM) von Stafford Beer in sehr anschaulicher Art und Weise in die deutsche Sprache. Dabei geht er auf die Frage ein, warum unsere bislang immer noch gelebten autoritären und damit kontextlos hierarchischen Führungsmodelle und Organisationsmethoden keine adäquate Antwort auf die steigende Komplexität sind.

Ein weiteres Buch möchte ich Ihnen am Schluss noch empfehlen, welches ich gerade gelesen habe. Es ist der Bestsellerroman Der Circle. In diesem Roman beschreibt der Autor Dave Eggers sehr eindrucksvoll was passieren kann, wenn wir beide Fortschrittskurven, die technologische und die soziale, nicht in-sync halten.

Ich habe Ihnen, so hoffe ich, mit diesem Beitrag weitere Sichtweisen geliefert, warum ich persönlich Unternehmensdemokratie, in dem Sinne wie wir Autoren diese hier auf dieser Plattform definieren, als so wichtig für die Überlebensfähigkeit von Unternehmen einstufe.

Herzliche Grüße

Conny

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Titelbild eines Interviews mit dem Autoren zur Konferenz von Management Circle
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