CeBIT Panel Andreas Zeuch hörzt zu #1 Kopie

Doku_ CeBIT 03_2017

Es ging alles ziemlich ratz fatz. Vor rund zwei Wochen wurde ich kurzfristig auf die CeBIT Enterprise Digital Arena zur Teilnahme an einem Panel eingeladen. Das wirkte gleich wie ein Familientreffen mit den anderen bereits geladenen Gästen: Winfried Felser, Alexander Klier, Silke Luinstra und Gunnar Sohn. Alle auf ihre Weise interessante und anregende Unikate, alles Menschen, die eine Menge über Neue Arbeit, Partizipation, Mit- und Selbstbestimmung und überhaupt – die große Transformation der Arbeitswelt zu sagen haben. Na klar, da konnte ich nicht widerstehen und habe gerne zugesagt. Und es hat sich gelohnt.

Hierarchie im digitalen Zeitalter

v.l.n.r.: Alexander Kluge (Moderation), Andreas Zeuch, Silke Luinstra, Alexander Klier, Winfried Felser u. Gunnar Sohn

v.l.n.r.: Alexander Kluge (Moderation), Andreas Zeuch, Silke Luinstra, Alexander Klier, Winfried Felser u. Gunnar Sohn. Foto: © Sabine Kluge

Aber worüber haben wir eigentlich genau diskutiert? Alles drehte sich um die Veränderung von Hierarchien und Organisationsmodellen im Zeitalter der Digitalwirtschaft: „Goodbye Hierarchy, Hello My Dear FutureOrg? Zukunft der Organisationsmodelle im digitalen Zeitalter“. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Diskussion war durchaus kontrovers, nicht im Grundsätzlichen, aber in diversen Details. Kein joviales Schulterklopfen, sondern unterschiedliche Sichtweisen, Interpretationen und Schlussfolgerungen. Das Ganze war zumindest für alle auf dem Podium und für viele im Publikum anregend. Die 30 Minuten waren im nu verflogen. Alexander Kluge, der die Diskussion ebenso souverän wie intelligent moderierte, eröffnete die Runde mit einer Bitte um die Einschätzung, wie es denn aktuell um die Hierarchien und deren möglicher Auflösung bestellt ist. Und prompt etablierte sich ein interessantes Gefälle im Rahmen der Sitzordnung von rechts nach links aus der Sicht des Publikums.

Denn den Auftakt macht Gunnar Sohn, der in gewohnter Sprachakrobatik gleich mal die „Digitale Käfighaltung“ konstatierte, die – wie könnte es anders sein – auch gleich per Twitter eine erste Runde durchs digitale Publikum drehte. Den ersten wirklichen Hoffnungsschimmer gab es dann bei Silke Luinstra, einer der Macherinnen der Augenhöhe Filme, die EnBW als Konzernbeispiel ins Spiel brachte und damit begann, ein wenig Mut und Inspiration zu verbreiten. Denn dort wird trotz Konzernstruktur schon am Wandel formal-fixierter Hierarchien gearbeitet. Ich konnte es mir danach nicht nehmen lassen, den Ball von ihr aufzugreifen und darauf zu verweisen, dass die deutsche Wirtschaft vor allem auf dem Mittelstand basiert. Und dort finden sich schon ein paar mehr Unternehmen, die sich auf den Weg gemacht haben in Richtung zukünftiger Organisationsformen und -modelle.

Der Spaß kam auch nicht zu kurz

Der Spaß kam auch nicht zu kurz: Winfrieds Süffisanz erheiterte nicht nur uns im Panel…

Das brennende Thema der Transformation

Und überhaupt: Ein bisschen durfte ich mich im besten Sinne wie ein Außenseiter fühlen, da ich einige Themen aufs Tablett brachte, die sonst mal eben untergegangen wären: Wie steht es um die momentan gültigen Bedingungen unseres Gesellschaftsrechts? Wie passt das zu neuen Formen der Arbeit und neuen Organisationsmodellen? Wenn Rechte und Pflichten, Chancen und Risiken nicht ausbalanciert sind, laufen wir natürlich Gefahr, dass die Demokratisierung der Arbeit, dass die Neue Arbeit, wenn sie denn mal Fahrt aufgenommen hat in der einen oder anderen Organisation, mit Schwung und Karacho gegen die nächste gesellschaftsrechtliche Wand fährt. Das wiederum ist natürlich kein Argument gegen freie Formen der Mit- und Selbstbestimmung, wie das diverse Vertreter institutioneller Mitbestimmung gerne missbrauchen, um für die eigene Existenzsicherung die Werbetrommel zu rühren. Schließlich sind Betriebsräte, deren Wahlen und Versammlungen nicht unbedingt der Inbegriff neuer Arbeit und Agilität, was wiederum kein Argument gegen deren Vertreter ist.

Eine weitere Frage von Alexander war eine Steilvorlage für uns Diskutanten: Was würden wir denn Konzernen empfehlen, wenn sie sich aufmachen wollen, auf den großen Weg echter und gelungener Transformation? Mir fiel dazu sofort das hervorragende Buch von Bernd Sommer und Harald Welzer ein: Transformationsdesign für eine Moderne. Darin zeigen die beiden Autoren, wie sich große gesellschaftliche Umbrüche ergeben haben. Nämlich keineswegs als konzertierte, zentral intendierte und gesteuerte Aktion. Vielmehr hat sich über Jahrzehnte langsam, dezentral und unkoordiniert ein Zeitgeist aufgebaut, der dann irgendwann dazu führte, dass die jeweilige Legislative die veränderten Werte in juristische Konsequenzen verwandelten: Die Sklaverei wurde abgeschafft, Kinderarbeit verboten, Frauen das Wahlrecht gesetzlich verbrieft und so weiter und so fort. Mir erschien das wie eine große Analogie zur komplexen Welt der Konzerne. Sprich: Wir sollten vergessen, die Transformation zentral und tip-top koordiniert verwirklichen zu wollen. Es bedarf einer gewissen Demut und eines fundamentalen Vertrauens, dass viele einzelne Initiativen in einem Konzern, verstreut, mal hier mal dort, langsam und mit den Jahren vielleicht zu einem Tippingpoint führen, einem Zeitfenster, in dem diese großen, weltumspannenden Organisationen dann den Wandel erfolgreich schaffen können.

Talking Heads machen Stimmung auf der CeBIT ;-) Foto: © Anke Wendelken

Talking Heads machen Stimmung auf der CeBIT 😉 Foto: © Anke Wendelken

Alles in allem war es eine anregende Diskussion, die halbe Stunde war ruck zuck vorbei und wir auf dem Podium hätten gut und gerne weitermachen können. Und – so mein subjektiver Eindruck – dem Publikum hat es auch gefallen. Zumindest habe ich in viele interessierte und wache Gesichter gesehen. Es schien also auch auf einer eher konservativen Großveranstaltung wie der CeBIT ein Thema zu sein, das Menschen bewegt. Erfreulich und ermutigend, weiter zu machen, auch wenn, wie Gunnar zu Beginn zu Recht monierte, der Anteil der alternativ geführten Unternehmen wohl immer noch im Promillebereich liegt. Beharrlichkeit ist neben Volition einer der großen Erfolgsfaktoren, also: Nicht aufgeben!

Vielleicht sehen wir uns ja wieder bei der CeBIT Enterprise Digital Arena 2018. Würde mich freuen. Bis dahin oder auch schon vorab virtuell oder ganz in Fleisch und Blut.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: © Karsten Walter, mit freundlicher Genehmigung
  • Foto 1: © Sabine Kluge, mit freundlicher Genehmigung
  • Foto 2: © Karsten Walter, mit freundlicher Genehmigung
  • Foto 3: © Anke Wendelken, mit freundlicher Genehmigung
1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] waren da schon um Einiges fleissiger als wir. Neben verschiedenen Blog-Beiträgen von Andreas Zeuch, Alexander Klier, Ulf Kossol und Thomas Jenewein sind auch drei spannende Storifys (sprich […]

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.