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Doku_ Vortrag an der Uni Hamburg 10_2015

Aller guten Dinge sind drei. Mein Vortrag am Career Center der Universität Hamburg am 22. Oktober war mein drittes Gastspiel an der Uni in der Hafenstadt. Es war mir eine Freude wieder dort sein zu können, um diesmal über Unternehmensdemokratie zu sprechen. Traditionell wird nach dem Vortrag eine Podiumsdiskussion veranstaltet, bei der dieses Mal Kim Duggen von der oose innovative Informatik eG, Kerstin Kluge von der Hermes NextTec GmbH und Uwe Lübbermann von Premium Cola dabei waren. Eine spannende Besetzung, die eine interessante anschließende Diskussion erwarten ließ. Im Folgenden eine kurze Dokumentation gewissermaßen als Gedächtnisprotokoll.

Premium Cola: Ultimative Basisdemokratie

Uwe Lübbermann

Uwe Lübbermann

Die Podiumsdiskussion begann mit Uwes Vermutung, dass Premium Cola wohl eines der demokratischsten Unternehmen überhaupt ist. Denn dort kann nicht nur jeder innerhalb des Unternehmens, sondern überhaupt alle, die in irgendeiner Weise mit dem Unternehmen zu tun haben, seien es Lieferanten oder Kunden, mitbestimmen. Tatsächlich ein Demokratiemodell, das so gut wie alle anderen Formen der Unternehmensdemokratie in den Schatten stellt. Dabei spielt natürlich Vertrauen eine zentrale Rolle und Uwe illustrierte das an einem einfachen Fallbeispiel: Es gibt seit vierzehn Jahren keine Verträge bei Premium Cola (Das ist das „Modul Handschlag“ im „Betriebssystem“ des Unternehmens). Wer 100 Kisten bestellt, muss nichts unterschreiben. Und siehe da: Es funktioniert. Ich persönlich kann das sofort nachvollziehen und bestätigen: In den meisten Fällen meiner Beauftragungen habe ich ebenfalls keine Verträge geschlossen und es gab in den 12 Jahren meiner Tätigkeit nur einen einzigen Fall, der strittig wurde, letztlich aber im Einvernehmen gelöst werden konnte.

Im Laufe der Diskussion kam mir eine interessante Frage in den Sinn, die ich nicht Uwe stellte, sondern einem Mitglied des „Kollektivs“, die an dem Abend im Publikum anwesend war: „Was würde passieren, wenn Uwe morgen plötzlich nicht mehr für Premium Cola arbeiten würde, warum auch immer?“ Die Kollektivista antwortete recht deutlich, dass es dann wohl Probleme geben würden. Und Uwe ließ es sich natürlich nicht nehmen, seine Sicht auch beizutragen: Ja, es wäre wohl in der Tat nicht ganz einfach, aber es würde doch Leute geben, die die Lücke füllen könnten, die entstünde, wenn Uwe nicht mehr dabei wäre. Und so zeigte sich ein allgemeines Problem infolge charismatischer Gründer oder Unternehmensführer: Solange sie dabei sind, können die Unternehmen profitieren, aber wenn sie eines Tages nicht mehr mitwirken, vor allem dann nicht, wenn dies überraschend kommt, kann das Gestaltungsvakuum möglicherweise nicht ausreichend schnell gefüllt werden. Ein Spiel mit dem Feuer.

Amüsante Fußnote: Als wir uns vor der Veranstaltung in der schönen Küche des Career Centers trafen fragte Uwe mich gleich zuallerst: „Ist Premium Cola auch in Deinem Buch?“ Ich: „Nein.“ Uwe: „Warum nicht?“ Ich: „Euch kennen doch schon so viele.“ Da Uwe dem nicht beipflichten konnte, wird es also früher oder später auch eine ausführliche Fallbeschreibung von Premium Cola geben. Bleibt neugierig!

oose: Übergang vom Gründer zur Genossenschaft

Eine etwas andere und gleichwohl ebenfalls äußerst interessante Geschichte liegt in der oose innovative Informatik eG verborgen. So manch einer, der sich mit dem Thema der Unternehmensdemokratie schon eine Weile beschäftigt, kennt natürlich oose. Keine Frage. Schließlich ist deren Gründer, Bernd Oesterreich, schon eine ganze Weile aktiv in der Verbreitung alternativer Management Betriebssysteme, auch wenn er das selbst möglicherweise anders formulieren würde, aber das ist jetzt meine künstlerische Freiheit. Zudem wurde oose immer wieder als alternatives Unternehmen hinsichtlich der Unternehmensführung präsentiert. Ein besonders interessantes Moment liegt darüber hinaus in der Übergabe des Unternehmens an die Mitarbeiter, was Kim mit viel Freude berichtete. Denn irgendwann wollte Bernd nicht mehr und bot den Mitarbeitern an, das Unternehmen zu übernehmen.

Auf diesem Wege kam oose zu seiner jetzigen Gesellschaftsform als Genossenschaft und Kim in den Vorstand. Der Weg dorthin war natürlich nicht so einfach, wie sich das in einen simplen Hauptsatz packen lässt. Schließlich gab es ja niemanden, der top-down alle anweisen konnte. Klar war nur: Bernd wird verkaufen, bevorzugt an die eigenen Mitarbeiter. Aber wenn die sich nicht einigen und wollen, dann eben an jemand anderen. Mich erinnert das ein bisschen an die Situation bei der früheren umantis AG, heute Haufe-umantis AG: Deren damaliger CEO Hermann Arnold wollte irgendwann selbst Platz machen für einen anderen auf dem obersten Chefposten, denn er war davon überzeugt, dass er nicht mehr der richtige ist. Und er sorgte in einem ersten, ziemlich undemokratischen Schritt dafür, dass sich der damalige Abteilungsleiter Vertrieb und Marketing einer Wahl durch die MitarbeiterInnen stellte. Der Rest ist zunehmend mehr Menschen bekannt. Heute werden dort alle Führungskräfte gewählt. Es hat etwas Paradoxes: Die Demokratisierung wird top-down eingeführt. Die oose Mannschaft konnte sich jedoch  einigen und nahm das Zepter der Unternehmensführung an.

Hermes NextTec GmbH: Demokratische Oase

Last not least kam Kerstin zum Zuge und brachte dem Publikum und mir näher, wie es bei Hermes NextTec GmbH zugeht. Vielleicht geht es Euch ähnlich wie mir: Ich habe den Firmennahmen gelesen und bin zusammengezuckt. Wie passt das denn zusammen, ein Logistikunternehmen wie Hermes und Unternehmensdemokratie? Wer kennt sie nicht, die üblen Geschichten über die Transportunternehmen in Deutschland und die Ausbeutung der FahrerInnen? Ich muss zugeben, ich war sehr gespannt. Ahnte aber schon recht schnell, dass ich mein Bild wohl – glücklicherweise – korrigieren oder erweitern musste. Denn Kerstin war im direkten Kontakt genauso entspannt, locker und herzlich wie Uwe und Kim. Sie leitet in der Hermes Tochter das Marketing und die PR Abteilung und weiß die Vorteile von Mitbestimmung auch zu schätzen.

Tatsächlich wird wohl Mitbestimmung bei Hermes NextTec ernst genommen. Kerstin stellte überzeugend klar, dass sie nicht nur selbst daran interessiert ist, ihre Arbeit selber zu bestimmen, sondern das auch für Ihre MitarbeiterInnen als sinnvoll erachtet. Wenn man bedenkt, dass das noch junge, erst 2010 gegründete Unternehmen „Dienstleistungen rund um die Entwicklung, den Betrieb und die Vermarktung internationaler Onlineshops im Bereich Fashion und Lifestyle“ (Homepage) anbietet, wird schnell klar, das in diesem Unternehmen Mitbestimmung durchaus ernst genommen werden könnte. Schließlich arbeiten dort typischerweise gut ausgebildete Wissensarbeiter im Gegensatz zur Transportsparte von Hermes mit den FahrerInnen. Interessant ist ganz nebenbei, dass das Unternehmen seinen Erfolg mit dem der Kunden verbindet, indem die Erfolgsbeteiligung am Umsatz der Kunden bemessen wird.

 

Alles in allem war es erfreulich, dass über die von mir im Vortrag vorgestellten Fallbeispiele in der Podiumsdiskussion gleich drei Unternehmen vertreten waren, in denen es in unterschiedlicher Ausprägung auch demokratisch zugeht. Das hat hoffentlich nicht nur mich ermutigt, sondern auch die Zuschauer.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild Logo Career Center: Universität Hamburg
  • Portrait Uwe Lübbermann: Miguel Martinez
1 Antwort

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  1. […] rüttelt ebenso an den systemischen Grenzen eines Unternehmens – wie das Beispiel „Premium-Cola“ eindrücklich […]

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