New Work Ästhetik Mann lachend mit buntem Gesicht nach Holi-Festival

Ist New Work eine Frage der Ästhetik?

Ich bin nicht sicher, ob New Work schon so weit ist, um in den Kontext von Ästhetik gesetzt zu werden. Dennoch will ich die Frage aufwerfen und befinde ich mich damit in guter Gesellschaft der üblichen Verdächtigen von Platon über Kant bis Marx. Genauer gesagt, geht es um die Frage nach der wirtschaftlichen Ästhetik. Warum und was ist das überhaupt?

Die Theorie der Wirtschaftsästhetik beschäftigt sich mit der sinnlichen und emotionalen Wahrnehmung und deren Auswirkungen auf das wirtschaftliche Handeln. Wirtschaftsästhetik gründet auf der Annahme, dass eine Organisation/Unternehmen nicht ausschließlich ein kognitives Konstrukt ist, sondern aus der ästhetisch-sinnlichen Erfahrung von Menschen besteht und dem daraus entstehenden Wissen.

Was bedeutet Ästhetik?

Wie immer lohnt zuerst eine Klärung des Begriffes: Der stammt aus dem Griechischen, aistánesthai, und bedeutet zunächst einmal „wahrnehmen“, genauer gesagt, ist damit „sinnliches Wahrnehmen“, Wahrnehmen mit unseren physischen Sinnen, gemeint. Das Ergebnis dieser Wahrnehmung ist eine bestimmte Art von Wissen.

Wirtschaft als ästhetisches Phänomen

Der Ästhetikbegriff hat seit der Antike eine differenzierte Bedeutungsgeschichte und findet sich sowohl in der Philosophie als auch in der Kunst. Immer geht es um das große Ganze, den Kosmos, und nicht um individuelle Empfindungen. Ich will die üblichen Verdächtigen wie Hegel, Kant, Adorno oder Brecht beiseitelassen, das würde hier zu weit führen, sondern nur kurz auf A.G. Baumgarten verweisen, der als Begründer der modernen Ästhetik gilt (Aesthetica, 1750/58). Er definiert Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis im Gegensatz zur rationalen Erkenntnis.

Auf ihn bezieht sich die Wirtschaftsästhetik. Ästhetische Erfahrung produziert demnach ein Verständnis, welches körperlich und emotional begründet ist und dem kein rationaler Erkenntnisprozess zugrunde liegt. Grob gesagt, geht es um intuitives Erfassen von Bedeutung ohne bewusstes Nachdenken, also das, was wir als „Bauchgefühl“ umschreiben. (zum Weiterlesen: Feel it, Dr. Andreas Zeuch) Auf ein Unternehmen bezogen, ist hier das sogenannte „implizite Wissen“ (tacit knowledge) gemeint.

Die Wirtschaftsästhetik geht davon aus, dass dieses Wissen durch ästhetische Wahrnehmung entsteht und damit begründend für alle Interaktionen mit- und untereinander ist. Weiterführend ist diese Wahrnehmung Basis für das gesamte Handeln nach innen und nach außen – bis in die Gesellschaft hinein. Grundsätzlich ist eine zunehmende Relevanz von Ästhetik in der Wirtschaft zu beobachten.

Wo steckt die Ästhetik im Unternehmen?

Am offensichtlichsten erkennt man Ästhetik zunächst z.B. an einer bestimmten Architektur eines Firmengebäudes, an der Innenraumgestaltung und/oder an Produkten, die inszeniert werden. Ergänzend sind es gestylte Mitarbeiter*innen (z.B. durch die „Uniformen“ jeglicher Branche – von der Müllabfuhr bis zum Flugpersonal), die eine ästhetische Wahrnehmung möglich machen. Und genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen, bzw. hier schließt eine New Work Ästhetik an. Warum?

Von der Oberfläche in die Tiefe

Als Ursache der zunehmenden Wirtschaftsästhetik gilt die Wirtschaft selbst, mithin die globale, soziale Vernetzung und schnelle Veränderungen. Einerseits bezieht sich die Ästhetik auf Produkte – Konsum wird facettenreich ästhetisiert, der Anspruch an nachhaltiges Wirtschaften steigt. Andererseits verändert sich das Bild von Arbeit und kommt mit erhöhten Ansprüchen an Selbstverwirklichung und Sinnstiftung daher, was wiederum auch eine ästhetische Erfahrungen zwischen den Beteiligten möglich macht. Die Ästhetik im Kontext Arbeit bleibt damit nicht an der Oberfläche von Äußerlichkeiten, wie z.B. einem bestimmten Dresscode oder einer Unternehmenssprache, sondern geht in die Tiefe und beeinflusst damit Haltung und Werte des Individuums – ganz im Sinne von New Work, von Arbeit, die man wirklich, wirklich will.

Wann ist ein Unternehmen ästhetisch?

Im Kontext Neuer Arbeit werden veränderte Organisationsmodelle sichtbar, die eine Abkehr von der alten mechanistischen Vorstellung eines Unternehmens bedeuten. Modelle von Agilität bis Soziokratie werden ergänzt um kreative Schaffensprozesse, die ursprünglich nicht im Kontext Wirtschaft angesiedelt waren. In Bezug auf Ästhetik bedeutet dies für diese Modelle sowohl räumlich-ästhetische Veränderungen, kommunikativ-ästhetische und emotional-ästhetische Veränderungen.

Ergänzend kommt der inneren Haltung, dem persönlichen Arbeitsdesign und dem grundlegenden Verhalten der Mitarbeiter*innen eine wichtige Funktion zu, wie z.B. das freiwillige Übernehmen von Verantwortung, Eigeninitiative und Selbstorganisation. Diese Funktionen dienen sowohl der Umsetzung der Unternehmensziele als auch der Außendarstellung gegenüber den Stakeholdern. Das kann grundsätzlich für beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – positiv sein. Voraussetzung dafür ist jedoch eine regelmäßige selbstreflexive Praxis auf beiden Seiten und – insbesondere auf der Arbeitnehmerseite – ein individueller Grad an Autonomie.

Die Monetarisierung von Ästhetik

So produktiv es für beide Seiten sein kann, wenn eine „soziale Ästhetik“ in der neuen Arbeitswelt vorhanden ist, so sinnvoll ist es, auf einen weiteren Aspekt aufmerksam zu machen: Wenn der/die Mitarbeiterin durch seine ästhetische und emotionale Arbeit zur Differenzierung des Unternehmens beiträgt, hat dies direkte ökonomische Auswirkungen. Ein potentieller Kunde kauft vielleicht – bei gleichem Angebot – lieber bei Start-up A als bei Start-up B, weil A durch seine Mitarbeiter*innen ein Image transportiert, welches der Kunde z.B. mit einer höheren Wirtschaftskraft als bei B assoziiert.

Bilanzierung von Ästhetik

Eine weitere Ausprägung von Ästhetik im Unternehmen findet sich in der Berichterstattung. Hier sei explizit auf die Matrix der Gemeinwohlökonomie verwiesen, die grundsätzlich im Kontext Nachhaltigkeit eine tolle Methode ist, Wirtschaft anders zu denken. Erstellt ein Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz und publiziert diese, wird es in der „Szene“ recht positiv goutiert. Kritisch an dieser Art Bilanz ist jedoch zu sehen, dass privates Verhalten der Mitarbeiter*innen wie z.B. mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, positiv mit in die Bilanz einfließt und somit eine direkte ästhetische Außenwirkung hat, weil die Bilanz mit diesen Werten positiver ausfällt. Hier sollte schnellstmöglich nachgebessert werden. Bei allem Verständnis für das hehre Ziel, das dahintersteht, kann und darf ein privates Verhalten nicht unternehmerisch bewertet werden – zumindest nicht ohne Ausgleich für die entsprechenden Mitarbeiter*innen.

Win-Win-Situation

Gehen wir davon aus, dass Ästhetik in den nächsten Jahren eine weiter zunehmende Rolle im Wirtschaftsleben spielen wird. Gehen wir weiterhin davon aus, dass sich das Arbeitsleben stärker in Richtung agiler und selbstbestimmter Arbeit ändern wird. Und gehen wir davon aus, dass sich auch feste Organisationstrukturen weiter auflösen und fluider werden. Dann kann dies – bei aller Achtsamkeit – dazu führen, dass sich damit auch unsere Art miteinander zu interagieren und Wissen zu erlangen und weiterzugeben ändern wird. Das würde bedeuten, dass die neue Arbeitswelt nicht nur ästhetisch, sondern auch schön werden könnte.

Herzliche Grüße
Daniela

 

Bildquelle: pixabay, CC-Lizenz 00 gemeinfrei

 

Zum Weiterlesen:
A.G. Baumgarten, Ästhetik
http://www.ciando.com/img/books/extract/3787320083_lp.pdf

 

 

 

1 Antwort
  1. Susanne Klaar
    Susanne Klaar says:

    Ja, interessanter Gedanke. Die Corporate Identity versuche es schon mit der Visual Identity. Damals noch zentral von der Marke gesteuert. Wie kollektiv darf oder soll eine Ästhetik des Begriffs New Work dann sein? Vielleicht geht man aber noch einen Schritt zurück und gleichzeitig vor. Ist das Personal Branding eine nicht kollektive Ästhetik von New Work? Oder müsste dann nicht der Mensch, der hinter dem Begriff steht, wahrgenommen werden?

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