Karoshi. Arbeiten bis zum Verrecken.

Karoshi? Im September 2016 veröffentlichte ich in diesem Blog den Post „Arbeitsbedingungen: Krank, gesund und sinnvoll arbeiten„. Dieser Beitrag ging auf einen Artikel aus dem Jahr 2011 zurück, in dem ich gemeinsam mit meinen damaligen Kollegen Gebhard Borck und Markus Stegfellner die drei grundlegenden Formen krank, gesund und sinnvoll Wirtschaften skizzierte. Einmal mehr scheinen wir mit dieser Typologisierung den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Denn die Reinform kranken Wirtschaftens und Arbeitens, sozusagen die postmoderne Perfektion des alten Arbeitsbegriffs als Mühsal, Leid und Qual hat einen Namen: Karoshi. Japanisch für „Tod durch Überarbeitung“. Ein keineswegs neues Phänomen, nur ging es Anfang Oktober diesen Jahres wieder mal durch die Presse. Der Anlass war immer noch weit von einer Lösung entfernt.

Karoshi reloaded

Berichtet wurde dieses Mal über einen besonders perfiden Fall: Eine 31 jährige Reporterin hat ich zu Tode gechuftet – für den japanischen Sender NHK, der seinerseits kritisch über die kranke, mithin tödliche japanische Arbeitskultur berichtete. Das war allerdings schon im Juli 2013. Überarbeitung als Todesursache wurde ein Jahr später behördlich diagnostiziert, aber NHK schaffte es irgendwie, dass dies nicht öffentlich wurde. Nun, vier Jahre nach dem Tod und drei Jahre nach der amtlichen Diagnose ging NHK damit an die Öffentlichkeit. Warum das ausgerechnet jetzt passierte, konnte ich ohne größeren Rechercheaufwand nicht herausfinden (interessant, dass dies von den Journalisten gar nicht hinterfragt wurde).

NHK „kündigte an, seine Arbeitskultur zu ändern“, wie die Welt am 06.10.2017 berichtete. Ob und wie konsequent das umgesetzt wird, steht in den Sternen. Die Chancen stehen nicht allzu gut. Denn dieser Irrsinn, sich im wahrsten Sinne des Wortes tot zu schuften, ist tief in der Japanischen (Arbeits)Kultur verankert:

  1. Die Gemeinschaft steht über individuellen Bedürfnissen, Selbstverwirklichung ist kein kulturell anerkanntes Streben.
  2. Bekanntermaßen ist eine strenge Hierarchie wichtig, durchaus in des Wortes alter Bedeutung: die heilige Rangordnung (kirchenlateinisch hierarchia)
  3. Die Angst vor Gesichtsverlust ist ein weiterer Treiber, am Ende zu sein ist keine Option und darf nicht kommuniziert werden.
  4. Letztlich, als Krönung, die Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Kulturelles Phänomen statt tragischer Einzelfälle

Dass es sich dabei keineswegs um einige wenige Fälle verrückter (Selbst)Ausbeutung handelt, lässt sich an verschiedenen Aspekten ablesen. Bereits 1987 begann das japanische Arbeitsministerium, amtliche Statistiken über Karoshi Fälle zu veröffentlichen. In den 1990ern wurde eine Notrufnummer für drohende Karoshi Fälle eingerichtet und im Jahr 2000 urteilte der oberste Gerichtshof, dass Arbeitgeber haftbar gemacht werden können, wenn sie ihre Mitarbeiter*innen nicht vor zu vielen Überstunden schützen (interessanterweise aber erst ab 80 Überstunden und natürlich nur im Todesfalle). Mittlerweile, rund 30 Jahre nach den ersten veröffentlichten Statistiken, hat die japanische Regierung „ein Weißbuch mit Daten zu Überstunden zusammengestellt.“ (Volkmann 2016). Neben 10.000 befragten Unternehmen, von denen 1743 antworteten, wurden zudem Daten bei rund 20.000 Mitarbeiter*innen erhoben. Daraus ergab sich, dass etwas mehr als ein Fünftel (23%) der befragten Unternehmen angab, dass einige der Angestellten mehr als 80 Überstunden pro Monat arbeiten. Und so ist es nicht erstaunlich, dass 2015 vom japanischen Arbeitsministerium 93 offizielle Karoshi Fälle anerkannt wurden.

Allerdings dürfte das Problem weitaus größer sein, als diese offiziellen Fälle. Im selben Jahr der 93 amtlich festgestellten Karoshi Fälle wurden des Weiteren 2159 Suizide von der Polizei dokumentiert, bei denen auch Probleme mit der Arbeit einen Anteil gehabt haben sollen – und auch dafür gibt es einen eigenen japanischen Begriff: Karojisatsu. Damit würde fast jeder zehnte Fall (9%) auch auf krankes Arbeiten und Wirtschaften zurückgehen. Gleichzeitig gab es 2015 1456 Klagen wegen Karoshi Verdachts (in einem Bericht ist sogar von 1515 Klagen die Rede). Und das Karoshi-Netzwerk, ein weiterer Beleg der Größe der Problematik, schätzt die arbeitsbedingten Tode infolge Herz-Kreislauf-Versagens auf satte 10.000 Fälle – pro Jahr. Dass es zumindest mehr als die vom Arbeitsministerium öffentlich anerkannten 93 Fälle geben muss, zeigt sich neben all dem daran, dass es alleine 40 (!) Kliniken in Japan gibt, die sich auf Karoshi spezialisiert haben.

Und Überarbeitung bei uns?

Soweit so schlecht in Japan. Aber bei uns ist doch alles anders, oder? Wir haben statt einer zwanghaften Gemeinschaftskultur vielmehr unsere individuelle Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt gestellt und außerdem haben wir einen viel stärkeren Schutz der Arbeitnehmer*innen inklusive der immer noch relativ starken institutionellen Arbeitnehmervertretungen. Da wird sich wohl keiner zu Tode schuften. Das mag sein. Aber es gibt sehr wohl Berufe und Branchen, die zumindest deutlich von dem abweichen, was gesetzlich zum Wohle der Arbeitnehmer*innen reguliert ist.

Nur ein Beispiel sind klinische Ärzte. Die dort vorhandene Arbeitsbelastung überschreitet nicht in Ausnahmefällen sondern regulär die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstgrenzen. Unter Ärzten herrscht eine deutliche Mentalität der Selbstausbeutung. Neben den bereits arbeitsrechtlich kodifizierten Sonderregelungen des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG), die natürlich nachvollziehbare und auch für die Allgemeinheit sinnvolle Ausnahmen wie Wochenenddienste und Nachtschichten regeln, gibt es aber immer noch zusätzliche Belastungen: Häufig werden Pausen entgegen der gesetzlichen Regelung reduziert und gleichzeitig die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit regelmäßig deutlich überschritten. Da wundert es nicht, das Ärzte auch prompt die Berufsgruppe mit der höchsten Suizidrate sind. Bei männlichen deutschen Ärzten liegt sie 3,4 mal höher als der Durchschnitt, bei Ärztinnen gleich um den Faktor 5,7.Und das ist nicht alleine darauf zurückzuführen, dass Ärzte qua Beruf am besten wissen, wie man sich erfolgreich umbringt.

Karoshi als japanisches Extremphänomen ist somit nur der auf die Spitze getriebene Ausdruck kranken Wirtschaftens. Eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler Stiftung zeigt, dass die Arbeitsverdichtung in Deutschland weiter zunimmt. Von immerhin 2000 befragten Betriebsräten berichten 60%, „dass die von ihnen vertretenen Belegschaften massiv unter Zeitdruck und hoher Arbeitsintensität leiden.“ (Hans-Böckler Stiftung 2017) In 77% der Betriebe hätten gesundheitliche Beschwerden bei den Mitarbeiter*innen durch Termindruck und hohe Arbeitsintensität zugenommen. Die Studienleiterin Dr. Elke Ahlers vermutet, dass zahlreiche „Unternehmen die Personaldecke aus Kostengründen so dünn wie möglich halten“ (ebend.). Wäre dem so – was ich nicht für überaus unwahrscheinlich halte – würde es sich um ein eindeutiges betriebswirtschaftliches Kalkül auf Kosten der Belegschaft handeln, dass eben eindeutig mit dem Begriff „krank Wirtschaften“ trefflich beschrieben wäre. Diese Ergebnisse passen auch zu einem 2016 veröffentlichten Bericht des Arbeitskreis Krankenversicherung, demzufolge Burnout weiterhin die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit ist.

Auch wenn bei uns krank Wirtschaften noch nicht so perfektioniert ist wie in Japan, ist doch auch bei uns höchstvermutlich einiges im Argen. Packen wir es an, indem wir nicht nur dauern im System, sondern auch am System arbeiten. Und zum Beispiel endlich aufhören, an der Resilienz der Mitarbeiter rumwurschteln, damit die gestärkten Coachees wieder in dasselbe System zurückkehren, nur um mehr desselben zu leisten.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Japnische Schriftzeichen für Ka-Ro-Shi
  • Tokio bei Nacht: Thomas Pintaric, CC BY-SA 3.0
2 Kommentare
  1. Stephan List
    Stephan List says:

    Hallo Andreas,

    als Sicherheitsingenieur kann ich Deinen Artikel noch um etwas ergänzen:

    (1) Laut Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG, http://bit.ly/2xZ1jJs) muss der Arbeitgeber die Arbeitsplätze auf eventuelle Gefährdungen untersuchen und sie ggf. abzustellen oder zu minimieren. Zu den Gefährdungen zählen ausdrücklich auch die psychischen (Fehl-) Belastungen. Leider kommen viele Unternehmen dieser Pflicht gar nicht oder nur unvollständig nach. Die Gründe hierfür liegen IMO (a) in fehlender Kompetenz in der Durchführung und – viel wichtiger – in der Befürchtung, dicke Bretter bohren zu müssen. Schließlich könnte eine Gefährdungsbeurteilung ja ergeben, dass Organisation oder/und Führung Mängel aufweisen.

    (2) In der Arbeitssicherheit gilt der Grundsatz „Verhältnisprävention vor Verhaltensprävention“ (http://bit.ly/2xY0cd3). Oder anders ausgedrückt, wir sollten uns „um auffällige Arbeitsplätze und nicht um auffällige Mitarbeiter kümmern“. Dieser Grundsatz wird durch Gießkannenmaßnahmen wie „Lauftreffs“, „Anti-Stress-Trainings“ usw.) auf den Kopf gestellt. Das Problem wird individualisiert, das Unternehmen ist damit aus dem Schneider. In Deinem Artikel hast Du das sehr treffend ausgedrückt: „Und zum Beispiel endlich aufhören, an der Resilienz der Mitarbeiter rumwurschteln, damit die gestärkten Coachees wieder in dasselbe System zurückkehren, nur um mehr desselben zu leisten.“

    So ist es. Leider wird sich in nächster Zeit nichts ändern, zumal die Missachtung der Pflicht zur psychischen Gefährdungsbeurteilung nur wenig bis gar nicht sanktioniert ist (http://bit.ly/2xY0pNn). Meine Erfahrungen sind mehr als ernüchternd, es interessiert sich nicht wirklich jemand in den Betrieben für das Thema psychische Belastungen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass jeder jemanden kennt, der bereits „zusammengeklappt“ ist und sich in der Reha befindet.

    BTW: Das gilt gerade auch für viele „junge“ Firmen, die (Selbst-) Ausbeutung gerne mit Selbstorganisation verwechseln.

    Antworten
  2. Dr. Andreas Zeuch
    Dr. Andreas Zeuch says:

    Lieber Stephan,

    danke für diesen wichtigen und fundierten Kommentar mit den Quellen. War mir gar nicht klar, dass zum Arbeitsschutz tatsächlich auch der Schutz vor psychischen Belastungen gehört. Interessant. Und erst recht, was Du darüber schreibst, warum das Ganze so herrlich ignoriert wird.

    Und er Hinweis auf die Startups ist ebenfalls ein Volltreffer – bin da ganz bei Dir. Es gibt ja ohnehin auch schon diverse Studien, die die Kehrseite selbstbestimmter Arbeit zeigen. Selbstausbeutung kann natürlich besonders effizient und effektiv sein. Es ist oft eine Gradwanderung zwischen wirklich tiefer Zufriedenheit und Selbstverarschung.

    Herzliche Grüße, Andreas

    Antworten

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