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Keine Agilität ohne Intuition

Agilität ist längst zum Buzzword geworden. Nicht jedes Unternehmen, aber immer mehr wollen agiler werden, flexibler und behänder auf Kundenwünsche eingehen und schneller auf Veränderungen des Marktumfeldes reagieren können. Und das bei gleichzeitig steigender Dynaxity – mehr Dynamik und steigende Komplexität in der immer deutlicher werdenden VUCA Welt: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Wer soll das eigentlich alles leisten können? Genauer: Wer soll in der Lage sein, all die anstehenden wesentlich schnelleren Entscheidungen zu treffen? Solange wir versessen darauf sind, den längst widerlegten und doch immer noch wiedergekäuten Forderungen der Betriebswirtschaftslehre nach rationalen Entscheidungen Folge zu leisten, werden wir jämmerlich versagen. Die Probleme rationaler Entscheidungsstrategien auf Basis gründlich recherchierter Zahlen, Daten und Fakten werden größer werden. Intuition kann dem entgegenwirken.

Was ist Intuition?

Intuition ist alles andere als ein klar definierter, trennscharfer Begriff. Irgendwie kennt ihn jeder, hat irgendeine Assoziation dazu und redet hie und da auch mal drüber. Kein Wunder, denn Intuition hat rund 2500 Jahre Begriffsgeschichte im Gepäck, das macht es nicht gerade einfacher, ein klares Verständnis zu entwickeln, vor allem im Bereich professioneller Anwendung. Niemand wird sich darüber aufregen, wenn wir bei der Partnerwahl einem Gefühl folgen und nicht vorab Zahlen, Daten und Fakten gesammelt, ausgewertet und dann ins Kalkül gezogen haben (was würdest Du wohl über mich denken, wenn ich potentielle Partnerinnen grundsätzlich in einer Matrix bewerten würde, um dann dem mathematisch besten Ergebnis zu folgen… ). Somit zu Beginn erst einmal meine Definition von Intuition:

Intuition ist ein unbewusstes Urteil, dass auch im nachhinein nicht erklärt werden kann.

Dieses Urteil zeigt sich als Erkenntnis oder Handlungsimpuls.

Intuition geht einher mit Gefühlen und/oder Körperwahrnehmungen.

Das ist die Grundlage meiner bis heute andauernden Auseinandersetzung und Arbeit mit professioneller Intuition. Auf diesem Weg versuche ich die Kernprägnanz von Intuition zu verdeutlichen, anstatt den Begriff trenn- und randscharf von ähnlichen und teils überlappenden Begriffen wie (Vor)Ahnung, Inspiration oder Instinkt abzugrenzen.

Fundament von Agilität: Professionelle Intuition

Zeuch - Feel it_Druckauflösung

Mein Sachbuchbeitrag über Professionelle Intuition

Der Umgang mit Intuition ist im Berufsleben immer noch zwiespältig: Entweder werden Bauchentscheidungen unreflektiert gelebt oder mit pseudorationalen Argumenten abgelehnt. Pseudorational insofern, als dass gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über Intuition einfach ignoriert werden. Ein gesundes Mittelmaß fehlt in den meisten Fällen. Dazu bedarf es des Schrittes, Intuition überhaupt als professionelle Kompetenz mit ihren Stärken und Schwächen anzuerkennen. Dies geschieht zwar seit längerer Zeit in der Intuitionsforschung verschiedener Domänen wie Pflege, Medizin und Management; in der alltäglichen Berufspraxis ist eine solche Anerkennung jedoch nur in wenigen Fällen umgesetzt: Für die einen scheint es nichts Neues, sondern vielmehr selbstverständlich zu sein. Für die Anderen ist es ein indiskutabler Störfaktor in rational durchgeführter Arbeit. So harrt Intuition immer noch einer angemessenen Auseinandersetzung in unserem Arbeitsleben.

Aus der Tatsache, dass wir nicht nicht intuitiv sein können (dazu im folgenden Abschnitt mehr), ergibt sich die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Intuition als professioneller Kompetenz. Wenn unsere rationalen Entscheidungen immer auch von intuitiven und emotionalen Anteilen durchdrungen sind, empfiehlt es sich, dieses Phänomen näher zu betrachten. Es sei denn, man hat das Ziel, sich seinen unbewussten Mechanismen unreflektiert hinzugeben, so dass man Gefahr läuft, aus dem Bauch gegen die Wand zu fahren. Um Intuition als Kompetenz zu nutzen, sollten wir uns fragen, wofür eigentlich? Meine Vorschläge:

  • Entscheidungsfindung: Was machst Du, wenn Du Dich jetzt entscheiden musst, aber zu wenige, zu viele, widersprüchliche, unverständliche oder nicht vertrauenswürdige Informationen vorliegen? Eine Situation, die in agilen Welten operativer und taktischer Entscheidungen immer häufiger anzutreffen sein wird.
  • Zukunftsgestaltung: Wie berechnet Ihr die Zukunft der für Euch relevanten Marktentwicklung in Eurem Unternehmen? Wenn Ihr dabei Szenariotechnik verwendet: Wie entscheidet Ihr, welches Szenario für eine gelungene Strategieentwicklung relevant ist?
  • Beziehungsmanagement und Kommunikation: Wie gestaltest Du Deine beruflichen Beziehungen so, dass Sie nicht nur erfolgreich, sondern auch für alle Beteiligten motivierend sind? Hakst Du rhetorische Techniken ab? Wer schon mal selbstorganisiert und agil gearbeitet hat, weiß: Dann wird Kommunikation noch viel wichtiger, weil simple top-down Anweisungen Geschichte sind.
  • Kreativität: Kannten Bach, Mozart, Van Gogh, Picasso, Newton oder Einstein Kreativitätstechniken? Oder waren sie vielmehr intuitive Meister ihres Faches, die Ihr Handwerk beherrschten und daraus schöpften? Moderne Methoden wie Design Thinking setzen stark auf empathisch-intuitive Prozesse und sind auch deshalb so erfolgreich.
  • Geschäftsgefühl: Wie schaffen es Deine KollegInnen und Du, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein? Die Griechen hatten dafür den Gott Kairos erfunden – aber hilft der Euch? Ein wahrer Meister dieses Fachs war Steve Jobs – und der bekannte sich auch zu seiner Intuition und lud uns alle ein, auf sie zu achten. Bei aller Kritik an ihm stimme ich in diesem Punkt vollumfänglich zu.

In diesen Bereichen spielt Intuition eine maßgebliche Rolle. Leider stellt sie uns aber auch vor ein Problem: Ihr Wesen besteht in ihrer unkontrollierbaren Unbegründbarkeit. Wenn wir ein Gefühl haben, etwas besser so und nicht anders zu machen, können wir es eben nicht erklären. Wir sind es aber gewohnt, in der Berufswelt Rechtfertigungen abzugeben oder einzufordern. Stichwort „ZDF-Kultur“, sprich: Zahlen, Daten und Fakten. Insofern fordert Intuition den Mut zur Lücke. Sie konfrontiert uns mit täglichem Kontrollverlust und Unwägbarkeiten.

Wie kann Intuition erklärt werden?

Zeuch - Dissertation

Meine Doktorarbeit zum Training professioneller Intuition

Intuition wurde bislang vorwiegend mit ein bis zwei theoretischen Modellen erklärt. Im Allgemeinen findet sich immer wieder Erfahrungswissen als DAS Erklärungsmodell. Das ist zwar nicht falsch, aber eine gefährliche Reduktion. Denn es gibt deutlich mehr wissenschaftliche Befunde, die auch praktische und weitreichend Folgen haben:

1.) Unbewusste (subliminale) Wahrnehmung: Wir nehmen auch unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle wahr und zwar mehr, als bewusst. Diese Daten spielen für intuitive Prozesse eine wichtige Rolle. Wir sehen beim Autofahren unbewusst, wie ein Kind auf dem Bürgersteig spielt, zum Überqueren der Straße ansetzt und treten intuitiv auf die Bremse. Darüber hinaus erkennen wir unbewusst wesentlich schneller Muster und können dann intuitiv richtige Schlussfolgerungen ziehen. Das belegen seit über vier Jahrzehnten hunderte empirischer Studien, angefangen bei Experimenten zu künstlichen Grammatiken in den 1970ern. Niemand muss erst 10 Jahre lange Expertise aufbauen, um unbewusst schneller und mehr Daten wahrzunehmen. Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio zeigte unsere intuitive Mustererkennung auf sehr elegante Weise mit seinem „Iowa Gambling Task“. Die Probanden erkannten ein Muster intuitiv-unbewusst fünfmal schneller als bewusst (Damasio 1997).

2.) Unbewusste Informationsverarbeitung (implizite Kognition): Bewusst und unbewusst aufgenommene Daten werden unter der Bewusstseinsschwelle verarbeitet und können zu neuen Gedankenverbindungen führen. Der französische Mathematiker Henri Poincaré beschrieb dies bereits 1910 mit der „Inkubation“ (Gedanken sinken ins Unbewusste), die nach einigem Wirken (implizite Kognition) zur „Illumination“ führt – dem intuitiven Lösen eines Problems. Hier sei an Auguste Kekulé erinnert, der die Strukturformel des Benzols suchte. Irgendwann, eines Abends, als er vor seinem Kamin eindöste, erschien ihm im Traum ein Ouroboros – eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Das Problem war gelöst: Benzol hat eine Ringstruktur, was damals ein vollkommen neuartiges Ergebnis war. Diese beiden ersten Erklärungsmodelle haben eine zentrale Bedeutung:

Es bedarf nicht jahrelanger Erfahrung und Expertise – auch Anfänger können zieldienliche Intuitionen haben!

3.) Erfahrungswissen (implizites Wissen): Im Laufe der Jahre sammeln sich viele berufliche Erfahrungen, die (un-)bewusst verarbeitet werden. Wir reagieren dann aufgrund dieser Erfahrungen aus dem Bauch heraus effektiver und schneller, als durch rationale Analyse. Außerdem können wir das, was wir Dank dieses Erfahrungswissen elegant und mit Leichtigkeit vollziehen, häufig nicht erklären. Der ungarisch-britische Chemiker und Philosoph Michael Polanyi verdichtete das Phänomen des Erfahrungswissens in unübertrefflicher Weise: „Wir wissen mehr, als wir sagen können.“ (Polanyi 1966) Versuch es: Erkläre Deinem oder irgendeinem Kind, das noch nicht Fahrradfahren kann, wie es das Gleichgewicht halten soll. Glaubst Du an den Erfolg dieser Strategie?

4.) „Somatische Marker“ (Damasio 1997): Körpergefühle lenken unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Ereignisse, die für eine Entscheidung oder Handlung bedeutsam sind. Somatische Marker sind Affekte, die eine spezifische Funktion ausüben und von uns als Intuition wahrgenommen werden. Sie liefern uns Hinweise, die bewusste oder unbewusste Entscheidungen unterstützen. Im Rahmen meiner eigenen Forschungsarbeit (Zeuch 2003) erläuterte mir zum Beispiel ein Berater und Trainer, wie er körperliche Start- und Stopsignale hinsichtlich einer intendierten Handlung unterscheiden konnte.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch andere Theorien. Einige sind veraltet und entsprechen nicht mehr dem aktuellen Stand des Wissens, wie die Hemisphärentheorie, die aber immer noch hartnäckig zitiert wird. Andere, wie die Typologie C.G. Jungs, erscheinen mir persönlich für eine moderne, interdisziplinäre Erklärung nicht besonders relevant. Demgegenüber gibt es aber noch zumindest zwei Modelle, die äußerst vielversprechend sind:

5.) „Fraktale Affektlogik“: Der Baseler Psychiater Luc Ciompi (1997) geht davon aus, dass Affekte und mithin auch Intuition die Grundlagen des Denkens sind – was gut zum oben erwähnten Ansatz von Damasio passt. Affekte sind der Motor allen Denkens, sie sind verantwortlich für den Fokus der Aufmerksamkeit, sie sind Tore zu Gedächtnisspeichern, sie verbinden Denkinhalte, bestimmen deren Hierarchie und ermöglichen uns eine Reduktion der Komplexität unserer Wahrnehmungs-Inhalte. Kurzum: Ohne Affekte kein Denken. Damasio konnte dies mit verschiedenen Fallbeispielen stützen: Wenn Hirnareale, die für die Verarbeitung von Emotionen wichtig sind, geschädigt wurden (z.B. durch einen Tumor), dann war es den betroffenen Personen nicht mehr möglich, ihre Arbeit zu priorisieren. Sie konnten fortan nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden – eine fundamentale Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten.

6.) Das Bauchgehirn (Enterisches Nervensystem): In den letzten Jahren entstand eine interessante Diskussion um ein Nervengeflecht, das den Dünn- und Dickdarm umgibt. Es erfüllt alle Anforderungen an ein selbstständiges Nervensystem (Gershon 2001) und funktioniert unabhängig vom Rückenmark und vom Zentralen Nervensystem. Dies lädt zu Spekulationen über die Verbindung zum „Bauchgefühl“ ein, das in verschiedenen Studien die häufigste körperliche Wahrnehmung in Zusammenhang mit Intuition ist (Parikh 1994, Zeuch 2003 u.a.).

Wenn man diese sechs Modelle verbindet, gelangt man zu einer weitreichenden mulitdisziplinären Intuitionstheorie, die einem vieles plausibel macht. Aber ein Phänomen bleibt dabei noch unbeleuchtet: Der selbstorganisierende Charakter der Intuition, schließlich muss niemand von uns etwas Besonderes tun, um intuitiv zu sein. Wir müssen es nur zulassen. Dies wird Gegenstand des nächsten Beitrags: Intuition als informationelle Selbstorganisation – die damit bestens zur Agilität als Antwort auf unsere VUCA Welt passt.

 

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Literatur

  • Ciompi, L. (1997): Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Damasio, A.R. (1997): Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: dtv
  • Gershon, M. (2001): Der kluge Bauch. Die Entdeckung des zweiten Gehirns. München: Goldmann
  • Parikh, J. (1994): Intuition. The new frontier of management. Oxford: Blackwell
  • Zeuch, A. (2003): Training professioneller intuitiver Selbstregulation. Theorie, Empirie und Praxis. Verlag Dr. Kovac
  • Zeuch, A. (2010): Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen. Wiley

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: © Andreas Zeuch
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  1. […] den ersten Blick scheint. Da ist zunächst die Tatsache, dass Sinn etwas ganz Individuelles ist. Sinn hat mit unserem Erfahrungsschatz, mit unserer Intuition und mit dem Kontext zu tun, in dem wir uns bewegen. So wird auch klar, dass wir anderen keinen Sinn stiften können. Dahinter […]

  2. […] dieser empfehlenswerten Veröffentlichung liefert er eine sehr ausgewogene Darstellung vom 6 Modellen zum Verständnis der […]

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