Selbstbestimmtes Arbeiten?

Selbstbestimmtes Arbeiten? Was soll das eigentlich sein?

„Selbstbestimmtes Arbeiten, das ist es, was ich will.“ Seit längerer Zeit fällt dieser Satz (oder so ähnlich) in gefühlt jedem Gespräch, in dem irgendwann das Thema Arbeit auftaucht. Fast wie ein Mantra. Insbesondere den jüngeren Arbeitnehmern und den New Work Fuzzis in ihrer Filterblase wird nachgesagt, dass sie sich überhaupt keine andere Art von Arbeit mehr vorstellen können. Aus Angst, den Anschluss zu verlieren oder auch aus tatsächlicher Überzeugung heraus werben Unternehmen mittlerweile damit, dass bei ihnen Selbstbestimmtes Arbeiten möglich sei. Also alles gut, oder?

Wunsch und Wirklichkeit

Mitnichten. Denn auf der einen Seite beschweren sich Arbeitnehmer, dass das versprochene selbstbestimmte Arbeiten nur ein leeres Versprechen war und die Arbeitsrealität klassisch konservativ aussieht. Auf der anderen Seite wundern sich Arbeitgeber, die tatsächlich selbstbestimmtes Arbeiten praktizieren, dass die frisch eingestellten Arbeitnehmer diese Art des Arbeitens gar nicht leisten können, dass sie sogar teilweise nach Anweisungen verlangen, obwohl sie im Einstellungsgespräch Selbstbestimmung als Wunsch geäußert hatten. Was ist denn da los?

Selbstbestimmung versus Fremdbestimmung

Wie immer ist es hilfreich, sich zunächst den Begriff näher anzuschauen: Selbstbestimmung. Selbstbestimmung bedeutet logischerweise das Gegenteil von Fremdbestimmung; Autonomie versus Heteronomie. Ich entscheide bewusst über mein Leben und alles was damit zusammenhängt – also auch über meine Arbeit. Niemand bevormundet oder unterdrückt mich. Mein Leben entwickelt sich im Einklang mit meinen Gedanken und Gefühlen.

Peter Bieri, Schweizer Philosoph und Schriftsteller, formuliert selbstbestimmtes Leben so:

 

„…ein selbständiges Leben in einer Gemeinschaft, die durch rechtliche und moralische Regeln bestimmt ist – Regeln, die soziale Identitäten definieren, ohne die es ebenfalls keine Würde und kein Glück gibt.“

 

Selbstbestimmtes Arbeiten bedeutet Würde, Glück und Harmonie

Selbstbestimmung ist also eng mit Selbständigkeit, Würde und einer Vorstellung von Glück verknüpft. Im New Work Kontext sind das tatsächlich einige der tieferliegenden Werte.

Würde und Glück sind Wertvorstellungen, die ich als verantwortungsvoller Arbeitgeber nachvollziehen kann und die ich auch für eine nachhaltige Personalarbeit unterstützen könnte. Im Idealfall pflege ich bereits eine nachhaltige Unternehmenskultur im Sinne Sozialer Nachhaltigkeit. Doch was bedeutet es, wenn meine Mitarbeiterin selbständig arbeiten will? Akzeptiert sie dann noch Handlungsaufforderungen? Will sie die Zielsetzung des Unternehmens ändern, falls diese ihr nicht passt?

Vermutlich nicht, denn Selbstbestimmung bedeutet nicht automatisch, dass ich auf niemanden mehr Rücksicht nehme und ausschließlich meine Interessen durchsetzen will. Als Gemeinschaftswesen sind wir grundsätzlich daran interessiert, harmonisch zusammen zu leben.

Der Blick nach innen

Dennoch kann man noch etwas genauer hinschauen. Eine weitere Bedeutung von Selbstbestimmung ist nicht nur der Blick nach außen, also die Unabhängigkeit anderen gegenüber, sondern auch die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen. D.h. ich nehme Einfluss auf meine Innenwelt, auf Denken, Wollen und Erleben und leite Handlungen daraus ab.

Dieser Punkt ist der ungleich Schwierigere, denn nach außen kann ich relativ schnell artikulieren, was ich will oder nicht. Der Blick nach innen erfordert aber, dass ich mich selbst kenne. Kenne ich mich denn überhaupt selbst? Habe ich mich selbst zum Thema gemacht und mich um mich selbst gekümmert?

Bin ich ich, und wenn ja, was soll das?

Grundsätzlich ist es so, dass wir nicht von einem Nullpunkt aus selbst für uns bestimmen können. Eine lange Weile im Leben prägen uns unendlich viele Eindrücke, über die wir nicht selbst bestimmen, die aber Teil unserer persönlichen Identität und der eigenen Lebensgeschichte werden. Viele dieser Eindrücke machen wir uns zu eigen, aber sie kommen nicht aus uns selbst. D.h. andere haben dafür gesorgt, dass wir etwas glauben oder wollen. Andere haben Kausalketten angestoßen (Peter Bieri), die unser Tun und Denken prägen.

Diese Erkenntnis mag zunächst einmal erschreckend sein, denn sie könnte bedeuten, dass ich am Ende überhaupt nicht in der Lage bin, selbstbestimmt zu handeln, sondern nur auf Impulse von außen reagiere. Zum Glück ist es nicht so, denn als Kulturwesen ist meine Innenwelt zwar sehr eng mit der Welt da draußen verflochten, aber ich bin ihr nicht hilflos ausgeliefert und auch nicht Zuschauer meines Lebens.

Vom Zuschauer zum Akteur

Um vom Zuschauer zum Akteur zu werden, muss ich mich selbst zum Thema machen und Subjekt werden. Sinnvollerweise mache ich das auf eine empathische Weise, ich versuche also eine innere Distanz zu mir aufzubauen und mich anzuschauen. Hört sich voll eso an, oder? Wie soll das funktionieren? Muss ich mich klonen, in meinen Astralleib reinhorchen oder den Homunkulus der Alchimisten aus mir herauspressen? Ihn schütteln, auf einen Stuhl setzen und ins Kreuzverhör nehmen? Keine schlechte Idee, aber es genügt zunächst, mich selbst ruhig zu verhalten und Selbstgespräche zu führen. Und zwar in Form von Fragen. Wenn ich mir erlaube, mir Fragen zu mir selbst zu stellen, ist das schon ein guter Anfang.

 

 

Wie niedlich! Ein Homunkulus wird ausgebrütet.

Vorhang auf für die Phantasie

Darüber hinaus steht uns kulturellen Wesen aber eine viel bessere Fähigkeit zur Verfügung: unsere Phantasie. Das unendliche Meer der Möglichkeiten. Die Evolution wird sich sicherlich etwas dabei gedacht haben, uns nicht nur rudimentär mit dieser Fähigkeit auszustatten, sondern diesen Raum so zu perfektionieren, dass er in jeder Sekunde unseres Lebens als Labor zum Experimentieren nutzbar ist. Wer Harry Potter gelesen hat, der kennt sicherlich den Raum der Wünsche oder die Handtasche von Hermine Granger. Genau so etwas ist unsere Phantasie – darin ist so viel Platz, dass es für weit mehr als ein Menschenleben ausreicht. Außerdem ist dieser Raum der sicherste Ort auf unserem Planeten – nur mit unserem persönlichen Satz an Passwörtern zugänglich, Null Chance für NSA oder Dr. Evil. Einen kleinen Wermutstropfen hat die Evolution jedoch eingebaut: wenn ich diesen Satz an persönlichen Passwörtern vergesse oder verlegt habe (dafür gibt es manchmal gute Gründe), komme ich auch nicht in den Raum der Möglichkeiten.

Selbstbestimmung braucht die Idee der Möglichkeit

Nutzen wir ihn also, denn dieses Ding mit der Selbstbestimmung verlangt nach dem Raum der Möglichkeiten. Warum? Wie oben schon gesagt, braucht die Selbstbestimmung mich als Akteur, nicht als Zuschauer. Um Akteur zu werden, gehe ich also zunächst auf Abstand und in die Reflexion und frage mich, warum ich so denke und handle, wie ich es gerade tue. Ich frage auch, woher diese Denk- und Handlungsweisen kommen und wie sie entstanden sein könnten.

Hier brauche ich zum ersten Mal den Raum der Möglichkeiten. Denn mit den gestellten Fragen sollte der Gedanke auftauchen, dass es auch möglich ist, ganz anders zu Denken und zu Handeln. Was ich also an dieser Stelle im Prozess mache, ist, einen Moment der Unsicherheit, der Varianz einzubauen und diesen auszuhalten oder sogar zu begrüßen. Dieser Moment ist eines meiner Passwörter für den Raum der Möglichkeiten. D.h. dieses Passwort hat die Eigenschaft, etwas aufzulösen und durchlässig zu machen und zwar meine erlernte Vorstellung von Determinismus.

Das Selbstbild zeigt sich, wenn ich übe

In der nächsten Phase des Reflexionsprozesses bewerte ich das, was ich an Denk- und Handlungsweisen entdeckt habe, z.B. mit Fragen wie „Bin ich zufrieden mit dem, was ich mache oder denke? Will ich die sein, die ich gerade bin?“ Es ist hilfreich, speziell diesen Bewertungsprozess sehr oft zu wiederholen. Denn mit jedem Mal werde ich merken, dass sich meine Bewertungskriterien ebenfalls auflösen, denn auch sie sind zum Teil erlernt und nicht meine eigenen.

Peter Bieri nennt dies „… die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, die sich auf diejenigen erster Ordnung richten.“ Aus dieser Fähigkeit entsteht etwas, das als Selbstbild bezeichnet werden kann: unsere Vorstellung, wie wir sein möchten. Shelley Sacks, ehemalige Beuys-Schülerin und Leiterin der Social Research Unit an der Oxford Brookes University, erweitert dieses Selbstbild um das Umfeld, das mich umgibt und die Vorstellung der Welt, wie sie sein könnte. „Ohne Ich kein Wir“ ist die zentrale Erkenntnis in diesem künstlerischen Entwicklungsprozess.

Vom Selbstbild zur eigenen Sprache

Falls gerade der Eindruck entsteht, die Ziellinie erreicht zu haben: sorry, weit gefehlt, die Arbeit beginnt jetzt erst. Dieses Selbstbild, das in meiner Phantasie entsteht, muss ich nun in die Realität überführen, d.h. es muss mir gelingen, zu einer Selbsterkenntnis zu kommen und ein reales Selbstbild zu formen. Wie geht das? Für diesen Schritt muss ich meine eigene Stimme finden, d.h. ich muss Worte finden, um dieses Bild zu beschreiben. Selbstbestimmung hat daher viel mit der eigenen Sprache zu tun.

Sprachliche Gewohnheiten auflösen

Viele unserer Gedanken gründen sich auf unsere sprachlichen Gewohnheiten. Unsere Muttersprache eigneten wir uns an, indem wir sie nachplapperten. Wir haben Dinge und Situationen sprachlich übernommen, so wie man es eben so sagt und wie sie unser tägliches Umfeld sprachlich ausgedrückt hat. In diesem Sinne ist diese Sprache noch nicht unsere eigene. Wir haben sprachliche Muster übernommen. Es ist daher sinnvoll, aufmerksamer für die eigenen – oft blind verwendeten – sprachlichen Gewohnheiten zu werden und für das eigene Erleben und das Selbstbild auch eigene Worte zu finden. Können wir hier differenzierter werden, wird auch das Selbstbild und das eigene Erleben differenzierter und facettenreicher. Die Sozialphilosophie und die Literatur kennen dafür den Begriff der éducation sentimentale (nach Gustave Flaubert).

Selbstbestimmtes Arbeiten ist kein Ponyhof

Nach diesem kurzen Ausflug dürfte klar sein, warum wir uns so schwer mit der Realisierung von selbstbestimmtem Arbeiten tun. Natürlich kann ich mir das Label „Selbstbestimmtes Arbeiten“ sowohl als Arbeitgeber als auch als Arbeitnehmer wie einen Bauchladen umhängen. Habe ich mir das ganze Ding jedoch nicht wirklich angeeignet, dann bleibt es ein Fremdkörper, der irgendwann vom System abgestoßen wird. Allerdings wird damit auch die Chance zur Weiterentwicklung vertan – im Kontext nachhaltiger Unternehmensentwicklung bedeutet das Harakiri mit Ansage. Hai.

 

Herzliche Grüße
Daniela

 

Zum Weiterlesen empfohlen:
Peter Bieri, Wie wollen wir leben?, dtv, 2015
Gustave Flaubert, L’éducation sentimentale, 1869

Bildquellennachweis:
Gleitschirmflieger, pixabay, CC-0 Lizenz
Homunkulus aus Goethes Faust II, Wiki-commons, gemeinfrei

 

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