Beiträge

Nestlé: Was aus einer guten Idee wurde

Zum Jahreswechsel 2017/2018 war ich in der Schweiz in der Nähe von Vevey. An einem der meteorologisch zumeist tristen Tage führte mich ein Freund in eine Schokoladenfabrik zur Produktionsbesichtigung. Was ich vorab nicht wusste: Die Fabrik gehört zum Imperium von Nestlé. Nach einem etwas skurrilen Parcours durch die Geschichte der Schokoloade kam man in einen Raum, in dem die verschiedenen Akteure der Schokoladenproduktion vorgestellt wurden. Und natürlich ging es auch um die faire Behandlung der Kakao- und Milchbauern, egal ob sie irgendwo in Afrika oder in der schweizer Nachbarschaft ihre Arbeit verrichten. Wenn man sonst nichts mitbekommt über das Unternehmen, konnte man glauben, dass es immer noch so nobel unterwegs ist, wie dessen Gründer.

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Siemens, Robin Hood und Unternehmensdemokratie

Es ist beschämend, was da gerade im öffentlichen Raum über Siemens diskutiert wird. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer bringt es vollkommen zu Recht auf den Punkt: „Siemens-Bashing hilft uns nicht weiter.“ Wohl gesprochen. Ja Herrgott Sackzement, kapiert die dämliche deutsche Journaille und all die links-alternativen Berufspolitiker nicht, was Joe Kaeser gerade für eine Heldentat vollbringt? Von wegen „post-heroisches“ Management. Alles Blödsinn. Kaeser zertrümmert nicht das Vertrauen in den deutschen Wirtschaftsstandort, wie der frustrierte Martin Schulz neulich fabulierte (der ist doch jetzt nur froh, sich wieder als echter Sozialdemokrat gerieren zu können: „Die SPD wird weiter für euch trommeln.“). Nein, weit gefehlt. Kaeser bewahrt all die rund 7000 demnächst arbeitslosen Mitarbeiter*innen vor einer ungeheuerlichen Bürde. Ja Himmelherrgottgsuffa – sieht das denn niemand. Also muss ich es wohl erklären: Weiterlesen

Unternehmensdemokratie ist gesund

Unternehmensdemokratie soll gesund sein? Warum das denn? Darum: Im Oktober 2015 veröffentlichte ich hier im Blog den Post „Die Klassiker der Epidemiologie: Whitehall I + II„. Damals skizzierte ich kurz die Ergebnisse dieser bis heute bahnbrechenden Sozio-ökonomischen Studien, die bereits 1984 und 1991 publiziert wurden. Sie zeigten schon damals einen klaren Zusammenhang zwischen dem Sozio-öklnomischen Status von Arbeitnehmer*innen und deren Gesundheit bis hin zur Sterblichkeit. Die Ergebnisse pointierte ich seinerzeit so: „Zugespitzt ließe sich sagen: Mit- und selbstbestimmte Arbeit erhöht die Chance, gesund zu bleiben.“ Nun wurde Ende März 2017 eine spezifisch deutsche Studie mit ähnlichen Fragestellungen vom Institut für medizinische Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg abgeschlossen, die sogar eine noch größere Stichprobe aufweist. Die Ergebnisse stützen Whitehall I + II, ergänzt um spezifisch deutsche sozio-ökonomische Bedingungen: Das Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland.

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Arbeitszufriedenheit und Leistung

Hängen Arbeitszufriedenheit und Leistung zusammen? Leistet mehr, wer zufriedener bei der Arbeit ist? Davon gehen jedenfalls viele VertreterInnen Neuer Arbeit aus. Da macht es natürlich was her, wenn wir plötzlich zeigen könnten, dass es da keinerlei Zusammenhang gibt. Und siehe da: Natürlich findet sich auch dazu etwas: Die Beraterin und Autorin Svenja Hofert berichtet über eine Metastudie, die klarstellt, dass es keinen überzufälligen Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Leistung gäbe. Das provoziert mich natürlich sofort. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens wurde sowohl bei den Studien, die in der Meta-Studie untersucht wurden, als auch in der Meta-Studie selbst mehrere zentrale Aspekte nicht beachtet. Das führt logischerweise zu dem genannten Ergebnis. Zweitens, und das ist mindestens ebenso wichtig, wurde von den Forschern eine zentrale Frage nicht gestellt, die ich mittlerweile wesentlich wichtiger finde, als alle Leistungsbeurteilungen: In welcher Welt wollen wir leben?

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Karoshi. Arbeiten bis zum Verrecken.

Karoshi? Im September 2016 veröffentlichte ich in diesem Blog den Post „Arbeitsbedingungen: Krank, gesund und sinnvoll arbeiten„. Dieser Beitrag ging auf einen Artikel aus dem Jahr 2011 zurück, in dem ich gemeinsam mit meinen damaligen Kollegen Gebhard Borck und Markus Stegfellner die drei grundlegenden Formen krank, gesund und sinnvoll Wirtschaften skizzierte. Einmal mehr scheinen wir mit dieser Typologisierung den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Denn die Reinform kranken Wirtschaftens und Arbeitens, sozusagen die postmoderne Perfektion des alten Arbeitsbegriffs als Mühsal, Leid und Qual hat einen Namen: Karoshi. Japanisch für „Tod durch Überarbeitung“. Ein keineswegs neues Phänomen, nur ging es Anfang Oktober diesen Jahres wieder mal durch die Presse. Der Anlass war immer noch weit von einer Lösung entfernt.

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Arbeitsbedingungen: Krank, gesund und sinnvoll arbeiten

Anfang 2011 veröffentlichte ich gemeinsam mit Gebhard Borck und Markus Stegfellner im Genograph, der Zeitschrift des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, den Artikel “Sinnvoll wirtschaften” über verschiedene Formen von Arbeitsbedingungen. Dort erläuterten wir auf rund 4 Seiten unser gleichnamiges Verständnis einer neuen, weitreichenden Art, wie Unternehmen (und natürlich auch Non-Profit-Organisationen) jenseits der heute meistens vorzufinden Vorgehensweisen Arbeitsbedingungen gestalten können. Wir haben dabei drei Typen von Arbeitsbedingungen formuliert, gewissermaßen als jeweilige in Reinform beschriebene Typen: Krank, gesund und sinnvoll arbeiten.

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¡ Change macht krank !

Vor kurzem wurde ich für das enorm Magazin zum Thema Unternehmensdemokratie interviewt. In dem Rahmen ging es irgendwann um die Frage, warum MitarbeiterInnen möglicherweise gar nicht mit- geschweige denn selbst bestimmen wollen. Das kann, wie ich es auch in „Alle Macht für niemand“ darlegte, verschiedene Gründe haben. Wenn MitarbeiterInnen über Jahre hinweg zu Erfüllungsgehilfen erzogen wurden, werden sie nicht plötzlich von heute auf morgen wieder ihre eigenen Ansichten, Erfahrungen und Kompetenzen vollumfänglich einbringen. Zweitens haben sie vielleicht schon mehrere Change (-prozesse) hinter sich gebracht, die für sie ausgesprochen frustrierend gewesen sein können, schließlich scheitert nicht umsonst mindestens die Hälfte aller Veränderungsprozesse. MitarbeiterInnen sind dann aber, wie ich das auch im Interview erwähnte, nicht nur demotiviert, sondern können sogar unter erheblichen behandlungsbedürftigen Stresssymptomen leiden. Und genau dieser Zusammenhang wurde in einer nicht zu unterschätzenden großen Studie herausgearbeitet.

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Die Klassiker der Epidemiologie: Whitehall I + II

Die beiden Studien, die wir heute vorstellen, sind schon recht betagt. Und doch kennen sie immer noch viel zu wenig Leute. Faszinierend, würde Spock das kommentieren. Denn immerhin zeigten beide Studien unter der Leitung von Professor Michael Marmot einen signifikanten Zusammenhang des sozioökonomischen Status und der allgemeinen Sterblichkeitsrate. Konkret wurde mit Whitehall I herausgefunden, dass männliche Angestellte des tiefsten Dienstgrades eine dreimal so hohe Sterblichkeit aufwiesen wie Studienteilnehmer mit dem höchsten Dienstgrad, gemessen im Rahmen einer Langzeitstudie über 10 Jahre. In der darauf folgenden Studie Whitehall II wurde unter anderem weiter herausgearbeitet, dass der Kontrollverlust über einen wichtigen Teil des eigenen Lebens in Folge einer Anstellung auf einer geringen Hierarchiestufe  mit längeren Krankenfehlzeiten verbunden ist. Was sich wiederum mit dem seit 2003 erhobenen Gallup Engangement Index deckt, auf den ich unter anderem in „Alle Macht für niemand“ eingegangen bin.

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Das Ende der Konzernokratie. Lernen wir von VW?

Es ist einer der größten Unternehmensskandale der letzten Jahre. Einer, der das zerstörerische Potential mit sich bringt, nicht nur eine ganze Branche in Verruf zu bringen, sondern das informelle Qualitätssiegel eines der wirtschaftsstärksten Länder in den Dreck zu ziehen. „Made in Germany“, „ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts als Schutz vor billiger Importware in Großbritannien eingeführt“ (Wikipedia), ist nun nicht mehr automatisch der Garant für hohe Qualität, für Ingenieurskunst auf höchstem Niveau, sondern wirft tatsächlich einen Schatten auf deutsche Produkte. Der Grund für diese Zerstörungskraft ist der Logik weltweit operierender Konzerne tief eingeschrieben. Was bei VW und diversen anderen Großunternehmen in den letzten Jahrzehnten geschah, ist nicht im Geringsten überraschend, sondern das Ergebnis ihrer unendlichen Wachstumsstrategie und ihrer zu diesem einzigen Zweck installierten maschinellen Steuerung. Weiterlesen