Trialog Teil 4 – Brückenbauer für Komplexität gesucht

Zwischen dem Teil 3 unseres Trialogs über Komplexität und Werkzeuge, diese zu handhaben, und dem hier dokumentierten 4. Teil ist eine gewisse Zeit vergangen. Mir persönlich ging die Natur, die ja essentieller Bestandteil des 3. Teils war, im Kontext Problemlösen nicht mehr aus dem Kopf.

Kurz vor Weihnachten 2017 habe ich mit Björn telefoniert und ihm meine Idee unterbreitet, dass ich an funktionierende immer geltende Muster beim Zusammensetzen von produktiven Teams glaube. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt daran, dass es eine optimale Anzahl an Menschen geben muss, um Teams zu formen, damit diese effektiv und effizient Wert generieren können. Dieser Glaube hat sich bestätigt. Die Diskussionen haben Björn und ich dann hier manifestiert.

  1. Danke Björn – Oder warum Kommunikation im Team Glückssache ist!: Link
  2. Kommunikation ist Er-, Be-, Ver- und Entsetzung: Link
  3. Danke Conny oder was zelluläres Wachstum in Organisationen mit der Zahl 5, Fibonacci und Muscheln zu tun hat: Link
  4. Ob Kommunikation doch keine Glückssache ist und sie Naturprinzipien folgt?: Link

Auf dieser Idee aufbauend hat Alexander dann Kontakt zu Thomas Braun von der Sokrates Group aufgebaut, den ich auch schon relativ lange über das Netz kenne. Auf Basis einiger Gespräche haben wir dann Thomas zu unserem vierten Teil unserer Diskussionsrunde eingeladen, der am 12. Januar 2018 stattfand. Den kompletten 4. Trialog können Sie via Audiospur über Klick auf die nebenstehende Abbildung mit verfolgen.

Zufall und Komplexität

Am Anfang kamen wir auf Zufälle zu sprechen. Alexander meinte es gäbe keine Zufälle in der Welt. Alles habe seine „Göttliche Ordnung“. Das Leben treibt eben so seine Blüten. Thomas meinte daraufhin, dass wir es im Leben mit einer enormen Fülle an Möglichkeiten zu tun haben. Daraus ergeben sich dann die Dinge, die wir tun. Ein uns sehr großer zur Verfügung stehender Möglichkeitsraum wird zu einem Handlungsraum eingedampft. Die Dinge, nach denen wir handeln, fallen uns zu. Deshalb sprechen wir von Zufall. So wie wir vier uns im Rahmen unseres Trialogs zugefallen sind. Ein bisschen Wortspielerei am Anfang. 😉

Alexander nahm hier dann Ball wieder auf und warf ein, dass wir Menschen uns in der Interaktion miteinander gegenseitig und aufeinander ausrichten. Und das geschieht über Wörter, denen wir bestimmte Bedeutungen zuordnen. Daraus ergeben sich dann Strukturen, die wir Organisationen nennen. Ich musste dann noch einmal auf den Zufall zu sprechen kommen. Nichts geschieht in der Welt ohne Grund. Aber können wir diese Gründe immer erkennen und beschreiben? Nein, das können wir nicht. Und genau in diesem Fall sprechen wir von Zufall, da wir Ursachen für bestimmte Wirkungen nicht benennen können. Damit kramte ich noch einmal meine in der letzten Zeit gefundene Definition für „komplex“ und „kompliziert“ hervor. Komplex ist etwas was wir nicht beschreiben können, Kompliziertes können wir beschreiben. Details dazu können gerne in diesem Beitrag nachgelesen werden.

Warum kam ich auf diese Definition? Ich empfand viele Diskussionen über Komplexität verwirrend, da der Begriff „Komplexität“ nicht klar und interpretationsfrei genug definiert war. Den Begriff „Komplexität“ nutze ich in Diskussionen nur noch um Anschluss herzustellen und dann nutze ich „Nichtbeschreibbarkeit“ und „Beschreibbarkeit“. Alexander erweiterte an dieser Stelle. Für ihn sind komplizierte Problemstellungen mehrschrittig und komplexe mehrschichtig. Handlungsstränge sind stets mehrschrittig, also kompliziert. Handlungsstränge können sich aber überlagern. Das ergibt dann die Mehrschichtigkeit, was Komplexität ausmacht. Passfähigkeit einer Struktur oder einer Organisation wird dann dadurch bestimmt, ob diese in der Lage ist, diese Handlungsstränge so auszurichten, dass mehrere Beteiligte an diesen Strängen etwas Gemeinsames entdecken. Ist dies nicht der Fall entsteht Chaos und Unordnung.

Die objektive Komponente von Geschehnissen in der Welt ist das Beschreibbare, auch äußere Realität genannt. Die Verbindung zwischen der äußeren und der inneren Realität, welche durch die subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen von Menschen konstruiert wird, erfolgt durch sprachliche Mittel. Daraufhin warf ich ein, dass die Einordnung, ob etwas beschreibbar ist oder nicht, subjektiv ist. Denn diese Einordnung hängt von der Verfügbarkeit der jeweils vorhandenen sprachlichen Mittel ab. Das bekräftigte Alexander und meinte, dass die sprachlichen Mittel und die Beschreibung die man damit aufbaut, objektiv sei. Klar, sonst könnte man die Bedeutungen nicht vergemeinschaften. In diesem Fall spreche ich eher von Konsenswirklichkeit, was ich hier detaillierter erläutert habe.

Denken

Thomas merkte nach einigen Minuten Zuhören an, dass ihm das strenge Denken gut gefällt. Denken kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und steht für „Abwägen“. Jeder Mensch wägt in Situationen in Bestrafung und Belohnung unabhängig ab. Diese Prozesse laufen stets intuitiv und parallel ab, die dann als Ergebnis zu einem Vorurteil führen. Bestrafung bekommt dabei den doppelten Wert als Belohnung. Wir können nicht nicht abwägen. Das Ergebnis des Abwägens fließt dann in die jeweiligen bei jedem Menschen vorliegenden internen Modelle hinein. Damit beginnt der Mensch den Kontext der Situation mit den internen Modellen zu begreifen. Selbstreflektion meint dann das Hinterfragen dieser internen Modelle: Was macht mich als Mensch genau aus? Warum denke ich wie ich denke? etc. Das ist das Denken über das Denken und das Fühlen über das Fühlen. Damit sind wir dann beim Denken 2. Ordnung, was wir gleich behandeln werden.

Daraufhin meint Björn, dass tradierte Organisationsstrukturen nach Taylor auf dem internen Modell der kontextlosen Hierarchien entstanden sind. Diese sind aber heutzutage nicht mehr passfähig zur sich schnell ändernden Umwelt, in den Unternehmen unterwegs sind. In diesem Zusammenhang kamen wir dann wieder auf die Unterscheidung zwischen „komplex“ und „kompliziert“ zu sprechen, da der Gedanke hinter kontextlosen Hierarchien ist, dass viele Geschehnisse der Umwelt beschrieben werden können und das dadurch im Unternehmen über kontextlos festgelegte Prozesse und Strukturen agiert werden kann. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass eine Unterscheidung wichtig ist, was beschreibbar ist und was nicht.

Das war eine Steilvorlage für mich, da ich meine Sicht auf „komplex“ (Nichtbeschreibbarkeit) und „kompliziert“ (Beschreibbarkeit) darlegen konnte, und zwar am Beispiel Fahrradfahren. Beim Akt des Fahrradfahrens gibt es Tätigkeiten, die können wir beschreiben. Ein Beispiel wäre, wie man sich mit dem Fahrrad in Fahrtrichtung vorwärts bewegt. Man nehme dafür das rechte Bein drückt es nach unten, so dass über den Fuß und damit über die rechte Pedale Kraft ausgeübt wird. Dann nimmt man mit dem linken Fuß den Schwung mit und drückt die linke Pedale nach unten und dann wieder mit dem rechten Fuß usw. usf. Dann gibt es aber auch Tätigkeiten, die wir zwar in der Lage sind auszuführen, aber eben nicht klar und regelbasiert beschreiben können. Hier wäre das Gleichgewicht halten ein gutes Beispiel.

Alle Aktivitäten, die Menschen ausführen, kann man also in beschreibbare (komplizierte) und in nicht beschreibbare (komplexe) Anteile, zerlegen. Alexander meinte daraufhin, dass man alle Anteile, also auch die nicht beschreibbaren, erfahren kann. Und auf Basis dieser Erfahrung kann man diese dann auch beschreiben. Björn lenkte hier ein. Auch nach Erfahrung kann man nicht unbedingt immer beschreiben, da die dafür notwendigen sprachlichen Mittel alleine durch Erfahrung nicht unbedingt vorhanden sind. Damit bin ich einig.

Denken 2. Ordnung

Über die Unterscheidung „beschreibbar“ und „nicht beschreibbar“ sind wir dann zum Künstlertum übergegangen. Für Alexander bedeutet Künstlertum das Folgende. Auf der einen Seite haben wir die Virtuosität der Reproduktion. Das Durchlaufen von dem immer Gleichen. Das ist beschreibbar. Durch das stete und immer wieder kehrende Durchlaufen und Beschreiben von Tätigkeiten verfeinern wir unsere Fähigkeiten, da uns nach dem stetem Wiederholen immer wieder mal Kleinigkeiten im Ablauf auffallen, die wir ändern sollten. Das ist beispielsweise ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg hin zum Erlangen des Meistertums in fernöstlichen Kampfsportarten.

Auf der anderen Seite gehört zum Künstlertum aber auch das Erschaffen von bisher nie Dagewesenem, also das Kreieren von Neuem. Das Schaffen von Neuem ist das Zusammensetzen von bereits bestehenden Einzelbestandteilen zu einem neuen Kontext. Nehmen wir das Beispiel des iPhones. Die einzelnen Bestandteile eines iPhones waren alle vorhanden, wurden aber in einen neuen Kontext gesetzt. Thomas wirft dann das Entlernen ein. Es ist wichtig das Entlernen, und damit einhergehend das Vergessen, zu lernen. Dieser Prozess läuft im menschlichen Körper sehr langsam ab, was gut ist, da dieser Fakt uns in vielen Situationen und Kontexten das Überleben sichert.

Warum so langsam? Weil ein Entlernen und Vergessen unsere Tiefenstrukturen, so nennt es Thomas, angreift und hinterfragt. Ich sage dazu unsere mentalen Modelle. Um unsere mentalen Modelle zu hinterfragen müssen wir analysieren, warum wir denken wie wir denken oder fühlen wie wir fühlen. Das Denken 2. Ordnung haben wir ja oben bereits angerissen. In diesem Zusammenhang passt sehr gut die Kybernetik 2. Ordnung hinein, da diese an genau diesem Punkt ansetzt.

Es existieren mehrere Werkzeuge um das Denken zweiter Ordnung zu unterstützen. Thomas nutzt dafür das SokratesMapConcept, welches er erfunden hat. Ich kenne und nutze beispielsweise die ToC Denkprozesse oder auch die Denkwerkzeuge für Höchstleister von Gerhard Wohland. Im Rahmen unseres 2. Trialogs haben wir ja auch das up2U Protocol angerissen, welches Alexander erfunden hat. Dieses zähle ich auch zu diesen Werkzeugen.

Alexander bekräftigt die Wichtigkeit des präzisen strengen Denkens und des konkreten Ausdrückens der eigenen Wahrnehmungen. Dabei ist es essentiell in der Ich-Form zu reden und zu schreiben. Denn jede Aussage, die ICH treffe, ist MEINE Aussage, für die ICH auch Verantwortung übernehmen muss. Wenn ich über etwas eine Aussage treffe, dann sage ich mehr über mich als Mensch aus, als über das Ding oder die Sache, über welches ich die Aussage tätige. Oder wie Heinz von Förster es so schön in „Entdecken oder Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen? In: Einführung in den Konstruktivismus. Hg. von Heinz Gumin und Heinrich Meier. München 1992“ auf Seite 85 ausdrückt.

Obszönität: Ich zeige jemandem ein Bild und frage ihn, ob es obszön sei. Er sagt: „Ja.“ Ich weiß jetzt etwas über ihn, aber nichts über das Bild.

Brückenbauer gesucht

Thomas äußert sich dann zum Ende hin zum Buddhismus, genauer zur Leere. Wir sollten uns mit den Dingen beschäftigen, die Dinge voneinander trennen. Mit Leere meint er in diesem Zusammenhang den Zwischenraum zwischen den Dingen. In dem Verbindenden, nicht dem Trennenden liegt das große Potential, Lösungen im Komplexen zu finden. Die Suche nach dem Gemeinsamen nicht nach dem Trennenden ist angesagt. Dazu passt sehr gut ein Zitat von Gotthard Günther, einem verstorbenen Deutsch-Amerikanischen Logiker und Philosoph (1900-1984).

Wenn ein Problem wieder und wieder auftaucht und keine Lösung gefunden werden kann, dann sollte man nicht danach fragen, was die Vertreter gegensätzlicher Standpunkte voneinander unterscheidet, sondern was sie gemeinsam haben. Das ist der Punkt, wo die Quelle des Missverständnisses liegen muss.

Es werden also Brückenbauer gesucht. Nur leider haben wir in unserer westlichen Gesellschaft genau diese Brückenbauer nicht hervorgebracht und bringen sie auch weiterhin nicht hervor. Es werden Spezialisten erzeugt und honoriert. Aber warum ist das so? Hier kommt unser Denkrahmen ins Spiel, oder anders ausgedrückt, die Art und Weise WIE wir denken. Unser Zweiwertiger Abendländischer Denkrahmen fußt auf 4 Prinzipien.

  1. Alles, was messbar ist, soll gemessen werden. Komplexe Probleme sind aber genau deshalb komplex, weil sie für uns nicht vollständig beschreibbar sind. Und was wir nicht beschreiben können, können wir auch nicht messen. Machen wir komplexe Probleme messbar, zerstören wir sie. Und damit sind sie dann auch nicht lösbar. Wir lösen stattdessen Scheinprobleme.
  2. Alles in kleinste Teile zerlegen. Komplexe Probleme sind emergent. Das bedeutet das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile. Zerlegen wir komplexe Probleme zerstören wir sie. Und damit sind sie dann auch nicht lösbar. Wir lösen stattdessen Scheinprobleme.
  3. Entweder – Oder. Komplexe Probleme sind in sich widersprüchlich und sind damit also „Sowohl-Als-Auch“, nicht „Entweder-Oder“. Trennen wir komplexe Probleme in Entweder-Oder, also in „gute“ und „schlechte“ Teile, zerstören wir sie. Und damit sind sie dann auch nicht lösbar. Wir lösen stattdessen Scheinprobleme.
  4. Ursache – Wirkung. Ursache und Wirkung von komplexen Problemen sind in Ort und Zeit versetzt. Dazu kommt das aufgrund von Rückkopplungen Ursache zu Wirkung und Wirkung zu Ursache wird. Trennen wir komplexe Probleme in Ursache-Wirkung zerstören wir sie. Und damit sind sie dann auch nicht lösbar. Wir lösen stattdessen Scheinprobleme.

Herbert Pietschmann, ein emerierter Professor aus Österreich mit Hauptschwerpunkten Mathematik, Physik und Philosophie, stellt diesen Denkrahmen sehr anschaulich in diesem Podcast dar. Aber, und nun kommt es wieder, um diesen Denkrahmen zu hinterfragen, landet man wieder beim Denken 2. Ordnung.

Richard David Precht hat dieses Dilemma auf der PM Welt 2018 in München im Rahmen seiner Keynote anschaulich auf den Punkt gebracht. Sinngemäß gebe ich ihn hier wieder.

Wir haben viele Inseln der Kompetenz ausgebildet. Diese schwimmen aber in einem großen Meer von Inkompetenz. Und nun kommt es darauf an, diese Inseln miteinander zu vernetzen, denn nur so lösen wir die komplexen Probleme unserer Zeit.

Wollen wir unsere komplexen Probleme unserer Zeit lösen, benötigen wir mehr Brückenbauer.

Herzliche Grüße,
Conny

 

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