Über das Verhältnis von Menschenbild und Arbeit

 

Der Begriff des Menschenbildes wird im New Work Umfeld häufig verwendet, da das Menschenbild arbeitswissenschaftlich die elementare Grundlage zur Bewertung von Arbeitsgestaltungsmaßnahmen darstellt. Meines Erachtens kann man es drehen und wenden wie man will: Jede Diskussion über neue Formen der Wertschöpfung erledigen sich, solange vorab kein basales Verständnis über das Wertefundament erzielt ist. Wer Arbeit neu definieren möchte, muss zwingend über das zugrundeliegende Menschenbild sprechen.

Begegnungen

Ich hatte das Vergnügen Andreas im November letzten Jahres während seiner Lesung/World Cafe-Veranstaltung in Düsseldorf kennenzulernen. Es ergab sich, dass ich nach seinem Impulsvortrag zusammen mit ihm und einem – milde formuliert – konservativen Pärchen an einem Tisch landete (passenderweise trug ich einen schwarzen Polyester-Trainingsanzug und einen schwarzen Hoody der einem Skate Punk zur Ehre gereicht hätte – ich hatte an dem Abend irgendwie Lust komisch auszusehen). Direkt zu Beginn ergriff das Alpha-Männchen das Wort und gab ein Statement zur Unternehmensdemokratie ab. Beinahe wortgetreu sagte es:

„Das mit der Unternehmensdemokratie ist ja ganz nett. Eine Bespaßungsmaßnahme für die Mitarbeiter…. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die Mitarbeiter sind die Schafe auf der Weide. Die sollen gute Wolle produzieren. Mit der Unternehmensdemokratie macht man die Schafe glücklich und dann geben die gute Wolle. Darüber freuen sich die Schäferhunde und der Schäfer. Am meisten freut sich der Besitzer der Herde, der verdient dann schön das Geld. Dann kann der noch mehr Schafe kaufen um noch mehr Geld zu verdienen! Durch die Unternehmensdemokratie ändert sich doch nichts ‚wirklich‘ !“

Es folgte ein derbes Schenkelklopfer-Lachen…

Schon während seiner Ausführungen musste ich alle mir zur Verfügung stehenden Selbstbeherrschungs-Routinen starten, um ihm nicht in den Mund zu fallen. Aus dem Augenwinkel sah ich Andreas eine Skizze anfertigen und er wirkte auf mich auch nicht sooo super entspannt 😉

Nach diesem Statement erlaubte ich mir den Faden aufzunehmen:

„Ich denke wir müssen mal dringend über ihr Menschenbild sprechen… Wie kommen Sie darauf Menschen mit Schafen zu vergleichen? Glauben Sie das dies ein passender Begriff für Wissensarbeiter ist…? Haben Sie schon mal von intrinsischer Motivation gehört? Und haben Sie … (es folgten weitere Anmerkungen)“

Währenddessen sah ich, wie Andreas nun ein Menschenbild-Bild zeichnete, in welchem er den Menschen in den Mittelpunkt rückte. In dem Moment wusste ich: Wir hatten zwar noch kein persönliches Wort miteinander ausgetauscht, aber schon zu diesem Zeitpunkt waren bedeutsame Überlappungen zu erkennen (in Verbindung mit seinem Vortrag). Ein „gemeinsames“ – nur intuitiv kommuniziertes – Menschenbild hatte das Kennenlernen beschleunigt.

Seit wann gibt es Menschenbilder?
Eine steile These

Ich behaupte, dass die Entwicklung von Menschenbildern vermutlich bis in die Frühzeit der Menschwerdung zurückreicht, also in einer Zeit stattfand, als sich ‚das Bewusstsein‘ entwickelte und die kognitiven Fähigkeiten schon soweit ausgeprägt waren, um einfache kausale Zusammenhänge zu verstehen. Ich würde den Beginn auf Basis des Modells von Frederic Laloux in die sogenannte Magenta-Phase einordnen (vor ca. 50.000 Jahren).

Es ist wie gesagt höchst spekulativ, doch mir erscheint es schlüssig, dass ab diesem Moment die ersten Reflexionen über Sinn und Zweck des eigenen Daseins, der Gemeinschaft und der wahrnehmbaren Umwelt-Phänomene möglich waren. Ihren kulturellen Ausdruck fanden diese Gedanken dann in Form des Schamanismus und seinen animistischen Spielarten. Es brauchte Geschichten und Teilchen, damit der Mensch seinen Platz im Kosmos findet und daraus einen Zweck für die eigene Existenz ableiten kann. Und für alles was man nicht versteht, hatte der Frühmensch Götter und übernatürliche Kräfte als Erklärung parat…

Im Zusammenhang der antiken Tradition wird der Beginn der expliziten Formulierung eines Menschenbilds gerne bei den Vorsokratikern verortet. So berichtet Platon über die sophistische Sichtweise:

„Er (Protagoras) behauptet nämlich, der Mensch sei das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“ (Theät. 152a)

Diese relativistische Beschreibung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und keine übernatürlichen Kräfte herbeizitiert, hat selbst ein paar Tausend Jahre später nichts von ihrer Bedeutung verloren. Eine erweiterte Auffassung bringt Hegel ins Spiel, der von einem „großen Satz“ sprach, da dort zugleich „jeder nach seiner besonderen Partikularität, der zufällige Mensch“ oder auch „die selbstbewußte Vernunft im Menschen“ das (absolute) Maß sein kann.

Fast Forward: Die Neuzeit

Statt nun ausführlich die Klassiker von Macchiavelli, Locke, Hobbes, Smith & Co. durchzukauen, möchte ich eine interessante Darstellung zeigen, die ich bei Heinz Bartsch in einem Text von 1996 fand. Es geht um die Korrelation von technologischer Entwicklung und dem jeweiligen Menschenbild.

Menschenbilder.006

Auch hier möchte ich eine auf eine tiefer gehende Interpretation von Altmanns Modell verzichten. Stattdessen starte ich den Versuch, die Lücke in der Beschreibung des Complex Man zu ergänzen.

Meine Interpretation des Complex Man

Im Rahmen meines Buchprojektes erteilte ich mir selber den Auftrag, endlich mein (kognitiv verzerrtes) Menschenbild zu definieren. Da ich ein überaus visuell denkender Mensch bin, habe ich eine Grafik erstellt. Sicherlich ist dieser Output nur ein Zwischenergebnis und nicht der Weisheit letzter Schluss, aber für den Moment lebe ich damit 🙂

Menschenbild: Idea of a Complex Man

 

Die Interpretation dieses Ansatzes überlasse ich wieder voll und ganz den Lesern. 

Künstler dürfen das. Oder Philosophen. Sapere aude!

 

 

Bildnachweis

Beitragsbild und alle weiteren Grafiken: Mark Lambertz

 

1 Antwort

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  1. […] Zugespitzt (und unterkomplex formuliert) heisst das im NewWork-Kontext für mich: Über welches Menschenbild reden wir eigentlich? Ist es in dem Sinne vollständig, dass es auch die […]

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