Unser neuer Autor: Mario Buchinger

Am 26. Oktober 2016 hielt ich neben verschiedenen anderen Speakern einen Vortrag beim Symposium Change to Kaizen. Dort lernte ich auch Mario Buchinger kennen, der bei meinem Vortrag anwesend war und sich bei der anschließenden Diskussion rege beteiligt und später selber einen spannenden Vortrag hielt. Einige Tage später erhielt ich von Marios Frau Marlene eine Kontaktanfrage bei LinkedIn – und so ergab sich ein erstes intensives Skypegespräch zwischen uns dreien. Eines der Ergebnisse besteht darin, dass Mario ab Januar 2017 als Autor hier im Blog mitarbeitet. Das bisherige Autorenteam freut sich sehr über diesen Zuwachs, denn Mario bringt neue und bereichernde Perspektiven ein.

Andreas: Mario, stell Dich zu Beginn bitte kurz unseren LeserInnen vor: Welche Berufsausbildung(en) hast du abgeschlossen, wo hast Du gearbeitet und was machst Du aktuell vorwiegend?

mb_ctkMario: Ich habe ursprünglich Physik studiert und mit einer Arbeit über Röntgendoppelsternsysteme mein Diplom abgeschlossen und anschließend im Bereich Materialphysik mit einer Arbeit über Tunnelmagnetowiderstände promoviert.

Mein erster Job führte mich in die IT-Welt der Daimler AG, damals noch DaimlerChrysler, wo ich im Werk Sindelfingen Projektleiter für IT-Projekte wurde. Durch einen glücklichen Zufall landete ich dann in der internen Verbesserungsabteilung, dem MPS (Mercedes-Produktions-System). Dort durfte ich eine Expertenausbildung zum Kaizen-Trainer und Lean-Experten durchlaufen und ich hatte damals das Glück, auch von ehemaligen Toyota-TPS-Experten ausgebildet zu werden. Ein Highlight waren für mich die Reisen nach Japan, wo ich gerade vom kulturellen Aspekt her eine Menge lernen konnte.

In der Zeit danach arbeitete ich bei Bosch im Bereich Industrietechnik und verantwortete dort die Entwicklung und Qualifikation der Führungskräfte im Kontext von BPS (Bosch-Produktions-System). Darüber hinaus habe ich verschiedene Produktionsstandorte weltweit bei der Verbesserung unterstützt.

Seit zwei Jahren bin ich nun selbstständig. Neben produzierenden Unternehmen gehören auch Unternehmen aus dem Finanzsektor, der Bauwirtschaft oder auch der Telekommunikation zu meinen Kunden.

Andreas: Was verstehst Du unter dem Stichwort “Lean”, was sind die wichtigsten Punkte für Dich in dem Zusammenhang?

Mario: Der Begriff “Lean” ist leider in vielen Fällen ein großes Missverständnis. Allein die Bedeutung, also “schlank”, zeigt, dass man den eigentlichen Kern damals, und teilweise auch heute, nicht verstanden hat. In der Welt von Toyota, die ja immer als Musterbeispiel hergenommen wird, kommt dieser Begriff gar nicht vor. Womack Jones und Roos haben damals, als sie versucht haben zu verstehen, was den Erfolg von Toyota ausmacht, lediglich das erfasst, was man sehen kann. Jedoch liegt der Kern in dem, was man eben nicht sehen kann. Es geht um die Kultur, die Lebenseinstellung und das Führungsverständnis. Das, was wir als “schlank”, also als “Lean” bezeichnen, ist lediglich das am einfachsten sichtbare Ergebnis des Verhaltens von Menschen.

Ich spreche lieber von “Kaizen”, was eben weit mehr ist, als einfach nur “kontinuierliche Verbesserung”. Es erfordert das ständige Hinterfragen des eigenen Handelns und auch den Mut, Dinge falsch zu machen, um daraus zu lernen.

Andreas: Das ist vielleicht eine gute Überleitung zur nächsten Frage: Wo siehst Du die Verbindung von Lean und Unternehmensdemokratie?

Mario: In einer von Kaizen geprägten Kultur, die nichts mit der Wirtschaft oder gar Toyota zu tun hat, diese Philosophie ist viel älter, ist der Mensch nicht einfach nur eine Nummer oder ein Kostenfaktor, eben eine “Ressource”. Im Kaizen ist der Mensch die entscheidende Quelle der Verbesserung und damit eine hinreichende Bedingung, damit sich ein Unternehmen auch weiterentwickeln kann. Die klassische Management-Denke, dass “die da oben” denken, und “die da unten” nur zum “Arbeiten” da seien, ist grundweg falsch. Es geht darum, Menschen wertschätzend in die unternehmerische Entwicklung aktiv mit einzubinden.

Übrigens sind derartige Überlegungen nicht nur für Unternehmen relevant. Man kann auch ganze Staaten auf diese Art und Weise entwickeln. Oft hört man, es sei nicht möglich, Staaten wie Unternehmen zu führen. Ich glaube aber, das geht, vorausgesetzt, man führt ein Unternehmen nicht nur nach Kriterien von Effizienz und Profit, sondern im Sinne der gesellschaftlichen und langfristigen Verantwortung bei der möglichst alle Menschen ihren Platz haben und mitgenommen werden. Nur so funktioniert lebendige Demokratie.

Andreas: Wo siehst Du die wesentlichen Herausforderungen für die Wirtschaft in der Zukunft?

Mario: In der Zukunft muss es mehr Unternehmer und weniger Manager geben. Entscheider in der Wirtschaft müssen weit mehr berücksichtigen als die Steigerung von Profiten. Geld verdienen darf kein Ziel sein, es muss vielmehr als eine Notwendigkeit verstanden werden, um langfristig als Unternehmen gesund zu sein. Da können kurzfristige monetäre Ausrichtungen sehr kontraproduktiv sein.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen nur an einen kleinen Kreis, nämlich an die Eigentümer und wenige Top-Manager weitergegeben. Die Basis, also die Menschen, die das erwirtschaftet haben, gingen in den meisten Fällen leer aus. Außerdem wurde in vielen Fällen die unternehmerische Entscheidungsfreiheit vom unternehmerischen Risiko entkoppelt. Gewinne blieben privat, Verluste wurden sozialisiert. Das muss zwangsläufig früher oder später zu sozialen Spannungen führen, die wir aktuell dadurch erleben, dass Menschen zweifelhaften Kandidaten und Parteien folgen.

Kunden und Märkte ändern sich außerdem immer kurzzyklischer. Die klassische Denkweise, dass es besser sei, der bessere Zweite am Markt zu sein, ist überholt. Es ist wichtiger denn je, Paradigmen zu durchbrechen und Disruptionen zuzulassen. Hier sind wir wieder in der Kultur des Kaizen, der eben genau das beinhaltet.

Andreas: Mario – herzlich Willkommen im AutorInnenteam. Wir freuen uns auf Deinen ersten Beitrag in der kommenden Woche: „Gefangen in der Wachstumsfalle“.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Screenshot Buchinger | Kuduz
  • Mario Buchinger: © Marlene Buchinger

 

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