Unternehmen wollen Demokratie stärken

Vor knapp zwei Jahren begann ich damals zur Veröffentlichung meines letzten Buchs „Alle Macht für niemand“ dieses Blog. Vermutlich haben es die meisten nicht gemerkt: Damals kannte Google noch nicht mal den Begriff „Unternehmensdemokratie“. Wer ihn googelte bekam die Rückfrage: „Meinten Sie „Unternehmen“, „Demokratie“?“ Nein, Google, ich habe mich nicht vertippt. Und ich habe auch keinen neuen Begriff erfunden (denn den gab es schon vor mir, allerdings habe ich einen Beitrag zu einem besseren Begriffsverständnis geliefert). Und so machte ich mich mit Geduld und einem gutem SEO Berater daran, Google den Begriff Unternehmensdemokratie beizubringen. Das war damals. Heute findet Google in 0,47 Sekunden 7320 Einträge, was im Google Kosmos so gut wie nichts ist – aber immerhin, besser als „Meinten Sie… ?“ Und dann waren da noch all die polemischen Bemerkungen nach Vorträgen oder Workshops, mit einem Unterton von „wie blöd oder naiv sind sie eigentlich?“. Abgesehen von dem projektiven Charakter der zumeist sachlich falschen Pöbeleien („alles ein alter Hut“ etc.) war es beruhigend zu wissen, dass ich beinahe mit den immer gleichen einfallslosen Einwänden rechnen durfte und sehr selten mit einer originellen Argumentation konfrontiert wurde, über die es gelohnt hätte, nachzudenken. Und heute, nicht mal zwei Jahre später? Machen sich Unternehmer stark für Demokratie.

Trabbis soweit das Auge blickt, nur kein Lear Jet!

Das ist keineswegs selbstverständlich. Auch wenn es das sein sollte. Ich selbst war vor nicht allzulanger Zeit auf einer Veranstaltung eines nicht gerade kleinen deutschen Unternehmens, das mich aufgrund von „Alle Macht für niemand“ engagierte. Dort ging es um all die anstehenden Veränderungen für (Top)Führungskräfte, die gerade so in der Luft liegen. Da durfte Agilität und Selbstorganisation natürlich nicht fehlen, für die ich als Redner und Workshopleiter gebucht war. Irgendwann an dem Tag kam der extrem erfolgreiche Gründer und Inhaber auf die Bühne und hielt einen Vortrag. Und ließ nicht allzuviel Gutes an der Demokratie. Viel zu langsam, viel zu bürokratisch und so weiter und so fort. Aha. Ich fragte und frage mich immer noch: Wie hätte er wohl sein Imperium in der ehemaligen DDR aufgebaut? Blöde Frage, es wäre ein VEB geworden. Und statt mit einem eigenen Jet dem mittlerweile transnationalen Geschäft nachzugehen hätte er mit einem Trabbi im früheren Ostblock ausgiebige Reisen unternehmen können.

Das nun Unternehmer die deutsche Demokratie unterstützen wollen ist vor allem auf Grund der Besonderheiten unserer Demokratie beachtlich. Denn wir haben weltweit Mitbestimmung am meisten rechtlich kodifiziert. Unser Betriebsverfassungsgesetz, das Mitbestimmungsgesetz und gar die Montan-Mitbestimmung sind immer wieder ein garantierter Anlass für viele Unternehmer, darin den drohenden Untergang teutonischer Wirtschaft zu diagnostizieren. Die immer wieder auftauchenden Ätzereien halten dann auch wirklich jeder Überprüfung stand und sind empirisch derart validiert, dass man sich wünschen möge, überall solch stringente und unwiderlegbare Beweise zu finden. Denn dann hätten wir sicher schon den Mars besiedelt! Das deutsche Innovationsmittelmaß zum Beispiel hat rein gar nichts mit kleingeistigen Abneigungen gegen Open Innovation oder toten Verbesserungsvorschlagsbriefkästen zu tun. Das liegt alles nur am verbrieften Betriebsverfassungs- und Mitbestimmungsgesetz.

Peter Thiel, demnächst unsterblich, hier beim Hy! Summit 2014 (heute hat er schon ein paar Falten weniger!)

Und überhaupt: In der Demokratie dauert ja alles so fürchterlich lange. All die grauenhaften Diskurse und Abwägungsprozesse. Technikfolgenabschätzungen sind der inkarnierte Feind des Fortschritts. Haben wir ja an Contergan und Libobay prima gesehen. Schneller forschen, entwickeln und produzieren statt dauernd zu zweifeln, das würde uns allen zugute kommen, der Fortschritt wäre um Lichtjahre weiter. Wir Dichter und Denker sind da ganz besonders Silicon-Valley-renitent! Wir sollten gefälligst – HIER UND JETZT – vor Ray Kurzweil und Peter Thiel in die Knie gehen, denn die erklären uns provinziellen Pappnasen, wohin die Welt sich entwickeln wird: Singularität und Unsterblichkeit! (Peter, der Große, hat ja schon klar festgestellt, dass man den Tod entweder akzeptiert, ignoriert oder bekämpft. Und er gehört, wie könnte es anders sein, natürlich zu den Kämpfern, während wir deutschen feigen Zögerlingle das für total bescheuert halten, weil wir schon mit unserer jetzigen Lebenserwartung ein kleines Problem mit der Überbevölkerung haben. Aber genau solche kritischen Anmerkungen sind ja das q.e.d. unserer demokratischen Fortschrittsfeindlichkeit! Sei’s drum. Wenn Peter am 11. Oktober 3769 morgens zu seinem 1802ten Geburtstag auf ∂Erde im ∂Paralleluniversum durch seinen selbst entwickelten Protonenpool pflügt und Michael Phelps dagegen als lahme Ente erscheinen lässt, sind wir schon längst zu Staub zerfallen. (PS: Was wir normalsterblichen demokratischen Dumpfbacken bloß nicht wissen: Auf dem Foto ist Peter bereits 239 Jahre alt!))

Tja, und genau da kommen ein paar Unternehmer in Münster auf die Idee, sich zu „Rechtssicherheit, Demokratie und funktionierender Verwaltung“ zu bekennen. Sind die eigentlich völlig verrückt? Unfassbar: „Mitarbeiter sollen animiert werden, sich als Wahlhelfer, Schöffen oder in einer demokratischen Partei zu engagieren und sich in den unabhängigen Medien wie Tageszeitungen zu informieren“, so die Westfälischen Nachrichten (ein Zufall, zumal unser souveränes Staatenverständnis im westfälischen Frieden wurzelt?). Immerhin kommen da schon mal zehn Unternehmer*innen zusammen, um etwas zu unternehmen gegen die scheinbare Selbstverständlichkeit eines Lebens in Frieden und Freiheit. Ich bin – ohne das geringste Maß an Ironie – begeistert von dieser Initiative. Und hoffe, dass sie über Münster hinaus bekannt und bedeutsam wird.

Teilt diesen Beitrag, wenn Ihr dankbar seid für Euer privilegiertes Leben! Auf dass mehr Leute von diesen demokratiefreundlichen Unternehmen erfahren.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • VEB Carl Zeiss: Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 de
  • Peter Thiel: Dan Taylor, CC BY 2.0
5 Kommentare
    • Dr. Andreas Zeuch
      Dr. Andreas Zeuch says:

      Nun, ich habe in meinem Buch auch diverse weitere Unternehmen ausführlich präsentiert, und weitere Fälle finden sich auch hier im Blog. Praemandatum sind für meinen Geschmack zu klein, um als weitreichendes Beispiel zu dienen. Deshalb habe ich in meinen Beispielen nur Unternehmen ab mindestens 100MA. Durchschnittlich sind es 600MA.

      Bei Augenhöhe sind ja nun auch zwei Konzerne dabei, die für mich reichlich wenig mit Unternehmensdemokratie zu tun haben: Adidas und Unilever. Social Greenwashing, will ich meinen.

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  1. Marlene Buchinger
    Marlene Buchinger says:

    Auch wenn viele über die Demokratie motzen, ist es das beste System, das wir derzeit haben und jeder ist eingeladen mitzumachen. Mitgestalten ist aber natürlich unbequemer und aufwändiger, als daheim vorm Bildschirm oder auf der Couch seinen Unmut zu äußern. Leider ist vielen ihre eigene Verantwortung für die Demokratie – egal auf Unternehmens- als auch auf Landes- oder Bundesebene – gar nicht klar und daher finde ich die Initiative sehr gut!

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