Unternehmensdemokratie ist gesund

Unternehmensdemokratie soll gesund sein? Warum das denn? Darum: Im Oktober 2015 veröffentlichte ich hier im Blog den Post „Die Klassiker der Epidemiologie: Whitehall I + II„. Damals skizzierte ich kurz die Ergebnisse dieser bis heute bahnbrechenden Sozio-ökonomischen Studien, die bereits 1984 und 1991 publiziert wurden. Sie zeigten schon damals einen klaren Zusammenhang zwischen dem Sozio-öklnomischen Status von Arbeitnehmer*innen und deren Gesundheit bis hin zur Sterblichkeit. Die Ergebnisse pointierte ich seinerzeit so: „Zugespitzt ließe sich sagen: Mit- und selbstbestimmte Arbeit erhöht die Chance, gesund zu bleiben.“ Nun wurde Ende März 2017 eine spezifisch deutsche Studie mit ähnlichen Fragestellungen vom Institut für medizinische Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg abgeschlossen, die sogar eine noch größere Stichprobe aufweist. Die Ergebnisse stützen Whitehall I + II, ergänzt um spezifisch deutsche sozio-ökonomische Bedingungen: Das Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland.

Studienüberblick

Unter der Leitung von Professor Dr. Matthias Richter, Direktor des Instituts für medizinische Soziologie an der benannten Universität, untersuchte sein Team nahezu 20.000 Lebensläufe erwerbstätiger Deutscher im Alter zwischen 25 und 59 Jahren anhand eines Datensatzes aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) von 1992 bis 2012. „Das SOEP ist in Deutschland die umfassendste Längsschnittbefragung zu Themen, wie Lebensbiografie, Familie, Wohlstand und Erwerbstätigkeit.“ (Website des IMS) Der besondere deutsche Fokus lag in der Einbeziehung der Frage, inwiefern ein mögliches Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland über den sozioökonomischen Status Auswirkungen auf die Gesundheit der Deutschen Arbeitnehmer*innen hat.

Aus der Untersuchung ergaben sich vier Faktoren, die die Gesundheit der Arbeitnehmer*innen beeinflussen:

  1. Die berufliche Stellung
  2. Berufliche Stellung der Eltern
  3. Auf- und Abstieg in der beruflichen Stellung
  4. Bei Männern: Ost- oder Westdeutscher

Studienergebnisse

Berufliche Stellung

Wie auch bei Whitehall I + II zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und der Gesundheit, in diesem Fall einer Selbsteinschätzung. Hier finden sich im Vergleich zu Whitehall I + II nach den bisherigen Ergebnissen keine Neuerungen. Der mit den erwähnten Britischen Studien herausgearbeitete Zusammenhang zwischen beruflich-sozialer Stellung und Gesundheit wird bestätigt. Die Wahrscheinlichkeit, gesund  zu sein oder sich gesund zu fühlen verhält sich proportional zur beruflich-sozialen Stellung: Je höher die beruflich-soziale Stellung desto gesünder. Umgekehrt nimmt nicht nur die Gesundheit mit geringeren beruflich-sozialen Stellungen ab, sondern führt sogar zu steigender Sterblichkeit.

Berufliche Stellung der Eltern

Studienleiter Prof. Matthias Richter

In Ergänzung zu Whitehall I + II untersuchte Richter mit seinem Team auch die Auswirkungen der beruflichen Stellung der Eltern auf die Gesundheit. Mit der höchsten Wahrscheinlichkeit fühlten sich diejenigen Personen gesund, deren Eltern so wie sie selbst eine hohe berufliche Stellung erreicht hatten. Das umgekehrte Bild zeigte sich bei Menschen, die selbst wie ihre Eltern nur eine niedrige Position erreicht hatten. Sie schätzten ihre eigene Gesundheit am schlechtesten ein.

Wenig überraschend vermuteten die Forscher, dass die berufliche Stellung der Eltern und der damit verbundene Status „sowohl die Lebens- als auch Startbedingungen in der Kindheit und somit den weiteren Lebensweg beeinflusst.“ (Reichert 2017) Des Weiteren mutmaßten die Wissenschaftler, dass die Personen aus diesem Umfeld auch dort verbleiben und beruflich nicht oder nur selten aufsteigen. Und das wiederum beeinflusst, wie ja schon Whitehall I + II überaus deutlich zeigte, die Gesundheit.

Auf- und Abstieg in der beruflichen Stellung

Neben diesen Auswirkungen durch die berufliche Stellung des Elternhauses hat auch noch die jeweilige eigene Fluktuation zwischen beruflichen Positionen einen Einfluss zumindest auf das subjektive Gesundheitserleben. Vulgo: Wer oft auf und absteigt, fühlt sich weniger gesund, als Menschen, die stabil auf einer hohen beruflichen Position bleiben.

Rund 60% der Personen, die dauerhaft auf einer hohen beruflichen Position arbeiten, schätzten ihre Gesundheit als hoch ein. Sie liegen damit 10% über denjenigen, die beruflich dauerhaft in niedrigen Stellungen tätig sind. Erwartungsgemäß schätzten die Arbeitslosen ihre Gesundheit am schlechtesten ein und lagen 20% unter den Befragten mit hohen beruflichen Positionen.

West- oder Ostdeutscher Mann

Die berufliche und damit soziale Mobilität verläuft ebenfalls erwartungsgemäß: Die größte Chance auf einen beruflichen und sozialen Aufstieg und damit verbunden, eine berufliche Position mit zunehmend größerem Entscheidungsspielraum haben westdeutsche Männer. Das Pendant sind ostdeutsche Männer, die wiederum eher in beruflich niedrigen Positionen oder gar Arbeitslosigkeit hängen bleiben.

Zur Abwechslung gibt es wenigstens bezüglich des West-Ost-Gefälles bei den Frauen einen Vorteil: Dort gibt es keine überzufälligen, deutlichen Unterschiede bezüglich der beruflichen und sozialen Mobilität. Allerdings um einen – leider wiederum – erwartbaren hohen Preis: Frauen hatten „es insgesamt schwerer als Männer, in hohe Stellungen aufzusteigen und sich dort zu halten.Frauen verbleiben, das zeigen die Daten, vor allem auf mittleren Positionen und steigen insgesamt mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder ab.“ (ebnd.)

Studienauswertung

Krank Wirtschaften / Arbeiten trifft also einmal mehr zu. Unsere formal-fixierten hierarchischen Organisationen korrelieren deutlich mit der tatsächlichen und erlebten Gesundheit der Angestellten. Und mehr noch: Sie stehen in einem kausalen Zusammenhang, der auf gewisse Weise trivial ist. Wer gebildeter ist und mehr finanzielle Mittel hat, ist erstens in der Lage, mehr auf seine Gesundheit zu achten und kann sich zweitens auch ein gesünderes Leben leisten. Und wurde vielfach auch gesünder sozialisiert. Kurzum: Die meisten unserer Organisationen mit ihren altbekannten Hierarchien tragen einen erheblichen Teil zu ungleichen Gesundheitsvoraussetzungen bei. Umgekehrt formuliert:
Unternehmensdemokratie mit mehr Partizipation und Selbstbestimmung dürfte ein gesünderes Arbeitsumfeld darstellen.

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Quellen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Screenshot Website Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Prof. Dr. Matthias Richter: © Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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