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Unternehmensdemokratie: Politisches Topthema

Allerspätestens seit April 2015 ist es amtlich: Unternehmensdemokratie steht als eines der zentralen Themen zur Zukunft der Arbeit ganz oben auf der politischen Agenda. Am 22. April stellte Andrea Nahles das „Grünbuch Arbeiten 4.0“ im Rahmen einer Auftaktkonferenz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vor. Auf der Startseite zu diesem wichtigen Regierungsdokument wird erläutert, dass das Grünbuch „… bestimmende Trends, gewandelte Werte und wichtige Handlungsfelder der künftigen Arbeitsgesellschaft (skizziert). Es enthält eine Reihe konkreter Leitfragen, die einen breiten Dialog anstoßen sollen und unter Einbindung von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Sozialpartnern, Verbänden und betrieblicher Praxis behandelt werden sollen.“ (http://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/A872-gruenbuch-arbeiten-vier-null.html)

Unternehmensdemokratie ist Erfolgsfaktor

Das Dokument gliedert sich in fünf Kapitel:

  1. Unsere Arbeitsgesellschaft im Wandel: Trends und Szenarien
  2. Arbeiten 4.0: Arbeit weiterdenken
  3. Die Herausforderungen: Handlungsfelder und Leitfragen
  4. Die Institutionen des Sozialstaates in der Arbeitswelt 4.0
  5. Dialog: Für einen neuen sozialen Kompromiss

Im Abschnitt 3.6 „Wie arbeitet das erfolgreiche Unternehmen der Zukunft?“ geht es ausdrücklich um gute „Unternehmenskultur und demokratische Teilhabe“. Gleich im ersten Absatz wird die Bedeutung von Mitbestimmung und Partizipation klargestellt: „Mitgestalten, mitwirken und mitbestimmen sind die zen­tralen Prinzipien einer guten Unternehmenskultur – denn sie sind die Grundlage für Kreativität, Offenheit und Engagement.“ (Grünbuch Arbeiten 4.0, S. 68)

Aber damit nicht genug. Im nächsten Absatz wird klargestellt, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen einer partizipativen Unternehmenskultur und dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gibt: „Mitbestimmung und wirtschaftlicher Erfolg hängen in Deutschland eng zusammen: Dort wo es Betriebsräte gibt, ist die Produktivität in der Regel höher, sind Innovationen häufiger, geschlechtsspezifische Lohnunterschiede geringer und ist der Krankenstand niedriger. Mitbestimmte Unternehmen sind also im doppelten Sinne gesunde Unternehmen.“ (ebnd.) Natürlich sind dies keine bloßen Behauptungen, so wie umgekehrt viele der Gegner von Unternehmensdemokratie einfach ihre unbelegte Meinung in die Welt hinausposaunen. Die Vorteile der Mitbestimmung wurden durch diverse Studien und wissenschaftliche Untersuchungen belegt.

Interesse an Mitbestimmung

Überaus interessant ist auch der Hinweis auf das Interesse der Mitarbeiter an der Mitbestimmung und somit an irgendeiner möglichen Form von Unternehmensdemokratie. Eines der Gegenargumente, die ich in „Alle Macht für niemand“ kritisch beleuchtet habe, wird widerlegt. Immerhin beteiligen sich durchgängig rund 80% der Belegschaft an den Wahlen der Betriebsräte – eine Quote, die weit über die Wahlbeteiligung von Landtags- und Bundestagswahlen hinausgeht. Da müssen die Kritiker der Demokratisierung von Unternehmen erklären, wie das zu ihrer Behauptung passt, Mitarbeiter hätten kein Interesse an einer aktiven Mitgestaltung ihres Arbeitgebers.

Ebenso erfreulich ist, dass mittlerweile auch im Politikbetrieb der Fakt angekommen ist, dass es immer mehr Unternehmen gibt, die über die gesetzliche Mitbestimmung hinaus Partizipation ermöglichen und umsetzen. Dazu passt auch die Entwicklung der Sichtweise von Führungskräften. Durch die INQA-Studie „Führungskultur im Wandel“, auf die ich mich in meinem Buch auch beziehe, wird deutlich, „dass auch die Mehrzahl der Führungskräfte in Deutschland die heutige Führungspraxis für nicht mehr zeitgemäß hält.“ (a.a.O., S. 70) Es gibt also klare Hinweise auf eine Veränderung der Unternehmensführung und -gestaltung hin zu mehr Partizipation jenseits der gesetzlichen Vorgaben.

Mangelnde Transparenz im Grünbuch-Prozess

Alles in allem soweit eine erfreuliche Entwicklung. Allerdings gibt es noch ein paar Fragen: Einerseits zur Transparenz des Fachdialogs, sprich: Wie wurden beispielsweise die Expertengremien zusammengestellt? Wer sind die Experten? usw. usf. Diese Fragen habe ich parallel zur Veröffentlichung dieses Posts in einer Email an das Ministerium gestellt. Über diese Fragen hinaus ist natürlich noch völlig offen, ob der Schritt vom Grünbuch über den Fach- und öffentlichen Dialog bis zum Weißbuch bei der Abschlusskonferenz Ende 2016 nützliche Ergebnisse hervorbringt. Meines Erachtens ist dafür eben auch ein fortlaufender Austausch zwischen den „Experten“ und der „Öffentlichkeit“ nötig. Ansonsten würde der Prozess vom Grün- zum Weißbuch die guten und richtigen Ideen demokratischer Teilhabe konterkarieren. Wir werden diese Entwicklung mit Interesse verfolgen und weiter darüber berichten.

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Quellen und weiterführende Informationen

  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2015): Grünbuch Arbeiten 4.0. BMAS
  • Internetportal „arbeitenviernull.de“ des BMAS

 

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