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Unternehmensdemokratie oder Selbstorganisation?

Seit der Veröffentlichung von „Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten“ hatte ich das Vergnügen, zahlreiche Gespräche, Diskussionen und Streitgespräche zu führen, in denen es immer wieder um den Begriff der Selbstorganisation ging: Was ist der Unterschied zur Unternehmensdemokratie? Die Auseinandersetzung reichte von der berechtigten Frage nach dem Unterschied bis hin zu äußerst klaren Statements, dass doch Selbstorganisation der wesentlich bessere Begriff sei, mithin also auch das mit diesem Begriff verbundene Konzept tauglicher zur Erneuerung der Unternehmensführung wäre. Im Folgenden dazu nun meine öffentlich-offizielle Stellungnahme.

Selbstorganisation

Dieser Begriff hat, wie so viele andere Komplexbegriffe (Dietrich Dörner) auch, eine unklare und vielfältige Geschichte. Um mich hier nicht lange in ethymologischen Versuchen zu verlieren, möge eine Klarstellung reichen, wie ich diesen Begriff ganz persönlich verstehe und deute:

  1. Selbstorganisation ist zunächst ein (natur-)wissenschaftlicher Begriff. Ich erinnere mich an meine Studienzeit, als ich mich viel mit System- und Chaostheorie sowie Konstruktivismus beschäftigte und damit natürlich auch mit Selbstorganisation (zB: Bateson: Ökologie des Geistes; Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums; Luhmann: Soziale Systeme; Prigogine & Stengers: Dialog mit der Natur und so weiter…) . In meinem Gedächtnis blieb prototypisch die Selbstorganisation der Bénard-Zellen hängen, genauer: Die Rayleigh-Bénard-Konvektion, bei der sich durch Erhitzung von flachen, horizontalen Flüssigkeiten selbstorganisiert Konvektionszellen bilden. Andere Beispiele für physikalische, chemische und biologische Selbstorganisation sind Legion (zB Autopoiesis: Maturana & Varela: Der Baum der Erkenntnis; Maturana: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit).
  2. Sie ist auch im Management schon lange in Diskussion. Bereits für meine Diplomarbeit 1996 las ich unter anderem Werke über Selbstorganisation im Management und Organisationsberatung (zB: Luhmann: Organisation und Entscheidung; Malik: Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation und Strategie des Managements komplexer Systeme; Willke: Systemtheorie I-III). Meine bescheidene Wahrnehmung: Mit diesem Begriff lockt man niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Das ist zwar nicht im Geringsten ein Argument gegen dessen Sinn und Wert, aber sehr wohl gegen den praktischen Nutzen in der Weiterentwicklung von Konzepten zur Unternehmensführung.
  3. Der Begriff wirkt neutral und hat keinen politischen Impact. Das ist einerseits ein großer Vorteil, denn Selbstorganisation wird nicht umgehend in ein links-alternatives politisches Lager verfrachtet und dort mit faulen Eiern beworfen. Selbstorganisation ist einfach kein Reizwort (mehr), es erntet eher ein lässig gelangweiltes Schulterzucken.

Unternehmensdemokratie

Und nun zum Begriff „Unternehmensdemokratie“, der ebenfalls keineswegs neu ist, wie ulkigerweise in Diskussionen immer wieder kritisch angemerkt. Gerade so, als ob eine bereits vorhandene Begriffsgeschichte den Wert eines Konzepts, dass mit einem Begriff verbunden ist, zunichte machen würde.

  1. Peretz (Fritz) Naphtali, 1888-1961

    Peretz (Fritz) Naphtali, 1888-1961

    Unternehmensdemokratie wirkt als Begriff frischer. Denn zunächst mal ist im Gegensatz zur Selbstorganisation festzustellen, dass es zur Unternehmensdemokratie tatsächlich keinen Eintrag bei Wikipedia gibt. Interessant, denn der Begriff wurde unter dem unpräzisen Synonym „Wirtschaftsdemokratie“ bereits in den 1920ern unter anderem von dem deutschen Kaufmann und Wirtschaftsjournalist sowie israelischen Mehrfachminister Fritz Naphtali diskutiert – und nicht breitflächig umgesetzt.

  2. Unternehmensdemokratie hat einen politischen Impact. An dieser Stelle ist also das genaue Gegenteil des Begriffs Selbstorganisation zu verbuchen. Aus meiner Sicht ist das durchaus vorteilhaft. Denn eine der zentralen Aspekte, die mich persönlich motivieren, ist die Frage: Warum macht unsere ansonsten durchweg gewünschte Demokratie vor den Toren der Arbeitswelt halt?
  3. Unternehmensdemokratie hat eine systemkritische Konnotation. Selbstorganisation kann leicht pervertiert werden, um die bestehenden anti-demokratischen Wirtschaftsverhältnisse weiter zu zementieren. Ein Unternehmen zu demokratisieren, um damit den (natürlichen) Inhaber oder institutionelle Anleger weiter zu bereichern, ist ein Widerspruch in sich. Werkstätten sich selbst organisieren lassen, um einfach nur effizienter zu werden, ist hingegen nicht unüblich. Bei der Demokratisierung der Arbeit geht es immer auch um zentrale Aspekte wie Gleichberechtigung, Fairness und das damit verbundene Wohlbefinden der MitarbeiterInnen.

Konsequenz

Kurzum: Für mich ist Unternehmensdemokratie der nützlichere Begriff. Selbstorganisation ist nicht falsch, so wie das umgekehrt einige Vertreter und Fans dieses Begriffs von Unternehmensdemokratie behaupten (was höchst amüsant ist, denn offensichtlich haben da ein paar Leute das Konzept der Viabilität nicht verstanden und verstricken sich als Selbstorganisationsjünger in performative Widersprüche). Selbstorganisation hat nur nicht die unterschwelligen Bedeutungen und Implikationen, wie Unternehmensdemokratie. Und – trivial aber wichtig – : Selbstorganisation provoziert nicht ausreichend.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Bénard-Zellen in der Seitenansicht: Harke, gemeinfrei
  • Peretz Naphtali: gemeinfrei
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