Das Schwert des Damokles
Richard Westall, 1812

Was ist Unternehmenserfolg?

Wer sich mit der Demokratisierung von Unternehmen auseinandersetzt, muss sich natürlich auch fragen, was für sie oder ihn eigentlich Unternehmenserfolg bedeutet. Schließlich schwebt die ganze Zeit über der wirtschaftliche Misserfolg wie ein Damoklesschwert über der Unternehmensdemokratie. Die ist dann lupenrein monokausal dafür verantwortlich, dass morgen die Tore der Fabrik geschlossen werden müssen oder dass das quirlige Software Start-up die ersten drei Jahre leider nicht überlebt hat und all die hübschen Macs in die Insolvenzmasse übergehen. In diesen Bildern, in diesem mentalen Modell darüber, was Unternehmenserfolg bedeutet, steckt eine pathogene Reduktion des unternehmerischen Erfolgsbegriffs. Denn Unternehmenserfolg ist nicht objektiv auf wirtschaftlichen Erfolg herunter zu brechen. Im Folgenden meine Suche nach einer Antwort, unzulänglich freilich, aber immerhin. Diskussion erwünscht.

Dimensionen und Chronologie des Unternehmenserfolgs

Was genau ein Unternehmen eigentlich ist, scheint nur auf den ersten Blick selbstverständlich. Es umfasst verschiedene Dimensionen in teils variabler Chronologie, die konstituierend für den Begriff des Unternehmenserfolgs sind. Ein Unternehmen wird, und das mag dem einen oder anderen neoliberalen Hardliner sauer aufstoßen, zunächst einmal von Menschen gegründet, die Teil einer menschlichen Gesellschaft sind, durch diese über Jahre hinweg geprägt wurden und eines Tages eine Geschäftsidee haben. Bis heute hat noch keine Maschine ein Unternehmen gegründet, wenngleich dies in der Zukunft normal werden mag. Egal, für heute. Am Anfang waren und sind Menschen als Teil einer Gesellschaft. Es entsteht also zu Beginn erst einmal ein soziales Gefüge aus einzelnen Personen als Teilmenge der sie umgebenden Gesellschaft, es sei denn der Unternehmer bleibt alleine.

Vielleicht wurde schon von Anfang an klargestellt, wozu das Unternehmen eigentlich dienen soll, was sein Zweck ist. Geht es darum, seine GründerInnen reich zu machen, damit die den Rest des Lebens auf einer Yacht in der Karibik Caipirinhas saufen und schnorcheln können? Oder wurde es gegründet, weil die Produktidee ein  Problem löst, wie die junge amerikanische Firma Reecycle, die seltene Erden aus Technikschrott extrahiert? Oder einfach weil es ein Abenteuer ist und die GründerInnen keine Lust auf irgendeinen 9to5 Job haben? So oder so, vieles ist denkbar. Es kann aber auch sein, dass der Zweck zu Beginn der Gründung gar nicht bewusst durchdacht wurde.

Nach dem Entstehen oder Entwickeln der Geschäftsidee wird versucht, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu erzeugen. Ich würde mich schon sehr wundern, wenn irgend jemand ernsthaft behaupten würde, am Anfang wäre der Gewinn gewesen, ein volles Konto und daraufhin wäre ein Unternehmer gekommen, hätte das Konto mit all dem Geld für sich in Anspruch genommen und dann damit seine Geschäftsidee und sein Geschäftsmodell umgesetzt. Natürlich kann eine Unternehmerin mit dem ersten Unternehmen Gewinn erwirtschaftet haben, den sie dann einsetzt, um ein zweites Unternehmen zu gründen. Aber das ändert nichts an der Reihenfolge des Beginns ihrer Unternehmerinnenkarriere. Auch Investoren ändern dieses Spiel nicht, denn bekanntermaßen muss man und frau erst mal kräftig arbeiten, ein Geschäftsmodell entwickeln, einen Prototypen bauen und einen Businessplan erstellen, bevor Investoren den Geldfluss ermöglichen.

Dollar

Erst danach erfolgt der – hoffentlich – erfolgreiche Verkauf der Produkte oder Dienstleistungen, um am Ende des Tages nach Abzug aller Kosten und Steuern einen Gewinn zu erzielen. Dann, ja dann, ist endlich der erstrebte Gewinn erreicht. Dann kann mit diesem Geld in verschiedenen Formen gespielt werden.

Die zeitliche Reihenfolge lässt sich nicht genau bestimmen. Klar ist nur, dass jeder Unternehmer, noch lange bevor er seine Geschäftsidee entwickelt, bereits Teil einer menschlichen Gesellschaft war und durch deren Kultur und Technologien geprägt wurde, wie oben schon angedeutet. Diese Prägung ermöglicht überhaupt erst die Geschäftsidee und den Unternehmenszweck. Kein mittelalterlicher Bauer wäre auf die Idee gekommen, ein Smartphone zu bauen und zu verkaufen. Ob jedoch erst drei Freunde bei einem Kasten Bier ihrer Sehnsucht nachgehen, gemeinsam „etwas zu unternehmen“ und deshalb eine Geschäftsidee entwickeln, oder ob eine Hausfrau alleine eine Serviceidee für andere Hausfrauen entwickelt und dann Mit-Unternehmerinnen sucht ist ebenso offen, wie die Frage, ob der Unternehmenszweck vor der Geschäftsidee entwickelt wurde. Insofern bleibt die folgende Auflistung bezüglich der Chronologie unscharf, bis auf die zwei Tatsachen, dass jeder Unternehmer immer erst Teil einer Gesellschaft war und immer erst zusammen gearbeitet werden muss, bevor Geld erwirtschaftet wird:

  • Gesellschaft: Einbettung ins menschliche Umfeld
  • Geschäftsidee: Produkte & Dienstleistungen
  • Sinn: Unternehmenszweck
  • Mensch: Unternehmen als soziales System
  • Ökonomie: Finanzieller Gewinn

Unternehmenserfolg ist subjektiv

Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen und wir wir sie interpretieren und gewichten, ist unsere persönliche Angelegenheit. Objektiv scheint mir nur zu sein, dass wir durch unser Umfeld, die Gesellschaft in der wir aufwachsen, beeinflusst werden. Jeder Unternehmer entscheidet für sich, was den Erfolg seines Unternehmens ausmacht. Alle MitarbeiterInnen müssen diese Frage ebenfalls für sich beantworten, genauso wie Investoren und alle anderen Stakeholder. Selbst dann, wenn jemand der angeblich amtlichen Definition folgt, Unternehmen hätten nur den Zweck, Gewinn zu maximieren, so bleibt dies doch eine jeweils individuelle Entscheidung.

Und diese Entscheidung ist eine Folge der über Jahre hinweg entstandenen Perspektiven, Wissensbestände, Glaubenssätze und persönlicher Werte. Eine Wirklichkeit kann so oder so interpretiert werden. Dabei lässt sich keinesfalls immer feststellen, ob die eine oder andere Perspektive richtig ist, wie die Illustration unten sofort klarmacht.

Verschiedene Perspektiven

 

Unternehmensdemokratie ist kein Garant für (Miss-)Erfolg

Wenn wir all dies in Rechnung stellen, wird deutlich, dass Unternehmensdemokratie weder Erfolg noch Misserfolg sicher nach sich zieht. Das liegt über das bis hierher Durchdachte auch daran, dass traditionell geführte Unternehmen ebenso erfolgreich sein oder scheitern können. Was im Übrigen einer der durch und durch verqueren Aspekte in der Diskussion um den Erfolg von Unternehmensdemokratie ausmacht. Denn die meisten Unternehmen sind nach wie vor nicht demokratisch geführt, was nichts daran ändert, dass auch top-down gesteuerte Unternehmen immer wieder scheitern.

In einem der Fallbeispiele von „Alle Macht für niemand“ erzähle ich die Geschichte einer gescheiterten Unternehmensdemokratie. Der Unternehmenserfolg hinsichtlich der ökonomischen Dimension ist irgendwann ausgeblieben. Allerdings hat dieses Unternehmen immerhin 33 Jahre lang auch große wirtschaftliche Erfolge feiern können, wurde sogar eine Zeitlang zum europäischen Marktführer in seiner Sparte. Erst dann, als sich die Marktbedingungen radikal änderten, kam der Absturz. Aber ist deshalb die Unternehmensdemokratie gescheitert? Wieviele andere, nicht demokratisch geführte Unternehmen sind schon früher in die Insolvenz gekommen? Wieviele solcher Unternehmen hängen seit Jahren am Tropf von Fremdfinanzierungen in der Hoffnung auf den Turnaround, eines Tages? Und: War es nicht ein großartiger Erfolg, dass über Jahrzehnte hinweg die MitarbeiterInnen dieses gescheiterten, demokratischen Unternehmens die Freiheit hatten, mitzubestimmen, wenn sie wollten?

Was ist Unternehmenserfolg?

Nach den bisherigen Überlegungen, würde ich die Frage nach dem Unternehmenserfolg solchermaßen beantworten:

Unternehmenserfolg ist ein subjektiver Begriff, der zumindest die Dimensionen Gesellschaft, Geschäftsidee, Sinn, Mensch und Ökonomie umfasst. Eine objektive Feststellung, welche dieser oder weiterer Dimensionen relevant sind, ist unmöglich.

 

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Bildnachweis

Das Schwert des Damokles: Richard Westall

4 Antworten
  1. Gaby Engelbart
    Gaby Engelbart says:

    Hallo. Vielen Dank für den interessanten Artikel. In der Wirtschaftswoche vom 19. Juni 2016 gab es auch zum Thema Erfolg einige Beiträge: http://weiter-lesen.net/1937/deinen-erfolg-sichern/ Meiner Meinung nach gehört zum Erfolg, Dinge zu tun, die einem liegen, die man idealerweise sogar liebt und nicht zu früh aufzugeben! Und ohne eine gewisse Disziplin geht es meisten auch nicht!

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Beweis für die Nichtigkeit des Homo oeconomicus, einfach so getan, als ob Kontrolle zu mehr Unternehmenserfolg führen würde – ohne dabei diesem behaupteten Ertrag den dazugehörigen Aufwand […]

  2. […] steckt allerdings Potential und Sprengstoff zugleich. Andreas selbst hat schon über eine neue Definition des Unternehmenserfolges […]

  3. […] Ein weiterer Hinweis dafür, dass eine zentralistische top-dwon Steuerung kein Garant für Unternehmenserfolg […]

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