Partizipation – Die zweite Seite einer Medaille. Teil 3

Was verstehen wir unter Partizipation? Die Kultur-Wissenschaft nennt sie Solidarität. Der Artikel „Was ist Partizipation?“ zeigt eine Seite der Medaille auf, die Außenseite. Die andere Seite der Medaille ist die Innenseite. Im ersten Teil der Trilogie sammelte ich für die “andere Seite der Medaille” Indizien aus der Geschichte. Mit meinem Kompass “Autonomie” zeigte ich über die Selbstbestimmungstheorie, wie subtil der Mensch durch das soziale Umfeld konditioniert werden kann. Im zweiten Teil ging ich auf die Entwicklungspsychologie ein, welche uns wiederum zeigte, dass Menschen sich in ihrem Bewusstsein entwickeln und schließlich die Ebenen “Autonom” und “Integriert” erlangen können. Schließlich führte ich die Berufserfahrungen der  Psychotherapeuten Erich Fromm’s und Scott Peck’s auf, die uns Auswirkungen des gebremsten Bewusstseins-Wachstum aufzeigen.

In diesem dritten Teil werde ich auf die Integrale Theorie von Ken Wilber eingehen, dem es mit seinem Modell gelungen ist, Sachverhalte mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven zugleich zu betrachten.

Integrale Theorie von Allem

Mein Fokus lenke ich nun auf die Konzeption Ken Wilbers mit der Integralen „Theorie von Allem„. Dabei zwingt mich meine bisherige Gedankenwelt dazu, den gleichen Schritt zu vollziehen, den Ken Wilber wahrscheinlich in der Entwicklung seiner Konzeption für notwendig erachtete: die Integration von unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaften. So entwickelte er ein Modell, das in den integralen Kreisen AQAL (Alle Quadranten, Alle Linien) genannt wird. Er lädt uns dazu ein,  sämtliche Errungenschaften der Wissenschaften in Perspektiven einzuordnen. Er möchte also immer die Frage beantworten, “Aus welcher Perspektive entsprang diese Erkenntnis in dieser Wissenschaft?”. Damit spannt er die Wissenschaft in der Horizontale in 4 Perspektiven auf und implementiert in diesen jeweiligen Perspektiven die Vertikale mit ihren oben beschriebenen Stufen (Entspr. Entwicklungspsychologie und der Evolutionspsychologie wie Spiral Dynamics von Don Beck und Christopher Cowan.

Die 4 Quadranten

Wenn wir in dem Raum der wissenschaftlichen Disziplinen umherreisen, dann begegnen uns eine Menge an Perspektiven, von denen aus geforscht wurde. Die Evolution der Wissenschaften zeigt sogar auf, dass wir als Menschheit im Laufe unterschiedlicher Phasen der Evolution unsere Interessen jeweils auf bestimmte Perspektiven gerichtet haben. So gab es Zeiten, da interessierte uns die Untersuchung der eigenen ICH-INNEN-Perspektive, Zeiten der WIR-INNEN-Perspektive, der ICH-AUßEN-Perspektive und der WIR-AUßEN-Perspektive. Jede Perspektive nutzte dabei eigene Mittel der Untersuchung. Dabei durchwanderten die Untersuchungen alle 4 Perspektiven entsprechend einer Spirale, die von unserem kollektiven Bewusstsein bestimmt wurde. Die folgende Grafik zeigt die Perspektiven auf einer gemeinsamen Stufe in der Vertikale.

Abb. 3 – 4 Quadranten nach Ken Wilber

Mit diesem Modell gelingt es uns, einen Zugang zu unterschiedlichen Sachverhalten mit 4 Perspektiven gleichzeitig aufzuspannen. Begebe ich mich in eine Perspektive, habe ich die Möglichkeit die 3 weiteren Perspektive einzunehmen und die Korrespondenz aller 4 verstehen zu lernen. Soweit die horizontale Ebene. Beziehen wir jetzt noch die Vertikale mit ein, mit ihrer Aufteilung in Bewusstseins-Stufen, lässt sich die Korrespondenz in allen 4 Perspektiven der jeweiligen Bewusstseins-Stufe ermitteln. Das bedeutet, eine bestimmte Bewusstseins-Stufe im ICH-INNEN bezieht sich auf derselben Stufe im ICH-AußEN, WIR-INNEN und WIR-AUßEN. Weil wir Menschen eine bestimmte psychische Reife erlangten, entdeckten wir in der empirischen Wissenschaft das entsprechende Organ, gelang es uns eine entsprechende Kultur zu praktizieren und erzeugten wir passende Strukturen in unseren Organisationen.

Abb. 4 – 4 Quadranten und Stufen

Wilber, Ken (2001): Ganzheitlich handeln, Freiamt, Arbor Verlag, S 54

Wie entstehen Kultur und das passende System dazu?

Um schließlich die Untersuchung der Innenseite unserer Medaille “Partizipation” abzuschließen, gehen wir noch in die detaillierte Betrachtung der Kultur-Entwicklung aus Integraler Sicht. In Ken Wilbers Excerpt C finden wir den passenden Stoff hierfür.

Mit der Betrachtung der Kultur begeben wir uns in die WIR-INNEN-Perspektive. Um das Phänomen Kultur gut greifen zu können, sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf das „INNEN“ lenken. Hierin steckt die entscheidende Natur einer Kultur. Sie ist die Innenwelt eines Systems und definiert sich über das Teilen der Innenwelten der Individuen. Je mehr wir uns von unserem Inneren heraus begegnen, desto mehr finden wir ein Verständnis zwischen uns. Ken Wilber beschreibt ausführlich in seinem Excerpt, wie wir nicht über unsere gesprochenen Worte als solches ein Verständnis finden, sondern über die ausgesprochenen Offenbarungen unserer Innenwelten bzgl. eines Themas. Je häufiger wir uns in diversen Themen auf diese Art hermeneutisch austauschen, umso größer spannen wir den Rahmen auf, in dem wir uns verstehen. Er nutzt dabei auch das Beispiel des Schachspielens. Wenn zwei Schachspieler den Regeln des Schachs folgen und auf diese Art Schach spielen, erzeugen sie damit ihre Schach-Kultur. Die Schachregeln stehen für den aufgespannten Rahmen, der durch viele hermeneutische Dialoge entstanden ist und irgendwann wie ein Interaktionsspielraum wirkt. Der Rahmen verdeutlicht sich jedoch nur, wenn die Spieler auch dafür in den Dialog treten. Dabei ist die Expression der eigenen Innenwelt ausschlaggebend. So lange die Spieler den Regeln folgen, halten sie sich in der möglichen Kultur auf. Beide könnten aus einem sprachlich unterschiedlichen Hintergrund kommen und sich dennoch in dem Schach-Kultur-Raum aufhalten. Würden sie versuchen sich außerhalb des Rahmens zu verständigen, bekämen sie Schwierigkeiten.

Diese Regeln müssen im wahren Leben nicht immer so transparent wie Schachregeln erscheinen, sie werden jedoch unsichtbar ihre Wirkung zeigen. Die beiden Schachspieler behalten bei alledem ihre Individualität und teilen sich im Spiel einen Schach-Kultur-Raum, in dem beide Partner auf Augenhöhe sind.

Jetzt fehlt uns noch der letzte Schliff im Modell, die Entwicklungsstufen. Da es sich bei den Entwicklungsstufen um holonische Merkmale handelt, schließt jede Stufe alle vorangegangenen Stufen mit ein. Das bedeutet jedoch auch, dass jede Stufe ihre übergeordnete Stufe nicht verstehen kann, da das Bewusstsein noch in diese Stufe hineinreifen muss. Im Folgende noch ein Überblick auf alle Stufen entsprechend verschiedener Modelle:

Abb. 5 – Stufen Farben Dimensionen

https://www.flickr.com/photos/kentbye/3924768490/sizes/o/in/photostream/

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Orientieren wir uns mal auf die Farben im Spiral Dynamics (SD). Wenn zwei Menschen eine Interaktions-Kultur entwickeln wollen, und einer der beiden in seiner Entwicklung auf Gelb steht und der andere auf Blau, besteht für beide die Möglichkeit sich in der Vertikalen auf der Stufe Blau zu treffen. Das gesamte Spektrum über Blau bis Gelb bleibt ihnen damit verschlossen, weil Blau diese Reifestufen nie begreifen wird.

Fazit

Mir hat die Vorstellung einer Großfamilie geholfen. Stellen wir uns also eine Familie mit 4 Kindern, 2 Eltern und 2 Großeltern in einem Haus vor. Die Kinder befinden sich im Alter von 2, 5, 9 und 16. Die Erwachsene 38, 45, 63 und 70. Wenn die Familie nun einen gemeinsamen Ausflug plant, kann sie nur für einen begrenzten Bereich der gedanklichen Auseinandersetzung alle Familien-Mitglieder mit einbeziehen, da die jüngsten hierbei eine Limitierung darstellen. Vielleicht kann den Kernvorstellungen der jüngsten entsprochen werden, jedoch werden sie nicht in der Lage sein, bei bestimmte Umsetzungsplanungen und Umsetzungen zu partizipieren.

Der Entwicklungsstand bestimmt also in jedem die innere Kapazität des Partizipationsgrad und der Reichweite. Das Organisationssystem dieser Familie wird sich dementsprechend darstellen. Die Kunst wird es sein, in diesem System der großen Bandbreite gerecht zu werden.

Schlusswort

Mit dieser Reise in die Innenwelt der Partizipation habe ich versucht, einen relevanten Auszug an Theorien anzusprechen. Wenn dir am Ende des Artikels klar geworden ist, dass die Medaille Partizipation mindestens 2 Seiten besitzt (oder sogar 4.. 🙂 ) und die Frage der gelebten Partizipation sich auf 4 Quadranten und einer Vertikalen von Entwicklungsstufen abspielt, dann habe ich mein Vorhaben erfüllt. Wenn sich dir bei einer selbstgeführten Organisation noch die Notwendigkeit aufdrängt, die Personalentwicklung in Richtung Nachreifung auszurichten, dann habe ich sogar meine angestrebte Schlüssigkeit in diesem vielschichtigen Thema erreicht.

Falls auch du dich mit diesem Thema auseinandersetzt und noch spannende Gedankengänge oder konstruktive Kritik für mich hast, fühl dich eingeladen diese im Kommentarbereich darzustellen. Ich danke dir für dein Interesse und deinen Versuch meine Darstellung zu verstehen.

 

Herzliche Grüße

René

 

 

Quellen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Pixabay, freie komerzielle Nutzung
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.