Angebot und Nachfrage verantworten Produzenten und Kunden

Am 14. September diesen Jahres veröffentlichte Spiegel Online ein denkwürdiges Interview mit Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie. Titel: „Wir sind ein Schnarchland geworden.“ Den Titel würde ich sofort unterschreiben, allerdings mit etwas anderen Vorzeichen, als Herr Kempf. Er wälzt eben mal schnell die Verantwortung für die Herstellung von Produkten restlos auf die Konsumenten ab. Natürlich, schließlich soll er ja die deutsche Industrie und deren Interessen vertreten.

Die Tücke des Entweder-Oder

Schon oft wurde in der abendländischen Geschichte eine Frage nach dem Entweder-Oder aufgeworfen. Besonders bekannt geworden ist die kausale Verknüpfung von Sein und Bewusst-Sein durch Karl Marx, der zusammen mit Engels den dialektischen Materialismus aufbrachte: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Heute wissen wir: Ja, das Sein bestimmt mit Sicherheit auch das Bewusstsein. Wir erleben das täglich im Zuge der Ungleichheit bei den Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen. Wer bildungsfern in einem möglicherweise noch kriminellen Milieu aufwächst, hat zumeist signifikant geringere Chancen, ein gutes Abitur oder gar einen herausragenden Studienabschluss zu erreichen, als Kinder von Akademikern, die ihre Kinder im Laufe des Aufwachsens unterstützen.

Das heißt aber noch lange nicht, dass das Sein nicht umgekehrt auch eine Folge des Bewusstseins ist. Denn sonst dürften erstens keine Jugendlichen aus problematischen Milieus mit möglicherweise sogar selbst vollzogenen Straftaten eines Tages doch noch auf einen erfolgreichen Bildungspfad gelangen. Und in der aktuellen Debatte um die Zukunft der Arbeit müsste sich zweitens bei der absoluten Überzahl traditionell strukturierter und kultivierter Organisationen die Frage stellen, wie alternative Organisationsformen (Netzwerk-Organisationen, Kreis-Organisationen etc.) überhaupt entstehen konnten. Genetische Mutationen dürften als Erklärung kaum dienlich sein. Somit können wir den lange währenden Streit auflösen und kurz festhalten:

Sein und Bewusst-Sein bedingen sich gegenseitig. (Andreas Zeuch)

Industrie als Unschuldslamm

In dem erwähnten Interview kommt die Sprache irgendwann auf die mittlerweile immer wieder diskutierten SUV. Die Spiegel Reporter fragen bei Kempf nach:

„SPIEGEL: Aber es wären ja mit anderen Autos auch deutlich bessere Verbrauchswerte möglich.

Kempf: Das stimmt – und die meistverkauften SUV haben sie auch. Ich wehre mich dagegen, dass wir gleich mit Verboten kommen. Die SUV werden nicht gekauft, weil sie produziert werden. Sondern sie werden produziert, weil sie gekauft werden. Dass der Staat die Wahl des Fahrzeugs regelt, halte ich für den falschen Weg.“ (El-Sharif & Kaiser 2019, kursiv AZ)

Damit hat der BDI Präsident eine eindeutige Kausalität definiert, es ist aus seiner Sicht und damit wohl der des BDI klar, dass etwas nur produziert wird, weil die Konsumenten es kaufen. Klar ist: Wenn sie es nicht kaufen würden, könnten die Produkte (und Dienstleistungen) natürlich nur kurzfristig produziert und zum Kauf angeboten werden. Damit ist aber immer noch die Frage offen, wie es überhaupt zu Produkten wie SUV gekommen ist. Denn die Konsumenten haben keine Vorschläge an die Produzenten eingereicht und ihre angeblichen Bedürfnisse kommuniziert.

Kempf reflektiert nicht eine Sekunde die Option, dass Produkte von Unternehmen erfunden werden (was offensichtlich ist) und erst dann die Nachfrage entsteht. Für Kempf ist somit die Industrie aus jeglicher Verantwortung freigesprochen, dass es überhaupt a-soziale Produkte gibt, die Gemeingüter wie unsere natürlichen Ressourcen mehr ausbeuten und zerstören, als andere, wie es die Spiegelreporter mit ihrer Frage nach den Verbrauchswerten andeuten.

Die Erfindung der SUV

Bevor der SUV Boom losging, gab es diverse Autoklassen: Die klassische Limousine, Coupes, Cabrios, Kombis – und Geländewagen mit echter Geländetauglichkeit. Was es seinerzeit noch nicht gab: Sport Utility Vehicles, eine Klassifizierungsbezeichnung, die ihrerseits überhaupt erst erfunden werden musste (was im Zusammenhang mit dem bekannten „Jeep“ geschah). Bereits der erste Absatz der Definition von SUVs bei Wikipedia spricht Bände:

„SUV … sind Personenkraftwagen mit erhöhter Bodenfreiheit …, die an das Erscheinungsbild von Geländewagen angelehnt sind. Der Fahrkomfort ähnelt dem einer Limousine. Die Geländetauglichkeit ist von Modell zu Modell sehr unterschiedlich, Allradantrieb ist zum Beispiel bei diversen Modellen gar nicht lieferbar. Dies begründet sich aus dem Umstand, dass viele Fahrzeughalter ihre SUV überwiegend oder ausschließlich im Straßenverkehr nutzen. Auch die Serienbereifung der meisten SUV ist für ernsthaftes Fahren im Gelände kaum bis nicht geeignet.“ (Wikipedia)

Da die SUV zur Simulation des Geländewagen-Feelings entsprechende Baumaße haben, ergeben sich daraus Konsequenzen zu Lasten der Allgemeinheit: Schon lange ist Mehreres klar:

  1. Für Fußgänger, Fahrradfahrer und Fahrer motorisierter Zweiräder ist der frontale Aufprall aufgrund der höheren Bauweise deutlich riskanter, als mit anderen Fahrzeugklassen.
  2. Kleinere, leichtere und weniger hohe Fahrzeugklassen erleiden deutlich stärkere Schäden bei Unfällen als beteiligte SUV. Deren Insassen sind sicherer, während das Risiko schwerer Verletzungen bis hin zum Tod bei den Insassen der anderen Fahrzeuge deutlich höher ist.
  3. Der Verbrauch ist aufgrund des höheren Gewichts und CW-Werts deutlich höher als bei vergleichbaren anderen Fahrzeugen.
  4. Die Produktion verbraucht aufgrund der größeren Bauweise bis hin zu größeren Reifen mehr Ressourcen, als andere Personenkraftwagen, ausgeschlossen echte Geländefahrzeuge.

Folgerichtig bringt der taz Journalist Arno Frank die Sicherheitsrisiken für andere Verkehrsteilnehmer*innen trefflich auf den Punkt und macht damit einen Teufelskreis sichtbar:

„Der sicherste Weg, im Verkehr nicht einem SUV zum Opfer zu fallen, ist die Anschaffung eines SUV.“ (Frank, A. 2019)

Kurzsichtige Konsumenten

Nun ist das Kind längst in den Brunnen gefallen. SUVs sind erfunden, so wie eine Menge anderer absolut überflüssiger Produkte, die auf Kosten der Gemeinschaft und ihrer Gemeingüter gehen. Wenn es denn erst einmal ein Produkt auf dem Markt gibt, egal wie unmittelbar schädlich es sogar für einen selbst sein mag (Alkohol, Tabak, etc.) – es findet garantiert seine Käufer*innen. Denn wir Menschen sind nahezu perfekt darin, langfristige Folgen heutigen Handelns zu verdrängen. Niemand, der sich einen lustigen Rausch auf der betrieblichen Weihnachtsfeier ansäuft, möchte am nächsten morgen mit Leberzirrhose oder einem Korsakow-Syndrom aufwachen. Aber was in 30 oder 40 Jahren ist – who cares?

Dieser Verdrängungsmechanismus funktioniert sogar dann bestens, wenn die Konsumenten wissen, dass sie vom Produzenten verarscht werden. Anders lässt sich kaum erklären, dass VW, als einer der führenden Protagonisten des #Dieselgate insbesondere in Deutschland nicht nur keine Verkaufsflaute hinnehmen musste, sondern den Absatz seit bekannt werden des systematischen Betrugs sogar noch steigern konnte. Man könnte meinen, wer nach einem Hauskauf den zweitgrößten Betrag beim Kauf tätigt und einen mittleren bis hohen fünfstelligen Betrag hinblättert, sollte auf die Qualität und Zuverlässigkeit des Produzenten achten. Weit gefehlt. Ganz offensichtlich sind andere Kriterien deutlich wichtiger.

Dabei dürfte Marketing mit seinen zahlreichen Manipulationsoptionen keine geringe Rolle spielen. Produkte werden schon lange nicht mehr nur aufgrund mehr oder minder objektivierbarer Kriterien gekauft, sondern weil um sie herum emotionale Welten gebaut werden. Produkte dienen der Zuordnung zu und Unterscheidung von sozialen Gruppen. Der Besitz dient im sozialen Vergleich zum Nachbarn der Aufwertung der eigenen Person, als Beweis professionellen Erfolgs gegenüber den (Ehe)Partner*innen und so weiter und so fort. Natürlich bemühen sich fast alle Produzenten darum, die Nachfrage künstlich zu steigern und Bedürfnisse zu erzeugen, die es vorher entweder überhaupt nicht oder zumindest nicht im aktuell vorliegenden Umfang ohne Werbung gab.

Regulation kann erfolgreicher sein als Deregulation

Es geht also einmal mehr um die immer wieder heiß diskutierte Frage, wieviel staatliche Regulation sinnvoll ist. Wenn es nach Kempf als Sprachrohr des BDI und damit eines Großteils der deutschen Industrie geht, oder all den unzähligen Wirtschaftslobbies, dann brauchen wir einen marktwirtschaftlichen Wilden Westen mit maximal geringer Regulation. Nur das würde Innovationen und damit das Mantra des Fortschritts und Wachstums ermöglichen. Amüsant, dass marktwirtschaftliche Selbstorganisation von denen beschworen wird, die in ihren Organisationen meist strikte Vertreter*innen von Command-and-control sind, mit entsprechend ausgebufften Regelwerken für alle Eventualitäten. „Sehr witzig!“ würde Klings Känguru anmerken (Kling, M. 2009).

Das neoliberale Credo vom sich selbst organisierenden Markt und der Überlegenheit privatwirtschaftlicher Unternehmen gegenüber staatlicher Organisation ist längst vielfach widerlegt, auf drastische Weise zuletzt während der Wirtschaftskrise 2007/2008. Desweiteren haben wir heute zahlreiche empirische Daten, welche positiven Effekte Verbote und Vorschriften haben können. Dazu müssen wir nur an die Einführung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen denken. Seinerzeit wurde der Untergang der Gastronomie beschworen, heute ist klar: Wenn sich etwas verändert hat, dann steht die Gastronomie infolge nicht mehr stinkender, verqualmter Räume eher besser da, als zuvor. Zudem haben die kardiovaskulären und onkologischen Erkrankungen abgenommen, was wohl den betroffenen Personen ebenso recht sein dürfte, wie der Solidargemeinschaft, die weniger Behandlungen finanzieren muss. Oder was ist mit der Gurtpflicht? Wer erlebt es heute noch als Beschneidung seiner Freiheit, sich angurten zu müssen? Wer würde widersprechen, dass es in den meisten Fällen zur deutlichen Reduktion von Unfallfolgen führt? Eine staatliche Regulation mehr, die absolut sinnvoll ist.

Infolgedessen ist es besonders bizarr, wenn Befürworter der freien, selbstorganisierenden Marktwirtschaft die empirischen Belege positiver Effekte von Konsumverboten sowie Vorschriften ignorieren und all das maximal undifferenziert als ideologisch motiviert denunzieren, oder gebetsmühlenartig deren Ineffizienz herbeireden. Dabei sind vielmehr sie selbst es, die einer bestimmten Ideologie folgen und in bester projektiver Manier der Gegenseite das unterstellen was sie selbst betreiben. Es ist absolut unstrittig, dass etwas produziert wird, weil es einen Bedarf gibt, so wie Kempf es beschrieben hat. Aber es wird umgekehrt auch etwas gekauft, weil es produziert und beworben wurde.

 

 

Herzliche Grüße

Andreas
Literatur
  • El-Sharif, Y.; Kaiser, S. (2019): BDI-Präsident über Deutschland: „Wir sind ein Schnarchland geworden“. Spiegel Online
  • Frank, A. (2019): Design und Darwinismus. taz.de, 14.09.2019
  • Kling, M.-U. (2009): Die Känguru Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers. Ullstein.

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: pixabay, lizenzfrei
  • SUV: ©Andreas Zeuch
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.