Anweisung verringert Motivation

Vielen ist es bekannt, das äußerst denkwürdige Experiment von Stanley Milgram, das nun über ein halbes Jahrhundert zurückliegt: Seinerzeit untersuchte der amerikanische Psychologe die Bereitschaft von Menschen, andere körperlich zu verletzen und ihnen starke Schmerzen zu bereiten. Im Ergebnis verabreichten damals rund zwei Drittel der Probanden anderen Menschen vorgeblich lebensbedrohliche Elektroschocks. Sie führten die Anweisung sogar dann weiter aus, wenn sie die gespielten Schmerzensschreie aus dem anderen Raum hörten. Menschen folgen also Autoritätspersonen weit über die eigenen moralischen Grundsätze hinaus. Infolgedessen ergab sich eine bedeutsame Frage: Warum setzen Anweisungen und Befehle sogar tiefe Moralvorstellungen außer Kraft? Verschiedene nach der Milgram Studie folgende Experimente machten klar, dass sozialer Druck dafür verantwortlich ist. Und nun zeigt eine aktuelle Untersuchung, dass die Ausführung einer Anweisung sogar neuronale Konsequenzen hat und das subjektive Erleben der angewiesenen Handlung im Vergleich zu selbstbestimmtem Agieren massiv verändert.

Studiendesign „Anweisung“

Ausgangspunkt des hier vorgestellten Experiments war die Beobachtung, dass die Verantwortungsübernahme für ausgeführte Befehle häufig verweigert wird. „Aber sagen (Menschen) das nur, um der Strafe zu entgehen oder verändern Befehle tatsächlich unsere grundlegende Wahrnehmung der Verantwortlichkeit?“, brachte Haagard, einer der Forscher, die Problematik auf den Punkt. Eine Forschungshypothese bestand nun darin, dass Befehle die subjektive Wahrnehmung der Handlungsmächtigkeit verändert. Sprich: Wir haben nicht mehr das Gefühl, die Situation und die damit verbundenen Handlungen zu kontrollieren.

933D0881-F7C5-4224-8675-90752831346DZur Untersuchung der Hypothese saßen in zwei verschiedenen Gruppen je zwei Versuchspersonen an einem Tisch gegenüber. Sie hatten abwechselnd die Möglichkeit, dem jeweils anderen Probanden einen leichten Stromschlag zu versetzen, um einen finanzielle Belohnung dafür zu erhalten. In der einen Gruppe konnten sie dies selbst bestimmen, in der anderen wurden sie von einem Leiter des Experiments angewiesen, einen Schock zu erteilen.

Auf den Tastendruck, der den leichten Stromschlag auslöste, folgte ein Ton. Die Versuchspersonen wurden nach dem Tastendruck um eine Einschätzung der Dauer zwischen Tastendruck und Ton gebeten. Diese angeforderte Einschätzung basiert auf vorherigen Studienergebnissen, dass Menschen Zeitintervalle zwischen aktiv ausgeführten Handlungen kürzer wahrnehmen, als wenn sie diese Handlungen nur beobachten. Im letzteren Fall erscheint die objektiv selbe Dauer subjektiv länger.

Ergebnisse „Anweisung“

Probanden, die selbst bestimmten, ob Sie einen Stromschlag erteilten, schätzten die Dauer zwischen Tastendruck und Ton durchschnittlich auf 370 Millisekunden. Die anderen auf Anweisung handelnden Versuchspersonen kamen auf 435 Millisekunden. Was nach einem eher zu vernachlässigenden Unterschied aussieht, war indes aus statistischer Sicht hochsignifikant. Dieses Ergebnis wurde in einem variierten Test reproduziert, bei dem die Probanden die Möglichkeit hatten, den Testpartner finanziell zu schädigen.

A52673EF-C495-4297-BB4A-75564902B161Die weitreichende Schlussfolgerung: Angewiesene Handlungen werden so erlebt, als wären sie nur passive Beobachtungen. Die Anweisungen führen zu einem passiven Modus des Gehirns. Um dem weiter nachzugehen, gab es einen dritten Testdurchlauf. Die Forscher führten Messungen der Hirnströme an den Versuchspersonen durch, um herauszufinden, ob sich „ereignisbedingten Potentiale“ zwischen den beiden Gruppen von selbstbestimmten und angewiesenen Versuchspersonen unterschieden. Ergebnis: Die Hirnsignale der auf Anweisung handelnden Versuchspersonen waren auffällig schwächer als die der selbstbestimmenden Probanden. Es fand also sogar auf neuronaler Ebene eine Distanzierung von den Konsequenzen der Handlung statt.

Zusammengefasst lässt sich im Bezug auf unser Arbeitsleben festhalten: Die Ausführung von Anweisungen hat eine innere Distanzierung und Entfremdung zu Folge. Damit gibt es sogar eine neurologische Teilerklärung für die Ergebnisse des Gallup-Engagement Index, demzufolge sich nur um die 13-15% der Befragten dem Arbeitgeber emotional verbunden fühlen. Der Rest schiebt Dienst nach Vorschrift oder hat innerlich gekündigt. Kein Wunder, denn die Sinnentkopplung wurzelt zumindest auch in der mangelnden Mit- und Selbstbestimmung. Der ablaufende Mechanismus zwischen Anweisung und Motivation dürfte also folgendermaßen aussehen: Anweisung → innere Distanzierung und Entfremdung → geringer emotionale Verbindung zur Handlung → Sinnentkopplung und De-Motivation. Das, was uns der gesunde Menschenverstand sagt, ist damit einmal mehr auf elegante Weise experimentell untermauert:

Wer motivierte MitarbeiterInnen will, muss Selbstbestimmung ermöglichen.

 

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Quelle

Caspar, E.; Christensen, J.; Cleeremans, A. u. Haggard, P. (2016): Coercion changes the Sense of Agency in the human Brain. Current Biology 26, 1–8, March 7, 2016

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Aus Max und Moritz, gemeinfrei
  • Tisch: Haargard et al., Current Biology: CC-BY NC-ND
  • Hirnsignalmessung: Haargard et al., Current Biology: CC-BY NC-ND

 

2 Kommentare
  1. Conny Dethloff
    Conny Dethloff sagte:

    Moin Moin Andreas,

    Anweisung verringert Motivation. Dem kann ich total zustimmen, weil ich es selber bei mir FÜHLE. Und da bin ich bereits beim Kern meines Kommentars.

    In meinen Augen merken wir gar nicht, wie sehr die Artefakte, die wir in die Wirtschaft eingebaut haben, wie Prozesse, Rollen, Methoden, Zahlen, Messen, … uns von uns selbst entfremden lassen. Dadurch wird unsere Wirtschaft technokratisch und menschenfremd. Selbst eine Fragestellung, ob Anweisungen zu bestimmten Tätigkeiten einen Rahmen schaffen, der uns sinnkoppeln lässt, müssen wir über Messvorgänge nachweisen. Warum? Fragt man 100 Menschen in diesem Kontext nach ihren Gefühlen, sind die Antworten eben noch nicht valide genug. Diese Antworten müssen eben noch wissenschaftlich nachgewiesen werden.

    Hier setze ich mehr und mehr an und versuche Menschen zu ermutigen, mehr auf ihre Gefühlswelt zu geben. Unternehmensdemokratie hängt in meinen Augen ganz viel mit einer dem Menschen zugewandten Wirtschaft zu tun. Technokratische Artefakte, wie oben beispielhaft aufgeführt, sollten keine Autorität über uns ausüben, was ich leider viel zu häufig beobachte. Siehe auch das von Dir gepostete Experiment.

    Beste Grüße,
    Conny

    Antworten
  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Hi Conny,

    dem kann ich nur beipflichten, danke für dieses klare Statement! Solange es aber so ist, halte ich es für sinnvoll, sowohl auf den Wert der subjektiven Gefühle und Empfindungen von MitarbeiterInnen und Führungskräfte hinzuweisen und dazu einzuladen, dieses Erleben endlich ernst zu nehmen – als auch „harte“ wissenschaftliche Fakten dazu beizutragen.

    Herzliche Grüße
    Andreas

    Antworten

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