Boeing. Gewinnmaximierung als ökonomische Selbstverstümmelung.

Boeing: Es sind zwei Luftfahrtkatastrophen, die zu denken geben: Am 29. Oktober 2018 stürzte zuerst eine Boeing 737 MAX 8 der Luftfahrtgesellschaft Lion-Air kurz nach dem Start vom Flughafen Jakarta ab. Alle 189 Passagiere starben. Wenige Monate später, am 10. März 2019, stürzte eine Maschine des selben Typs der Ethiopian Airlines ab, diesmal kamen 157 Menschen ums Leben. Durch diese beiden Fällen kamen immer mehr Einzelheiten beim Hersteller Boeing sowie bei der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde FAA ans Licht, die einmal mehr die Frage aufwerfen, inwiefern Gewinnmaximierung als einziger oder vorrangiger Zweck eines Unternehmens für das Gemeinwohl und die Unternehmen selbst massiv schädlich ist.

Ursachen der Boeing Abstürze

Die Lage bezüglich der beiden Flugkatastrophen ist ein erhebliches Durcheinander. Es gibt nach aktuellem Stand mindestens zwei Kategorien von Ursachen: Direkte und Indirekte. Die technischen Probleme, die zunehmend als Ursache angesehen werden, sind dabei die direkten Ursachen und die Kultur von Boeing sowie politische Deregulation der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde FAA betrachte ich als indirekte Ursachen – die aber letztlich erst zu den technischen Problemen und somit direkten Ursachen führten.

Direkte Ursachen

Mittlerweile haben sich die bisherigen Vermutungen der Ursache verhärtet: Es handelt sich um das Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS): „… das System scheint äußerst störanfällig zu sein, weil es von Informationen von nur einem Sensor abhängt, der die Lage des Flugzeugs in der Luftströmung misst. Sendet dieser falsche Werte, beginnen die Flugcomputer an Bord der Boeing, das Höhenruder zu verstellen und die Nase des Flugzeugs herunterzudrücken. Wenn die Piloten die Situation nicht schnell genug begreifen, so die Vermutung der Unfalluntersucher, sind sie nicht mehr rechtzeitig in der Lage, das vom Computer falsch gesteuerte Flugzeug hochzuziehen und vor dem Absturz zu bewahren.“ (Traufetter, G. (2019): Schwere Vorwürfe gegen Flugaufsicht und Boeing, SpiegelOnline). Das Verrückte dabei: Es sind bereits zwei Sensoren in den Flugzeugen verbaut – aber genutzt wird nur einer. Und der wurde möglicherweise bei der Maschine der Ethiopian Airlines durch einen Vogelschlag beschädigt.

Eine Boeing 777-300ER von Swiss

Noch am 05. August berichtet die NZZ, dass „Tests der US-Luftfahrtbehörde … weitere Fehlfunktionen auf(deckten), die erneute Verzögerungen für die Rückkehr des Flugzeugtyps bedeuten.“ (Spaeth, A. (2019): Boeing 737 Max: Grundlegender Softwarefehler gefunden, NZZ) So kam ein bis dato nicht bekannter Fehler in einem Mikroprozessor eines Bordcomputers ans Tageslicht. In der Folge wird die 737 MAX voraussichtlich vor 2020 nicht mehr abheben dürfen.

Aber es kommt noch übler: Die amerikanische Luftfahrtaufsicht fand heraus, dass der betroffene Flugzeugtyp seit den 1980ern „…über zwei Bordcomputer verfügt, die allerdings nicht gleichzeitig genutzt werden und sich gegenseitig kontrollieren, wie es nach dem in der Luftfahrt vorherrschenden Prinzip der Redundanz geboten wäre, sondern abwechselnd. Auf einem Flug einer, auf dem nächsten Flug der andere.“ (ebnd.) Dies führte erst mit der veränderten Bauweise der jüngsten 737 MAX zu den großen Problemen.

Hinzu kommt ein unfassbares Vorgehen in der Informationspolitik: „Erst nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine bekamen die Piloten weltweit mitgeteilt, dass MCAS überhaupt existiert und wie man sich im Falle eines sich falsch verhaltenden Systems richtig verhalten müsse.“ (Traufetter 2019) Auf diese Weise sollte das Training der Piloten mit der 737 MAX 8 minimiert werden, um den Airlines Kosten in Millionenhöhe zu ersparen. Also auch hier neben dem Verzicht auf einen redundanten Sensor Kostenreduktion als Prämisse. Aus meiner in dieser Sache laienhaften Sicht stellt sich die Frage, wie eine solch vollkommen indiskutable Informationspolitik überhaupt möglich ist. Und natürlich, welche Konsequenzen daraus für das Topmanagement von Boeing erwachsen.

Indirekte Ursachen

Mögliche Profitgier als kulturelle Ursache der beiden Katastrophen ist keineswegs nur meine Sichtweise, sondern wird längst öffentlich in verschiedenen Medien thematisiert. So schreibt Gerald Traufetter im oben zitierten Artikel: „Für Boeing steht damit der Verdacht im Raum, aus Profitgier die Sicherheit der eigenen Flugzeuge und das Leben der Passagiere riskiert zu haben.“ Somit stellt sich die wichtige Frage, ob die kulturelle DNA einer radikalen Gewinnmaximierung der eigentliche Treiber hinter den identifizierten technischen Problemen ist. Ich würde das aktuell so einschätzen.

Desweiteren steht die amerikanische Flugaufsichtsbehörde FAA schon seit einiger Zeit in der Kritik, nicht ausreichend unabhängig von den Flugzeugherstellern und Fluglinien zu sein: „Aus Effizienz- und Kostengründen begann die FAA schon lange vor Trump, mit denjenigen zu kooperieren, die sie regulieren soll – den Airlines und Boeing… “ (Pitzke, M. 2019) Im Fall der 737 MAX wird im Spiegel ein ehemaliger Ingenieur der FAA auf der Basis eines Berichts der Seattle Times zitiert: „Es gab keine komplette und genaue Analyse der Dokumente. Die Analyse erfolgte überhastet, damit bestimmte Zertifizierungstermine eingehalten werden konnten“ (Traufetter 2019)

Konsequenzen für Boeing

VW Stammwerk

Die schlimmsten Folgen der beschriebenen direkten und indirekten Ursachen sind ohne Frage die 346 Toten. Das damit verbundene Leid der Hinterbliebenen und der Tod der Fluggäste sind natürlich nicht monetär zu beziffern. Menschen haben Ihr Leben verloren und deren Hinterbliebene Ihre Verwandten, Partner, Kinder, Freunde, Kolleg*innen. Diese Tragödien bleiben und sind die mit weitem Abstand schlimmsten Konsequenzen.

Darüber hinaus haben die Vorfälle bei Boeing bis jetzt einen wirtschaftlichen Schaden erzeugt, der schon alleine die Frage aufwirft, ob das möglicherweise zu gewinnorientierte Verhalten unter dem Strich mehr geschadet als genutzt hat. Ähnlich wie bei der immer noch laufenden #Dieselgate Affäre in Deutschland sieht es sehr danach aus, als ob der Schuss nach hinten losgeht. Zumindest folgende Kosten kommen mit Sicherheit auf Boeing zu:

  • Direkte Kosten durch Todesfälle (Zahlungen an Hinterbliebene, Rechtskosten)
  • Ausfälle bei Airlines durch alle 737 MAX, die am Boden bleiben müssen bis zur Freigabe
  • Neue 737 MAX, die noch nicht ausgeliefert werden können
  • Lösung der technischen Probleme, die zu den Abstürzen geführt haben
  • Imageschaden

Im Juli 2019 meldete Die Welt, alleine im zweiten Quartal 2019  “ … werde eine zusätzliche Belastung in Höhe von 4,9 Milliarden Dollar (4,4 Milliarden Euro) nach Steuern anfallen … “ (Die Welt 2019)

Alles in allem war die Unternehmenspolitik der letzten Jahre sogar aus einer wirtschaftlichen Sichtweise, die sich nur auf Gewinnmaximierung fokussiert, eine unfassbare Dummheit. Und das Ende der Fahnenstange dürfte, ähnlich wie bei #Dieselgate, noch nicht erreicht sein. Ins Positive gewendet können wir wohl mit ziemlicher Sicherheit feststellen:

Boeing und #Dieselgate zeigen: Integrität und Respekt vor dem Gemeinwohl könnten sich sehr wohl auch wirtschaftlich auszahlen.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

  • Die Welt (2019): Debakel mit 737 Max kostet Boeing knapp fünf Milliarden. Die Welt Online, Wirtschaft
  • Pitzke, M. (2019): Trump, Boeing und die US-Flugaufsicht: Außer Kontrolle, SpiegelOnline
  • Spaeth, A. (2019): Boeing 737 Max: Grundlegender Softwarefehler gefunden, NZZ
  • Traufetter, G. (2019): Schwere Vorwürfe gegen Flugaufsicht und Boeing, SpiegelOnline

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: ©Windmemories, CC BY-SA 4.0
  • Boeing Swiss: Lukas von Daeniken, CC BY-SA 2.0
  • VW Stammwerk: Vanellus Foto, CC BY-SA 3.0
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