Das Ende der Konzernokratie. Lernen wir von VW?

Es ist einer der größten Unternehmensskandale der letzten Jahre. Einer, der das zerstörerische Potential mit sich bringt, nicht nur eine ganze Branche in Verruf zu bringen, sondern das informelle Qualitätssiegel eines der wirtschaftsstärksten Länder in den Dreck zu ziehen. „Made in Germany“, „ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts als Schutz vor billiger Importware in Großbritannien eingeführt“ (Wikipedia), ist nun nicht mehr automatisch der Garant für hohe Qualität, für Ingenieurskunst auf höchstem Niveau, sondern wirft tatsächlich einen Schatten auf deutsche Produkte. Der Grund für diese Zerstörungskraft ist der Logik weltweit operierender Konzerne tief eingeschrieben. Was bei VW und diversen anderen Großunternehmen in den letzten Jahrzehnten geschah, ist nicht im Geringsten überraschend, sondern das Ergebnis ihrer unendlichen Wachstumsstrategie und ihrer zu diesem einzigen Zweck installierten maschinellen Steuerung.

Der Siegeszug der Konzernokratie

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Ausmaß der Ölausbreitung im Golf von Mexiko am 24. Mai 2010 (Aufnahme der NASA)

Die Konzerne, wie wir sie heute kennen, sind eine amerikanische Erfindung: Standard Oil und Ford waren die ersten Unternehmen, die die „Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung“ ihres Landsmanns Frederick Winslow Taylor ohne Rücksicht auf Verluste umsetzten. Selbst heute immer noch extrem machtvolle Konzerne wie BP, Chevron, ExxonMobil oder Shell sind allesamt aus Standard Oil nach dessen Entflechtung hervorgegangen, was einen die ungeheuerliche Monopolstellung von Standard Oil erahnen lässt. Damals begann das Hohelied, die zunehmend erschallende Hymne auf die großen, strahlenden Konzerne, die Bluechips, die uns allen Fortschritt und Glückseligkeit bringen sollten. Der britische Schriftsteller David Mitchell hat in seinem großartigen Roman „Wolkenatlas“ den Begriff der Konzernokratie erfunden, der Herrschaft der Konzerne über die Welt. Zweifelsfrei nicht zu unrecht, wenn wir uns nur eine Handvoll der globalen Folgen der Konzernwirtschaft in den letzten Jahrzehnten kurz vergegenwärtigen:

Gewinnmaximierung und Wachstum wurden zu den wichtigsten Zielen der Konzerne. Im Zusammenhang mit einem Gerichtsstreit zwischen Henry Ford und den Gebrüdern Dodge wurde damals die Gewinnmaximierung das erste Mal durch das Gericht offiziell als wichtigster Unternehmenszweck festgestellt: „Ein Unternehmen wird in erster Linie zu Gewinnzwecken für die Aktionäre gegründet und durchgeführt. Die Vollmachten der Geschäftsführer sind zu diesem Zweck zu nutzen.“ (Vgl. „Corporation 2020„) Diese Sichtweise finden wir aktuell bei VW wieder, bei der im Rahmen der „Strategie 2018“ das oberste Ziel darin liegt, der weltweit größte Autohersteller zu werden. Es ist ein durch und durch kreatives Ziel, ein inspirierender ökonomischer Schwanzvergleich, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Manipulationen und kriminellen Handlungen führt. Denn wenn zu diesem monolitischen Unternehmenszweck noch variable Gehaltsanteile hinzukommen, die mit den Unternehmenszielen verbunden sind, dann werden die Mitarbeiter, wie das Niels Pfläging schon 2006 in seinem Buch „Flexible Ziele“ herausgearbeitet hat, natürlich dazu eingeladen, diese Ziele zu erreichen, koste es was es wolle, Hauptsache sie sind auf dem Papier realisiert. Wenn dann auch die variablen Gehaltsanteile des Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn an die Erreichung der Strategie 2018 gebunden sind, ist ein Skandal wie bei VW keine Überraschung mehr.

Die Kosten der Hierarchie

Die Organisationsstruktur der Konzerne in Folge der Taylorschen Trennung von Arbeit und Management ist hinlänglich bekannt. Das allgegenwärtige Argument für die Tannenbaumstruktur mit seiner Command-and-control Kultur lautet Effizienz. Sie ist die heilige Kuh, die nicht berührt werden darf. Allerdings werden permanent die Kollateralschäden formal-fixierter Hierarchie verschwiegen und verschleiert. Es sind die Kosten, die entstehen, wenn beispielsweise kriminelle Handlungen im großen Umfang früher oder später aufgedeckt werden, wie nun bei VW. Der Konzern hat bislang immerhin schon mal 6,5 Milliarden Euro für die möglichen Folgekosten der Abgasmanipulation zurückgestellt.

Ob das reichen wird, ist allerdings ziemlich fraglich. Die Landesbank Baden-Württemberg kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Dieselgate Gesamtkosten auf 50 Milliarden Euro beziffern könnten. Grundlage für die Schätzung ist die Annahme der Analysten, dass bereits die Strafzahlungen in den USA bei 16 Milliarden Euro liegen könnten zuzüglich 10 Milliarden Euro an Kosten für die Rückrufaktion. Wenn man dann noch Verluste in Form nicht getätigter Gewinne hinzurechnet, die unter anderem dadurch zustande kommen, dass die Fahrzeuge mit den betroffenen Motoren nicht verkauft werden dürfen, wie das durch die Schweiz bereits festgelegt wurde, dann erscheinen 50 Milliarden durchaus realistisch.

Die verpasste Chance

Frühbrodt 2014 - StiftungsunternehmenDer Skandal hat aber noch eine ganz besondere Note, die bislang in keinem Zeitungsartikel oder Kommentar erwähnt wurde, wenn er sich auch noch so kritisch zeigte: VW wäre nach dem zweiten Weltkrieg beinahe ein Stiftungsunternehmen geworden, weit weg von der heutigen Konstruktion, Struktur und Kultur einer Aktiengesellschaft, die in erster Linie dem Shareholder Value verpflichtet ist. Lutz Frühbrodt, Professor an der Hochschule Würzburg Schweinfurt, hat das in seinem Buch „Das soziale Stiftungsunternehmen“ prägnant dargestellt: Mitte 1930 wurde VW von der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront gegründet, dem Einheitsverband von Arbeitgebern und -nehmern, der zu großen Teilen geraubte Gewerkschaftsvermögen in das Unternehmen investierte.

Zum Ende des zweiten Weltkriegs wurde die VW GmbH von der britischen Militärregierung beschlagnahmt und 1949 in die Treuhänderschaft der neuen Bundesregierung übergeben, die die Eigentumsfrage in den nächsten Jahren zu beantworten hatte. In dieser Zeit entwickelten die Sozialdemokraten einen Gesetzentwurf, demzufolge VW ein Stiftungsunternehmen ohne Eigentümerinteressen geworden wäre, mit dem ersten Ziel des Wohlergehens des Unternehmens und seiner MitarbeiterInnen. Auch die sozialdemokratische Koalition in Niedersachsen fand Interesse an diesem Modell. Allerdings kam es 1960 zu der bekannten Umwandlung in eine AG, bei der das Land Niedersachsen und der Bund je 20% der Aktien halten. Aus dem Verkaufserlös und den Gewinnansprüchen der restlichen Aktien wurde die Stiftung Volkswagenwerk als schlaffer Ersatz für die ursprüngliche Idee ins Leben gerufen. (Vgl. Frühbrodt, L. (2014): Das soziale Stiftungsunternehmen. 34-36) Schade, denn wie ich im zweiten Fallbeispiel von „Alle Macht für niemand“ zeige, ist gerade das (soziale) Stiftungsunternehmen ebenso visionär wie wirtschaftlich erfolgreich.

Zukunft der Arbeit

Der VW Skandal, immerhin der größte in der Unternehmensgeschichte, heizt nun eine Diskussion an, in der die Allheiligkeit globaler Konzerne als effizienteste und effektivste, mithin erfolgreichste Art zu Wirtschaften, verstärkt hinterfragt wird. Die Kollateralschäden der Konzernokratie mit ihren formal-fixierten Hierarchien und top-down Zentralismus richten sich nicht nur auf die Gesellschaft, sondern immer wieder auch auf die Unternehmen selbst. Und sie sind zunehmend weniger in der Lage, sich an Veränderungen des Umfelds (Markt, Politik, Zeitgeist) flexibel anzupassen. Sie absorbieren den Wandel in erster Linie durch ihre schiere Größe, nicht durch intelligente Anpassungsfähigkeit. Wie lange das noch gut geht, ist fraglich. Unternehmensdemokratie in ihren vielfältigen Formen könnte eine Antwort sein, vielleicht die Zukunft der Arbeit.

 

Herzliche Grüße

Andreas

Nachtrag, 09.Oktober

Hummer HX

Hummer HX – ein tolles Konzept, sicher mit besseren Abgaswerten als VW

Gestern erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über die Anhörung des USA-Chefs Michael Horn von Volkswagen vor dem US Kongress. Abgesehen von der unglaublich dumm-dreisten Bigotterie der amerikanischen Politiker, die als Nation mehr Ökosauereien zu verantworten haben, als jemals eine andere Nation zuvor, steckt doch ein weiterer interessanter Aspekt in diesem Moment: „Nie im Leben glaube ich, dass das eine kleine Gruppe von Ingenieuren allein ausgeheckt haben soll“ (Hulverscheidt und Richter 2015) wird der Abgeordnete Collins zitiert. Wohl wahr. Und wenn es Winterkorn, Horn und andere Top-Manager nicht gewusst haben sollten, ist es eben der Teil eines Systems, dass diese Spitzenführungskräfte mit aufgebaut und gepflegt haben.

Der ganze Irrsinn wird aber mit einer weiteren Bemerkung des Abgeordneten Joe Barton offensichtlich: „Halten Sie es wirklich für vorstellbar, dass in einem Unternehmen, das so gut geführt wird wie Volkswagen, die Leitungsebene über eine derart lange Zeit nichts von den Vorgängen gewusst hat?“ (ebnd., kursiv: AZ) Die Abgeordneten erleben die Effizienzsteigerung und Wachstumsstrategie auf Gedeih und Verderb tatsächlich als „so gute Führung“ und verstehen immer noch nicht, dass die nun sichtbar gewordenen Entwicklungen nur eine logische Konsequenz der Strukturen und Anreizmechanismen sind, die in weiten Zügen aus Amerika selbst stammen;  Mechanismen und Kulturen, die in der Finanzkrise 2007/2008 die Zusammenbrüche von Lehmann Brothers und AIG inklusive der gesamten bekannten Entwicklung zu verantworten haben, mit denen sich Amerika – by the way – stellvertretend für den Rest der kapitalistisch getriebenen Welt selbst betrogen hat.

 

Quellen

  • Frühbrodt, L. (2014): Das soziale Stiftungsunternehmen. Eine wirtschaftspolitische Alternative. Königshausen & Neumann
  • Hulverscheidt, C.; Richter, N. (2015): „VW hat eine ganze Nation betrogen“, 08. Oktober, Süddeutsche Zeitung Online

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Volkswagenwerk Wolfsburg, Nibbler, CC BY-SA 2.0 de
  • Luftaufnahme Ölpest im Golf von Mexiko: NASA/GSFCMODIS, gemeinfrei
  • Hummer HX: IFCAR, gemeinfrei
3 Kommentare
  1. Alexander Klier
    Alexander Klier sagte:

    Starke Worte. Danke für den Beitrag, lieber Andreas (ich bin jetzt mal so mutig, das Du zu wagen ;-)). Interessant wäre auch die Perspektive auf die Zulieferer, die – ebenfalls unter dem VW Regime – zu „Knechten“ degradiert wurden. Und bis heute Schwierigkeiten haben, als „Partner“ akzeptiert zu werden. Ganz zu schweigen vom Kunden. Hier deshalb noch mal ein Link: http://www.tagesspiegel.de/…/der-fall-lpez…/153090.html

    Antworten
  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Lieber Alexander,

    gerne per Du!

    Ja, ein wichtiger Aspekt! Ich habe da ein paar Insider Infos zum Umgang mit B2B Partnern bei einem der anderen großen deutschen Autohersteller… sehr gruselig, von Demokratie oder auch nur Augenhöhe ist das Lichtjahre entfernt. Das hat was mit brutalem Preiskrieg und Übervorteilung durch Marktmacht zu tun. Sehr abstoßend. Für mich auch ein Grund, bei diesen Herstellern niemals einzukaufen.

    Der Artikel über Lopez ist einerseits erschreckend, andererseits absolut zu erwarten. Es gibt ja schon längst eine Diskussion über die psychopathischen Tendenzen von (Top-)Managern:
    http://www.zeit.de/karriere/beruf/2014-05/psychopathen-interview-psychologe-jens-hoffmann
    http://www.wiwo.de/erfolg/management/psychopathen-im-buero-wahnsinns-typen-auf-der-chefetage/10229310-all.html
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/kolumne-thorborg-psychopathen-in-der-chefetage-zeitbomben-a-999147-2.html

    Aber das ist nur die individualpsychologische Seite eines systemischen Problems, das wesentlich schwerer wiegt…

    HG
    Andreas

    Antworten
  3. Frank Widmayer
    Frank Widmayer sagte:

    Lieber Andreas,

    danke für diesen mal wieder tollen Beitrag. Ich verfolge mit großer Spannung (klingt ein bisschen makaber, ist es aber auch), was da gerade passiert. Das Ganze hat aber so viele Dimensionen, dass es praktisch unüberschaubar ist. Da kommt ja auch eine gewaltige politische Dimension dazu. In USA fahren z.B. Monster-Trucks herum, die Benzin verblasen wie blöd und dann sind die Abgas-Grenzwerte für Diesel-Fahrzeuge nur halb so hoch wie in Deutschland. Und auch schon in Deutschland sind die für Diesel-Fahrzeuge praktisch nicht ökonomisch sinnvoll zu erfüllen. Da haben die Amis ganz ohne TTIP eine Möglichkeit gefunden, Schutzzölle (in Form von Strafen) für deutsche Produkte in den USA zu verhängen.

    Du erwähnst in Deiner Kommentar-Antwort das individualpsychologische Problem (dissoziative/antisoziale Identitäätssstörung?). Ich sehe das aber nicht als trennbar vom systemischen Problem. Formal-fixierte Hierarchien mit ihren zwangsläufigen Mechanismen schaffen Systeme, die Menschen mit narzisstischen und psychopathischen Neigungen (Empathiedefizite) bevorteilen und in Führungspositionen bringen. Und gleichzeitig sorgt Machtkonzentration für eine Verminderung der Empathiefähigkeit, wie Studien eindeutig belegen. Nach meiner Auffassung müssen daher Führungsprinzipien für ethisch-moralisches Wirtschaften vor allem die Machtkonzentration bei einen wenigen über eine längere Zeit verhindern! Das ist ein Aspekt, der bisher in der Diskussion um Unternehmensdemokratie noch etwas zu kurz kommt, wie ich finde. Was meinst Du dazu?

    Liebe Grüße
    Frank

    Antworten

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