Denkfehler der New Work Bewegung – eine Replik

Am 08. Oktober 2018 veröffentlichten wir eine Replik auf den “Kompass für die neue Arbeitswelt” von Mark Poppenborg, Gründer und Geschäftsführer der intrinsify GmbH. Erwartungsgemäß gab es auch Kritik an unserer Kritik. Die hat uns motiviert, tiefer zu graben, so dass wir auf einen weiteren fundamentalen Beitrag gestoßen sind: Denkfehler der New Work Bewegung von Lars Vollmer, ebenfalls Gründer und Geschäftsführer von intrinsify. Auch in diesem Text fanden wir diverse Annahmen und Argumente, die unserer Ansicht nach ein eklatanter Widerspruch zum ursprünglichen Konzept von New Work gemäß Frithjof Bergmann sind.

Präambel

Wir stimmen Vollmer in einem Punkt zu: Die meisten Organisationen werden nicht vornehmlich gegründet, um gute Arbeit zu schaffen. Am Anfang steht meistens eine Geschäftsidee oder der Versuch, irgendein Problem zu lösen. Allerdings haben wir erhebliche Schwierigkeiten mit der geringen Differenzierung oder andersherum: an der Generalisierung und fatalistischen Haltung, die in diesem Text genauso durchscheinen, wie im Kompass für eine Neue Arbeitswelt seines intrinsify.me Kollegen Mark Poppenborg. Konsequent zu Ende gedacht, setzen sich die beiden Macher von intrinsify.me wohl dafür ein, dass im Großen und Ganzen alles beim Alten bleibt. New Work ist dann nur noch ein harmloses Kindergartenspiel. Beziehungsweise, wie bei Vollmer gar nicht mehr nötig, als Begriff, denn die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse sind dann einfach Fortschritt.

Was wollen wir mit diesem Text erreichen?

  1. Zum Nachdenken anregen – selbst wenn wir hie und da einen ironischen oder bissigen Tonfall anschlagen (vgl. dazu den Beitrag “Lasst uns wieder streiten, Ihr Pussys” von Daniela Röcker). Denn die Konsequenzen von Poppenborg und Vollmer laufen darauf hinaus, unmenschliche Arbeitsbedingungen zu tolerieren, da wir erstens die Wirtschaft nicht ändern können (Poppenborg) und die Arbeit immer der externen Referenz, dem Markt und Kunden folgt (Vollmer). Sorry, liebe Leserinnen, die ihr uns zu aggressiv findet: Yep, uns macht diese affirmative Haltung wütend. Und mit Verlaub: Die beiden werden unsere Ironie ertragen ohne traumatisiert zu werden.
  2. Unsere Position klären – wir finden es wichtig, dass unseren (zukünftigen) Kunden klar ist, wie wir ticken. Wer mit uns arbeitet, bekommt kein Team, das die bestehenden (wirtschaftlichen) Verhältnisse einfach abnickt und als unabänderliche Naturgesetze beschreibt. Nein, für uns ist New Work und selbstbestimmte Arbeit kein nice-to-have. Und wir sind zumindest bemüht, das Ganze zu sehen. Wir haben keinerlei Interesse daran, nur ein bestärkendes Bild der Standardökonomie zu reproduzieren.

Wahrheit 1: Arbeit folgt alleine (!) der externen Referenz, dem Kunden.

Die Hauptaufgabe von Unternehmen ist es nicht, Arbeit zu schaffen, Arbeit zu gestalten, Arbeit menschenwürdig zu machen. Auch wenn das manche nicht gerne hören. In der Wirtschaft geht’s nicht primär um Arbeit! (Vollmer, L. (2017): Denkfehler der New Work Bewegung. Capital)

Das klingt im ersten Moment gnadenlos plausibel. Kein Unternehmen wird gegründet, um Arbeit zu schaffen, egal um welche Produkte oder Dienstleistungen es geht. Würdest Du sagen: Was für ein Quatsch? Natürlich nicht. Allerdings stellt sich uns folgende Frage: Nur weil in der Privatwirtschaft die Arbeit der Entwicklung und Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen folgt, heißt das noch lange nicht, dass es egal ist, wie die Arbeitsbedingungen gestaltet werden. Aber genau das ist die Folge der Vollmerschen Entlarvung des angeblichen New Work Denkfehlers. Aber dazu später mehr. Ansonsten wagen wir noch eine völlig verrückte Idee: Wer sagt denn, dass ich nicht ein Unternehmen gründe, um gute Arbeit zu schaffen und mir erst dann überlege, was wir eigentlich verkaufen wollen? Klingt grenzpsychotisch, aber vielleicht könnten wir ja mal über diesen abwegigen Unfug von uns gemeinsam nachdenken.

Zudem beschränkt sich Vollmer auf Unternehmen, ständig ist der Markt und die Kunden die maßgebliche Referenz, nach dem sich die Arbeit gefälligst zu richten hat. Allerdings lehnen wir uns nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn wir feststellen: Nicht alle Organisationen sind Unternehmen, in denen sich ihr Zweck angeblich ausschließlich um ihre Kunden dreht. Wie sieht es jenseits der Privatwirtschaft aus? Im Bürgeramt ist es einfach – da ist der Bürger der Kunde. Logisch. Und deshalb sind auch alle Ämter in ihren Arbeitsprozessen total kundenorientiert. Natürlich nicht, aber das liegt nur am mangelnden Wettbewerb, würde Herr Vollmer wohl kontern. Wie überzeugend diese Denkfigur ist, merken wir sofort, wenn wir uns wieder in der Privatwirtschaft umsehen. Dort verzweifeln wir immer wieder in nervtötenden Call-Center-Warteschleifen der meisten Telekommunikationsfirmen oder werden mit verdeckten Klauseln in AGBs aller möglicher Unternehmen abgezockt. Toll, oder? Denn das alles dient doch uns, den Kunden. Und befriedigt Dein dringendes Bedürfnis nach noch mehr Zeit-, Nerven- und Geldverplemperung, weil ein Produkt nicht so funktioniert, wie es eigentlich sollte. Fußnote: Obsoleszenz passt auch perfekt in die Vollmersche Wunderwelt der radikalen Orientierung an Kundenbedürfnissen!

Vollmer unterschlägt noch eine weitere Kleinigkeit: Es gibt Berufe, zu denen sich Menschen hingezogen fühlen, weil sie genau das tun möchten, was sie mit dieser Arbeit verbinden. Da kommt die Berufung mit rein. Ärztin/Arzt wäre so ein Beispiel. Jetzt würde Vollmer möglicherweise erwidern: Eben – da dreht sich doch alles um den Kunden vulgo: Patienten. Tja – und genau da versagt die Wirtschaft, wie wir sie kennen ebenfalls auf ganzer Linie. Findest Du es super, wenn ein deutscher Internist im Schnitt nicht einmal fünf Minuten pro Tag für Dich erübrigen kann, um mit Dir zu reden, weil das nicht der Gewinnmaximierung der privaten Krankenhauskette dienlich ist? Fühlst Du Dich in uniformiert antiseptisch weiß gestrichenen Zimmern im Krankenhaus wohl? Tja, irgendwie scheint sich auch das zunehmend privatisierte Gesundheitswesen einen Scheiß für die Bedürfnisse der „Kunden“ zu interessieren. By the way: Ein echter Beweis für die Selbstregulation des Marktes. Und dass Privatisierung alles besser macht!

Wahrheit 2: Wer Wahrheit 1 nicht folgt, geht unter

Wenn die Arbeit auch noch so schön und menschlich gemacht wird, der Wettbewerber aber mit seinen weniger menschlichen Standards schon längst vorbei und auf und davon gezogen ist und den Kundenbedarf glatt abgefrühstückt hat, dann tritt der GAU ein, der größte anzunehmende Unmenschlichkeitsfall: Die Arbeitsplätze sind nicht mehr rentabel und fallen weg. … Sehr menschlich! Und die moralische Entrüstung bringt die Jobs dann auch nicht wieder zurück! (Ebend.)

Die standardökonomische Drohgebärde: Arbeitslosigkeit!

Da ist sie wieder – die effizienteste aller Keulen! Wenn Du Dich gegen die Gesetze des Marktes stellst, die ja nicht von Menschen gemacht wurden, sondern von den „Spielregeln der Welt“ hervorgebracht werden, wie Mark Poppenborg, ebenfalls Gründer und Geschäftsführer der intrinsify GmbH, in seinem Kompass für die neue Arbeitswelt schrieb – wenn Du Dich also mit Deinem Unternehmen gegen diese kafkaeske Regelwelt stellst, dann gehst Du unter. Und mit Dir Deine Mitarbeiter. Das könnte man ein Dilemma nennen. Es dient trefflich der Aufrechterhaltung unmenschlicher Arbeitsbedingungen bis zum St. Nimmerleinstag. Schließlich ist es unmoralisch, Arbeitsplätze zu vernichten. Aber das ist selbst bei Herrn Vollmer nur die halbe Wahrheit.

Reisen wir in diesem Kontext kurz zurück in der Geschichte und fragen: Was passierte, als die Sklavenarbeit abgeschafft wurde? Die Kinderarbeit, auf die wir schon in der #KompassReplik eingegangen sind? Wie argumentierten seinerzeit viele Unternehmer, egal ob Südstaaten Baumwollfarmer oder englische Unternehmer, die Kinder 12 -16 Stunden zum Hungerlohn schuften ließen? Sie jammerten. Kollektiv. Waren wohl kurz vorm Heulen. Wenn sie keine Sklaven oder Kinder mehr beschäftigen dürfen, dann wären sie nicht mehr rentabel. Ups! Und genau das ist damals passiert: Unternehmen sind pleite gegangen, Angestellte mussten sich neue Arbeitsplätze suchen. Will Herr Vollmer also wieder zurück zur Kinder- oder Sklavenarbeit, weil damals Arbeitsplätze verloren gegangen sind? Wir unterstellen ihm wohlwollend ein klares Nein. Aber wenn er dazu Nein sagt (was wir nicht wissen), warum dann nicht zu Kinderarbeit in den Textilfabriken Bangladeshs? Oder zur Ausbeutung von Kaffee- und Kakaobauern? Oder zur Traumatisierung philippinischer Facebook-Cleaner etc. pp. Irgendwie komisch, oder?

Harald Welzer hat in seinem lesenswerten BuchTransformationsdesign für eine Moderne“ genau diese Problematik herausgearbeitet: Echte Transformationen erfolgen nicht ohne Schmerzen. Keine Chance. Nehmen wir mal ein Beispiel, an das sich die meisten von uns erinnern können: Das Verbot von Zigarettenkonsum in öffentlichen Räumen. Was gab es damals für ein Geschrei! Untergangsszenarien, die Gastronomie wähnte sich kurz vor dem Exitus. Und was war das Ergebnis? Seit den Verboten von Tabakkonsum in öffentlichen Räumen ist das Hotel- und Gaststättengewerbe keineswegs implodiert. Viele Gaststätten etc. konnten sich seit dem sogar positiv entwickeln, abgesehen von der messbaren Reduktion kardiologischer und onkologischer Erkrankungen. Aber jemand hat seit dem und der strikteren Werberegulation Schmerzen: Die Tabakindustrie. Sollten wir deshalb das Rauchverbot wieder kippen und die Tabakwerbung wieder deregulieren? Was meint wohl Herr Vollmer dazu?

Wahrheit 3: Kundenbedürfnisse sind immer und ausschließlich echte Wünsche

Tamagotchi

Tamagotchis dienten der Befriedigung echter Kundenbedürfnisse!

In seiner Argumentation ignoriert oder verschleiert Vollmer noch einen weiteren Punkt vollständig: Wer glaubt ernsthaft, dass alle Kundenbedürfnisse auch tatsächlich immer ein authentischer Wunsch sind? Wie war das nochmal mit Werbung und dem Erzeugen künstlicher  Bedürfnisse? Auch darauf hatten wir schon in unserer #KompassReplik hingewiesen.

Welches Bedürfnis wird mit dem fünfzigsten Paar Louboutins befriedigt? Mit Tamagotchis? Mit Zigaretten? Tut mir leid, Herr Vollmer, aber wir glauben nicht die Bohne, dass die vordergründigen Bedürfnisse, die durch entsprechende Produkte oder Dienstleistungen befriedigt werden, die wirklichen Absichten der Kunden sind. Rauchen beispielsweise ist ein häufig komplexer Ausdruck von ganz anderen Bedürfnissen, aber nicht, sich giftigen Rauch in die Lunge zu ziehen, einen lausigen Geschmack im Mund zu haben und langfristig die Wahrscheinlichkeit kardiovaskulärer und onkologischer Erkrankungen signifikant zu steigern. Wer sich das dreißigste Paar Schuhe, Jeans, etc. kauft, erfüllt sich damit psychologisch betrachtet alle möglichen anderen Bedürfnisse. Die Produkte, die angeblich ein Bedürfnis befriedigen, sind häufig Surrogate, um die dahinterliegenden Bedürfnisse zu betäuben, von ihnen abzulenken etc. Damit folgt die Arbeits- und Unternehmenskultur wohl eher einer Schimäre. Mitnichten folgt das Angebot immer der Nachfrage. Das ist naiv.

Leider ist das immer noch nicht alles, was Vollmer unterschlagen oder nicht durchdacht hat: Denn es gibt zudem noch gewaltige Unterschiede im Maß der Sozialverträglichkeit von Bedürfnissen. Wer sich für 5000 Euro ein hochgepimptes Fahrrad kauft, um damit noch schneller und mit noch mehr Spaß durch die Gegend zu heizen, verpestet nachweislich unser aller Luft weniger, als der Egomane, der unbedingt mit einem Cayenne Turbo S mit 250 über die Autobahn brettert, die Lichthupe aufreißt und andere bedrängt. Da hat das Produkt wesentlich mehr Ressourcen alleine in der Herstellung verschlungen und in der Anwendung dann nochmal. Das ist pointiert, aber ein wenig intellektuelle Kontrastierung sei uns der Einfachheit halber erlaubt, denn Vollmer spricht diese Problematik erst gar nicht an.

Wahrheit 4: Kunden interessieren sich nicht für Arbeitsverhältnisse

Wir von priomy stehen unter anderem auf Unternehmen, die nachhaltige Produkte herstellen. Warum? Weil uns die öko-soziale Nachhaltigkeit von Unternehmen nicht egal ist. Aber Vollmer tut so, als ob es dieses Kriterium für Kunden gar nicht gäbe. Seine einzige Leitreferenz, das einzige Bezugssystem ist der Kunde, der natürlich maximal billig einkaufen will. Denn ansonsten würde er ja möglicherweise darauf achten, ob der Kaffee fair produziert und eingekauft wurde, ob die Textilfasern nachhaltiger sind als bei anderen Produkten und vielleicht auch, ob das Unternehmen mit seinen Mitarbeitenden anständig umgeht und die vielleicht sogar Spaß bei der Arbeit haben.

Zwar legt die Masse der Kunden zur Zeit noch wenig Wert auf die Arbeitsverhältnisse derer, die die Produkte herstellen. Aber wir erlauben uns typischerweise auch diesen Fakt zu hinterfragen: Warum ist das so? Könnte es sein, dass wir nicht per se mit dieser Gleichgültigkeit geboren werden? Sondern, dass sie ein Ergebnis der Gesellschaft ist, die uns täglich suggeriert, was wir alles brauchen, um ein gutes Leben zu führen? Und wenn ich dann glaube, dass ich dies und das noch brauche, aber nun mal begrenzte finanzielle Ressourcen habe, dann muss ich natürlich billig einkaufen. Das ist der Triumph der Werbeindustrie. Well done, liebe Marketer. Aber Sie haben ja nur ihren Job gemacht.

Nein, auch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Vollmer ignoriert noch etwas: Ganz offensichtlich sind Unternehmen extrem erfolgreich darin, via gezielter Außenkommunikation Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, bzw. das Bedürfnis danach überhaupt erst zu erzeugen. Warum sollten sie also nicht in der Lage sein, Ihren (potentiellen) Kunden klar zu machen, dass es nicht egal ist, wie die Arbeitsverhältnisse gestaltet sind? Wäre vermutlich nicht mal allzu schwer, denn wer will schon selber unter miesen Bedingungen arbeiten? Dann ist der nächste gedankliche Schritt keine Rocket Science: faire Arbeitsbedingungen sind teurer als Ausbeutungskulturen, mal abgesehen von Organisationskulturen, die mehr als Fairness bieten wollen, sprich: Gute Arbeit. Beides beginnt mit dem Gehalt als nicht unwichtigem Hygienefaktor.

Wieso also sollte es für Kunden nicht nachvollziehbar sein, dass ihre Mitmenschen in anderen Unternehmen anständig bezahlt werden möchten? Schließlich finden sie selbst es auch nicht gerade geil, gedumpt zu werden, oder?

***

Herzliche Grüße

Daniela, Stefan und Andreas

 

Quelle

  • Vollmer, L. (2017): Denkfehler der New Work Bewegung. Capital

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: pixabay, CC0
  • Briefmarke: Fritz Lüdtke für das Bundesministerium der Finanzen und die Deutsche Post AG, gemeinfrei
  • Tamagotchi: Tomasz Sienicki, CC BY-SA 3.0

 

12 Kommentare
  1. Niels Pflaeging
    Niels Pflaeging sagte:

    Den Hinweis auf die fatalistische Grundhaltung bei den Kollegen finde ich sehr bedenkenswert.
    Ich würde noch „politisch“ naiv ergänzen.
    Dies gilt auch für eine Menge so genannter „thought leader“. Sie sind letztlich eloquente Prediger der Hoffnungslosigkeit.

    Antworten
  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Danke Dir Niels für den Hinweis – sehe ich ähnlich. Wenn wir denn die Regeln der Wirtschaft angeblich nicht ändern können, dann sind wir ihr ausgeliefert; und wenn der Markt und die Kunden die einzige Referenz sind, dann sind die Arbeitsbedingungen am Ende egal. Interessant, dass derartige Gedanken vor allem gerne jene äußern, die ein komfortables Leben als selbstständige führen, die nicht durch Dritte bei der Arbeit drangsaliert werden.

    Antworten
  3. André Claaßen
    André Claaßen sagte:

    Wie immer ein sehr lesenswerter Artikel. Und wie so oft, bleibe ich etwas gespalten zurück. Vollmers Intention in seinem Artikel habe ich so verstanden: New Work, Agilisierung und sinnstiftende Arbeit sind kein Selbstzweck. Viele New Worker, Coaches, usw. konzentrieren sich nach Darlegung von Vollmer auf die Veränderung der Arbeit, ignorieren aber einfachste betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. Das kann nicht gut gehen. Dazu bedient sich Vollmer wie so oft einer polemisierenden und zugespitzten Sprache.

    Das finde ich erstmal in Ordnung, Ich finde es aber auch richtig, einem zugespitzten Wirtschaftsfatalismus die Stirn zu bieten, wie ihr es getan habt. Denn so einfach funktionieren Unternehmen nicht. Beispiele dafür gibt es zuhauf.

    Der Begriff Kunde müsste auch mal weitergedacht werden. Wer ist der Kunde des Bürgeramts? Der Bürger? Mit Sicherheit nicht! Der Kunde des Bürgeramts ist, wenn überhaupt, der Gesetzgeber. Er möchte, dass seine Gesetze ordnungsgemäß exekutiert werden. Verwaltungen, die dem nicht nachkommen, können hart sanktioniert werden.

    Der Bürger ist Bürger und nicht Kunde. Er hat Rechte aber auch Verpflichtungen, die kein Kunde in der Wirtschaft jemals haben wird. Das weiß übrigens jeder „Kunde“ eines Job-Centers oder der Bundesagentur für Arbeit nur allzu genau.

    Danke für den Artikel. Nehmt mir meine Replik auf Eure Replik nicht so übel. Weiter so!

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber André,

      danke! Warum bitte sollten wir Dir das übel nehmen. Wir provozieren einen Diskurs und Du bist ein Teil davon.

      Ich finde den Artikel von Vollmer gar nicht polemisch. Allerdings habe ich im Gegensatz zu Dir nicht den Eindruck, dass seine Formulierungen und seine Argumente nur der Kontrastierung oder Pointierung dienen, sondern dass er das so meint, wie es da steht. Ich finde da keine Hinweise, die mich etwas anderes vermuten lassen. Wir haben ja die entsprechenden Stellen zitiert. Und bei diesen Zitaten scheint es mir genauso gemeint, wie es da steht.

      Natürlich sind Bürger in dem Sinne keine Kunden, als dass sie keine Auswahl haben. Sie können nicht frei wählen, dieses oder jenes Amt zu nehmen, um etwas zu erledigen, sie können höchstens wie ich in Berlin zwischen Niederlassungen bestimmter Ämter wählen. Aber genau darum geht es ja – all das unterschlägt Vollmer eben, wie wir das auch geschrieben haben. Und er unterschlägt Menschen und ihre Berufung. Er sollte seine Gedanken mal meiner Exfrrau und allen anderen hochmotivierten Ärzten erzählen.

      Soweit mal auf die Schnelle.

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  4. Christoph Schlachte
    Christoph Schlachte sagte:

    Finde es prima, dass das „schwarz“ und „weiß“ Denken in Frage gestellt wird und ein „sowohl als auch“ angeboten wird.

    Weiter so.

    Insbesondere finde ich den Ansatz gut, das Menschen auch Organisationen leiten/angehören die einen guten „Sinn bzw. Wert“ für Kunden und Gesellschaft anbieten und auch auf Mitarbeiter und Umwelt achten. Dazu kann man Peter F. Drucker nachlesen und auch Richtung Gemeinwohl Ökonomie schauen.

    Herzliche Grüße, Chrstoph

    Antworten
  5. Frank Eberhard
    Frank Eberhard sagte:

    Schade, schade.
    Auseinandersetzung fände ich spannend. Zu versuchen, zu verstehen, was der andere gemeint haben könnte, und dann zu analysieren, was das mit meiner Welt und meiner Wahrnehmung zu tun hat.
    Warum fällt Euch nichts anderes ein, als zu bewerten, bzw. abzuwerten? Und selbst als thought leader mit Dreck nach den anderen thought leaders zu werfen tut doch nicht wirklich gut, oder? Meint ihr, das erhöht eure Glaubwürdigkeit oder eure Buchumsätze?
    Ich bin von Niels und Andreas Kommentaren eher enttäuscht, denn ich hatte eine anderen Umgang mit abweichenden Meinungen erwartet.

    Antworten
    • Stefan Röcker
      Stefan Röcker sagte:

      Was wir mit den Artikeln bezwecken steht am Anfang des Blogposts. Desweiteren beziehen wir ganz klar Position zu Aussagen, die so getätigt wurden und deren Argumentation in weiteren Publikationen von intrinsfy.me in ähnlicher Weise fortgesetzt werden, was hat das mit Dreck werfen zu tun? Wir würden uns sehr freuen, wenn eine Auseinandersetzung mit den beiden Protagonisten zustande käme, das haben wir auch an verschiedenen Stellen klar addresiert, bisher waren die Reaktionen dürftig. Zudem empfehle ich die Lektüre des Artikels: https://priomy.de/lasst-uns-doch-mal-wieder-streiten-ihr-pussys-new-work-streitkultur/

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      • Heiko
        Heiko sagte:

        Moin Ihr Lieben.

        Ich habe mich nach dem ersten Posting zum “Kompass für die neue Arbeitswelt” zurückgehalten. Ich habe mich auch jetzt nicht einmischen wollen. Doch da nun auch Frank „im Ring“ steht, kann ich mich nicht mehr länger zurückhalten und möchte einen zweiten (vielleicht kann sich Andreas noch an eine ähnliche Situation und unseren Chat dazu vor gut drei Jahren erinnern?) Versuch starten, um einen direkten Dialog zu initiieren.

        Ein „übereinander Schreiben“ statt „miteinander Sprechen“ finde ich schade und inhaltlich (Hypothese: für die „gemeinsame Sache“ einer besseren neuen Arbeitswelt) m. E. nur wenig zielführend.

        Ich kenne die meisten Beteiligten persönlich. Einige schon seit einigen Jahren, aus vielen inspirierenden Gesprächen und gemeinsamen Workshops rund um die neue Arbeitswelt, mit all ihren vielfältigen Facetten. Und ich mag sie alle als Persönlichkeiten, mit all ihren individuellen Facetten.

        Deshalb fände ich es extrem spannend, wenn es einmal zu einem direkten Diaolog käme. Stefan schreibt „Wir würden uns sehr freuen, wenn eine Auseinandersetzung mit den beiden Protagonisten zustande käme, das haben wir auch an verschiedenen Stellen klar addresiert [sic], bisher waren die Reaktionen dürftig.“. Vielleicht kann ich den fehlenden Impuls beisteuern?

        Ich habe mit Winfried von ChangeX gesprochen und er wäre prinzipiell gerne bereit, diesen Dialog neutral zu moderieren und dann auf ChangeX zu veröffentlichen bzw. darüber zu berichten.

        Ich schreibe gleich noch eine kurze Nachricht an Mark, Lars, Andreas und Frank dazu – was dann passiert, liegt an Euch. Ich bin überaus neugierig auf das Ergebnis!

        Liebe Grüße/
        Heiko

        P. S.: Inhaltlich halte ich mich raus, auch wenn es mich juckt …

        Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Frank,

      mit Verlaub, jetzt muss ich mal lachen. Mit Dreck bewerfen?? Meine Güte, da scheint mir gerade eine gewissen Projektion am walten. Der Vorwurf ist ja seinerseits mal etwas fraglich.

      Wenn Du irgendein ernsthaftes Interesse an einem Diskurs hast, in dem wir uns alle nicht permanent mit Wertschätzungsfloskeln begegnen müssen, würde ich dich bitten, uns zu erläutern, wo wir den armen Lars Vollmer, der seinerseits ja ebenfalls gerne mit spitzer Feder schreibt, MIT DRECK BEWERFEN. Also ich sehe da keine Stelle, an der wir einen anderen Menschen beleidigt haben, ihm übel nachreden oder unflätige und unangemessene Vergleiche ziehen, die Deine Formulierung rechtfertigen. Nochmal: Mit Dreck bewerfen?

      Da Du ansonsten nicht ein einziges unserer Argumente und keinen Beleg widerlegt hast, warte ich jetzt einfach ab, was da noch an inhaltlicher Substanz kommt.

      Antworten
      • Frank Eberhard
        Frank Eberhard sagte:

        Hi Andreas,
        ich beziehe mich auf „fatalistische Grundhaltung“, „‚politisch‘ naiv“, „Prediger der Hoffnungslosigkeit“ aus Niels‘ Kommentar, den du mit „sehe ich ähnlich“ kommentiertest. Und ich musste spontan an Situationen im Sandkasten denken, wo der einer einfach mal ne Hand voll Sand (=Dreck) nach dem anderen wirft, nicht bedenkend, dass man ja im gleichen Sandkasten sitzt. Als gemeinsamen Sandkasten sehe ich die New Work Welle, die es irgendwie vermutlich wirklich gibt, und von der wir alle leben, die wir da beraten, reden, Bücher schreiben, etc.
        Das Rechthabenwollen gehört natürlich zur Positionierungsarbeit aller Beteiligten dazu, das versehe ich schon. Und ohne Widerspruch und Provokation kommt auch kein Diskurs zustande. Das teile ich. Auch gestehe ich jedem eine eigene Meinung zu. Damit meine ich: Jedem.
        Auf den Inhalt bin ich nicht eingegangen, weil es mir nur um den Umgang miteinander ging. Da lasen sich Eure beiden Kommentare ein wenig so wie das, weswegen ich Facebook verlassen habe. Und ich muss zugeben, dass ich weder eure jeweiligen Blogs ganz gelesen, noch sonstwie das Netz daraufhin durchforstet habe, wie differenziert ihr euch anderswo mit abweichenden Meinungen auseinandersetzt.

        Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Das ist jetzt schon viel zu viel Text zu einer kleinen Verwunderung, der ich Ausdruck verleihen wollte – nicht mehr.

        Nix für ungut. Weitermachen.
        Frank

        Antworten
  6. Gregor Ilg
    Gregor Ilg sagte:

    Der Artikel von Vollmer ist schon fast 1,5 Jahre alt ist und spiegelt daher vielleicht gar nicht mehr seine ganz aktuelle Sichtweise wider. Nichtsdestotrotz freut es mich, dass ihr hier in sehr strukturierter Weise die Probleme aufgegriffen habt, die der Artikel aufwirft. Auch ich habe mich vor ein paar Wochen – deutlich weniger durchdacht – mit diesem Artikel beschäftigt (http://futureproofworld.com/newwork-vs-wirtschaft-wenn-der-mensch-dem-markt-zum-opfer-faellt/) und sehe ähnlich wie ihr das Hauptproblem darin, dass hier dem Kunden bzw. Markt alle anderen Bedürfnisse untergeordnet werden. Das sollte meines Erachtens nicht das Ziel von Wirtschaft sein. Das Ziel von Wirtschaft sollte es sein, Menschen die Möglichkeit zu geben, erfolgreich zusammen zu arbeiten. Das heißt es sollten nicht nur die Kundenbedürfnisse befriedigt werden, sondern die Bedürfnisse aller „Stakeholder“ des Unternehmens. Das sind die Mitarbeiter, die Eigentümer, die Umwelt, die Community und letztendlich natürlich auch die Kunden. Erst wenn das gelingt, haben wir m.E. ein nachhaltiges, zukunftssicheres Wirtschaftsmodell. Bis es soweit ist, haben wir etwas anderes. Nämlich ein ziemlich großes gesellschaftliches Problem.

    Antworten

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