Der Irrtum des Mancur Olson: Kollektives Handeln funktioniert doch.

Vor einer ganzen Weile erschien in der Reihe „Die Weltverbesserer“ der Frankfurter Allgemeine ein Artikel über den Beinahe-Wirtschaftsnobelpreisträger Mancur Olson. Gleich im ersten Abschnitt war zu lesen, warum Olson so großartig gewesen sein soll: Mit nur 33 Jahren habe er das „bahnbrechende“ Werk „Die Logik kollektiven Handelns“ veröffentlicht. Das großartige dieses Buches habe darin gelegen, dass Olson die angeblichen Schwierigkeiten oder gar Unmöglichkeiten analysierte, „eine freiwillige Organisation für die Interessen der breiten Masse zu bilden“ (Plickert, P. (2014): Der Abstieg der Nationen. Frankfurter Allgemeine, Ressort Wirtschaft. Online 24.08.2014).

Kollektives Handeln: Warum es angeblich nicht funktioniert

Natürlich führte der Autor Philip Plickert das Ganze weiter aus. Mit angeblich „strenger Logik“ würde Mancur Olson erläutern, warum das gemeinsame Handeln nicht möglich sei: Den einzelnen Individuen fehle der Anreiz, für die gemeinsame Sache zu arbeiten, wobei sich noch die Frage stellt, ob sich Olson auch nicht-monetäre Anreize vorstellen kann. Daraus folge dann das bekannte Trittbrettfahrer Symptom: Man lässt es die anderen machen, und wird zum stillen, egoistischen Nutznießer: T.E.A.M.: Toll, ein anderer macht’s! Wenn dem so wäre, müssten öffentliche Güter durch gemeinschaftliches Handeln unerreichbar sein. Sonderbar. Das Mancur Olson einen der zwei größten Gegenbeweise nicht mehr kennenlernen konnte, macht seine offensichtlich fehlerhafte Sicht etwas nachvollziehbarer. Dass hingegen Philip Plickert nicht mit einem Satz Olsons kolossalen Irrtum kommentiert, ist schon eine erstaunliche Leistung. Man könnte auf die Idee kommen, dass er seinen Wunsch zum Vater des Gedankens gemacht hat.

Kollektives Handeln: Und es funktioniert doch

Wikipedia – lebt von den Beiträgen von Millionen von Menschen ohne jegliche klassische Anreize.

Machen wir es kurz: Wäre Mancur Olson nicht 1998 gestorben, hätte er heute ein gewisse Erklärungsnot: Wie kann es sein, dass weltweit Millionen Menschen die größte Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte erstellen, ohne irgendwelche Anreize, die angeblich zu diesem gemeinnützigen Verhalten nötig seien? Wikipedia, 2001 gegründet, ist die höchst potente und lebendige Widerlegung der angeblichen Schwierigkeiten oder gar Unmöglichkeit, die Olson glaubte festzustellen. Wenn wir es streng logisch halten, ist damit schon mal die Aussage der Unmöglichkeit widerlegt, ein schwarzer Schwan falsifiziert die These, alle Schwäne seien weiß. Allerdings könnten wir immer noch behaupten, Wikipedia sei halt die Ausnahme, es bleibe aber äußerst schwierig, mit gemeinsamen Handlungen öffentliche Güter zu erzeugen.

Also kommen wir schnell zum nächsten, mittlerweile abgestandenen Beispiel: Linux. Und da wird es für Olson bereits zu Lebzeiten eng. Linux wurde 1992, also satte sechs Jahre vor Olsons Tod, verbreitet. Die mittlerweile weltweit bekannte Open Source Software-Entwicklung zeigt ähnlich wie Wikipedia, dass es massenweise Menschen gibt, die hochgradig motiviert und engagiert tätig werden, ohne dafür je einen direkten Gewinn im Sinne der Eigennutzenmaximierung zu erzeugen. Viele der Menschen, die Linux weiterentwickeln, verdienen damit ebenso wenig, wie all die hinter Pseudonymen verschwundenen Wikipedia-Autor*innen.

Friday for Future in Vicenza, 15.03.2019. ©Tiziana Rigodanzo, CC BY-SA 4.0

Und ganz aktuell: Wie steht es um die Fridays for Future? Was ist das, wenn es kein kollektives Handeln ist? Eine Bewegung, die in kürzester Zeit ein weltweites Phänomen geworden ist. Über das alle naslang gesprochen und berichtet wird; eine kollektive Handlung, die Politikprofis dazu bringt, sich mit expertokratischer Arroganz selbst zu entlarven. Mit Sicherheit erwarten die Teilnehmer*innen dieser Bewegung nicht, dass gleich morgen endlich mal konsequente und ausreichend weitreichende Klimapolitik betrieben wird und wir endlich das Primat der Wirtschaft aufgeben. Der individuelle Gewinn, den Olson so hochhängt, ist auch hier nicht gegeben. Das ist deshalb besonders bemerkenswert, da der FAZ Wirtschaftsredakteur Plickert darauf abzielt, dass Mancur Olson widerlegt hätte, „dass sich auf freiwilliger Basis breite Interessenorganisationen von Verbrauchern, Arbeitern und Bürgern bilden könnten.“ (Plickert 2014)

Diese großen, vermutlich bekanntesten Beispiele sind aber nur die Spitze des Eisbergs kollektiven Handelns ohne klassische Anreize. Mittlerweile gibt es weltweit tausende, vielleicht Millionen Wikis, die durch zahlreiche Menschen erstellt und weiterentwickelt werden; es gibt ebenso haufenweise Open Source Projekte, in denen Menschen freiwillig ohne die benannten Anreize mitwirken und so öffentliche Güter für eine breite Masse erzeugen; es gibt weitere kollektive Handlungen, die gegen die verfilzte und lobbygeschwängerte Politik aufbegehren, wie die Extinction Rebellion. Alles in allem wirft also die angeblich so bahnbrechende Erkenntnis und Theorie Mancur Olsons einige Fragen auf. Ohne Olson Böses zu wollen würde ich lapidar feststellen, dass es gut war, dass er den Wirtschaftsnobelpreis nicht mehr erhalten hatte. Es wäre eine ebenso verfehlte Belohnung seiner Arbeit, wie der Wirtschaftsnobelpreis für Robert C. Merton, dessen Analyse des Kapitalmarkts spektakulär im Rahmen seines durch ihn mit geleiteten Fonds Long-Term-Capital-Management scheiterte.

Eine besondere Ironie der Geschichte besteht darin, dass es natürlich auch einen Artikel über Mancur Olson in Wikipedia gibt. Dem öffentlichen Gut, dass ganz offensichtlich zumindest einen erheblichen Teil von Olsons Theorie widerlegt. Noch ironischer ist aber, dass diejenigen, die den Artikel über Olson in diesem Medium ohne die üblichen Anreize wie Geld oder Reputationsgewinn geschrieben haben und damit selbst einen weiteren Baustein zu Olsons Widerlegung erzeugen, dies nicht reflektieren. Es gab – Stand 28.06.2019 – keinen Abschnitt mit einer Kritik zu Olsons Werk. Es wäre doch äußerst naheliegend, selbstbezüglich in Wikipedia auf Wikipedia als Widerlegung zu verweisen. Darüber könnten sich jetzt alle Wikipedia Gegner freuen, schließlich könnte man es als Zeichen mangelnder Qualität interpretieren.

Kollektives Handeln: Was sind die Erfolgsbedingungen

Statt kollektives Handeln ohne klassische Anreize generalisierend in Frage zu stellen, was meistens (nicht immer!) keine gute Idee ist, wäre es viel interessanter, die Bedingungen empirisch zu erforschen, wann es erfolgreich ist. Und was es braucht, damit es – wie bei Linux oder Wikipedia – dauerhaft und nachhaltig erfolgreich bleibt.

Elinor Ostrom. Kollektives Handeln funktioniert doch. Sogar mit Gemeingütern!

Ich persönlich frage mich sehr wohl, was Menschen dazu motiviert, nicht alle zwei, drei Jahre mal einen Artikel bei Wikipedia zu schreiben, sondern dies auf monatlicher Basis zu tun. Es ist ja nicht nur so, dass die Autor*innen kein Geld erhalten, sie werden auch nicht einmal namentlich bekannt. Sie können es also auch nicht für ihre Reputation machen. Und obendrein, ohne monetären und Reputationsgewinn, kommen so manche Autor*innen auch noch in veritable Editwars. Und doch werden immer noch weitere Artikel geschrieben.

Einen besonders vielversprechenden Ansatz dazu hat im Gegensatz zu Olson Elinor Ostrom mit ihrer Forschung zur Nutzung von Commons beigetragen (Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action (1990) und später auf Deutsch: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter.). Sie widerlegte den angeblich zwingenden Niedergang von Allmenden durch die Ausbeutung der Nutzer – und erhielt dafür als „erste und bisher einzige Frau den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.“ (Wikipedia, haha, das musste jetzt sein 🙂 ) Es steht also keineswegs so schlecht um die Menschheit im Sinne kollektiven Handelns. Dafür umso schlechter um Qualitätsjournalismus.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: pixabay, lizenzfrei
  • Wikipedia: Screenshot
  • Friday for Future: Tiziana Rigodanzo, CC BY-SA 4.0
  • Ostrom: Holger Motzkau 2010, CC BY-SA 3.0
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