Die Klassiker der Epidemiologie: Whitehall I + II

Die beiden Studien, die wir heute vorstellen, sind schon recht betagt. Und doch kennen sie immer noch viel zu wenig Leute. Faszinierend, würde Spock das kommentieren. Denn immerhin zeigten beide Studien unter der Leitung von Professor Michael Marmot einen signifikanten Zusammenhang des sozioökonomischen Status und der allgemeinen Sterblichkeitsrate. Konkret wurde mit Whitehall I herausgefunden, dass männliche Angestellte des tiefsten Dienstgrades eine dreimal so hohe Sterblichkeit aufwiesen wie Studienteilnehmer mit dem höchsten Dienstgrad, gemessen im Rahmen einer Langzeitstudie über 10 Jahre. In der darauf folgenden Studie Whitehall II wurde unter anderem weiter herausgearbeitet, dass der Kontrollverlust über einen wichtigen Teil des eigenen Lebens in Folge einer Anstellung auf einer geringen Hierarchiestufe  mit längeren Krankenfehlzeiten verbunden ist. Was sich wiederum mit dem seit 2003 erhobenen Gallup Engangement Index deckt, auf den ich unter anderem in „Alle Macht für niemand“ eingegangen bin.

Professor Michael Marmot

Professor Michael Marmot

Zunächst zu den Rahmendaten der Studien: In Whitehall I wurden 17.530 britische Zivilbeamte zwischen 40 und 64 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet. Am Anfang stand eine gründliche Eingangsuntersuchung, in der die Studienteilnehmer einen standardisierten kardiovaskulären Gesunheitsfragebogen ausfüllten, in dem das Rauchverhalten, Atemwegssymptome, medizinische Behandlungen und körperliche (Freizeit-)Aktivitäten abgefragt wurden. Dann folgte eine körperliche Untersuchung mit EKG, Blutdruckmessung, Plasma Cholesterol, Blutzucker, Skinfold thickness, Größe und Gewicht. Die Ergebnisse wurden in der Zentralregistratur des britischen National Health Service hinterlegt, so dass im Todesfall der Studienteilnehmer eine Kopie der Sterbeurkunde an die Studienleiter übermittelt wurde. Über diese medizinische Eingangsuntersuchung hinaus wurden die Teilnehmer in verschiedene berufliche Bereiche klassifiziert: Dienstgrade in Feldern wie Verwaltung, Fach- oder Sachbearbeitung, Führungsfunktion und andere wie Handwerker oder Boten.

Neben den im ersten Absatz aufgeführten Zusammenhängen fanden die Forscher ein reziprokes Verhältnis des Dienstgrades und der Todesfolge durch koronare Herzerkrankungen. Die zwei hauptsächlich mit Rauchen verbundenen Erkrankungen, Lungenkrebs und kardiovaskuläre Erkrankungen, folgten ebenfalls diesem reziproken Verhältnis. Als die Kohorte auf statistische Trends von Risikofaktoren untersucht wurde, zeigte sich, dass keiner dieser Trends den Unterschied in der Häufigkeit der koronaren Herzerkrankungen erklären konnte.

Fließbandarbeit bei Ford

Fließbandarbeit bei Ford

Es wurde aber noch erschreckender. Denn obwohl die Wissenschaftler das tatsächlich gefundene reziproke Verhältnis zwischen Dienstgrad und koronaren Erkrankungen bis hin zum dadurch verursachten Tod erwarteten, kamen sie zu dem Ergebnis, dass diese Korrelation bei der allgemeinen Sterblichkeitsrate ebenso stark war. Infolgedessen fanden die Forscher heraus, dass auch andere soziale Faktoren und Umweltbedingungen wie Stress, Ernährung und Körpergröße ebenfalls eine wichtige Rolle spielen könnten. Die Ergebnisse von Whitehall I zeigten schließlich die Bedeutung individueller Merkmale und ihrer ungleichen Verteilung in der Gesellschaft. Die Wissenschaftler schlugen darüber hinaus vor, dass die Erklärung für die unterschiedlichen Sterblichkeiten in den verschiedenen Dienstgraden verknüpft sein könnten mit der Anfälligkeit oder Ballung für verschiedene spezifische Faktoren. Diese Überlegungen und die damit verbundenen Fragen führten ein paar Jahre später zur zweiten Studie.

Für Whitehall II wurden 6895 Männer und 3414 Frauen im Alter von 35 – 55 Jahre untersucht. Die StudienteilnehmerInnen stammten dieses Mal aus 20 verschiedenen Londoner Büros unterschiedlicher Behörden. Der jeweilige Dienstgrad, war, wie sich zeigte, stark verbunden mit dem Gefühl von Kontrolle über die eigene Arbeit und deren Variationsbreite, gemessen am Handlungsspielraum bei Entscheidungen sowie einem hohen Arbeitstempo, gemessen an den Arbeitsanforderungen. Zusammenfassend wurde deutlich, dass das Fehlen von Kontrolle über die eigene Arbeit mit langen Krankenfehlzeiten von mehr als 6 Tagen verknüpft war.  Zusätzlich zeigte sich keine Abnahme der Krankenhäufigkeit (Prävalenz) in Abhängigkeit vom Dienstgrad über die 20 Jahre, die zwischen den beiden Studien lagen. Die Forscher kamen unter anderem zu dem Ergebnis, dass der kumulative Effekt geringer Arbeitskontrolle darauf verweist, dass variationsreichere Arbeit und mehr Mitbestimmung das Risiko koronarer Herzerkrankungen senken könnte.

Zugespitzt ließe sich sagen: Mit- und selbstbestimmte Arbeit erhöhte die Chance, gesund zu bleiben.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

  • Marmot, M.G. et al. (1984). Inequalities in death – specific explanations of a general pattern? Lancet 8384, 1003-1006.
  • Marmot MG. et al. (1991): Health inequalities among British civil servants: the Whitehall II study. Lancet 337:1387-1393.

Bildnachweis

  • Michael Marmot: NHS Confederation, CC BY 2.0
  • Fließband: Ford, gemeinfrei
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