Die Zukunft der Arbeit macht krank. Psychische Erkrankungen bei Studenten nehmen zu.

Am 19.03. veröffentlichte unsere Wiener Kollegin Julia Culen Ihren Beitrag „Generation A(ngst) – mit ihr haben wir nicht gerechnet„. Bei 350 befragten Student*innen zeigte sich ein klarer Trend, der nicht im Geringsten zu den üblichen medialen Mantren der Generationen Y und Z passt: Der Beruf sollte später vor allem Routine und Sicherheit bieten. In Anbetracht der laufenden Digitalisierung und damit Automatisierung ist es schon erstaunlich, dass sich Studenten der Wirtschaftswissenschaften allen Ernstes solche Jobs wünschen, die voraussichtlich in den nächsten Jahren am ehesten wegrationalisiert werden. Wenn man die von Julia präsentierte Studie mit dem aktuellen Barmer-Arztreport 2018 zusammen betrachtet, ergibt sich ein schlüssiges Bild. Und das gibt zu Denken.

Studiendaten

Die Daten stammen von den BARMA Versicherten, die 2016 rund 10% der deutschen Bevölkerung ausmachten, was für 2016 8,32 Millionen Versicherten entspricht. 2016 gab es bei diesen Personen 79 Millionen Behandlungsfälle, 353 Millionen dokumentierte Diagnoseschlüssel und etwa 575 Millionen Abrechnungsziffern. Der gesamten Auswertungszeitraums 2005 – 2016 umfasst 882 Millionen Behandlungsfälle, 3,5 Milliarden Diagnoseangaben und 6,6 Milliarden Abrechnungsziffern.

Der Report 2018 fokussiert auf psychische Störungen bei jungen Erwachsenen. Diagnostisch wurde dabei das Standardwerk ICD-10 mit seinen „F-Diagnosen“ zu Grunde gelegt: Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99), die alle psychischen Erkrankungen und Störungen umfassen.

Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Barmer-Versicherten nicht repräsentativ für die jeweils betrachteten Kohorten sind. Dieser möglichen Verzerrung begegneten die Statistiker der Studie durch eine demografische Bereinigung.

Studienergebnisse

Die Ergebnisse hinsichtlich der jungen Erwachsenen, Studenten wie Nicht-Studenten, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Cover des Barmer-Arztreports 2018Im Zeitraum von 2005 – 2016 ist der „der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychischen Diagnosen um 38 Prozent und darunter bei Depressionen um 76 Prozent gestiegen.“ (Barmer-Arztreport 2018).
  2. „… im Hinblick auf die affektiven Störungen und die Reaktionen auf schwere Belastungen stieg der Anteil seit dem Jahr 2005 um 75 Prozent beziehungsweise um 89 Prozent an.“ (a.a.O., S. 19)
  3. Der Vergleich von Studierenden und nicht Studierenden zeigt eine zunehmendes Risiko seitens der Studierenden mit zunehmendem Alter: „Bei Studierenden steige mit zunehmendem Alter das Risiko für eine Depression deutlich. Im 18. Lebensjahr erkrankten 1,4 Prozent der Studierenden erstmals an einer Depression, bei den Nicht-Studierenden seien es 3,2 Prozent. Gut zehn Jahre später liege der Anteil bei den Studierenden bei 3,9 Prozent und bei den Nicht-Studierenden bei 2,7 Prozent.“ (a.a.O.)
  4. Studenten in den alten Bundesländern sowie den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sind mehr betroffen, als in den neuen Bundesländern beziehungsweise außerhalb der genannten Großstädte.
  5. Es zeigte sich eine hohe Persistenz der Erkrankungen: Nur ein Viertel der 2011 Betroffenen war in keine der Folgejahre betroffen, die Mehrheit hatte auch in den Jahren danach noch mindestens einmal mit der Erkrankung zu kämpfen.

Schlussfolgerungen

Passung verschiedener Ergebnisse und Erlebnisse

Unabhängig von der nicht sicher geklärten Repräsentativität des Arztreports passen dessen Ergebnisse erstens zu der von Julia Culen initiierten Studie bei den Wiener Wirtschaftsstudenten. Der Wunsch nach Sicherheit und Routine im Beruf erscheint vor dem Hintergrund der Barmer Studie schlüssig, auch wenn es sich um nicht direkt vergleichbare Kohorten handelt (Deutschland – Österreich, Studenten allgemein – Studenten der Wirtschaftswissenschaften) und die Culen Studie höchstwahrscheinlich nicht repräsentativ für Österreichische Studenten ist. Hypothetisch gehe ich im Moment vor dem Hintergrund der Barmer Studie davon aus, dass die Lage in Österreich nicht fundamental anders ist. Dort verändern sich die Anforderungen an das Berufsleben vermutlich ähnlich wie bei uns.

Zweitens passen die Barmer Ergebnisse gut zu dem, was ich subjektiv im Kontakt mit Studenten erlebe. Der viel beschworene Kohorten-Effekt veränderter Anforderungen von Studenten ans Berufsleben, dass es im Kern mehr um Sinnkopplung, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und selbstbestimmtes Arbeiten geht als um alte extrinsische Motivationen (Karriere, Gehalt, Statussymbole), ist ziemlich fraglich. Ich habe in den letzten Jahren schätzungsweise genauso viele junge Menschen kennengelernt, die vielmehr als Generation A(ngst) zu beschreiben sind, denn als sinngetriebene, gemeinwohlorientierte und nach Eigenverantwortlichkeit strebende junge Menschen (Generation Y/Z).

Auffällige Ergebnisse

Besonders bedenklich erscheint mir die deutsche Besonderheit alter und neuer Bundesländer und der hier je verschiedenen psychischen Erkrankungsraten. Wenn wir davon ausgehen, dass die berufliche Situation in den neuen Bundesländer aufgrund infrastruktureller Schwächen deutlich schlechter sind als in den alten Bundesländern, ist es erstaunlich, dass trotz rückläufiger Tendenz (a.a.O., S. 21) in den alten Bundesländern mehr psychische Erkrankungen vorliegen. Das es in den genannten Großstädten mehr Erkrankungen gibt als auf dem Land ist wenig erstaunlich, zumal die gesundheitlichen Vorteile des Landlebens erstens wissenschaftlich bekannt und augenscheinlich offensichtlich sind. Möglicherweise liegt der Unterschied darin begründet, dass es in den alten Bundesländern mehr Ballungsräume gibt und damit eher städtisches Leben als Risikofaktor für psychische Erkrankungen vorliegt.

Was zu der steigenden Rate an psychischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen, insbesondere bei Studenten hinzukommt, ist die relative Hohe Persistenz, also das Fortbestehen der Krankheiten. Wenn mehr als die Hälfte der 2011 Erkrankten in den fünf Folgejahren bis 2016 mindestens einmal weiter mit der Erkrankung zu kämpfen hatte und umgekehrt nur ein Viertel keine Probleme mehr hatte, dann gibt das zu denken.

Überraschend und äußerst interessant ist vor allem die gegenläufige Entwicklung der Häufigkeiten psychischer Erkrankungen bei jungen Erwachsenen die studieren und denjenigen die nicht studieren: Bei 18 Jährigen liegen die Quoten psychischer Erkrankungen bei Student*innen bei 1,4 und bei nicht Studierenden bei 3,2%. Gute 10 Jahre später hat sich das Verhältnis fast umgekehrt: 3,9% der Studierenden erkranken, während nur 2,7% der nicht Studierenden erkranken. Dieser Befund ist besonders erklärungsbedürftig, zumal er nicht zu den beiden großen epidemiologischen Studien Whitehall I + II passt, in denen ein Zusammenhang zwischen hierarchischer Position (leitende Angestellte vs Mitarbeiter) und Lebenserwartung nachgewiesen wurde. Sprich: Führungskräfte haben eine höhere Lebenserwartung und sind gesünder, als Mitarbeiter, die weniger selbstbestimmt arbeiten können.

VUCA, New Work und steigende Arbeitsbelastung

Die Zunahme von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Vieldeutigkeit in der (Arbeits)Welt dürfte unzweifelhaft sein. Wenn ich heute in Deutschland etwas produziere, kann es sein, dass ich morgen Insolvenz anmelden muss, weil ein chinesischer Wettbewerber denselben Markt bedient. Das war vor 100 Jahren definitiv anders. Der Vernetzungsgrad ist gestiegen, demnächst werden ein paar Milliarden Geräte in der physischen Welt ans Internet angeschlossen sein (IoT), Dynamik und Tempo von Datenerzeugung, -sammlung und Auswertung steigen fortwährend (zB High-Frequency-Trading) frühere Subsistenzwirtschaft wurde zunehmend durch globale Liefer- und Produktionsketten ersetzt. Dass all das Angst vor der (beruflichen) Zukunft auslösen kann, ist durch und durch verständlich.

New Work Arbeitsplatz

Mein New Work Arbeitsplatz, an dem ich diesen Blogbeitrag geschrieben habe.

New Work, Neue Arbeit und ihre Verwandten (Agilität, Arbeiten 4.0, Augenhöhe, Unternehmensdemokratie etc.), die wir in unserem Unternehmen priomy als selbstbestimmte Arbeit zusammenfassen, sind allerdings angetreten, um die Arbeitswelt besser zu machen und nicht um Stress zu erhöhen und die Wahrscheinlichkeit psychischer Erkrankungen zu erhöhen. Dabei kann es allerdings zu erheblichen Kollateralschäden kommen. Schließlich bietet auch schon die traditionelle Arbeitswelt genug Möglichkeiten, um sich zu sorgen, wie wir von priomy neulich selbst erfahren konnten, als wir mit einer Gruppe von Studenten einen CompetenceCheck für selbstbestimmte Arbeit durchführten: „Angstfaktor Berufsstart – macht das krank?“ In Anbetracht dieser nicht zu leugnenden Risiken ist es durchaus nachvollziehbar, sich Routinejobs und Sicherheit zu wünschen, auch wenn das nicht dazu führen wird, dass sich die Ursachen ändern.

Als ob das nicht schon genug wäre, scheinen zudem Arbeitsdruck und -verdichtung zu steigen. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung kam unter anderem zu folgendem Ergebnis: „In den meisten Betrieben, 77 Prozent, haben Termindruck und hohe Arbeitsintensität nach Angabe der Betriebsräte in der jüngeren Vergangenheit zu mehr gesundheitlichen Beschwerden bei Beschäftigten geführt, in jedem zweiten ist die Zahl der Überstunden gestiegen.“ (WSI Pressemitteilung, 20.01.2017). Dabei sind „Die Befunde …  branchenübergreifend und repräsentativ für Betriebe mit wenigstens 20 Beschäftigten und Arbeitnehmervertretung.“ Diese Untersuchung wurde jüngst durch Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linken-Fraktion bestätigt: „Die Zahl der daraus resultierenden (Krankheits)Fehltage sei von 2012 bis 2016 von 19,97 Millionen auf 30,53 Millionen im Jahr gestiegen.“ (Welt Wissen 2018) Dieser Druck kann nicht nur top-down in klassischen Hierarchien aufgebaut werden, sondern in der neuen Arbeitswelt von den Arbeitnehmern selbst, wie unsere Bonner Kollegin Inga Ketels hier im Blog vor kurzem ausführte: „New Work – die schöne neue Arbeitswelt. Selbstausbeutung unter dem Deckmantel der Freiheit?„.

Alles in allem sind die den Wünschen der Generation A vermutlich zugrunde liegenden Sorgen nicht allzu weltfremd. Ob die daraus (un)bewusst abgeleiteten Wünsche indes realistisch sind, ist eine andere Frage. Wir, die wir zur Zeit mit unterschiedlich großen Hebeln die Arbeitswelt transformieren, sollten die hier beschriebenen Ergebnisse und deren mögliche Ursachen dabei im Kopf haben.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: freephotos.cc, freie Nutzung
  • Studiencover: Barmer
  • New Work Arbeitsplatz: © Dr. Andreas Zeuch, 2018
2 Kommentare
  1. Julia Culen
    Julia Culen sagte:

    ich finde diese Entwicklung sehr bedenklich.. wie ist es gelungen, soviel Angst zu produzieren? Obwohl es uns objektiv gesehen noch nie so gut ging? Die Angst vor dem Abstieg scheint die Schlimmste zu sein..Ich finde aber auch, dass „Ich habe Angst“ ein bequemer Ort ist. Eine Entschuldigung für alles, was man nicht machen will.. man könnte auch, wie Du sagst, wieder die Neugierde, das Interesse und die Freude am Arbeiten und eigenen Beitrag kultivieren. Angst vergeht erst im Gehen..

    Noch zu meiner Studie: nachdem an der Wiener Universität sehr viele Deutsche studieren und auch ein großer Anteil der befragten nicht Deutsch als Muttersprache hat, ist die Studie vermutlich nicht nur für Österreich repräsentativ..

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  2. Wilfried Reiter
    Wilfried Reiter sagte:

    ein paar Gedanken aus dem Off:
    … konsequente Weiterentwicklung…
    … grade diskutieret die Müttergruppe meines Sohnes über die diversen ADxx-Diagnosen aus der Schulklasse…
    … da lese ich von den zukünftigen (F00-F99) Diagnose der Studenten …
    … schöne neue Welt…

    Antworten

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