Generation (A)ngst – mit ihr haben wir nicht gerechnet!

„Die jetzige Generation ist schon recht brav“, so Prof. Rudolf Vetschera von der Universität Wien. Wir sitzen in seinem Besprechungszimmer und diskutieren die Ergebnisse einer Studie, die wir in Kooperation mit der Universität Wien durchgeführt haben. 350 TeilnehmerInnen, durchschnittlich 25 Jahre alt, international, quer durch die Studienfächer mit einem große Schwerpunkt auf Wirtschaftswissenschaften. Wir wollten wissen, was sie sich denn so vom Arbeitsleben erwarten und wünschen. Viele der Befragten wissen, wovon sie sprechen, denn 90% der Befragten haben schon Arbeitserfahrung, immerhin 35% einen Full-time Job.

Warum wollten wir das wissen? Weil ich misstrauisch geworden bin angesichts der Gewissheiten, die wir über die „Millenials“ haben: dass sie voll partizipativ und flexibel arbeiten wollen, sie sich vor allem über „Sinn“, den purpose, motivieren lassen und nach Selbstverantwortung streben. Das passt perfekt in das Bild, das die Generation 40+ von der „new world of work“ malt, eine Welt, in der es keine Hierarchien mehr gibt, alle selbstbestimmt arbeiten können und die Community den Chef ersetzt. Ich persönlich wünsche mir das auch, und so arbeiten, publizieren, beraten und entwickeln wir BeraterInnen fleißig in diese Richtung, propagieren den Megatrend ist Selbstorganisation und Netzwerkorganisation, digital, genial. Und haben auch die passenden Beratungsangebote und Modelle im Angebot.

Misstrauisch auch, weil diese Diskussionen ganz offensichtlich unter meiner Generation (40+) stattfindet: bei den sogenannten „new work“ Konferenzen, aber auch in den Social Media Publikationen wird von angegrauten, hippen Turnschuhträgern miteinander ÜBER die nächste Generation gesprochen, aber selten MIT ihnen.

Zeit bei den Nachwuchspotentials direkt nachzufragen: jene, die an der Universität kurz vor dem Abschluss und dem Einstieg ins Arbeitsleben stehen.

Es gibt ja schon die eine oder andere Studie, die Hinweise in eine andere Richtung geben, Themen wie work-life balance werden wichtiger, Familie und Sicherheit. Das wollten wir, mein Partner Christian Mayhofer und ich, uns genauer ansehen, möglichst ohne unseren eigenen Bias und Wunschdenken. Wir haben also eine Studie in Kooperation mit der Universität Wien gestartet, mit dem klaren Ziel, dass diese durch, für und mit Studierenden durchgeführt wird. In einer qualitativen Vorstudie wurden rund 30 Studierende von ihren KollegInnen in qualitativen Tiefeninterviews befragt, die Themenfelder haben sie selbst erarbeitet, aufgrund ihrer eigenen Fragen und Bedürfnisse.

Auf diese Ergebnisse wurde eine online-Befragung aufgesetzt, 350 haben mitgemacht. Wir waren durch die qualitativen Ergebnisse auf die Ergebnisse vorbereitet, aber wenn man dann fundierte und verifizierte Zahlen vorliegen hat, ist man doch noch mal mehr betroffen und manchmal sogar schockiert.

Denn die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, die völlig anders tickt als das Gros der Unternehmen und Manager, die entweder noch sehr autoritär, hierarchisch und verstaubt, oder sehr offen und selbstorganisierend probieren. Beides scheint ziemlich an den Bedürfnissen und Erwartungen dieser Generation, oder „Kohorte“ (in kürzeren Zeiträumen gedacht), vorbeizugehen.

Zusammenfassend sieht der Traumjob so aus

Ein sicherer Job in einem internationalen, aber nicht zu großen Unternehmen. Ein gutes Einstiegsgehalt mit guten Karrieremöglichkeiten und professioneller Weiterentwicklung. Am liebsten im eigenen Office, mit klarer Trennung zwischen Beruf und privat, mit relativ flexiblen Arbeitszeiten, aber keiner rundum Erreichbarkeit. Der Job sollte nicht zu herausfordernd sein, viel Routine ist kein Problem, im Gegenteil. Ideal wäre ein 30-35 Stundenjob, in dem Überstunden mit Freizeit ausgeglichen werden.

Ein Chef, der viel Feedback und Anleitung gibt, am liebsten auch noch ein Mentoring Programm. Ein freundschaftliches Verhältnis zu den KollegInnen, mit einer Mischung aus Team- und Alleinarbeit. Zu viel Verantwortung ist nicht nötig, Selbstorganisation nur bedingt wichtig. In 15 Jahren sieht man sich in einer eigenen Firma oder in einem mittleren Management oder Teamleiterjob. Der eigene Beitrag zum Unternehmenserfolg bzw. die Stimmung sind weniger wichtig, entscheidend sind Aufstieg und der sichere Job.

Nicht gerade das, was der Markt derzeit zu bieten hat und fordert: nämlich kreative Menschen, die sich einsetzen, ultraflexibel arbeiten. Und auch nicht das, worauf Unternehmen derzeit eingeschworen werden: Selbstorganisation, Abbau von Führung und Hierarchien, hohe Grade an Flexibilität.

Erste Erklärungsversuche

Wunsch und Realität könnten also nicht weiter auseinanderklaffen. Die Vorstellungen entsprechen in keinster Weise den Möglichkeiten und Bedürfnissen der meisten Unternehmen, weder jetzt und schon gar nicht in Zukunft. Man fragt sich: haben diese Kids noch nie etwas von Automatisierung und Artificial Intelligence gehört, die Standardjobs früher oder später komplett vom menschlichen Arbeitsmarkt verschwinden lassen werden? Wie ist es möglich, dass die sogenannten Digital Natives, die verbunden mit der Welt und den Informationen dieser Welt noch viel weltfremder wirken als wir (40+) in unseren 20ern?

Anbei ein paar Erklärungsversuche, die sich sowohl aus der eigenen Beobachtung, als auch aus Gesprächen mit „den Jungen“ ergeben haben.

# 1 – Diese Generation ist wohlbehhütet und stark überwacht aufgewachsen: die Eltern konnten ihre Ängste erstmal mit völliger Kontrolle kompensieren. Unsere Eltern hatten auch Angst um uns, konnten uns aber nicht ständig überwachen und so haben sie und wir gelernt, dass wir auch auf uns alleine gestellt überleben können, zumindest stundenweise. Somit konnten sie also wenig Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen

#2 – Kinder sind zum Statussymbol und eine pure Ego-Extension geworden – „meine Kinder sind das wichtigste für mich“ ist ein Standardsatz und nicht unbedingt zum Vorteil für die Kinder: sie wachsen mit vielen Erwartungen auf, müssen Vieles kompensieren, stehen im Mittelpunkt, werden für alles gelobt, stehen im Wettbewerb und sind oft überfordert. Das könnte dazu führen, dass wir in der Studie hohe Werte beim Wunsch nach Führung und Feedback bekommen, sowie wenig Lust, „auch noch im Job gefordert zu werden“.

#3 – Der massive Wettbewerbsdruck über Social Media – ständig wird man verglichen und bewertet, steht in einem globalen Wettbewerb – führt zu einem hohen Druck und persönlicher Unsicherheit: egal wie gut man ist, da gibt es immer andere, viele andere, die noch viel besser, schöner, reicher, beliebter, erfolgreicher sind. Man will dann im Job nicht auch noch in Konkurrenz stehen, lieber sich den Routineaufgaben zuwenden.

#4 – Der allgemeine Wohlstand hat sich nochmals erhöht und die Kids haben oftmals in ihren Kinderzimmern eine bessere technische Ausstattung, als es ihnen ihre Arbeitgeber ermöglichen können. Geld ist da, man hat eigentlich schon alles, was man will, viele Kinder dieser Generation wissen nicht mal mehr, was sie sich zum Geburtstag wünschen können. Insofern ist es verständlich, das Geld nicht der große Anreiz ist, sondern eher eigene Weiterentwicklung, Aufstieg oder mehr Freizeit.

#5 – Das was für unsere Generation noch erstrebenswert ist: hohe zeitliche und örtliche Flexibilität, kommt bei den Kindern anders an: die Eltern arbeiten immer, sind jederzeit und jederorts erreichbar und geistig nicht wirklich verfügbar. Deswegen wollen sie wieder eine strikte Trennung von Arbeit und Privat. Ja, am liebsten 30-35 Stunden arbeiten, damit mehr Zeit für die Familie, für die Kinder, für sich selber bleibt. Sie wollen nicht wie ihre Eltern sein.

#6 – Diese Generation ist stark verunsichert – von Klein auf hat man ihnen gesagt, dass es „für sie wahrscheinlich eh keine Jobs mehr geben wird“. Sie suchen jetzt einen Job, der nicht möglichst interessant, sondern möglichst sicher und stabil sein soll. Sie suchen einen Anker in einer unsicheren, volatilen und instabilen Welt, die jeden Tag unübersichtlicher wird. Sie sind auch geprägt von vielen prekären Arbeitsverhältnissen, McJobs und Zukunfstängsten. Die gute finanzielle Ausstattung führt eben nicht zu einem Sicherheitsgefühl sondern zu Abstiegsängsten. Es gibt viel zu verlieren.

#7 – Familie, Heim und Herd ist wieder im Trend – man merkt es schon, es beginnt der Rückzug ins Privatleben, wenn die Welt da draußen so beängstigend und gefährlich ist. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat nicht nur für Frauen eine hohe Priorität, sondern liegt im allgemeinen Zeitgeist.

Fazit

Ich möchte mit dieser Studie darauf aufmerksam machen, dass wir möglicherweise an den (psychologischen) Bedürfnis der nächsten Generation der Leistungsträger vorbeidenken und arbeiten. Wir haben hier eine Generation herangezogen, für die wir jetzt auch die Verantwortung tragen und die wir unterstützen müssen auf ihrem Weg. Daher plädiere ich dafür, genauer hinzuhören und hinzusehen, was diese jungen Menschen brauchen und sich wünschen, und was möglich und nötig ist, um sie positiv in den Arbeitsprozess zu bringen und sich dort entfalten zu lassen. Und ich bin überzeugt, dass hier gute Führung, die fordert, fördert und unterstützt unerlässlich ist, wir können sie jetzt nicht sich selbst überlassen.

Einschränkend ist natürlich zu sagen, dass diese Ergebnis eine spezifische Gruppe von Studierenden betrifft und nicht für eine ganze Generation steht, es natürlich auch andere Gruppen gibt. Ganz daneben kann es aber nicht sein: immer wieder höre ich, dass die jetzt 20-25 jährigen völlig anders ticken, als die 30-35 jährigen in diesem Alter getickt haben, und sich viele Werte innerhalb kürzester Zeit massiv gedreht haben, relativ unbemerkt vom Mainstream.

Ergebnisüberblick 

  • Das „eigene Büro“ ist für 43% das beliebteste Office Format, open space dagegen nur für 8%. Shared desk oder gar kein Büro: Alptraum! Das open Space wäre zwar für Kommunikation und Motivation sehr positiv, jedoch negativ was Stress und Konzentration betrifft.
  • Die „Coffee Corner“, Küche und Cafeteria ist den Youngster sehr wichtig, Spielplätze, Gym, Wellness area, ein eigener Kindergarten sind weniger relevant.. „we don’t need a playground in the office“. Im Büro wird gearbeitet, basta.
  • Für die Hälfte der TeilnehmerInnen ist Learning&Development sehr wichtig, am wichtigsten (60%) ist die professionelle Weiterentwicklung, dann die persönliche Weiterentwicklung, Leadership Development erst auf Platz drei. Nur Sprachkurse sind noch weniger wichtig.
  • Die Bedeutung von Teamwork ist relativ hoch, die wenigsten wollen ausschließlich oder nie im Team, sondern eben meistens.
  • Der Wunsch komplett oder sehr stark selbstorganisiert zu arbeiten ist bei 20%. 30% wünschen sich ganz oder eher hierarchisch organisiert zu arbeiten und das bei einer geringen Verteilung der Verantwortung. Interessant ist hier der Unterschied zwischen Wirtschaftsstudenten und „anderen“: Während bei den Wirtschafststudenten 28% gar nicht oder eher wenig selbstorganisiert arbeiten wollen sind es bei den „others“ fast 50%.
  • Nur 42% der Studierenden wünschen sich einen Full-time job, (46% der Männer, 39% der Frauen), und fast gleich viele wollen 30-34 Stunden arbeiten. Interessant: jene mit Arbeitserfahrung wollen signifikant weniger Vollzeit arbeiten (40%), als jene, die noch keien Erfahrungen gemacht haben (61%). Die wichtigste Gegenleistung für Überstunden ist mehr Freizeit, danach kommen Karrierevorteile und dann zusätzliches Gehalt.
  • Arbeitszeitflexibilität ist für 27% wichtig bis sehr wichtig, Arbeitsplatzflexibilität für 19%. Es sieht danach aus, dass ein fixer Arbeitsplatz/Ort eher gewünscht wird, als nicht.
  • Für 70% hat die Arbeitsplatzsicherheit sowie die Trennung von Arbeits- und Berufsleben höchste bis sehr hohe Priorität. Wobei die Sicherheit noch wichtiger ist.
  • Das Unternehmen sollte idelaierweise mittegroß sein (51-500 Mitarbeiter), weniger als 10 Mitarbeiter, also start-up Größe, wünschen sich nur 2%.
  • Der Wunsch ist eine eher kooperative Arbeitsumgebung, die Firmenstruktur soll weder besonders flach noch sehr steil sein.
  • Nur 12% der Befragten wünschen sich einen Job, in dem sie oft mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind. 23%!! hingegen hoffen auf einen Job, der hauptsächlich aus Routinearbeit besteht und keine Herausfrorderung darstellt, für 66% reicht es, wenn sie ab und zu mal eine Herausforderung in ihrem Routinejob gibt.
  • Wenn man einen Sprung 15 Jahre nach vorne macht, sehen sich die 42% in einer mittleren Management oder Teamleader Position. 24% wollen eine eigene Firma gegründet haben und 15% ins Top Management. Unterschiede gibts auch hier: wer schon Joberfahrung hat, will tendenziell selbst gründen und und nur 14% sehen sich in einer Top- Management position. Von den Nicht-Wirtschaftsstudierenden streben nur 3% eine Top Position an.
  • Dafür sind die Gehaltserwartungen relativ hoch: 24% streben ein Monatsnetto von mehr als 2500 Euro an, 42% zwischen 2000 und 2500 Euro, der Rest darunter. Unter 1500 Euro würden nur 4% gehen.
  • Für die Motivation sind – zumindest zu Beginn – der Aufstieg auf der Karriereleiter und die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und des Wissens wichtig. Den eigenen Beitrag fürs Unternehmen zu sehen, ist am wenigsten wichtig. Gehalt und Arbeitsatmosphäre tragen auch nur bedingt zur Motivation bei.
  • Von Führung wird häufiges Feedback erwartet und eine freundliche, aber professionelle Beziehung. Viel Wert wird auf ein Mentoring Programm gelegt.
  • Diese Generation will international arbeiten, Business Trips und expatriate Programme sind kein Problem, insbesondere für die Wirtschaftsstudenten.

Studie: Durchgeführt von Veronika Keuschnigg und Prof. Dr. Vetschera (Universität Wien) im Sommer/Herbst 2017. Idee und inhaltliche Beratung: Julia Culen und Christian Mayhofer (Culen Mayhofer Partner).

Veranstaltungshinweis (von Andreas Zeuch): Diese Studie stellen Julia Culen und Christian Mayhofer in einem eigenen Workshop bei der 1. (Un)Konferenz Neue Konzepte für Neue Arbeit am 15.06. in Berlin vor. Dort kann dann auch live und in 4D darüber engagiert diskutiert werden: https://priomy.events

 

Herzliche Grüße

Julia Culen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: © Julia Culen
  • Gruppenbild vor Tafel: © Julia Culen
  • Studenten an Tischen: © Julia Culen
18 Kommentare
  1. Ralf Metz
    Ralf Metz sagte:

    Hallo liebe Julia

    ich nehme meinen Kommentar von Xing auch noch hier mit rein.

    Bin wirklich froh, dass Du das Thema aufgreifst, denn seit Jahren erzählen wir dies ständig, gerade basierend von unseren Erfahrungen in Einzelgesprächen, Coachings und natürlich auch von Konferenzen.

    Die Menschen, die häufig als Gen-Y bezeichnet werden, bewegen sich nach meiner Erfahrung sehr oft in einem Spannungsfeld, dessen Gründe die schön oben ausführst. Wir haben da einige Beispiele, die man am ehesten so beschreiben kann:
    „Gib mir ultimative Freiheit gepaart mit ultimativer Sicherheit“

    Nichts mit Selbstverwirklichung bei vollem Risiko. Idealistisches Handel.

    2014 hat mich dieser Artikel dem ganzen Thema schon genähert, der schön beschreibt, warum sich die Erwartungen so entwickelt haben:
    Ein spannendes Thema, das wichtig ist, denn die Gen-Y wird es nicht einfach so mal richten.
    https://www.welt.de/icon/article133276638/Warum-die-Generation-Y-so-ungluecklich-ist.html

    Antworten
    • Julia Culen
      Julia Culen sagte:

      Danke für Deinen Kommentar, ich finde es auch wichtig, das Thema aus der Perspektive der Betroffenen anzusehen.. mir scheint nämlich, dass viele eine falsche Vorstellung davon haben, welche Bedürfnisse „die Jungen“ Akademiker haben..

      Antworten
  2. Thorsten Speil
    Thorsten Speil sagte:

    Spannende Aussagen! Die Umfrage betrifft natürlich nur einen Ausschnitt dieser Generation: Studierende.
    Wäre interessant zu wissen, wie (anders) junge Erwachsene mit Ausbildung das Thema Beruf sehen.
    Aus den Sichtweisen spricht teilweise auch noch mangelnde Praxis-Erfahrung – sie kennen einfach noch nichts anderes als die verbreiteten „klassischen“ Unternehmensstrukturen – das sieht man ja schon an den Meinungsunterschieden der Teilnehmer mit Berufserfahrung.
    Ein klassisches Dilemma hierarchischer Unternehmen ist ja z. B. der „Führungskräfte-Engpass“ – viele wollen FK werden, aber die Pyramide wird nach oben schmal. Das kann höchstens klappen, wenn die Akademiker jeweils Teams mit hohem Nicht-Akademikeranteil führen. Das Defizit, dass es in vielen Unternehmen noch keine wirklich Entwicklungsalternative zur disziplinarischen Führungskraft gibt ist ja gerade einer von mehreren Gründen für Selbstorganisation.
    Überrascht hatte mich der Erklärungsversuch bzgl. Unsicherheit, dass man „vielen der Kinder ja immer gesagt hätte, später gäbe es für sie keine Aufgaben mehr“. Dazu kenne ich eigentlich zwei unterschiedliche verbreitete Prognosen: Aufgrund der Demographie würde eigentlich händeringend jeder gebraucht: heute schon Fachkräftemangel, in Zukunft noch deutlich verschärft, daher Vollbeschäftigung und auch Halten von älteren Mitarbeitern. Das würde für mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit sorgen.
    Auf der anderen Seite die Automatisierung: viele Routinejobs werden verschwinden, daher nur noch Arbeit für max. 20 h/Wo.
    Ich bin gespannt, was das mit den Gehältern machen wird…

    Viele Grüße, Thorsten Speil

    Antworten
    • Julia Culen
      Julia Culen sagte:

      Hi Thorsten, ja, ich bin auch gespannt, was passieren wird. Was ich spüre ist eine Verunsicherung, das Thema Automatisierung und Digitalisierung macht ja was mit jungen Menschen, da gibt es schon wilde Prognosen, wie viele Arbeitsplätze verschwinden werden. Und mit der Angst steigt das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, genau das, was Arbeit wohl nicht mehr leisten wird können. Ich denke also nicht, dass die Ergebnisse auf mangelnder Praxiserfahrung sondern eher auf einem allgemeinen Lebensgefühl.
      Ganz anders sieht es aus, wenn man auf Berufsbildende Schulen geht, wo Fachkräfte ausgebildet werden, z.B. in Elektrotechnik etc. Ich war kürzlich auf so einer Schule, dort bekommen die Absolventen Bewerbungen von Unternehmen, die gehen höchst zuversichtlich in die Zukunft, können sich die Jobs aussuchen und sind bester Dinge. Dort würde so eine Studie zu völlig anderen Ergebnissen führen.

      Antworten
  3. Gregor Ilg
    Gregor Ilg sagte:

    Liebe Julia, vielen Dank für die Zusammenfassung dieser Studie. Mir ist beim Lesen unwillkürlich das Zitat von Henry Ford eingefallen („Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie geantwortet: schnellere Pferde“). Studierende zu Fragen, wie sie gerne arbeiten würden, hat ja ungefähr den gleichen Effekt, wie wenn man Blinde fragt, was ihre Lieblingsfarbe ist. Natürlich haben sie schon von den verschiedenen Arbeitsumfeldern und den zahlreichen Meinungen dazu gehört, aber wirklich erleben konnten sie es bisher eigentlich noch nicht.

    Das heißt nicht, dass solche Umfragen nicht absolut ihre Berechtigung haben. Ich finde es unbedingt notwendig mit den Menschen zu sprechen und nicht nur über sie. Wichtig ist dabei aber meines Erachtens, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Frage nach Shared Desk vs. Corner Office oder Hierarchie vs. Selbstorganisation ist ja rein hypothetisch (und hätte sich bei nutzerzentrierten Interviewtechniken schon selbst disqualifiziert). Interessanter wäre m.E. herauszufinden, welche Werte dem zugrunde liegen und wie man diese im Rahmen der aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt abbilden kann.

    Vielleicht kann man die Möglichkeiten der eigenen Zukunft auch wirklich erst dann erfassen, wenn man einige Konzepte persönlich kennengelernt hat. Ich habe so einen Zukunftsblick versucht (http://futureproofworld.com/zukunftsblick-zukunft-positiv-gestalten/) aber tue mir immer noch schwer.

    Daher stellt sich für mich auch die Frage, ob das aktuelle Bildungssystem die Arbeitsrealität überhaupt in einer Form abbildet, die es Jugendlichen und Berufseinsteigern ermöglicht, in Bezug auf ihr Arbeitsleben informierte Entscheidungen zu treffen.

    Viele Grüße,
    Gregor.

    Antworten
    • Dr. Andreas Zeuch
      Dr. Andreas Zeuch sagte:

      Hi Gregor,

      danke für Deinen schönen Kommentar. Zur Kritik der „Blindenbefragung“ – im Prinzip ja… Aber wohl nicht so richtig in diesem Fall. Denn die Befragten hatten doch schon Erfahrung, wie Julia bereits im Teaser schrieb:

      “ Viele der Befragten wissen, wovon sie sprechen, denn 90% der Befragten haben schon Arbeitserfahrung, immerhin 35% einen Full-time Job.“

      Zur Frage, ob das aktuelle Bildungssystem die Bedürfnisse für eine agile, selbstorganisierte Arbeitswelt überhaupt abbildet: Meiner Meinung nach eindeutig nein. Da werden immer noch dieselben alten Kamellen verteilt, jedenfalls größtenteils. Es gibt einige wenige Studienfächer, in denen es anders aussieht, aber nicht im Gros der Berufsausbildung. Das wiederum hängt m.E. damit zusammen, dass es ja noch gar keinen Konsens gibt, was für charakterliche Eigenschaften, Kompetenzen und (deklaratives) Wissen überhaupt gefordert sind.

      Herzliche Grüße
      Andreas

      Antworten
      • Gregor
        Gregor sagte:

        Hi Andreas,

        ja, da hast Du recht. Den Punkt, dass einige schon Arbeitserfahrung haben, hatte ich ein wenig ausgeblendet. Wobei ich auch da argumentieren würde, dass sich ein Gefühl dafür, wie man sich sein ideales Arbeitsleben wünschen würde, erst nach ein paar Jahren idealerweise auch in verschiedenen Jobs einstellt. Ich persönlich habe erst nach 10 Jahren Berufserfahrung damit begonnen, mich mit Arbeitsorganisationen zu beschäftigen

        Auch unter diesem Aspekt wäre es umso wichtiger, dass man einerseits einen Konsens findet, welche Fähigkeiten überhaupt förderlich sind und dann auch bereits an den Schulen Möglichkeiten schafft diese zu erkunden und auszubilden.

        Alles in allem lohnt es sich auf jeden Fall da weiter dran zu bleiben!

        Viele Grüße,
        Gregor.

        Antworten
        • Dr. Andreas Zeuch
          Dr. Andreas Zeuch sagte:

          jep, voll bei Dir!

          a) Erst nach mehreren Jahren in verschiedenen Anstellungsverhältnissen kann man sich ein halbwegs differenziertes Bild machen.

          b) Welche Fähigkeiten sind eigentlich wichtig und wie können wir sie im gesamten Bildungssystem vermitteln.

          Herzliche Grüße, Andreas

          Antworten
  4. Dirk Rosenkranz
    Dirk Rosenkranz sagte:

    Hallo Andreas, hallo Julia,

    sehe das „mal wieder“ ein wenig anders 🙂 Zum Einen sind die 350 jetzt nicht gerade repräsentativ zum Anderen störe ich mich ein wenig wie schon länger an dem Begriff „Work-Life-Balance“ – IMHO gibt es das nimmer ! Wenn ich abends um 22:00Uhr Mails beantworten will und das mir das dabei gut geht, ist das meine Entscheidung und nicht die meines Arbeitgebers 🙂 OpenSpace – wenn gut gemacht – kein Großrambüro!! – dazu braucht es auch allgemein zugestimmten Regeln und das Leben derer – ist produktiver als alle anderen Formen der Zusammenarbeit, etc. , etc….

    Wie immer im richtigen Leben, es wird nie den allgemein Gültigen, Richtigen Ansatz geben – wir brauchen die Pluralität der Ansätze 🙂

    Viele Grüße Dirk

    Antworten
    • Julia Culen
      Julia Culen sagte:

      Hallo Dirk,

      danke für Deinen Kommentar. 350 TN sind schon repräsentativ, allerdings nur für die Zielgruppe, sprich Akademiker, insbesondere Wirtschaftsstudenten.
      Den Begriff Work-Life-Balance gibt es jetzt wieder, das ist ja genau das Thema. Da gibt es jetzt junge Akademiker, die sagen: wir wollen eine Trennung von Beruf und Privat, weil wir bei unseren Eltern sehen, dass die dauernd am Tropf der Arbeit hängen (das weiß ich aus den qualitativen Befragungen). Insofern hat diese Studie schon ihren wert, sie zeigt genau die Unterschiede zwischen „unseren“ Werten und jenen der jüngeren auf.

      Antworten
    • Julia Culen
      Julia Culen sagte:

      Und hier noch einen Link der in LinkedIn zum Thema gepostet wurde: ein Interview mit Prof Scholz“Die Generation Z ist im Anmarsch, und sie denkt komplett anders als ihre Vorgängergeneration, die Y. Die Einsteiger von morgen trennen wieder scharf zwischen Arbeits- und Privatleben. Sie machen es sich gemütlich in ihrer kleinen Welt und geben sich schnell zufrieden. Das Problem: Weder führen sie gerne, noch stellen sie sich den großen Herausforderungen unserer Zeit. Der Saarbrücker BWL-Professor Christian Scholz hat als einer der ersten die kommende Generation Z und ihren Einfluss auf die Berufswelt analysiert. Sein Rat an die Führungskräfte, die bald auf diese jungen Menschen treffen: in Twitter-Häppchen erklären und die Ponyhof-Idylle stören.“
      https://www.karrierefuehrer.de/wirtschaftswissenschaften/generation-z-interview-christian-scholz.html

      Antworten
  5. Heiko
    Heiko sagte:

    Hallo zusammen. Ist das wirklich überraschend? Ich kann mich da zufällig noch an den Vortrag des großartigen Prof. Kruse (R.I.P.) beim XING New Work Event 2014 erinnern, in dem er u. a. auch die widersprüchlichen Aussagen zur Gen Y sehr schön offen legte: https://de.slideshare.net/mobile/Peter_Kruse/xing-new-work-nightprint-41173339

    Es gibt nicht DIE Generation X/Y/Z/…, sonetwas hat es nie gegeben.

    Oder anders ausgedrückt: Wenn wir immer wieder von VUCA reden, warum sollte dann ausgerechnet die nachwachsende Generation „eindeutig“ (zu beschreiben) sein?

    Und noch ein spontaner Gedanke: Sollte ich als Unternehmer „meine“ Organisation an Studienergebnissen über potenzielle Angestellte ausrichten? Hoffentlich habe ich eine Vorstellung von „meiner“ Organisation und wie sie am besten Kundenbedürfnisse befriedigen kann – damit schaffe ich ein (Arbeitsplatz-) Angebot für potenzielle Mitarbeiter und werde sehen, ob sich genügend finden, egal aus welcher Generation …

    Cheers/ Heiko

    Antworten
    • Julia Culen
      Julia Culen sagte:

      Hi Heiko,

      danke für den Kommentar! Natürlich gibt es nicht DIE Generation ganz klar, aber es sieht so aus, dass die Ergebnisse nicht ganz fern der Realität sind, die konkreten Erfahrungen mit jungen Menschen in Organisationen klingen recht ähnlich, und dann gibt es natürlich auch ganz andere.. wie immer.

      Und: Nein, meine Empfehlung ist es natürlich nicht, die Organisation an Studienergebnisse anzupassen, aber sich darauf einzustellen schon. Mir scheint es eher so, dass sich viele Organisationen versuchen in einer Art und Weise auf die „Jungen“ einzustellen mit falschen Annahmen, was die eigentlich wirklich brauchen. Nämlich nicht weniger Führung sondern Mehr.

      Antworten
  6. Anke
    Anke sagte:

    hm, das wird dann für die Generation wie auch immer sie heissen mag,ja dann noch sehr interessant, wenn sie nicht zu sehr gefordert werden und wenig Verantwortung übernehmen möchten, Selbstorganisation auch nicht so wichtig ist sondern lieber Aufgaben nach Routine und Ansage, sie sich aber in 15 Jahren im eigenen Unternehmen sehen… da werden sich einige noch ganz schön finden müssen, was in dem Alter ja auch sehr normal ist. aus heutiger Sicht klingt das noch sehr widersprüchlich.

    Antworten
  7. Alfred Lerchbaumer
    Alfred Lerchbaumer sagte:

    Die Jugend hat zwei uneingeschränkte Rechte. Nämlich auf Irrtum und Widerstand. Davon ist in der vorliegenden Studie relativ wenig zu bemerken. Das ist aber nicht die Schuld der Jugend, sondern vielmehr eine Untugend des Zeitgeist und ein großes Versäumnis der älteren Generation (sprich Eltern udgl.), die den „Jungen“ den Mut und die Kraft zum „eigenständigen Atmen“ genommen haben.
    Denn eine Jugend die einerseits einen „guten Job“ und ein sehr „bekömmliches Einkommen“ wünscht, aber andererseits sich zu wenig traut Verantwortung zu übernehmen, die beraubt sich ihrer eigenen Energiepotentiale, ihrer Phantasie und ihrer Selbstbestimmung.
    Die Zeichen der Zukunft, im Übrigen auch schon jene der Gegenwart, stehen auf „Sturm“. Nicht (nur) negativ besetzt, sondern eben dahingehend dass sich Alles „neu aufstellen“ wird. Die Herausforderungen der Zukunft heißen Klimawandel, bedeuten Neuordnung der Verteilungspotentiale und sparsamste Ressourcenbewirtschaftung.
    Dazu braucht die Gesellschaft aber bestens qualifizierte und vielschichtig ausgebildete Führungskräfte, die andererseits aber auf breites Teamwork und permanentes Ideenmanagement setzen.
    Und da muss sich dann Jede(r), je nach Ausbildungs- und Leistungsbereitschaft, einbringen. Verbunden mit neuen Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodellen (Homeworking) und ergänzt durch Weiterbildungsmodule, die sowohl die akuten Problemstellungen als auch visionäre Perspektiven als Bildungsgrundlage beinhalten.
    Man(n)/frau kann der heutigen Jugend, und vor allem den „Studierenden“, nur zurufen:
    Bleibt neugierig und widerborstig, lasst Euch keine Lebensmodelle aufzwingen die längst schon überholt sind, erarbeitet und bewahrt Euch ein hohes Maß an empathischer Wahrnehmung auf allen Ebenen und löst Euch von den Fesseln der systemgesteuerten MeinungsmacherInnen, die letztlich nur die Interessen von einzelnen Gruppen und politischen Selbstversorgern vertreten.
    Es gibt eine passende literarische „Botschaft“ für die „Jungen“:
    „ Ich trink‘ ihn schon den Becher der Begeisterung, Ich brauche nicht, daß Du mich invitirest. Daß Du mit ekelnd süßer Lobeskleist’rung als Mundschenk mir den reinen Rand beschmierest.“  (Nikolaus Lenau).
    Lasst Euch nicht den eigenen Willen, die eigenen Wünsche und Träume und die eigenen Ziele durch eine trügerische Bequemlichkeit verderben.
    Im Übrigen finde ich die Studie sehr aufschlussreich und auch repräsentativ. Gratulation!!!

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Alfred,

      herzlichen Dank für diesen großartigen Kommentar! Frage: Hättest Du Lust, daraus einen zweiteiligen Beitrag hier in diesem Blog als Gastautor zu verfassen? So eine Art Aufruf an junge Menschen? Dazu die Insider Info: Dieses Blog wird laut G Analytics zu rund 60% von 18 – 35 Jährigen besucht und gelesen – damit wäre die Zielgruppe eigentlich gut erreichbar.

      Herzliche Grüße
      Andreas

      Antworten

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  1. […] zu finden. Dies würde sich mit Erklärungsversuch #6 (Diese Generation ist stark verunsichert) aus Julia Culens Studie bei den Unternehmensdemokraten […]

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