Holy Shit Recruiting

Es war der Freitagnachmittag vor dem 3. Adventwochenende. Ich saß in einem meiner Lieblingscafés, in dem es kostenloses und vor allem relativ schnelles WLAN gab, schlürfte den üblichen Fair-Trade-Milchkaffee und beobachtete die Kreativ-Hipster und Helikoptermütter um mich herum. Einen Moment seufzte ich mittelzufrieden und fühlte mich so „ganz ok“ in diesem Mix aus bildungsbürgerlichem Spießertum und kreativer Einfallslosigkeit, als sich jemand neben mich setzte.

Eine limbisch angenehme Geruchssinfonie aus Zimt, Nelken und billigem Glühwein traf meine Nase und zuerst dachte ich, dass es der nette Punk von draußen wäre, dem ich vorhin gutmenschlerisch zwei Euro zugesteckt hatte. Doch es war ein älterer Mann mit langem weißen Vollbart, roten Schlaghosen, einer unvorteilhaft taillierten roten Jacke, an Kragen und Ärmeln mit weißem Plüsch verbrämt, und schwarzem Gürtel um die füllige Körpermitte. „Ja, bitte?“, fragte ich ihn irritiert. Er seufzte genauso wie ich zuvor, aber sein Seufzen hörte sich schwer und gequält an. „Sie müssen mir helfen!“, seine Stimme klang wie irgendwas zwischen verzweifelt und resigniert.

„Wieso ich?“, schüttelte ich den Kopf, „und warum überhaupt und wobei?“ „Ich habe Sie im Netz gefunden!“, grinste er verschmitzt. „Ah ja“, brachte ich verdutzt heraus mit einem Gesichtsausdruck weit abseits von geistreich. „Ja, Sie sind doch als @Kulturkomplizin unterwegs und ich brauche dringend Komplizen – ich will mein Unternehmen transformieren.“

„Hey leise“, ich hob mahnend den Zeigefinger, „der Name ist Programm, als Komplizin arbeite ich konspirativ und im Untergrund.

Er schniefte kurz und nickte. Dann legte er den Kopf in die Hände und jammerte laut und vernehmlich: „Ich bekomme einfach keine passenden Leute. Ich bin kurz vor dem Burn-Out. Meine Leute sind kurz vor dem Burn-Out. Machen Sie was!“

Ich fühlte mich leicht unter Druck gesetzt und runzelte die Stirn. „Hmhm, ja was denn? Was haben Sie denn bisher gemacht?“

„Aaalso“, hob er an, zuerst hab ich mal diese New Work Bücher gelesen. Laloux und so…“

„Ok“, antwortete ich, „schon mal ein Anfang. Was dann?“

„Danach hab ich ein Buch von diesem Zeuch gelesen, der faselt da was von Unternehmensdemokratie, Partizipationsgrade und so.“

Ich horchte auf. „Und wie fanden Sie es?“

„Geht so“, er wackelte mit dem Kopf, „n‘ bisschen verkopft, aber Demokratie find ich ja gut und dann hab ich gedacht, ok, ich probier das einfach mal aus und fang an. Wissen Sie, ich war halt verzweifelt…“

„Verstehe“, nickte ich, „und dann haben Sie sicher nach einem entsprechenden Berater oder Coach gesucht oder beim Zeuch direkt angefragt?“

„Nee, mag ich nicht so. Ich regle das lieber alleine. Außerdem sind Externe ja immer ein bisschen wie ’ne Pralinenschachtel, man weiss nie, was man bekommt* (*Anm. d. Autorin: Danke, Forest). Wissen Sie, und außerdem können wir nicht einfach neue Leute einstellen – zu knappes Jahresbudget. Wir müssen uns das mit der Osterhasen-Bande, dem barmherzigen St.-Martins-Verein, den Halloween-Gruftis, den Karnevals-Jecken, dem zickigen Christkind und meinem Vetter, dem grenzdebilen Nikolaus teilen. Da bleibt fürs Jahresende nicht mehr viel übrig. Also hab ich gedacht, dann pflege ich zuerst mal meine eigene Mann- und Frauschaft, damit die mehr leisten können – ist doch ’ne logische kapitalistische Überlegung, oder?

Deshalb fing ich mit dem New Work Thema an. Ich sagte allen, wirklich allen – Engeln, Rentieren, Elfen, Zwergen, sogar dieser Christkind-Zicke – , dass sie ab sofort alles selbstverantwortlich entscheiden dürfen und arbeiten dürfen wo und wann sie wollen. Ich wäre ab sofort nicht mehr Chef.“

„Sie haben das also einfach so top-down entschieden ohne Partizipation?“, ich zog die Augenbrauen hoch, „und was hat ihre Teamschaft dazu gesagt?“

„Nix“, grinste er, „die dachten, das wäre ’ne Anweisung – nach mehreren Jahrhunderten Command & Control ist das ja auch kein Wunder. Dann sollten alle übers Wochenende das Agile Manifest auswendig lernen. Hab ich montags abgefragt und sofort einen ersten Test-Sprint in der Plätzchen-Bäckerei hingelegt.“

„Sie haben von jetzt auf gleich mit Scrum angefangen?“, ich war überrascht, dass sich meine Augenbrauen noch höher ziehen ließen, „…und?“

„Voll verkackt“, gab er zu, „hat gar nicht funktioniert. Die Engel konnten sich erstens nicht mit den festen Rollen abfinden, die waren vorher schon informell agil unterwegs. Wusste ich aber gar nicht. Zweitens wollten einige ihre Geheimrezepte nicht mit den anderen teilen – nix mit Transparenz.“

„Ah, ja. Aber dann haben Sie es mit Unternehmensdemokratie weiterprobiert?“, fragte ich.

„Nee, zuerst hab ich unsere Räumlichkeiten aufgehübscht, so mit Kicker, Bällebad, Rutsche und Kuschelecken. Und extra einen Feel-Good-Praktikanten – ehrenamtlich natürlich – eingestellt, der alle halbe Stunde Fußmassagen verabreicht. Ging gut, der kam von ’ner NGO, die sind ja alle heiß auf Ehrenamt. Aber dann ist der Gebäudeflügel mit dem Whirlpool eingestürzt – Klimawandel – hamse bestimmt schon von jehört. Die Hütte ist uns unter dem Hintern weggeschmolzen.“

„Ach herrjeh!“, ich war ehrlich bestürzt, „und dann?“

Er seufzte wieder so tief wie am Anfang. „Na, die Stimmung war im Arsch, der Feel-Good-Praktikant ist freiwillig gegangen und ich musste drei Elfen und vier Zwerge entlassen, weil für die einfach kein Platz mehr da war und Home-Office wollte keiner. Außerdem sind Elfen und Zwerge Vollhonks, was virtuelle Zusammenarbeit angeht. Schon mal ne Skype-Konferenz mit jemandem gemacht, der entweder aus Eitelkeit sein Video nicht zeigen will oder zu blöd ist sein Mikrofon abzustellen und es dauernd in der Leitung röchelt? Oder in Slack mit stoischer Ruhe nicht in Threads antwortet? Oder Trello-Listen in kafkaesker Absurdität ordnet? Oder…“ Diesmal schnaubte er geräuschvoll durch den Mund, so dass sein Bart vibrierte.

„Verstehe“, nickte ich wieder, „das heißt, die Arbeit musste nun von denen erledigt werden, die übrig geblieben sind, richtig? Unbezahlte Überstunden?“

Er winkte resigniert ab. „Ja, klar, aber unbezahlte Überstunden sind längst im Budget einkalkuliert. Wissen Sie, das ganze institutionelle Christentum ist doch mit Ausbeutung und Verzicht verbunden, nix Neues. Aber unsere Zentrale hatte einen lichten Moment und hat uns tatsächlich ein zusätzliches Budget für Personal zugesagt.“

„Ah cool“, freute ich mich, „und dann haben Sie in Ihrer Holy Resources Abteilung angefangen, Bewerbungsprozesse zu demokratisieren, richtig?“

„Wat? Nee, ich wollte ja Geld sparen und bin zuerst alleine los. Ich war auf Barcamps, Personalmessen, Netzwerktreffen, New Work Awards und so. Ich dachte, da tummeln sich doch bestimmt Leute, die zu uns passen würden.“

„Och, die Idee ist doch gar nicht schlecht, sogar recht progressiv“, er überraschte mich. „Da waren Sie sicher erfolgreich.“

Er wackelte mit dem Kopf und verzog gequält das Gesicht. „Hm, nicht so richtig. Ja, einerseits waren da schon einige interessante Köpfe dabei, aber andererseits war es auch so eine befindlichkeitsorientierte Filterblase. Muss man sehen, was sich daraus entwickelt. Und dann gabs noch Veranstaltungen, die waren einfach nur elitärer Scheiß*, damit konnte ich gar nix anfangen.“

Ein bisschen konnte ich ihn verstehen. „Ja, das Gefühl hab ich mitunter auch.“ Langsam wurde ich ungeduldig. „Ok, aber jetzt war es Zeit für die demokratische Transformation, richtig?“

„Sie sagen es und ich ging direkt in die Vollen: Führungskräftewahlen.“ Ein wenig stolz reckte er das Kinn gen Himmel.

„A-aber Führungskräftewahlen beheben ja nicht Ihr aktuelles Problem. Ich dachte der Personalengpaß wäre Ihr dringlichstes Problem gewesen?“ Ich war irritiert.

„Kindchen“, grinste er gönnerhaft, „sie müssen noch viel lernen. Lassen Sie sich von einem erfahrenen Mann erklären, dass man natürlich bei den fähigsten Führungskräften anfängt, damit die später den Weicheiern im Recruiting sagen, wo der Hammer hängt. In der Holy Resources Abteilung sitzen so viele Heulsusen, die brauchen eine starke Hand.“

Ich widerstand dem spontanen Impuls ihm meinen restlichen Kaffee über das Wams zu kippen, atmete tief ein und aus und realisierte genervt, dass der Begriff Mansplaining ihm völlig fremd war. „Ich bezweifle, dass Sie das weitergebracht hat, nicht wahr?“, hörte ich mich mit schnippischer Stimme fragen.

„Nur nicht so überheblich.“, knurrte er, „Jaaaa ok, ging daneben. Schuld war Rudolph, diese rotnasige Diva, ums Verrecken wollte der seine Führungsrolle nicht abgeben – hat sogar die Wahlzettel manipuliert. Und dann war da noch dieses flauschige Einhorn mit den großen Augen – Himmel, was für eine Mimose. Hat zuerst am lautesten gebrüllt, war aber dann extrem entscheidungsschwach. Unpopuläre Entscheidungen würden seinen Ruf als Harmoniewesen ruinieren, meinte es.“

Nun tat er mir fast ein bisschen leid und ich versuchte, ihn zu trösten: „Na gut, so ist es halt, wenn man es mit Individuen zu tun hat, deshalb ist das Ganze ja komplex. Aber alles war doch nicht schlecht, oder?“

Jetzt leuchteten seine Augen. „Nee, stimmt. Wir haben im Wahlkampf gemerkt, dass unsere Stellenanzeigen eigentlich gar nicht das aussagen, was wir eigentlich wollen. Daran haben wir gearbeitet und jetzt haben wir Jobprofile, für die wir jetzt sicher passende Bewerber finden.“

Meine Freude war ernst gemeint. „Na, das ist ja toll! Und wann werden Sie den ersten demokratisch gewählten Mitarbeiter einstellen?“

„In 5 Jahren ungefähr“, antwortete er.

Ich fiel fast vom Stuhl. „In 5 Jahren? Aber sie haben doch jetzt den Personalbedarf. Ihre Mitarbeiter sind am Limit, Burn-Out, kranke Füße, krumme Rücken, etc.“

„Ja, ist so“, er zuckte mit den Schultern. „Aber ich kann die Stellenanzeigen nicht rausgeben – interne Abstimmungsprozesse. So eine Stellenanzeige muss erst vom Lenkungskreis Christkindlsmärkte genehmigt werden, die schieben aber gerade Überstunden.“

„Ah, ja. Aber die Märkte sind ja bald vorüber, dauert doch nicht mehr so lange.“ Ich war zuversichtlich.

„Nee, aber die Osterhasen-Gang muss Feedback geben – hat aber grad Urlaub. Bei den Karnevalisten ist der Prinz vom Wagen gefallen und für 6 Monate krankgeschrieben. Der Hoppeditz-Vorstand und das Dreigestirn leben grad in Scheidung und reden nicht mehr miteinander. Einer von den Halloween-Juristen hat die Anzeige wegen Formfehlern zurückgewiesen, ach und die Controller von der Christkind-Zicke haben die Messkriterien im Einstellungsprozess bemängelt.“

„Puh, das hört sich ja nach einem echten Konzern an“, bemitleidete ich ihn.

Er lächelte verschmitzt. „Abwarten und Glühwein trinken – in spätestens drei Jahren sind zwei Drittel der Mannschaft automatisiert oder wegrationalisiert. Die Rentiere werden durch Drohnen ersetzt. Plätzchen und Geschenke können alle individualisiert am 3D-Drucker selbst ausdrucken und Elfenstaub wird von der EU verboten – allergene Inhaltsstoffe.“

„Hm, aber Sie hatten doch eingangs nach meiner Hilfe gefragt“, wunderte ich mich, „wie soll diese Hilfe denn aussehen?“

„Ach, ich bin ja dankbar, dass mir endlich mal jemand zuhört“, fast kameradschaftlich stupste er mich in die Seite, „aber langfristig brauche ich Komplizen, die diese Neue Arbeit vorantreiben und sichtbar machen. Unsere internen Strukturen sind so marode und die oberste Führung denkt immer noch so linear. Und das ist bei so vielen Firmen ganz genauso. Das muss sich ändern.“

Ich überlegte. „Ja, da kann man vielleicht was machen. Mir fallen da ein paar Köpfe ein, mit denen das gut werden kann.“

„Ich zähl‘ auf Sie, Schätzchen!“, mit diesen Worten stand er auf, zwirbelte kurz an seinem Bart und schritt beschwingten Schrittes von dannen.
In diesen Sinne, Glühwein für alle und Fuck Christmas!
Herzliche Grüße
Daniela
*Urheberrechtlicher Hinweis: für das Begriffsduo „elitärer Scheiß“ im Kontext New Work bedanke ich mich artig und ehrlich bei Hendrik Epe.

Bildnachweis: Pixabay, CC-0 Lizenz gemeinfrei, Whitesession

Wer diesen Text mit musikalischer Untermalung lesen möchte, dem sei dieser Song hier wärmstens empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=BqfZUX5svCg

 

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