Ich führe, Du folgst. Queer-Tango und Unternehmensdemokratie

Es war eine Steilvorlage für meinen ersten Blog-Artikel, den ich für die Unternehmensdemokraten schreiben darf. Die Steilvorlage war ein Artikel, den ich morgens in meiner favorisierten Tageszeitung las. Ein Artikel über den Tango Argentino. Ein dramatischer und hoch emotionaler Tanz, der weltweit Millionen Menschen begeistert. In Berlin, der „zweitgrößten Tangometropole nach Buenos Aires“ las ich, gibt es seit Langem eine eigene Queer-Tango-Szene.

Rollentausch: Führen und Folgen

Queer-Tango? Tango im üblichen Sinn gedacht, bedeutet eine streng heteronormative Hierarchie – Mann führt, Frau folgt. Dieses Bild haben viele von uns seit Kindheitstagen verinnerlicht. Der Queer-Tango gibt diesem Bild eine erfrischende Ohrfeige und sorgt für Bewegung im Hirn. Nicht nur, dass die typische Hetero-Hierarchie aufgehoben wird, nein man spielt auch mit den anerzogenen Geschlechterrollen und gibt ihnen den Drive, der neue Denkwelten kreiert. „Die meisten queeren Tänzer*innen“, schreibt die Autorin, „können sowohl führen als auch folgen, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie sich zuordnen. Es ist normal, dass man einander vor dem Tanz fragt: ‚Möchtest du führen oder folgen?‘ – und sich in den Rollen auch mal abwechselt.

Vor meinem geistigen Auge entsteht in den nächsten Minuten eine enorme Vielfalt an Rollenkombinationen, die einen ganzen Tanzsaal füllen. Ja, genauso muss es sein, denke ich. Ein starres System bekommt durch die Umdeutung, Erweiterung und Parodie der zugewiesenen Rollen neue Energie und wird lebendig, bunt und kreativ. Und wächst.

Hier die traditionelle Variante unter Führung des Mannes.

Hier die traditionelle Variante unter Führung des Mannes.

Feste Rollen loslassen

Fast automatisch formt sich in meinem Kopf eine Analogie zum Leben im Unternehmen. Lassen Sie uns auf der ersten Ebene starten  – der Umdeutung – und zunächst von den vertrauten Rollen ausgehen: Chef hier – Mitarbeiter da. In der Logik moderner Unternehmensführung nähern sich diese Rollen an, indem auf Augenhöhe kommuniziert und agiert wird. Das ist ein guter Anfang, löst aber noch nicht die erlernte Hierarchie auf. Der nächste Schritt ist der, der weh tut. Der neben Mut und Vertrauen ohne Wenn und Aber die Fähigkeit erfordert, Loslassen zu können. In diesem Fall das Loslassen alter Rollenbilder.

Das spielerische Loslassen kann z.B. im Tausch der Rollen ausprobiert werden und was dabei passieren kann, beschreibt die Autorin anschaulich im Text: „… hatte ich jetzt auf einmal einen Überblick über den Raum, hörte mehr auf die Musik. Ich verspürte das Bedürfnis, meine Tanzpartnerin zu beschützen, dafür zu sorgen, dass sie mit niemandem zusammenstieß, den Tanz angenehm für sie zu gestalten, sie zu überraschen. Diejenige zu sein, die sich jeden der gemeinsamen Schritte ausdenkt und die folgende Person dazu einlädt, war eine völlig neue Erfahrung der Wirkmächtigkeit: Ich denke, ‚setze deinen linken Fuß dorthin!‘ – und die andere Person tut es tatsächlich. Gleichzeitig kann die führende Rolle einen Druck aufbauen, den ich als Folgende so nicht kannte. Als Führende bin ich allein dafür verantwortlich, dass mir nicht die Ideen ausgehen, dass sich die folgende Person nicht langweilt… Die andere der beiden Tangorollen auszuprobieren, verschaffte mir Zugang zu Erfahrungswelten, die ich noch nie in dieser Form betreten hatte.“

Rollen hinterfragen

Übertragen wir diese Eindrücke auf Unternehmen, wird hier deutlich, wie sehr sich alleine durch den reinen Austausch der Rollen, neue Erkenntnisse ergeben, die etwas Neues einleiten können. Auf dieser Ebene kann auch das Feld der Unternehmensdemokratie beginnen. Das bedeutet nicht, dass Unternehmensdemokratie mit dem Tausch von Rollen anfängt, sondern mit dem Hinterfragen derselben. Warum sind die Strukturen so wie sie sind?  Welchem Zweck dienen sie? Sind sie sinnvoll? Betrachten wir unsere Zeit mit ihrer Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, ist es nur logisch, dass in Unternehmen ein agiler Wechsel von Führen und Folgen je nach Anforderung notwendig ist, um zukunftsfähig zu sein. Die Rollen darin sind fluid und extrem beweglich. Das macht sie anpassungsfähig und jederzeit lernfähig, ebenso wie die Individuen die sich dort aufhalten.

Praktizieren wir Unternehmensdemokratie in diesen modernen Unternehmen, leben wir dort Werte, auf denen unser Verständnis von Zusammenleben fußt und das uns einen sicheren Boden verleiht, trotz aller Komplexität. Gelebte Unternehmensdemokratie kann Menschen lehren, so beweglich zu werden, dass sie sowohl einen Überblick über den Raum haben als auch in diesem und über ihn hinaus gestalten, überraschen und Verantwortung zeigen. In diesem Sinne: Let’s dance!

Herzliche Grüße

Daniela

 

Quelle

  • Zucker, L. (2015): Parodie auf das große Schauspiel, taz, 21.08.2015

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Papierpostkarte, gemeinfrei
  • Tangopaar: Michaël CATANZARITI, CC BY-SA 3.0
2 Kommentare
  1. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Liebe Daniela,

    vielen Dank für diesen schönen Beitrag. Ich fühle mich noch zu einer „historischen“ Fußnote und einer Reflexion hingezogen:

    1. Interessanterweise war es zumindest in den Anfängen des Tango so, dass häufig Männer zusammen tanzten und somit natürlich ein Mann in der Rolle des Geführten war. Dies diente dem Trainingseffekt. Die Männer wollten GEMEINSAM besser werden. Das ist überaus interessant, zumal dies in einer lateinamerikanischen Machismokultur zu beobachten war, auch wenn Argentinien natürlich schon eine Weile ziemlich europäisch war. Nichtsdestotrotz: Trotz einer gewissen archaischen Konkurrenz auf der Tanzfläche kooperieren Männer im Vorfeld des Trainings und wechseln sich in den Rollen von Führen und Folgen ab.

    2. Ich kann aus meiner eigenen Tangoerfahrung berichten, dass es tatsächlich einen tollen Trainings- und Lerneffekt hat, wenn man als Mann auch in die Rolle der Frau, mithin des Geführten geht. Ich erinnere mich an einen Tangourlaub, wo ich mit einem Tangokumpel viel zusammen getanzt hatte. Wir beide wechselten regelmäßig die Rollen – und lernten viel dabei. Das bestätigt auch die Aussage von Hermann Arnold von der Haufe-umantis AG, dass einer der großen Vorteile der Wahl von Führungskräften auch darin besteht, irgendwann wieder von der Führungsrolle in die Rolle des Geführten zu gehen und daraus viel zu lernen.

    Liebe Grüße
    Andreas

    Antworten
    • Daniela Röcker
      Daniela Röcker sagte:

      Lieber Andreas,

      ganz lieben Dank fürs Feedback und für die tolle Ergänzung. Sehr spannend, sich in die historischen Anfänge hineinzudenken! Auf die Unternehmen bezogen: das Haufe-umantis Beispiel bestätigt auch meine Annahme und Beobachtung, dass gerade im Wechsel ein enormes Lernpotential liegt.

      Liebe Grüße
      Daniela

      Antworten

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