Interviewstudie zur Untersuchung von Achtsamkeit und der Auswirkungen im Kontext New Work

Vor kurzem publizierte Andreas Zeuch hier im Blog den ersten Artikel über Achtsamkeit: New Work, Unternehmensdemokratie und Achtsamkeit. Nun stelle ich die Ergebnisse meiner Studie über Achtsamkeit im Kontext New Work vor.

Die Arbeitswelt befindet sich im stetigen Wandel. Das Konzept New Work charakterisiert weitreichende Veränderungen der Unternehmensumwelt. Es etablieren sich zunehmend neuartige Organisationsmodelle und Formen der Zusammenarbeit. Der Trend geht unter anderem zu flacheren Hierarchien, agileren und kooperativeren Strukturen, dem Nachgehen sinnstiftender Tätigkeiten, sowie einem neuen Führungsverständnis. Führungskräfte sehen sich infolgedessen neuartigen Herausforderungen gegenüber gestellt. Die Lehre der Achtsamkeit, im englischen Mindfulness, wurde von Jon Kabat-Zinn 1990 vom buddhistischen Glauben losgelöst. Er definiert Achtsamkeit als eine auf den Moment gerichtete Aufmerksamkeit, ohne die eigenen Wahrnehmungen zu bewerten.

Ziel dieser Studie war es, herauszufinden, ob Achtsamkeit in Bezug auf die Implikationen von New Work im Führungskontext hilfreich erscheint und welche Auswirkungen durch das Praktizieren auf sich selbst und andere entstehen. Aufgrund dessen wurden 13 qualitative Experteninterviews mit Führungskräften, sowie Beraterinnen und Berater von Führungskräften, welche Achtsamkeit praktizieren, geführt. Zur genaueren Durchleuchtung positiver sowie negativer Effekte werden nachfolgend kurz wesentliche Befunde dieser Arbeit präsentiert und deren Limitationen berücksichtigt. 

Das Konzept New Work, welches sich durch umfassende Veränderungen der Unternehmensumwelt auszeichnet, zielt darauf ab, Sinn in der Arbeit zu stiften (Bergmann, F. (2004), Neue Arbeit, Neue Kultur) Um das volatile Arbeitsumfeld zu begleiten und Verunsicherungen der Mitarbeitenden zu begegnen, bedarf es demnach einer visionär handelnden Führungsebene. Achtsamkeit ermöglicht das Hinterfragen seiner Handlungen durch eine gesteigerte Selbstwahrnehmungsfähigkeit und Selbstreflexion. Die Konzepte New Work, Mindful Leadership und Achtsamkeit weisen somit starke Parallelen auf. 

Studienergebnisse

In Bezug auf die Praktizierenden selbst konnte bestätigt werden, dass sich Achtsamkeit positiv auf die Regulation von Emotionen in stressbehafteten Situationen auswirkt. Zudem fördert ein achtsames Leben die Gesundheit. Achtsamkeit beginnt dabei immer bei sich selbst. Negative Konsequenzen konnten die Teilnehmenden jedoch nicht feststellen. Das starke Auseinandersetzen mit sich selbst und eine gesteigerte Sensibilität werden schlussendlich als vorteilhaft erachtet. 

Es ist anzumerken, dass die folgenden Auswirkungen aus der Wahrnehmung der Praktizierenden beschrieben wurden. Die Betrachtungsperspektive des Umfelds und der Mitarbeitenden konnten aufgrund des Schwerpunkts dieser Arbeit nicht untersucht werden, ist jedoch in Folgestudien und in der Interpretation der Ergebnisse von essentieller Bedeutung. Besonders positive Auswirkungen in Bezug auf andere konnten durch achtsames Zuhören in der Kommunikation herausgearbeitet werden, was zum Funktionieren zwischenmenschlicher Beziehungen führt.  

Im Arbeitskontext konnte darüber hinaus geschlussfolgert werden, dass Achtsamkeit im Führungsverhalten durchaus als nützliche Kompetenz erscheint. Dabei setzt das Führen anderer zunächst eine gesunde Selbstführung voraus. Durch achtsame Führungskräfte kann eine Vertrauensbasis entstehen, die viel Raum für die Belange der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet, auf der New Work eingeführt werden kann. Eine gesunde Selbstwahrnehmung und das wertfreie Wahrnehmen des Gegenübers tragen zudem zu einer gelungenen Zusammenarbeit bei. Das Konzept New Work, welches sich durch Selbstorganisation und Kollaboration zwischen der Führungskraft und der Mitarbeitenden auszeichnet, kann durch einen wertschätzenden Umgang miteinander und einer achtsamen Kommunikation zu dessen Funktionieren beitragen. Dennoch wäre es von Vorteil, wenn nicht nur Vorgesetzte, sondern auch Arbeitskräfte Achtsamkeit praktizieren. 

Durch die zunehmende Popularität von Achtsamkeit und ihr Einzug in Unternehmen wurde ein Grundstein gelegt, der noch viel Potential für die Entwicklung von Führungskräften und Mitarbeitenden birgt. Auch wenn sich alle Interviewpartner darüber einig waren, dass der Einsatz von Achtsamkeit im Führungskontext ein wichtiges Mittel im Umgang mit sich selbst und den Mitarbeitenden darstellt, gilt es, die Stichprobe zu erhöhen, um eine verbesserte Aussagekraft zu erhalten.

 

Herzliche Grüße

Lisa Prause

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Pixabay, Free for commercial use, No attribution required
3 Kommentare
  1. Alex Stöckli
    Alex Stöckli sagte:

    Interessante Befunde. Vor allem auch die Rolle, die Achtsamkeit bei der Führung in New Work spielt. Schade, dass die Studie nicht noch einen Schritt weiter gegangen ist: New Work heisst für mich auch neue Organisationsformen, die immer mehr ohne Führung im herkömmlichen Sinn auskommen werden. Meine These wäre, dass dort Achtsamkeitstrainings überflüssig werden, weil eine solche Organisation ohne Achtsamkeit (und einiges mehr) gar nicht entstehen kann.

    Ich habe deinen Artikel in einem Blogpost kurz besprochen und verlinkt: https://well-working.blogspot.com/2019/03/5-mal-achtsamkeit-im-unternehmen.html

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    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Danke Alex für die Rückmeldung. Interessante These, dass es in – sagen wir mal buzzwordlike: New Work Organisationen – keine Achtsamkeitstrainings braucht, weil die ohne gar nicht entstehen könnten. Letzteres teile ich uneingeschränkt. Allerdings ist Achtsamkeit kein digitales on-off Muster, hab ich, hab ich nicht. Es ist ein Kontinuum, dass wir Zeit unseres Lebens immer weiter verfeinern können. Ansonsten könnten irgendwelche Mönche ja auch einfach mal auffhören, zu meditieren, oder?

      HG, Andreas

      Antworten
      • Alex Stöckli
        Alex Stöckli sagte:

        Nein, nicht aufhören zu meditieren. Aber vielleicht aufhören, Mönch zu sein? Um in einer nächsten Lebensphase das „Gefundene“ in einen neuen Lebensbereich hinein zu tragen? (Nur mal so ein bisschen vor mich her gedacht…)

        Antworten

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