Karriere-Vorbilder junger Deutscher

Wem eifern junge Deutsche, Frauen wie Männer, beruflich nach? Wen finden sie inspirierend, wer hat beruflich etwas erreicht, was junge Deutsche aufregend finden? Lassen sich in diesen Vorbildern emanzipierte Geschlechterrollen finden? Und was könnte man davon über die Zukunft der Arbeit ableiten, zumindest als erste Hypothesen? Eine aktuelle Untersuchung lässt tief blicken.

Karriere-Vorbilder: Studiendesign

Das FinTech Unternehmen Transferwise veröffentlichte im Juni 2019 eine interessante Studie zu der Frage nach den Karriere Vorbildern: Insgesamt wurden 3500 junge Menschen im Alter von 16-25 aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien nach ihren beruflichen Vorbildern befragt. Für Deutschland wurden 1007 Menschen befragt, die Untersuchung ist für die Altersgruppe repräsentativ.

Zur Verfügung standen insgesamt 22 mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten aus verschiedenen beruflichen Sparten.  Achtung: Die Zuordnung zu den Sparten habe ich vorgenommen, sie ist in mehreren Fällen schwierig und definitiv nicht eindeutig leistbar. Mir geht es hier nur um einen groben Branchen-Überblick:

  • Gastronomie: Gordon Ramsay
  • Kunst: Banksy, Justin Bieber, Ariana Grande, PewDiePie, JK Rowling, Kanye West
  • Mode/Lifestyle: Kylie Jenner, Kim Kardashian, Karl Lagerfeld, Anna Wintour, Zoella
  • Politik: Theresa May, Angela Merkel
  • Sport: Usain Bolt, Cristiano Ronaldo
  • (Tech)Unternehmen: Richard Branson, Steve Jobs, Elon Musk, Mark Zuckerberg

Über diese Auswahlmöglichkeiten hinaus konnten die Befragten auch noch zwischen „Weiß ich nicht“ und „Keine dieser Personen“ wählen.

Karriere-Vorbilder: Studienergebnisse

Auch wenn es mich nicht wirklich überraschte – so fand ich doch die Ergebnisse im Geschlechtervergleich erschütternd. Je nachdem, welche Untergruppen der Untersuchungsgruppe man in den Fokus nimmt, gibt es verschiedene Ergebnisse. Beginnen wir mit dem Gesamtergebnis, bei dem alle Befragten, Frauen wie Männer, zusammengefasst wurden:

Gesamtbevölkerung

Frauen und Männer in Vergleich

Nach Alter

Karriere-Vorbilder: Bedeutung der Ergebnisse

Sollte die Befragung den Kriterien für Repräsentativität entsprechen, was für mich nicht endgültig geklärt ist, dann finde ich dieses Ergebnis ziemlich erschreckend. Und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Der Helden-Mythos lebt

Sowohl aus geschlechtsübergreifender als auch geschlechtsspezifischer Sicht verweist das Ergebnis auf die weiterhin hohe Wirksamkeit von Heldengeschichten, die bei näherem Hinsehen ziemlich brüchig und inkonsistent sind. Kylie Jenner als jüngste  „Selfmade-Milliardärin“ ist schon mal völliger Unfug. Sie hat diese Milliarden ebensowenig selbst (also alleine) erwirtschaftet, wie Elon Musk oder Steve Jobs. Und die letzteren beiden sind sowohl durch Presse, Journalisten und wen sonst noch inthronisiert worden und haben diese Heldenverehrung selbst auch noch gut angefeuert.

Eigentlich sollte man in einer globalen, hochvernetzten und hyperkomplexen Welt klar auf dem Schirm haben, dass eine Person bestenfalls das Gesicht einer Marke sein und sie natürlich auch prägen kann – aber immer auf Dutzende, Hunderte oder Tausende von anderen Menschen und deren Arbeitsleistung angewiesen ist. Und die werden dann oft genug nicht mal anständig bezahlt, wie die Mitarbeiter*innen in den Apple Stores oder sogar ausgebeutet wie bei Foxconn und häufig überlastet wie bei Tesla. Der Witz: Wer von den Jugendlichen würde unter diesen Arbeitsbedingungen sein Brot verdienen wollen?

Das wirft auch Fragen auf über den angeblichen Stellenwert von Kollegialität und Kollaboration bei den Generationen Y/Z, die im Arbeitsmarkt frisch dabei sind oder in den nächsten Jahren dazu stoßen. Alle Spitzenreiter unter den Karrierevorbildern – Gesamtwertung: Steve Jobs, Frauen: Kylie Jenner, Männer: Elon Musk – können wohl, ohne sich allzu sehr aus dem Fenster zu lehnen, als profilneurotisch getriebene Geschäftsleute gesehen werden. Und die finden die Befragten also so großartig, dass sie ihnen hinterher eifern wollen.

Emanzipation war gestern

Wie bitte? Aber Ariane Grande und Kylie Jenner sind doch solch großartige Karriere-Vorbildfrauen! Die sind ihren Weg gegangen und sind megaerfolgreich. Also alles in Butter, was soll das Genöhle? Hm, also ich stelle da eine gewisses, leicht sichtbares Stereotyp fest, wie man im direkten Vergleich der beiden Vorbilder erkennen kann.

Und dann gibt es, wenig überraschend, auch noch den Klassiker der Emanzipation und Befreiung von Rollenklisches: Einmal Häschen bitte! Na das ist doch in Zeiten von MeToo wirklich ein Fortschritt. Pubertierende und post-pubertierende Mädchen und Jungs sowie junge Frauen und Männer von 16-20 bewundern also eine junge Frau, die mit Häschenohren über die Bühne hüpft. Etwas Hoffnung macht, dass eine Frau, die davon Lichtjahre entfernt ist und einen der größten kommerziellen literarischen Erfolge vollbracht hat, immerhin auf Platz fünf kommt: JK Rowling.

Dafür arbeitet(e) Frau Jenner bedeutungsschwanger als Model und brachte ihre eigene Mode- und Kosmetiklinie heraus. Das ist wiederum durch und durch überraschend, so gar kein Klischee. Dazu passt sogleich Steve Jobs, der mit nur einem Prozent weniger nach dem gleichplatzierten Duo Grande/Jenner in der Beliebtheit als Vorbild folgt. Der Tech-Milliardär mit dem klassischen Narrativ aus der Garage zum Weltkonzern, einer Variante des immer noch hochgehaltenen, vollkommen glaubwürdigen amerikanischen Traums. Mit anderen Worten: Die Befragten frönen voll und ganz der standardökonomischen Leistungsgesellschaft. Einige wenige schaffen es im harten Kampf um die Spitze ganz nach oben und werden zum Vorbild (was auch für Rowling gilt).

Kommerzieller Erfolg statt Gemeinwohl

Alle bestplatzierten Vorbilder, egal ob Männer oder Frauen, zeichnen sich vor allem durch einen überragenden wirtschaftlichen und kommerziellen Erfolg aus. Menschen, die vor allem etwas für das Gemeinwohl getan haben und sich für vor allem für andere Menschen einsetzen oder für menschliche Ideale, finden sich erst gar nicht auf der Liste – was natürlich an Transferwise liegt, die diese Studie durchgeführt haben (was immer uns das sagen will). Somit konnten die Befragten Menschen wie Carola Rackete nicht zu ihrem Vorbild wählen.

Allerdings gab es zwei Möglichkeiten, die vorgeschlagenen Vorbilder abzulehnen: „Weiß nicht“ oder „Keine der Personen“. Aber letztere Option wurde gerade mal von 14% der 16-20 und 16% der 21-25 jährigen gewählt (Altersvergleich) und von je 15% der Frauen und Männer (Geschlechtervergleich). Die weiß-nicht-Option wurde noch viel seltener gewählt.

Damit scheint vor allem eins junge Menschen anzuziehen und zu inspirieren: Wirtschaftlicher Erfolg in Lifestyle, Pop und Technologiebranchen. Was mich wiederum angesichts der bewegenden Fridays for Future irritiert. Da entsteht bei mir die Frage, welche Werte den Befragten Teenies und Twens glaubhaft vermittelt und vorgelebt worden sind? Ich wähle für mich einen optimistischen Ausweg: Ich bezweifle die Repräsentativität der Studie. Sollte sie es sein, wird mir schlecht.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Mashup: Grande (Emma, CC BY-SA 3.0), Jenner (Hayu, CC BY 3.0), Jobs (MetalGearLiquid, CC BY-SA 3.0),  Musk (Steve Jurvetson, CC BY 2.0)
  • Studien Grafiken: Mit freundlicher Genehmigung von ©Transferwise
  • Grande/Jenner: Mashup: Grande (Emma, CC BY-SA 3.0), Jenner (Hayu, CC BY 3.0)
  • Grande Bunny: Berisik Radio.com, CC0
3 Kommentare
  1. Christoph
    Christoph sagte:

    Meine Hypothese/Vermutung: Diese „Art“ von Vorbild-Kultur korreliert nicht mit Effekten des Nacheiferns oder mit dem aktiven Ausrichten der eigenen beruflichen Biografie. Der psychologische Effekt ist nachgerade gegenteilig: Diese Art von Vorbild macht das Leben im eigenen Alltäglichen erträglich. Es erleichtert das Ausharren im eigenen Trott. Es hat psychohygienische Funktion. Eher sedierend als aktivierend. Motivierend lediglich in dem Sinne, dass es mir hilft, meinen täglichen Gang zu gehen. Weitere Assozation dazu sind: „Der begeisterde Lehrer“ in der Schule macht den ganzen langweiligen Rest erträglich. Er „motiviert“ mich nicht, sein Fach zu studieren. Der ganze Heldenkult in Fussball oder street culture ebenso: die Vorbilder helfen mir als Individuum, in einer eher suboptimalen Lebenswelt irgendwie klar zu kommen (durch Träume etwa) und durch das Dazugehören zu einer Clique (um ein Vielfaches wirksamer im Digital space), die dieseN EineN „zum Vorbild“ hat. Wenn ich ganz düster schlussfolgere, und ich denke, da ist was dran, dann dient der Vorbildkult, wie er im 20. Jahrhundert grundgelegt wurde und heute digital (exponenziell) gesteigert wird, einer Zementierung des sozialen und ökonomischen Status Quo. Nicht zuletzt deshalb funktioniert ja auch die Bildung einer Einzel- und Gruppenidentität über solche Vorbilder: weil sie eine bestehende Identität verstärken und absichern, also gerade vor Verunsicherung „schützen“, die mit dem Verlassen des Status Quo verbunden wäre (Lernen destabilisiert immer zuerst) auf dem Weg einer Emanzipation z.B.

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Christoph,

      danke für diese anregenden Gedanken! Inwiefern ist das erst mal eine reine Hypothese, wie Du schreibst? Kennst Du zum Effekt von Vorbildern bei Jugendlichen entsprechende empirische Untersuchungen?

      Aus eigener Erfahrung würde ich zB zumindest bei den Lehrern widersprechen: Mein Deutschlehrer im Gymnasium war begeisternd – im wahrsten Sinne: Er hat mich be-geistert, mir viel zu Denken gegeben und am wichtigsten: Ich habe bei ihm gelernt, mich intensiv und tiefgreifend mit Texten auseinanderzusetzen. Ich habe gewissermaßen vertieftes Lesen gelernt. Dieser Effekt wirkt bis heute, unvergesslich.

      Vor allem interessiert mich: Was schlussfolgerst Du aus Deiner Hypothese? Ist es dann egal, welche Vorbilder Jugendliche wählen? Ob den YouTube Star, die Influencerin, die Kosmetika anpreist oder Götz Werner, der sich fürs BGE einsetzt?

      Herzlich,
      Andreas

      Antworten
      • Christoph
        Christoph sagte:

        Lieber Andreas
        Vermutlich bleibt das auch eine Hypothese, also eine unbewiesene Annahme, die ich aus meiner Erfahrung ableite. Bezüglich des Beispiels aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis beziehe ich mich auch auf meine Beobachtungen und Gespräche während meiner Zeit als Lehrer an einem Gymnasium. Dort war das, was du als deine Erfahrung mit deinem Deutschlehrer beschreibst, als Narrativ unter den LehrerInnen (!) gang und gäbe. Es diente als eine Art Evidenz, um das Frontalbeschallungsmodell zu rechtfertigen. Da hatten die SchülerInnen dann halt Glück, wenn sie eineN „begeisterndeN“ LehrerIn vor sich hatten, und Pech beim Gegenteil. Wobei sich zeigte, dass dieses Narrativ im Schulalltag nicht funktionierte, weil das Moment des „Begeisternden“ ein sehr individuelles ist: den einen „gefällt“ dieser Stil, anderen ein anderer; was dann wieder zu der „Erklärung“ bei LehrerInnen führt, dass sich halt jedeR das rauspickt und mitnimmt aus der Schule, was ihm und ihr passt. Mit „Semper aliquid haeret“ (Irgendwas bleibt immer hängen) pflegte ein Lehrer an jener Schule die Diskussionen zu diesem Thema jeweils zu beenden, bevor sie angefangen hatten. Das zeigt für mich die Willkür dieses Systems.
        Gegen Ende meiner Zeit an jener Schule habe ich aus den unzähligen Evaluationen, die ich mit Lernenden jeweils am Ende eines Schulhalbjahres gemacht habe, ein Buch geschrieben („Bildung auf Augenhöhe. Streitschrift für eine Erneuerung des Gymnasiums“), quasi eine nichtwissenschaftliche Auswertung von hunderten qualitativer Interviews über die Jahre. Das hat meine Vermutungen und Erfahungen zum Thema „Vorbild“ natürlich verstärkt. Gleichwohl hatte und habe ich nicht den Anspruch einer empirischen Gültigkeit oder Messbarkeit.
        Deine Replik hat mich übrigens an diesen Satz erinnert, den ich neulich gelesen habe. Ich finde ihn bemerkenswert, weil er einen Aspekt der „Vorbild-Thematik“ beleuchtet, der eher selten zur Sprache kommt (Der folgende Abschnitt ist ein Zitat):
        As a young professor of physics, I worked hard to develop a set of inspirational lectures, all carefully crafted to motivate the undergraduates in my introductory course to learn a subject that was widely considered to be too hard and too dull for most students. One day, a senior walked into the office and asked to speak with me. “You have ruined my life,” the senior said, with more sadness than anger. “How?” I asked. “When I was a freshman, I took your course. You made physics so interesting that I decided to major in it. It wasn’t until my senior year that I realized that I am actually not really interested in the subject, and that my talents and goals lie elsewhere. Because of you, my entire college career was wasted.” (Ackoff, Russell L.. Turning Learning Right Side Up (S.12). Pearson Education. Kindle-Version).
        Herzliche Grüsse von Christoph

        Antworten

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