Lernen von den Widersprüchen der Landkooperativen Longo maï.

Vor kurzem habe ich eine neue Empfehlung in meinem Rezensionsblog „Zeuchs Buchtipps“ veröffentlicht: „Landkooperativen Longo maï. Pioniere einer gelebten Utopie.“ Die Lektüre über die verschiedenen, zusammenhängenden Landkooperativen war durchaus anregend, alleine schon aufgrund der differenzierten Darstellung durch den Autoren Andreas Schwab und die schöne Aufmachung mit zahlreichen Farbfotos durch den Rotpunktverlag. Während des Lesens wurde mir klar: Von Longo maï können (angehende) Unternehmensdemokraten viel lernen. Denn trotz aller Widersprüche, die sich in den Kooperativen finden lassen, sind sie einen anregende Quelle der Inspiration, wie Arbeiten auch anders funktionieren kann.

Longo maï, provenzalisch für „Es möge lange währen“, wurde 1973 von Studenten aus dem linkspolitischen Umfeld gegründet.  „Das Ziel war eine wirtschaftlich unabhängige, autonome Siedlung, in der eine menschlichere Gesellschaft gefunden und erprobt werden kann.“ (S. 19, kursiv im Original). Um es kurz und schmerzlos zu machen: Gemessen an dieser Zielsetzung ist die Kooperative vollumfänglich gescheitert: „Wir leben zur Hälfte von Spenden“ (S. 129) zitiert Andreas Schwab eines der Kooperativenmitglieder, mit denen er bei seinem vielfältigen Besuchen gesprochen hat. „Von 1973 bis 1979 sammelten rund hundert ständige Mitglieder etwa 28 Millionen Franken Spenden.“ (S. 107). Das ist zwar eine beachtliche Leistung, hat aber nichts mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu tun.

Heute gibt es international insgesamt 10 Kooperativen und den Sitz des Fördervereins, der als Dachverband fungiert. Der Verband verteilt sich auf sechs Länder, in denen gut 200 Erwachsene arbeiten und deren Kinder leben:

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    Das empfehlenswerte Buch über Longo maï von Andreas Schwab.

    Frankreich

    • Limans, Provence (seit 1973)
    • La Cabrery, Luberon (seit 1993)
    • Chantemerle, Alpes de Hautes Provence (seit 1976)
    • Mas de Granzier, Crau (seit 1990)
    • Treynas, Ardèche
  • Deutschland: Hof Ulenkrug, Mecklenburg-Vorpommern (seit 1995)
  • Österreich: Hof Stoppar, Kärnten (seit 1977)
  • Schweiz
    • Le Montois, Undervelier
    • Longo maï Haus, Basel
  • Ukraine: Zeleny hay, Transkarpatien (seit 2006)
  • Costa Rica: Finca Sonador, Flüchtlingskooperative

Da es diverse Widersprüche gibt, ist nicht eindeutig zu erkennen, wie es seit der Gründung von Longo maï zugegangen ist, was geschah und was nicht. Heute zumindest scheint es so zu sein, dass die Kooperativen basisdemokratisch geführt werden, es gibt keinen Chef, der Ziele vorgibt, Prioritäten festsetzt und Ansagen macht, um diese zu verwirklichen. Ebensowenig gibt es definierte Stellen und deren fixe Besetzungen. Stattdessen kann sich jeder seine Arbeit selber aussuchen und sie selbstorganisiert mit den anderen Kooperativenmitgliedern koordinieren. Last not least: Es gibt keine Unterscheidung in finanziell lohnenswerte und nicht lohnenswerte Arbeit beziehungsweise Projekte. Folgerichtig gibt es auch keine individuellen Löhne. Stattdessen fließen die Erträge in eine gemeinsame Kasse, aus der das Leben der Kooperativenmitglieder finanziert wird. Die Höfe, Betriebsmittel und Ländereien gehören der Gemeinschaft. Rechtlich ist das ganze ähnlich konstruiert wie das (soziale) Stiftungsunternehmen Hoppmann Autowelt, über das ich ausführlich in „Alle Macht für niemand“ berichte (S. 89-105).

Mitglieder können sich auch in Projekte reinknien oder Arbeiten ausführen, die der jeweiligen Kooperative keine Umsätze bescheren. Letzteres scheint allerdings nur deshalb möglich, da die Kooperativen, wie bereits kurz dargestellt, „zur Hälfte von Spenden“ lebt. Dabei wäre eine selbstgeleistete Quersubventionierung ja höchst interessant. Eben so, wie das einige wenige innovative Firmen leisten, die ihren MitarbeiterInnen zugestehen, sich selber Projekte auszudenken und zu verfolgen, auch wenn sie nicht unmittelbar gewinnträchtig sind oder auch nur inhaltlich zum bisherigen Produkt- oder Dienstleistungsportfolio passen (W.L. Gore [Steckenpferdzeit], früher Google [70-20-10 Regel] u.a.).

Website von Longo maï

Website von Longo maï

Viele vitale Probleme entstanden wohl durch eines der Gründungsmitglieder, der sich als charismatischer Führer der Kooperative gerierte. Einerseits hat Longo maï ihm wohl viele Impulse zu verdanken, andererseits entstand auch durch ihn eine Atmosphäre, die in der Presse und damit in der Öffentlichkeit als sektiererisch wahrgenommen wurde. Immerhin gab es alleine zwischen Dezember 1979 und Februar 1980 „533 zumeist negative Artikel“ (Schwab 2011: S. 140), die Longo maï deshalb äußerst kritisch bis vernichtend darstellten (und damit wiederum völlig überzogen reagierten). Ich vermute, dass dies mit der starken linksideologischen, dogmatischen Prägung zusammenhing, die Longo maï vor allem in den ersten Jahren durchdrang.

Heute stellt sich Longo maï auf seiner Website als politisch unabhängig und religiös offen dar, was der Sache wesentlich dienlicher ist. Das die politische Unabhängigkeit den Erfolg einer Kooperative förderlich ist, hat der venezuelanische Dachverband Cecosesola über 40 Jahre eindrücklich bewiesen. Er ist fast in derselben Zeit wie Longo maï wesentlich schneller gewachsen – und das unter dramatisch schwierigeren Verhältnissen, gegen die auch die harten Zeiten von Longo maï eher einem Spaziergang gleichen (siehe dazu meine Rezension des Buches „Auf dem Weg“). 2010 erwirtschafteten dort immerhin 20.000 (!) Kooperativistas von Cecosesola 100 Millionen US Dollar. Eine interessante Fußnote liegt dabei in der Tatsache, dass in Schwabs Buch niemand aus Longo maï den venezuelanischen Kooperativen-Dachverband auch nur erwähnt hat. Äußerst sonderbar, liegt es doch nahe, sich gerade als Landkooperativen mit einem deutlich größeren, ebenfalls höchst demokratischen und selbstorganisierten Landkooperativen-Dachverband zu vernetzen, um von sich zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Zusammengefasst und verdichtet lassen sich folgende Lessons Learned auflisten, gerade auch im direkten Vergleich zwischen Longo maï und Cecosesola:

  • Transnationale und -politische humanistische Werte zur Grundlage machen, statt sich in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren, egal welcher Richtung (also auch keine marktliberalen Glaubensbekenntnisse…).
  • Arbeit und Projekte selbstbestimmt organisieren, statt anzuweisen, selbst wenn die Anweisung per Vollversammlung (basisdemokratisch) vollzogen wird.
  • Transparenz und Selbstreflexion nach innen und außen pflegen und dokumentieren, statt sich von der Außenwelt abzuschotten.
  • Echte finanzielle Unabhängigkeit durch ein funktionierendes Geschäftsmodell entwickeln und immer wieder neu erfinden, statt sich von Spenden (oder anderweitigem Fremdkapital) dauerhaft abhängig zu machen.

Herzliche Grüße

Andreas

 

Weiterführende Quellen

 

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