Mehr Humorkratie wagen!

Seit gestern Abend ist es nun offiziell: Die SPD löst sich auf und der komplette Vorstand von Volkswagen ist zurückgetreten.
In den Nachrichtenmeldungen heißt es unisono, dass die Gründe in beiden Fällen auf ein massives Versagen in den Führungsetagen zurückzuführen sei.
Im Falle von Volkswagen sei es inbesondere die fehlende Kompetenz des CJO (Chief Jest Officer) gewesen, die zum erheblichen Vertrauensverlust bei den Aktionären und in der Belegschaft geführt hatte.

Dies wäre sicherlich nicht der Fall gewesen, wenn es ensprechende Clowns- und Comedy-Trainings für die Führungskräfte bzw. für das politische Spitzenpersonal und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegeben hätte. Nur ein April-Scherz? Zum Teil.

Stellen Sie sich vor, sie wollen einen Konzern oder eine 150jährige Partei umkrempeln. Alternativ planen Sie eine Mars-Expedition oder Sie wollen mit ihren Teammitgliedern zum Südpol aufbrechen. Sie haben gar nichts von alledem vor? Maximal einen Aufbruch zum nächsten Coworking-Space um die Ecke oder zum Offsite im ländlichen Schleswig-Holstein mit ihren drei Führungskräften und fünfzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? 
Ob nun so ein Himmelfahrts(!)kommando zum Mars, ein Konzern- oder Parteiumbau oder die Südpol-Expedition bei Ihnen wirklich ansteht oder nicht: Sie wissen sofort und intuitiv, dass eine solche Unternehmung gut geplant und vorbereitet sein will. Sehr gut geplant und vorbereitet. Sehr, sehr gut geplant und vorbereitet. Und dennoch wird es zu erheblichen Überrschungen kommen. 

Im extremsten Falle würde es allerdings bei Problemen während der Mars- oder Südpol-Expedition nicht um einen Beamer gehen, der nicht funktioniert, um eine Kollegin, die auf dem Weg zur gemeinsamen Präsentation im Stau stecken geblieben ist oder um ein paar tausend Menschen gehen, die aus ihrer Organisation austreten oder die Produkte nicht mehr kaufen. Im Extremfall würde es hierbei um Leben und Tod gehen (bei der Mars-Expedition, nicht beim Offsite in der Mark Brandenburg). Und das nicht nur im übertragenen Sinne.
 Sie und alle Beteiligten würden etliche Eventualitäten im Vorfeld versuchen zu berücksichtigen, eine entsprechende Auswahl der Teammitglieder treffen und Vorbereitungen sowie harte Trainings absolvieren.

 Insbesondere besagte Clowns- und Comedy-Trainings. Kein Witz.

Die NASA setzt auf Witzfiguren im Team

Vor ein paar Tagen erreichte mich die E-Mail eines guten Freundes, in der er mich auf die, aktuell von der NASA geplante, bemannte Mars-Expedition aufmerksam machte. Der Titel des Guardian-Artikels lautete übersetzt in etwa: „Narren gesucht! Die erste bemannte Mars Mission braucht Comedians an Bord.“ Sofort suchte ich alles Notwendige für die Bewerbung zusammen.
Wer nun zunächst an einen schlechten Scherz glaubt, erfährt in jedem besagten Artikel, dass es um eine Studie um Vorfeld der Marsmission geht, in der man herausfinden möchte, inwiefern „Clowns“ zum Wohle der Gruppe bei einer derartig langen, drei Jahre dauernden Weltraummission, beitragen. 

Jeffrey Johnson, Professor für Anthropologie an der University of Florida, begleitet diese Untersuchung aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung mit der Erforschung von sozialen Netzwerken und Gruppen in Extremsituationen. 
Über vier Jahre untersuchte Johnson darin Antarktis-Forschergruppen und fand dabei heraus, wie wichtig Gruppenmitglieder waren, die die Rollen von Clowns, informellen Führungskräften, Kumpeln („Buddies“), Geschichtenerzählern, Friedensstifter und Beratern übernahmen. Diese Rollen ergaben sich informell und waren über einzelne, kulturelle Unterschiede in amerikanischen, russischen, polnischen, chinesischen und indischen Basislagern hinweg gleichermaßen zu beobachten. 
Natürlich kam es bei derartig extremen Vorhaben auf hohe Führungs- und Fachqualifikationen an, aber eben auch auf die Qualität, das Team auf humorvolle Art und Weise zusammen zu halten – insbesondere in überraschenden und schwierigen Situationen.
Für erfolgreiche Expeditionen war es jedoch insbesondere wichtig, dass die formelle und informelle Führung deckungsgleich war und dass es an zentraler Stelle einen Spaßmacher gab.

Einfach machen! Der Autor mal bierernst.

Diese humorvollen Vernetzer waren Menschen, die es schafften, zu allen im Team gleichermaßen eine Beziehung aufzubauen und die es darüber hinaus verstanden, Brücken zwischen den anderen zu bauen – nicht nur wenn diese in Streit gerieten. Auch wenn es zu anstrengend wurde und es zu kritischen Situationen der gesamten Gruppe unter den rauen Arbeitsbedingungen kam, sorgten jene Personen mit ihrer humorvollen Gelassenheit für eine verbesserte Arbeitsmoral und steigerten das Durchhaltevermögen.

Für die NASA wurden vier Gruppen von Astronauten 30 bis 60 Tage in einer Arbeitsumgebung beobachtet, die dem engen und hochkomplexen Arbeitsumfeld auf dem Weg zum Mars ähnelte. Dabei ging es im Wesentlichen darum herauszufinden, wie informelle Rollen unter diesen Bedingungen entstehen und welchen Dynamiken ihr Zusammenspiel unterliegen. Die Auswertungen der Ergebnisse dauern an. 
Die Untersuchung setzt die Arbeit an den Umständen der Antarktis-Forschungsteams von Johnson und seinen Kollegen James Boster (University of Connecticut) und Lawrence A. Palinkas (University of Southern California) von 2003 an („Social roles and the evolution of networks in extreme and isolated environments“). 
In der entsprechenden Publikation zitieren sie unter anderem den norwegischen Polarforscher Roald Amundsen mit der Feststellung, dass der Koch der Gruppe, Adolf Lindstrøm, einen derartig großen und wichtigen Beitrag zu der norwegischen Polarexpedition geleistet hat, wie kein anderer in der Gruppe. Lindstrøms Esprit und humorvolle Art sorgte für die notwendige Stressabfuhr und half bei Heimweh einzelner Mitglieder während der langen Polarnächte.
 In ihrer Studie fanden die Forscher außerdem heraus, dass die Rollen der „Leader“ und „Follower“ sich ebenfalls eher informell ergaben und als zwei zentrale Statusmerkmale für die Rollen in der Gruppe eine starke gruppendynamische Rolle spielten. Es gab aber auch andere Rollen, die ihrerseits zentrale Statusmerkmale und Statusdynamiken im Zusammenspiel aufwiesen. Darunter Spalter, Spaßmacher und Clowns.


Humorkratie wagen

Humor verbindet, kann aber auch Linien zwischen Gruppen ziehen. Humor dient dem aushandeln bzw. verdeutlichen von Werten und Haltungen zur Welt, zu anderen Menschen und zu sich selbst. 

Die Forschungsarbeit von Johnson im Zusammenhang mit der NASA Marsmission und den vorangegangenen Polarexpeditionen zeigt, was für eine zentrale Rolle die Komiker, Clowns und Narren für die Gruppenkohäsion spielten. 
Es kommt sicherlich nicht von ungefähr, dass wir in den letzten Jahren eine Vielzahl von Kabarett, Comedy, Standup und Late-Night-Formaten gesehen haben, die sich auf humorvolle Art und Weise den aktuellen Themen in der Gesellschaft angenommen haben. Humor ermöglicht es, sich mit unliebsamen Themen auf eine Art auseinanderzusetzen, und so offen und ehrlich darüber reden zu können. Bei aller vermeintlichen Parteinahme, eröffnen diese Narren auch Gesprächsräume und sorgen dafür, dass auch Zielgruppen (und einzelne Personen) von Nachrichten erfahren, die ansonsten kaum Nachrichten-Formate sehen.

Vielleicht öfter mal gemeinsam Lachen und sich berühren lassen?

Schaut man sich nun die professionelle Nutzung von Humor in Organisationen an, dann fällt auf, dass diese maximal im PR/Marketing-Kontext auftaucht oder im eher informellen Rahmen auf dem Flur oder in der Kaffeeküche. Dabei waren es gerade die humorvollen Clowns und Narren bei den Polarexpeditionen, die mit allen andere gut konnten, die Verbindungen zwischen den anderen herstellten und frühzeitig Konflikte auf humorvolle Art und Weise halfen zu klären. Dadurch sorgen sie dafür, dass auch alle anderen Spielregeln für die Zusammenarbeit unter Extrembedingungen kontinuierlich und konstruktiv herausgearbeitet werden konnten. Unter wahrhaft unsicheren, mehrdeutigen und volatilen Arbeitsumständen kam es darauf an, die gemeinsamen Spielregeln immer wieder aufs Neue festzulegen.
Dieses, sich im laufenden Kommunikationsprozess humorvolle Abstimmen vor und mit anderen (Mitspieler und Publikum!), kenne ich meinerseits speziell vom Improvisationstheater. Daher wirkt es für mich auch gar nicht allzu befremdlich, wenn der Pädagoge Matthias Duderstadt schreibt: „Das Sich-Üben im Improvisieren ist eine Art Vorschule für demokratische Verhaltensweisen.“

Dem würde sich wohl auch der Berater und Trainer Wolfgang Krüger anschließen, wenn er in seinem Buch „Humor“ davon spricht, dass Humor die Grundlage unserer Demokratie ist.
 Humor hilft, wie bereits weiter oben beschrieben, die Mächtigen nicht ganz so mächtig erscheinen zu lassen, so dass man bereit ist, ihnen auch zu widersprechen und ihr Wirken zu hinterfragen. Er ist eine kraftvolle Strategie gegen Fanatismus jeglicher Art. Wenn er auch zu rassistischen oder sexistischen Zwecken genutzt werden kann, so dient er auch der Kritik und dem Zweifel am Status Quo. Humor entlarvt und veralbert gerade das, was anderen heilig ist: von der Marktgläubigkeit, über die Heilslehre der digitalen Technologie bis hin zu bestimmten Management-Paradigmen und -dogmen. Gleichzeitig kann er auch harmonisieren und einen Werteabgleich schaffen.

Es kommt also im Zweifel darauf an, wie gut, wofür und von wem Humor eingesetzt wird. Wird er im Kontext von mehr und qualitativ besserer Partizipation auf Grundlage von soziokratischen Prozessen in Organisationen eingesetzt, könnte man sogar von „Humorkratie“ sprechen. Dabei geht es um mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber den anderen Sichtweisen auf die Herausforderungen im Unternehmen, um frühzeitiges Erkennen von Konflikten und ein humorvolles Zusammenspiel.

Lachen wir uns also frei!

EPILOG: Wer wagt es?

Wahrscheinlich sind für mehr Humorkratie in den Unternehmen die Unternehmensnärrinnen und -narren gefragt. Mutige Frauen und Männer, die auf humorvolle Art und Weise, frühzeitig die kritischen Fragen stellen. Die Elefanten und nackte Kaiser im Meeting-Raum benennen.
Wenn Humorkratie ein Versuch ist, über die Komödien an die Tragödien im Unternehmen besser heranzukommen, dann macht es womöglich durchaus Sinn, sich zum Abschluss noch einmal kurz mit einem der größten Dramen-Dichter zu beschäftigen: William Shakespeare.

Der Narren in seinen Dramen gibt es gar viele – doch für unsere Zwecke schauen wir auf den Narren im König Lear. Die beiden großen Themen von King Lear, menschliche Blindheit gegenüber sich selbst, gegenüber der Liebe und das Entsetzen vor dem ex nihil, vor dem, was von nichts kommt, werden in der Handlung reflektiert – so beschreibt es der Mathematiker Brian Rotman in „Die Null und das Nichts.“
King Lear thematisiert die Vernichtung menschlicher Wärme, die Auflösung gesellschaftlicher, familiärer Bindungen, den Mangel an Freundlichkeit, Sympathie, Zärtlichkeit, Liebe, Mitleid und Zuneigung. Diese Auflösung, das Anullieren von Beziehungen wird besonders deutlich im Gespräch zwischen Lear und dem Narren über das Nichts. Der Narr fragt den König, ob er nicht von Nichts Gebrauch machen könne, während dem König dazu nur einfällt: „Ei nein, Söhnchen, aus nichts wird nichts.“ 
Lear versteht die Kraft der Arithmetik nicht (ähnlich wie wir wohl heute nicht die Kraft der Algorithmen verstehen) und hier besonders nicht die Kraft der Null. Im Stück wird der Besitz Lears bis zu nichts heruntergezählt. Der Narr artikuliert den Verlust von Lears Königtum, was zum Abbild der Zerstörung von Lears Selbst und der natürlichen Liebe wird. Beide werden entleert, neutralisiert und ihres menschlichen Inhalts beraubt, indem sie in Zahlzeichen umgewandelt werden – das, was heute mit uns und dem Rest der Welt in der Digitalisierung erneut und um ein Vielfaches verstärkt geschieht.

Robert H. Bell, Professor für englische Literatur am Williams College, untersucht seinerseits in „Shakepeare´s Great Stage of Fools“ die Rolle und Funktionen der Narren in den Werken des großen englischen Dramatikers. Er kommt dabei zum Schluss, dass die Shakespearschen Narren durchaus selbstreflektierte Darsteller und Spielleute sind. 
Wie wir es auch von Till Eulenspiegel her kennen, tritt der Narr zumeist mit einem Spiegel auf. Oder einer Marotte, einen Stab mit seinem geschnitzten Ebenbild darin. Was er darin zu sehen bekommt ist Anlass zu Spekulationen über die Welt (speculum, Latein für Spiegel) an und in sich.

Vielleicht sollten wir mit diesem Wissen all die Narren in der Wirtschaft ein wenig anders betrachten und schauen, was sie uns über uns selbst, unsere Haltung zur Welt und über unseren ganz eigenen Humor zu sagen haben.

Das könnte sehr, sehr lustig werden.

 

Herzliche Grüße

Martin A. Ciesielski

 

Genutzte und weiterführende Literatur

Aristoteles (2017) Nikomachische Ethik (ca. 322 v. Chr.). Reclam 2017
Bell, Robert H. (2011) Shakespearse´s Great Stage of Fools. palgrave macmillan 2011
Duderstadt, Matthias (2003) Improvisation und ästhetische Bildung. Salon Verlag, Köln 2003
Dewey, John (1894) The Theory of Emotion. Psychological Review 1 (1894): 553-69
Freud, Sigmund (2009) Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewussten (1905) / Der Humor (1927).

Psychologie Fischer. Neunte, unveränderte Auflage: Februar 2009

Isen, Alice (2004) Some Perspectives on Positive Feelings and Emotions: Positive Affect Facilitates Thinking and Problem Solving,“ in Feelings and Emotions: The Amsterdam Symposium, ed. Anthony Manstead et al. (New York: Cambridge University Press, 2004), 263-81
Johnson, Jeffrey C / Boster, James / Palinkas, Lawrence A. (2003) „Social roles and the evolution of networks in extreme and isolated environments“ in in Journal of Mathematical Sociology · April 2003, 89 – 121
Kant, Immanuel (1963) Kritik der Urteilskraft (1790) – Kapitel 54

http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritik-der-urteilskraft-3507/64

Reclam Verlag 1963

Krüger, Wolfgang (2018) Humor für Anfänger und Fortgeschrittene. BoD, Norderstedt
Lefcourt, Herbert M. / Martin, Rod A. (1986) Humor and Life Stress: Antidote to Adversity. New York: Springer Verlag, 1986
Morreall, John (2009) Comic Relief – A comprehensive philosophy of humor. Wiley-Blackwell 2009
Otto, Beatrice K. (2001) Fools are everywhere – The court jester around the world. The University of Chicago Press. 2001
Rotman, Brian (2000) Die Null und das Nichts – Eine Semiotik des Nullpunkts. Kadmos 2000
Sample, Ian (2019) Jokers please: first human Mars mission may need onboard comedians. https://www.theguardian.com/science/2019/feb/15/jokers-please-first-human-mars-mission-may-need-onboard-comedians
Abruf: 4.3.2019
Schopenhauer, Arthur (2009) Die Welt als Wille und Vorstellung, Vollständige Ausgabe nach der dritten, verbesserten und beträchtlich vermehrten Auflage von 1859. Anaconda 2009
Spencer, Herbert (1911) On the Physiology of Laughter. Essays on Education, Etc. London: Dent, 1911
Thomä, Dieter (2016) Puer Robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds. Suhrkamp 2016
von Aquino, Thomas (1985) Summe der Theologien (1273) Bd. 1-3. Kröner 1985

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: © Frank Rumpenhorst
  • Martin mal bierernst: © Martin U. Waltz
  • Öfter mal Lachen: © Norman Posselt
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