Mythos Wettbewerb

In unserer Wirtschaft hält sich die Idee des Wettbewerbs, der zu stetem Fortschritt führe, immer noch tapfer. Ohne Wettbewerb keine Motivation fortzuschreiten, so tönt es seit ich denken kann. In den letzten Jahren sehen wir aber vermehrt Firmen, die zumindest in ihrer inneren Organisation auf Kooperation setzen, auf Neudeutsch Collaboration. Aber auch die Zusammenarbeit mit Akteuren außerhalb des Unternehmens kommt zum Beispiel mittels Open Innovation voran. Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel? Sehen wir eine Verlagerung des Schwerpunkts, weg vom Wettbewerb hin zur Kooperation?

Im Mai 2017 veröffentlichte ich hier im Blog den Beitrag „Kooperation schlägt Konkurrenz„.  Dort berichtete ich über eine höchst interessante Studie mit Schimpansen zum Thema Kooperation vs. Konkurrenz. Die Ergebnisse ließen es mehr als fraglich erscheinen, dass menschliche Kooperation eine Anomalie der Natur sei, schließlich herrscht dort doch allenthalben ein harter Verdrängungswettbewerb. Mit diesem Beitrag werde ich ergänzend zu dem erwähnten Artikel die angeblichen vielfältigen Vorteile des Wettbewerbs hinterfragen.

Wettbewerb und Kooperation

Klar scheint, dass im Menschen beide Veranlagungen für das Überleben angelegt sind. Während Konkurrenz für die Fortpflanzung im Tierreich wichtig ist und sich dabei das Imponieren zur Darstellung von Fitness und Anpassungsfähigkeit für die Partnerwahl bemerkbar macht, dient die Kooperation dem Überleben der Gruppe und der einzelnen Individuen, indem Lösungen für Probleme gemeinsam erarbeitet werden.

Kooperation muss einen Vorteil haben, denn sonst hätten sich aus Einzellern wohl nie so komplexe Wesen wie Menschen zusammengeschlossen. Zumindest, wenn wir vom Ansatz der Evolution ausgehen. Wenn wir der Idee der Holons von Arthur Koestler folgen, so müsste sich am Ende die Menschheit als Gesamtorganismus verstehen, den jedes menschliche (Sub)System wäre dann eine Ganzheit, die andere Holons (Systeme) umfasst und gleichzeitig selbst Teil des nächst größeren Systems ist. Genau so, wie unser individueller Körper aus vielen Zellen besteht, die ihrerseits aus Zellorganellen bestehen und so weiter. Und diese unsere Zellen in unserem Körper bekämpfen sich nicht gegenseitig – nur der Krebs tut dies und führt bekanntlich ungebremst zum Tod. Somit sollten wir Individuen zumindest prinzipiell in der Lage sein, uns gemeinsam um das Überleben des Gesamtkörpers der Menschheit zu kümmern. Technisch sind wir dazu längst in der Lage, kulturell, gruppen- und individualpsychologisch scheint es aber noch ein paar Hürden zu geben.

Mythen des Wettbewerbs

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Literatur, die sich damit beschäftigt, dass eine zu starke Fokussierung auf Konkurrenz und Wettbewerb nicht wirklich zielführend, sondern eher schädlich für Mensch und Gemeinschaft ist. Beispielhaft beleuchte ich das Thema angeregt durch  zwei Bücher: Kooperation statt Konkurrenz: 10 Schritte aus der Krise von Christian Felber und „Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.“ von Prof. Dr. Joachim Bauer.

Mythos 1: Der Mensch neigt von Natur aus zum Wettbewerb

Es gibt keine Hinweise, dass unsere Gene dafür sorgen, ob wir eher konkurrierend oder kooperierend unsere Ziele verfolgen. Die Muster, nach denen wir handeln, sind gemäß Felber allein kulturell vermittelt (ob das in der Ausschließlichkeit stimmt, finde ich ziemlich fraglich) und daher wäre es unser eigener Wille, welchem Prinzip wir den Vorzug geben. Berechtigt ist sehr wohl der Hinweis aufs Ehrenamt: Alleine in Deutschland sind rund 14 Millionen (!!) Menschen ehrenamtlich tätig (Statista 2016) und kooperieren ohne jegliche monetäre Gegenleistung zum Wohl der Gemeinschaft. Dementsprechend wurde ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, der das Ehrenamt zutreffend als Kit der Gesellschaft beschreibt.

Umgekehrt zeigte Prof. Dr. Joachim Bauer schon 2006 in seinem oben erwähnten Buch „Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.“, dass Kooperation die Grundlage jeglichen Lebens ist.

“Das Leben einer Zelle könnte nicht funktionieren ohne ein kooperierendes Zusammenwirken der Erbsubstanz, der sie umgebenden Eiweißstoffe, der in der Zelle vorhandenen Organellen und der die Zelle begrenzenden Membranen. Allein durch Darwins Prinzipien der Variation und Selektion lässt sich weder die Entstehung der Zelle noch die Bildung mehrzelliger Lebewesen, noch die Entwicklung höherer (komplexer) Lebensformen aus einfacheren Vorstufen erklären. Alle drei Phänomene hätten ohne Kooperation als primären eigenständigem biologischen Prozess nicht zustande kommen können.” (S. 131f, kursiv im Original)

Das ist zwar keine Aussage darüber, ob wir Menschen von Natur aus mehr zu diesem oder jenem Modell neigen, aber Bauer macht unmissverständlich klar, dass unsere Spezies ohne Kooperation weder hätte entstehen können, noch das wir ohne sie überleben könnten.

Mythos 2: Wettbewerb führt zu hoher Leistung

Termitenhügel in Namibia - Kooperation statt Wettbewerb

Termitenhügel in Namibia – Kooperation statt Wettbewerb

Neun von zehn Studien zeigten inzwischen laut Felber, dass mit Kooperation höhere Leistungen erzielt würden. Den Unterschied mache die Art der Motivation. Kooperierende Menschen sind intrinsisch motiviert, sie erfahren Wertschätzung und Kooperation wird auf Vertrauen aufgebaut. Dadurch wird klar erkannt, dass Dein Erfolg unser und auch mein Erfolg ist. Dagegen setzt Konkurrenz und Wettbewerb auf extrinsische, manipulierende Motivation, basierend auf Angst und Druck, was sich in negativem Stress niederschlägt.

Ein weiterer Punkt der zu denken geben sollte: Die unglaublichen Leistungen von staatenbildenden und somit vor allem kooperierenden Insekten. Was da so entsteht: Termitenbauten, selbsttragende Brücken über Bäche, ein gut 5700 Km langer (sic!!) Ameisensuperstaat rund ums Mittelmeer und dergleichen mehr, das wäre mit Wettbewerb (alleine) undenkbar. Es braucht zwingend die Kooperation der einzelnen Individuen. Somit wird auch im Tierreich schnell ersichtlich, dass Kooperation zu teils schier unglaublichen Leistungen führt, die weit über das Leistungsvermögen nicht nur einzelner Individuen, sondern auch kleiner Gruppen hinausgehen.

Diese Leistungssteigerung gilt selbstredend auch für uns Menschen. Wie sollten die auch beachtlichen unternehmerischen Leistungen ohne Kooperation der Mitarbeiter*innen ansatzweise auch nur denkbar sein? Der teils schon bedrohliche Erfolg von global agierenden Digitalunternehmen wie Facebook und Google wäre durch permanenten inneren Wettbewerb ohne Kooperation vollkommen unmöglich. Nicht umsonst hat Google in seinem vielzitierten  Forschungsprojekt „Aristoteles“ zur Leistungsfähigkeit von Teams psychologische Sicherheit als wichtigstes Element herausdestilliert. Und psychologische Sicherheit entsteht nicht in einem Klima von Konkurrenz und Wettbewerb, sondern von respektvollem Miteinander.

Mythos 3: Wettbewerb macht Spaß

Die Siegertreppe ist nur für die wenigsten da.

Hier wird der sportliche Wettkampf ins Feld geführt, um den Spaß zu begründen. Wer selbst Sport gemacht hat, wird sich gut erinnern, wie wenig Spaß es macht, nach all den Trainingsmühen nicht auf dem Treppchen zu stehen – aber dahin schaffen es definitionsgemäß nur die Wenigsten. Und auch diese bekommen anschließend nicht nur Mitfreude zu spüren, sondern immer wieder auch auch etwas wenig Schönes, selbst von den engsten Trainingskolleg*innen: Neid. Sportler schlagen sich mit unangenehmen Gefühlen wie Verbissenheit, Selbstzweifel, aber auch Anerkennungsverlust herum. Studien zeigten laut Felber: wenn Kinder die Wahl haben, so spielen sie lieber Spiele, in denen niemand verliert.

Auch wenn Du das bezweifelst, kannst du zumindest überprüfen, dass Kinder keineswegs naturgegeben Wettbewerbsspiele lieber spielen. Es gibt glücklicherweise einige Gesellschaftsspiele, die auf Kooperation statt Wettbewerb basieren. Ich selbst habe es ausprobiert und angefangen, mit meinen Kindern nicht nur die üblichen unseligen Verdächtigen wie Siedler von Catan zu spielen – was unter dem üblichen Kapital-Kumulationseffekt leidet: wer viel hat bekommt schneller noch mehr – sondern auch Kooperationsspiele wie Pandemic. Und siehe da: Zumindest kann nicht die Rede davon sein, dass Kinder den Wettbewerb vorziehen würden, ich werde immer wieder explizit nach Pandemic gefragt.

Letztlich dürfte es wohl eine sehr persönliche Frage sein, ob man oder frau Wettbewerb inspirierend und beseelend findet. Und das wiederum hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Wer von Kindesbeinen an von den Eltern auf Wettbewerb gebürstet wird, liebt möglicherweise den Wettkampf und legt folgerichtig eine siegestrunkene Sportler*innen-Karriere hin. Könnte aber auch sein, dass man oder frau sich von dem eingeimpften Siegeswillen wieder löst und den professionellen Sport an den Nagel hängt oder erst gar nicht anstrebt. Und andere mögen so erzogen worden sein, dass sie Kooperation ungleich prickelnder und Wettbewerb unangenehm finden. Eine Generalisierung ist so oder so nicht überzeugend.

Mythos 4: Wettbewerb wirkt charakterbildend

Felber weist auf die Unterschiede von Charakteren hin. Wettbewerbsstarke Menschen, die sich gegenüber anderen (auch rücksichtslos) durchsetzen können, also maximal zielstrebig an ihrer Karriere arbeiten, zeigen deutlich weniger Empathie, sind weniger sozial eingestellt und neigen somit weniger zu Hilfeleistungen für andere. Findest Du solche Menschen besonders sympathisch und möchtest gerne jeden Tag mit ihnen zusammenarbeiten?

Da stellt sich dann schon die Frage, welchen Charakter Wettbewerb eigentlich bildet. Wobei klar sein dürfte: Der Wettbewerb alleine bildet da nichts heraus. Prägend ist vielmehr der Umgang mit den Ergebnissen, mit Siegen und Niederlagen. Sobald Eltern ihre eigenen Erfolgssehnsüchte und Siegesphantasien auf ihre Kinder projizieren und diese bis zum Umfallen antreiben, wird das Ergebnis naheliegenderweise nicht zu psychischer Gesundheit, Stabilität und Ausgeglichenheit ohne ständige Siege führen. Aber Wettbewerb auf der einen und Kooperation auf der anderen Seite sind der Boden, auf dem die Kinder in die eine oder andere Richtung erwachsen. 

Wenn denn Wettbewerb positive Charaktere ausbildet, dann müssten wir als Gesellschaft ja größtenteils von großartigen Charakteren umgeben sein. Denn mit Wettbewerb haben die meisten von uns in der einen oder anderen Form zu tun: Wer hat das beste Abitur, wer bekommt die ausgeschriebene Stelle, wer macht den nächsten Karriereschritt, wer bekommt den größeren Dienstwagen, wer verkauft am meisten vom Produkt X und so weiter und so fort. Allerdings beschleicht mich das Gefühl, nicht nur von großartigen Menschen umgeben zu sein, die tolle Charaktereigenschaften aufweisen.

Mythos 5: Wettbewerb stärkt das Selbstwertgefühl

Diese Aussage ist dann ein Mythos, wenn sie als Verallgemeinerung daherkommt. Natürlich kann es das Selbstwertgefühl steigern, wenn man oder frau regelmäßig auf dem Siegertreppchen steht oder Jahr für Jahr am erfolgreichsten die Produkte des Arbeitgebers verkauft. Soweit so gut oder zumindest ok. Den inneren Schweinehund und damit die Gegner besiegt zu haben, kann einen selbstverständlich innerlich ziemlich wachsen lassen.

Ganz anders sieht es aus, wenn erfolgreiche Menschen den Sieg oder die immer wieder dokumentierte und öffentlich sichtbare Bestleistung in nichtsportlichen Wettbewerben brauchen, um sich selbst zu achten und mit sich halbwegs im Reinen zu sein. Dann muss man nicht Psychologie studiert und eine psychotherapeutische Ausbildung abgeschlossen haben, um schnell zu merken: Der Wettbewerb wird zum Surrogat, um innere Leere, Ängste, Zweifel oder Sonstiges zu übertünchen. Der Wettbewerb wird zum Exoskelett, weil die innere Struktur, die psychische Verfassung keine ausreichende Stabilität bietet. In diesem Sinne stimme ich Felber zu, dass ein „gesunder Wettbewerb“ ein Oxymoron sei, ein Widerspruch in sich, ähnlich wie all die Bilder des bekannten Paradoxien-Gedichts „Dunkel war’s, der Mond schien helle“.

Last but not least können wir immer wieder den Absturz von Menschen miterleben, die einstmals in ihren Disziplinen die Besten der Welt waren. Zwei, drei Dekaden später sind sie dann nur noch ein Schatten ihrer selbst, verfetten nicht nur äußerlich, sondern wohl auch mental und psychisch und machen durch aberwitzige Schlagzeilen auf sich aufmerksam, manchmal gewollt, manchmal nicht. Wenn der sportliche Wettbewerb nicht mehr da ist, müssen andere Surrogate her, Geld, Sex, Öffentlichkeit durch was auch immer. Natürlich ist dies genauso wenig eine allgemeingültige Regel – aber es zeigt, dass umgekehrt Wettbewerb nicht im Geringsten per se das Selbstwertgefühl stärkt.

 

Summa Summarum scheint klar zu sein: Wir sollten in unserem Arbeitsleben sehr genau überlegen und untersuchen, wann unter welchen Bedingungen Wettbewerb für wen um welchen Preis sinnvoll ist. Oder andersherum gewendet:

Es lohnt sich, Kooperation als neues leitendes Paradigma ernsthaft in Betracht zu ziehen.

 

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Pixabay, lizenzfrei
  • Termitenhügel: Schnobby, CC BY-SA 3.0
  • Siegertreppe: gemeinfrei
2 Kommentare
  1. Silke Nierfeld
    Silke Nierfeld sagte:

    Toller Artikel, dem ich in jedem Punkt zustimmen möchte.

    Allerdings liegt gibt es ein generelles Problem bei der Umsetzung der Werte,
    die im New Work hoch gehandelt werden. Ob Kooperation, Offenheit, Agilität, etc.,
    sie müssen scheitern, weil unsere aristotelische Denklogik der Komplexität nicht gerecht wird.
    Binäre Logik, kausale Verknüpfungen und das Festhalten an einer Objektivität, die es gar nicht geben kann funktionierten hervorragend in einer planbaren Welt. Für die VUCA-Welt braucht es eine komplexere Logik. https://insiderooms.de/paradigmenwechsel-denken-oberhalb-der-einsteinschwelle

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Hi Silke,

      Danke fürs positive Feedback.

      Das wir Probleme haben, New Work zu realisieren, weil wir noch in alten Paradigmen gefangen sind, unterschreib ich sofort. Das wird ja schnell sichtbar, wenn es auch nur darum geht, systemische statt linear zu denken.

      Antworten

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