Nestlé: Was aus einer guten Idee wurde

Zum Jahreswechsel 2017/2018 war ich in der Schweiz in der Nähe von Vevey. An einem der meteorologisch zumeist tristen Tage führte mich ein Freund in eine Schokoladenfabrik zur Produktionsbesichtigung. Was ich vorab nicht wusste: Die Fabrik gehört zum Imperium von Nestlé. Nach einem etwas skurrilen Parcours durch die Geschichte der Schokoloade kam man in einen Raum, in dem die verschiedenen Akteure der Schokoladenproduktion vorgestellt wurden. Und natürlich ging es auch um die faire Behandlung der Kakao- und Milchbauern, egal ob sie irgendwo in Afrika oder in der schweizer Nachbarschaft ihre Arbeit verrichten. Wenn man sonst nichts mitbekommt über das Unternehmen, konnte man glauben, dass es immer noch so nobel unterwegs ist, wie dessen Gründer.

Nestlé: Aufstieg eines Weltkonzerns

Verkaufsauslage in der Cailler Schokoladenfabrik, © Dr. Andreas Zeuch

Dieser Besuch erinnerte mich indes an einen Artikel vor geraumer Zeit: „Auf Mehl gebaut“. Eine kleine Hommage an Henri Nestlé, geboren als Heinrich Nestle, Gründer des heute gleichnamigen Konzerns. Dort ist nachzulesen, worin der Grundstein des heutigen Lebensmittelkonzerns besteht: Es war ein Milchpulver, das Nestlé entwickelt hatte, welches tatsächlich einem Neugeborenen das Überleben sicherte. Dieses Produkt wurde damals als „Kindermehl“ schnell bekannt, machte Nestlé trotz zeitweiliger Schwierigkeiten am Ende doch reich und war der Beginn des heute weltweit operierenden Konzerns. Ein ehrenvoller und schöner Beginn – und was ist daraus geworden?

Heute ist Nestlé einer der großen Akteure auf dem weltweiten Lebensmittelmarkt: 335.000 MitarbeiterInnen, 90,8 Milliarden Schweizer Franken Umsatz  bei einem Gewinn von 8,7 Milliarden Schweizer Franken (Forbes Global 2000 im Jahr 2016). Gemessen am Börsenwert gehört Nestlé zu den weltweit wertvollsten Konzernen. Bis heute findet sich Säuglingsmilchnahrung im Sortiment („BEBA“). Das wäre an sich ja nichts Besonderes, warum sollte dem nicht so sein? Ein über lange Zeit erprobtes und einstmals lebensrettendes Nahrungsprodukt weiter herzustellen und massenweise zu vertreiben. Allein: Es gibt da ein kleines Problem. Und das wurde mindestens bereits vor 40 Jahren öffentlich bekannt, wobei davon auszugehen ist, dass es unternehmensintern also schon länger bekannt war.

Die Kehrseite der Säuglingsmilchnahrung

Beschwörung der guten alten Zeit in der Cailler Schokoladenfabrik, © Dr. Andreas Zeuch

1974 schrieb Jan Hatje einen Bericht über die katastrophalen Folgen von Säuglingsmilchnahrung: „Gefahr aus der Dose„. Das Problem: Die Werbung des Konzerns war weltweit derart erfolgreich, das Mütter von Nigeria bis Chile die Stillzeit drastisch reduzierten. Damals war dokumentiert, dass in den 1950ern „95 Prozent der chilenischen Mütter ihre Kinder länger als ein Jahr (stillten)…“ 1974 „hören 80 Prozent von ihnen mit dem Stillen schon auf, bevor ihre Kinder den zweiten Lebensmonat hinter sich haben.“ (Hatje 1974). Das wiederum hatte fatale Folgen.

  • Die Säuglinge konnten nicht mehr von den Muttermilch eigenen Antikörpern profitieren. Das ist besonders in Entwicklungsländern problematisch.
  • Säuglingsmilchnahrung wird im Gegensatz zu Muttermilch häufig unter unzureichenden hygienischen Bedingungen zugefüttert.
  • Weil viele der Eltern nicht ausreichend Geld hatten, wurde die Nahrung gestreckt und führte zu Unterernährung und Mangelerscheinungen.

Als dies der Öffentlichkeit breitflächig bekannt wurde, folgten entsprechende Proteste. Aktivisten der linken Studentenorganisation „3. Welt Bern“ übersetzten eine Studie mit dem Titel „The Baby Killer“  in „Nestlé tötet Babys“. Im darauf natürlichen folgenden Gerichtsverfahren wurden der Tatbestand der üblen Nachrede festgestellt und die Aktivisten mussten je 300 Franken Buße zahlen. Allerdings wurde der Vorwurf der Aktivisten im Kern durch das Gericht bestätigt. Nestlé wurde vom Gericht tatsächlich ermahnt, die Vermarktungsstrategie zu überdenken.

Vom WHO Kodex zum Popup

In der Folge wurde die Säuglingsmilchnahrung zu einem politischen Gegenstand. In der Weltgesundheitsversammlung der WHO wurde 1981 ein Kodex beschlossen, der „jede Form offener oder verdeckter Werbung für Milchpulver und die Verteilung kostenloser Proben und Verkaufspämien oder sonstiger Zuwendungen an das Geundheitspersonal“ (Domen 2014: 47) untersagte. Allerdings war dies, wie so oft, nur ein zahnloser Papiertiger, eine reine Empfehlung. Die einzelnen Länder müssten dies selber umsetzen.

Offensichtlich ist es aber trotz der zum Teil verheerenden öffentlichen Diskussion, trotz zahlreicher Boykotte immer noch ein lukratives Geschäft für den Konzern. 2012 kaufte Nestlé den Bereich Babynahrung des amerikanischen Konkurrenten Pfizer auf. „UNICEF sprach von mindestens einer Million Kinder in Entwicklungsländern jährlich, die wegen falscher und unzureichender Ernährung mit Muttermilchersatz starben.“ (a.a.O)

Da wo der Gründer selbst noch zum Retter wurde, betreibt der Konzern später eine ziemlich fragwürdige Verkaufsstrategie. Und scheint sich nicht um die grauenhaften, indirekten Folgen zu kümmern. Heute zeigt sich Nestlé vordergründig empathisch und lässt ein Pop-up Fenster auf der BEBA-Website aufgehen, indem zu lesen ist, dass der Konzern die WHO Empfehlungen „uneingeschränkt befürwortet“.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

 

Quelle

 

Weiterführende Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Illustrierte Zeitung Leipzig und Berlin, Urheber unbekannt (Wikipedia)
  • Cailler 1 +2: ©Dr. Andreas Zeuch 2017
  • Popup Fenster Beba: Screenshot
8 Kommentare
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Hallo Herr Schmidt,

      danke für den Kommentar – das schaue ich mir in den nächsten Tagen gerne an. Macht auf den ersten Blick einen nachvollziehbaren Eindruck.

      Herzliche Grüße
      Andreas Zeuch

      Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Hi Michael,

      vielen Dank für diesen wichtigen Hinweis und den Link zum Film. Der Trailer ist noch etwas reißerisch und recht dünn mit Fakten besetzt, aber ich fürchte, dass die Inhalte trotzdem die Problematik ziemlich genau wiedergeben… Ich werde mir den Film auf alle Fälle anschauen.

      Abgesehen davon hat Nestlé noch einige andere Sauereien auf Lager, so wie die Branche insgesamt. Wir brauchen endlich eine Befreiung von der Fremdversorgung und eine Entwicklung der Subsistenzwirtschaft!

      HG

      Antworten
  1. Michael Pohl
    Michael Pohl sagte:

    Diese Mechanismen gibt es doch in vielen Industrien: Unternehmen lassen die (schädlichen) Folgen ihres Handelns als Kosten bei der Gesellschaft und preisen diese nicht ein. Würde das geschehen, wäre Milchpulver (oder wahlweise auch Atomstrom, Diesel etc.) nicht mehr wettbewerbsfähig. Im Gegenzug könnten ein anderer Umgang mit diesen ‚externalities‘ der Hebel sein für eine reale Utopie bzw. eine neue Ökonomie?

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Absolut, habe ich was anderes behauptet?

      Zu den externalisierten Kosten/Preisen: Ja, das ist m.E. ein sehr großer Hebel. Da laufen ja ziemlich viele reichlich fragwürdige Praktiken. Es sind gewissermaßen implizite, nicht benannte und markierte Subventionsprogramme auf kosten der Gemeinschaft aller.

      Die Einkreisung dieser Kosten ist aus meiner Sicht ein absolut notwendiger Schritt für eine alternative Ökonomie.

      Antworten
  2. Ansgar Rougemont
    Ansgar Rougemont sagte:

    Schön, dass dein Besuch so interessant publizistisch aufgearbeitet wurde.

    Ich wohne und arbeite in Vevey und Umgebung. Nestlé ist hier in der Region das bedeutendste Unternehmen, es gibt viele gut und sehr gut bezahlte Jobs. Dementsprechend sind die Immobilien- und Mietpreise in der Gegend so hoch, dass viele Alteingesessene mit normalen Einkommen sich es mittlerweile kaum noch leisten können, hier zu wohnen.
    Wenn ich manchmal meine Mittagpause an der Uferpromenade in Vevey nehme , sehe ich regelmässig Managergrüppchen, die im Eilschritt die Chaussée entlang „spazieren“. Ich habe dabei den Eindruck, dass es ihnen darum geht, in der Mittagspause möglichst viele Kilometer zurückzulegen, möglichst viel frische Luft und Sonne zu tanken und dabei noch Mitarbeitergespräche zu führen.

    Für die Immobiilen- und Mitpreise, wie auch für das Pausen- bzw, Freizeitverhalten der Mitarbeiter ist Nestlé sicherlich nicht direkt verantwortlich, aber in meiner Wahrnehmung sehe ich einen Grosskonzern, der gesunde Ernährung (und Lebensweise?) auf seine Fahnen schreibt, der aber bezüglich der mittelbaren Auswirkungen seines Geschäftsmodells (Gewinnoptimierung, nehme ich an) auf seine Mitarbeiter und auf die Bevölkerung der Region, in der er ansässig ist, sich in keiner Weise von Unternehmen unterscheidet, die mit weniger „noblen“ Produkten ihr Geld verdienen.

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Ansgar,

      danke für Deine Anmerkungen – das ist spannend, was Du da beobachtet hast. Mit diesen Folge einer Konzern bedingten Gentrifizierung habe ich mich noch gar nicht beschäftigt. Wäre ja mal eine Untersuchung wert, die das ganze auf empirisch fundierte Füße stellt.

      Und das Pausenverhalten ist auch ein überaus interessanter Aspekt. So wie du die Szenerie beschreibst, passt deren Verhalten perfekt zu einer optimierten Gewinnoptimierung. Die scheinen, wenn das breitflächig so zutrifft, das oberste Gebot der Gewinnoptimierung perfekt internalisiert. Traurig, komisch und pervers zugleich.

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