Neue Studie über Arbeitszufriedenheit

Arbeitszufriedenheit als Anlass: Im Januar 2010 entschieden sich Dom Jackman und Rob Symington, etwas Anderes zu machen. Sie arbeiteten bis dahin in klassischen Jobs in London, hatten aber die Nase voll und wollten eine auch aus ihrer Sicht bedeutungsvolle Arbeit. Also begannen sie nach Lösungen zu suchen. Am Anfang stand der Gedanke, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter aufzubauen, erst danach sollte daraus ein Geschäftsmodell entstehen. Sie begannen, wie sie selbst auf ihrer Homepage „escape the city“ schreiben, klein, indem sie am Anfang von ihrem Küchentisch aus arbeiteten und ihren mittlerweile überregional erfolgreichen Montags-Newsletter aufbauten. Dort beschrieben sie jeweils die besten 10 Möglichkeiten, etwas anderes zu machen. Daraus entwickelte sich bis heute ein Unternehmen, dass Menschen dabei unterstützt, aus ihrer frustrierenden Arbeit auszusteigen, um eine neue, häufig selbstständige Tätigkeit zu finden und zu entwickeln.

Escape the city: Basisdaten der Studie

Nach einem extrem erfolgreichen Crowdfunding mit einer Summe von rund 600.000 Pfund entwickelte sich das Geschäft der beiden rasant. Heute umfasst die Datenbank des Unternehmens, dass als Initiative startete, rund 240.000 Personen – alles Menschen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, die aussteigen wollen aus dem Hamsterrad sinnloser und fremdbestimmter Arbeit. Im August 2015 veröffentlichten sie Ihre Studie „Escaping the City: Diagnosing job dissatisfaction„, in der sie 1000 demotivierte und unzufriedene Arbeitnehmer interviewten. Diese topaktuelle Studie unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit, mehr Mit- und Selbstbestimmung in Unternehmen und Organisationen zu realisieren.

Die beiden Gründer von Escape the city Rob Symington (links) und Dom Jackman

Die beiden Gründer von „Escape the city“:
Rob Symington (links) und Dom Jackman

Zunächst einmal die Basisdaten ihrer Studie: Die Stichprobe umfasst N=1000 Personen. 52% stammen aus Großbritannien, 27% aus dem restlichen Europa und 14% aus den USA. Die verbleibenden 7% werde nicht näher spezifiziert, vielleicht hatten sich ein paar Aliens eingeschlichen. Jeweils 29% arbeiteten 2-4 und 5-10 Jahre in ihrem Job und 19% hatten schon nach einem Jahr im Berufsleben die Nase voll und wollten aussteigen. Nur 15% hielten es 11-20 Jahre aus und 8% suchten immerhin noch nach über 20 Jahren in ihrem Job den Ausstieg, eine klare Aussage zur Arbeitszufriedenheit. Eine auffällige und leider in der Studie nicht analysierte Auffälligkeit besteht darin, dass unter den Befragten mit 74% die große Mehrheit Frauen sind. Von den StudienteilnehmerInnen wollten 23% im nächsten Monat, 37% in den nächsten 6 Monaten und 22% im Laufe eines Jahres den Job wechseln. Macht in Summe 88%, die spätestens in einem Jahr aus dem bestehenden Arbeitsverhältnis ausscheiden wollen. Das sollte so manchem Arbeitgeber zu denken geben.

Überblick: Faktoren der Arbeitszufriedenheit 

Nun zu den wichtigsten Ergebnissen der Studie, die ich ebenso wie die Studie von Haufe-Lexware zu Mitbestimmung und Unternehmensdemokratie in einer eigenen Tabelle zusammengefasst und geordnet habe (zum Lesen Tabelle anklicken):

ESC Studie - Tabelle

In der Studie wurde zwischen verschiedenen Push- und Pull-Faktoren unterschieden. Push-Faktoren führen dazu, die alte Arbeit verlassen zu wollen, während die Pull-Faktoren das Pendant darstellen und die Befragten gewissermaßen in die Wunscharbeit reinziehen. Interessanterweise war die Sinnkopplung, also das Erleben der Arbeit als sinnvoll und die Einschätzung, ob die Arbeit einen Wert für die Gesellschaft hat, deutlich auf erster Position bei beiden Faktoren. 55% erlebten die augenblickliche Arbeit nicht als sinnvoll und zweifeln daran, dass sie einen Wert für die Gesellschaft hat. Und sogar 71% der Befragten wünschen sich eine für sie sinnvolle Arbeit, die einen klar ersichtlichen Wert für die Gesellschaft hat.

Selbstbestimmung als wichtigster Faktor der Arbeitszufriedenheit

Ich biete hier eine Interpretation der Studienergebnisse an, die in der Untersuchung selbst so nicht zu finden ist. Bei den Pull-Faktoren finden sich die Wünsche nach Autonomie und Unabhängigkeit sowie nach selbstständiger Arbeit nur auf den letzten beiden Plätzen. Allerdings kann das Sinnerleben der eigenen Arbeit und die Einschätzung, ob die Arbeit einen positiven Wert für die Gesellschaft hat, nur subjektiv selbstbestimmt vorgenommen werden. Aus diesem Grund ist meiner Auffassung nach sogar Selbstbestimmung über eine bloße Mitbestimmung hinaus der zentrale Faktor für die erwünschte Arbeit, mithin zu einer hohen Arbeitszufriedenheit. Das korreliert auch mit dem Wunsch danach, (endlich) kreativ, innovativ und vor allem unternehmerisch arbeiten zu können, was sich immerhin 64% wünschen.

Selbst für den Fall, dass diese Interpretation nicht geteilt wird, bleibt es beachtlich, dass eben 64% zukünftig unternehmerisch tätig sein wollen und immerhin noch 61%, also deutlich mehr als die Hälfte der Befragten, einen Wunsch nach Autonomie und Unabhängigkeit äußerten. Das wiederum deckt sich mit weiteren Untersuchungen, die in der Escape the city Studie erwähnt werden. Altersunabhängig zeigt sich die Sehnsucht nach unternehmerischen, eigenverantwortlichem Handeln: Die Zahl der Silverpreneurs 65+ hat sich in Großbritannien von 2010 bis 2015 verdoppelt. Und nur nur noch 13% der Absolventen aus Oxford und 16% derjenigen aus Cambridge zieht es zu den großen Unternehmen der Branche, die traditionell hierarchisch geführt sind.

Eine interessante Illustration bietet die Top 10 Liste derjenigen Unternehmen, die die Befragten gerne verlassen würden. Es handelt sich vorwiegend um die großen Beratungsfirmen, einige Banken und ein internationales IT Unternehmen (bei letzterem frage ich mich, warum deren Big Data Lösungen diese dräuende Arbeitnehmerflucht nicht vorhergesagt hat :-):

  1. Accenture
  2. Ernst & Young
  3. PWC
  4. Deloitte
  5. KPMG
  6. Deutsche Bank
  7. IBM
  8. Citi
  9. Morgan Stanley
  10. Goldman Sachs

Damit zeigt sich in Summe ein deutlicher Trend in Richtung selbstbestimmter Arbeit. Kritisch anzumerken bleibt, dass die Teilnehmer der hier vorgestellten Studie vor allem repräsentativ für studierte Berufstätige sind. Inwiefern diese Ergebnisse zur Arbeitszufriedenheit auch für Abgänger von Haupt- und Realschulen bei uns in Deutschland sind, müssen andere Studien noch herausarbeiten.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Mein besonderer Dank für diesen Post gilt meinem sehr guten Freund und Kollegen Dr. Henrik Jungaberle, der mich geduldig mehrfach auf Ecape the city und am Ende sogar auf diese Studie aufmerksam machte.

 

Quelle

Symington, R., & Jackman, D. (2015): Escaping the City: Diagnosing job dissatisfaction. Escape the city. Download via Google drive.

 

Bildnachweis

Gründerbild: Escape the city, Pressemappe

Tabelle: Dr. Andreas Zeuch, Datenquelle, s. Studienangabe

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