New Work – die schöne neue Arbeitswelt. Selbstausbeutung unter dem Deckmantel der Freiheit?

„Protect me from what I want.“ – Jenny Holzer

„…in order to move on politically, we should find out more about the problem – and why we are so entangled with it. This requires more than to renounce alienation. It rather requires to experimentally fall in love with it, to find out, what attracts us. […]“ – Kilian Jörg

Wir befinden uns bereits seit einigen Jahrzehnten inmitten einer tiefgreifenden Transformation unserer Lebens- und Arbeitswelt. In den Sozialwissenschaften wurden alle möglichen fancy Begriffe erfunden, um diesen Wandel zu benennen: Postmoderne, Spätkapitalismus, Postdemokratie, Informationszeitalter, Digital Age, Netzwerkgesellschaft, Industrie 4.0, digitale Transformation, Digitalisierung…

Abkehr von den Paradigmen des Industriezeitalters

 

Social Meetup, Bonn, 14.02.2018

Klar ist, dass die Paradigmen der klassische Moderne und des Industriezeitalters als nicht mehr tragfähig erscheinen. Die alten Systeme werden immer poröser und bröckeln so langsam vor sich hin.

Beim Sozialinnovation Meetup zum Thema „Bildung“ im Januar sprachen wir im BonnLAB etwa darüber, dass unser Bildungssystem ein Relikt aus Bismarcks Zeiten ist, Zeiten, in denen viele Beamte gebraucht wurden, die in einem starren System herangezüchtet wurden, das Struktur und Ordnung schaffen sollte. Deshalb ähnelten die Schulen nicht nur äußerlich Kasernen. Wessen Eltern nicht gerade reformpädagogischen Ansätzen folgen, wird auch heute noch zu stromlinienförmigen Denken und Verhalten trainiert.

Auch in der Arbeitswelt wurde bis vor kurzem mit Command and Control und einem strukturierten Verlauf gearbeitet. Ganz wie bei den Soldaten und bei den Beamten. Im klassischen Management geht es auch heute noch hauptsächlich um Effizienz.

Die VUCA-Welt: Alles wird lebendiger und organischer

Doch die Systeme, in denen wir leben, verändern sich. Vernetzung, Kommunikation, Interaktion stellen starre Systeme in Frage. Alles wird lebendiger und organischer.Volatilität (Unbeständigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit gehören zu unserem Alltag.

Die Veränderungen machen vor der Arbeitswelt nicht halt: In der neuen Arbeitswelt gibt es gefühlt unendlich Möglichkeiten, aktiv zu werden, etwas auf die Beine zu stellen, Projekte zu realisieren und sich dabei auch noch selbst zu verwirklichen.

Die Verheißungen der neuen Arbeitswelt

Die Verheißungen der neuen Arbeitswelt sind zahlreich:

  • Vernetztes Arbeiten und die Möglichkeit, im Home Office oder in Coworking Spaces zu arbeiten, ermöglichen Flexibilität in Bezug auf den Arbeitsort.
  • Die Nutzung von Dokumentenmanagementsystemen und Social Intranet schafft Transparenz und eine Kultur der Wissensvermittlung, in der das Teilen von Wissen zählt, und nicht der Wissensvorsprung Einzelner.
  • Flache Hierarchien führen dazu, dass Arbeitnehmer stärker Eigeninitiative ergreifen und autonom agieren können, statt auf Weisungen von oben zu warten. Ein partnerschaftliches Zusammenarbeiten auf Augenhöhe deutet sich hier an.
  • Durch eine neue Feedbackkultur können sich Arbeitende dabei immer weiter entwickeln, statt zu stagnieren.
  • Kreative Auszeiten wie Sabbaticals, Zeit für eigene Projekte und neue Methoden zur Ideengewinnung wie etwa Scrum erhöhen die Kreativität.

Mit der nötigen Selbstdisziplin kann man als digitaler Nomade auf Bali erfolgreich sein und nach dem harten 10-Stundentag noch mit Aussteigern und Hippies am Strand chillen – oder man arbeitet gleich den ganzen Tag mit dem Laptop am Strand.

Die Unternehmen versprechen Bewerbern heutzutage nicht weniger, als dass sie sich auf der Arbeit selbst verwirklichen können: Man kann sich seine Arbeit dank flexibler Arbeitszeiten frei einteilen und dank flacher Hierarchien autonom dabei agieren. Die Möglichkeiten, Eigeninitiative ergreifen zu können, steigen und versprechen einen Zugewinn an Freiheit.

Die Ausbeutung der Freiheit

Doch diese Freiheit wird dem Berliner Philosophen Byung-Chul Han zufolge immer mehr instrumentalisiert – und zwar von uns selbst: „Heute findet eine Selbstausbeutung statt – ich beute mich aus in der Illusion, dass ich mich verwirkliche.“

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung in der Arbeit macht jeden von uns zum Unternehmer seiner eigenen Person: Wir müssen flexibel und anpassungsfähig sein, eigenverantwortlich agieren, beweglich und kreativ sein. Was zunächst als Zugewinn an Autonomie und Freiheit erscheint, wandelt sich unter dem Druck der Konkurrenz in neue Unfreiheiten und Zwänge: Man ist dazu gezwungen, sich permanent selbst zu optimieren, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Die Kontrolle der Beschäftigten durch das Management wird dadurch immer mehr durch eine freiwillige Selbstkontrolle ersetzt. Die ganze Verantwortung wird dem Einzelnen übertragen.

Der Über-Ich-Druck, dem sich der vereinzelte Arbeitnehmer dabei selbst unterwirft, ist ungemein stärker, als jeglicher von außen kommende Druck es jemals sein könnte.

Selbstverwirklichung als Ideologie des Neoliberalismus

Christoph Menke und Juliane Rebentisch vom Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) beklagen, dass Selbstverwirklichung damit als „Ideologie und Produktivkraft eines deregulierten Wirtschaftssystems“ missbraucht wird.

Byung-Chul Han wählt hierfür den Begriff des „Neoliberalismus“: „Neoliberalismus bezeichnet den Zustand der heutigen Gesellschaft sehr gut, denn es geht um die Ausbeutung der Freiheit. Das System will immer produktiver werden, und so schaltet es von der Fremdausbeutung auf die Selbstausbeutung, weil dies mehr Effizienz und mehr Produktivität generiert, alles unter dem Deckmantel der Freiheit.“

Auch die englische Philosophin Nina Power hegt den Verdacht, dass das, was „oberflächlich nach Emanzipation aussieht, […] in Wirklichkeit nichts anderes als ein Straffen der Fesseln“ sein könnte.

Das Unbehagen der Generation Z

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass die heute 20jährigen mit Verweigerung reagieren. Sie entziehen sich den Imperativen des Systems und wünschen sich statt „New Work“ Sicherheit, Ordnung, Struktur und klare Anweisungen von oben.

„Work-Life-Blending“, die Vermischung von Arbeit und Privatleben, steht für die nach 1995 Geborenen, die sogenannte Generation Z (manchmal auch „A“) nicht mehr für einen Zugewinn an Freiheit und Autonomie, sondern für neue Unfreiheiten und Zwänge. Ohne klaren Dienstschluss, so befürchten die heutigen Studenten und jungen Berufseinsteiger, könne ihr Leben im digitalen Zeitalter nur noch aus Arbeit bestehen.

Sie wollen ungeteilte Zeit für ihr Privatleben, geregelte Arbeitszeiten, unbefristete Verträge und feste Strukturen. Eine Arbeitswelt, in der klassische Ordnungen und Strukturen immer mehr erodieren, ist für sie ein Horroszenario. Sie sehnen sich nach klaren Strukturen, die Halt und Orientierung geben.

Das erklärt sich einerseits durch die spezifische Sozialisierung der jüngeren Generation: Verhätschelt von überbesorgten Helikoptereltern, gewöhnt an Frontalunterricht in der Schule und eine Verschulung des Universitätssystems, wo ihnen im Bachelor- und Mastersystem klare Strukturen vorgegeben werden, die sie zu befolgen haben, um bestehen zu können, sind sie schnell überfordert, wenn sie keine klaren Anweisungen und Hilfestellungen bekommen.

Andererseits drückt sich in diesem Bedürfnis nach Sicherheit und Halt ein tiefes Unbehagen an der heutigen Gesellschafts- und Arbeitsform aus, die Byung-Chul Han als System bezeichnet, „das die Freiheit ausbeutet“.

Passionierte Träumer und Macher auf der Suche nach Alternativen

Doch mit dem Übertragen der Effizienzlogik auf das eigene Arbeiten und der Einstellung, nur gerade so viel zu tun, wie es ihnen selbst noch nützt, bewegen sich die heutigen Berufseinsteiger innerhalb der Logik des Systems. Der gesamtgesellschaftlichen Tendenz zur Vereinzelung und Entsolidarisierung stellen sie nichts gegenüber; im Gegenteil, sie verschärfen sie noch. Auch ist diese Einstellung kein fruchtbarer Nährboden für Kreativität und Innovationen. Doch wie könnte ein Gegenmodell aussehen?

Darüber sprachen wir beim Sozialinnovation am 14. Februar, zum Thema „Unternehmenskultur/Change“ in Bonn. Verweigerung ist keine Lösung, stattdessen braucht es Einmischung und Aufmischung von unten, bottom up.

Passionierte Träumer, Visionäre, Kreative, Künstler, Aufklärer und Erzähler, Entdecker, Motivierer, Macher… all jene brauchen wir, um die Gesellschaft in unserem Sinne gestalten zu können, um autonom und selbstbestimmt leben zu können… und um keine Angst mehr, vor der Freiheit haben zu müssen.

 

Herzliche Grüße

Inga

 

Bildnachweis

  • Fotos von: Johanna Schäfer, Damian Paderta, Oliver Kepka und Ronnie Garcera Bugay
8 Kommentare
  1. Gregor Ilg
    Gregor Ilg sagte:

    Liebe Inga,

    vielen Dank für diesen interessanten Artikel. An einigen Stellen scheinen mir die Aussagen jedoch sehr stark pauschalisiert. Es klingt ein wenig heraus, als wäre das klassische Modell eines Unternehmens ein Verhältnis: Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer. Und als ginge es darum dem Arbeitnehmer so viel wie möglich Freiraum bei so wenig wie möglich Sorgen zu verschaffen. Aber wo hört Selbsbestimmung auf und wo fängt Selbstausbeutung an? Das scheint ein schmaler grat zu sein.

    Staat also zu versuchen in lang anhaltenden Kämpfen, die bestmöglichen Ragmenbedingungen für die Arbeitnehmer zu erstreiten. Wäre es nicht vielleicht erstrebenswerter, diesen Dauerkonflikt zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufzulösen (wie es auch in vielen Unternehmen ja teilweise auch schon seit jeher gelebt wird)?

    Mit besten Grüßen,
    Gregor.

    Antworten
    • Inga Ketels
      Inga Ketels sagte:

      Lieber Gregor,

      der Clou in diesem Blog-Artikel ist ja gerade der: Der Konflikt zwischen Autonomie und Heteronomie, zwischen Freiheit und Unfreiheit, wird längst nicht mehr im Außen ausgetragen, wie etwa in dem von dir gewählten Beispiel des Konflikts zwischen den Interessen des Arbeitgebers und denen des Arbeitnehmers.

      Das wäre ja schön, denn dann wären diese Konflikte offen und sichtbar, und sie könnte möglicherweise tatsächlich in Verhandlungen aufgelöst werden, wie du es vorschlägst.

      Stattdessen haben sich diese Konflikte jedoch in die innerpsychische Dimension verlagert. Man ist sich selbst der härteste Chef, das ist so eine Redensart. An ihr ist aber etwas Wahres dran: Der Über-Ich-Druck, dem wir uns selbst unterwerfen, ist ungemein stärker, als jeglicher von außen kommende Druck es jemals sein könnte. Wir unterwerfen uns selbst dem Zwang zur permanenten Selbstoptimierung, wir selbst exerzieren die totale Anpassung an das System, wir selbst erliegen dem Konkurrenzdruck. Wir empfinden das als unser Eigeninteresse. Da muss nicht erst ein autoritärer Chef daherkommen und uns zur Erfüllung unserer Pflichten mahnen. Dieser Mahnruf ist mittlerweile Teil unserer Psyche. Wir wollen uns selbst ausbeuten.

      Protect me from what I want.

      Herzliche Grüße
      Inga

      Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Lieber Gregor,

      danke für Deine kritischen Gedanken. Ich selbst lese das in Ingas Beitrag so nicht raus. Wie sie ja selber schon geantwortet hat, geht es und ein internalisiertes Phänomen der Ausbeutung. Das letztere aber faktisch nicht nur stattgefunden hat, sondern weiterhin stattfindet, dürfte wohl unstrittig sein, hoffe ich. Stichwort Logistikbranche (Amazon als globaler Mega-händler, DHL, Hermes, DPD etc.), Pflegedienste, Ärzte (für alle die noch an das große Geld der Halbgötter in Weiß glauben: Das gilt nur noch sehr partiell. Ich weiß wovon ich rede, ich war 13 Jahre mit einer Ärztin liiert und dann verheiratet und kann nur sagen: dreimal hart am Burnout) usw. usf.

      Das von Dir als zu pauschalisiert beschriebene Verhältnis bildet sich des Weiteren bis heute ab in vielen Lagerbildungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Schließlich schreibst Du ja selbst: “ Wäre es nicht vielleicht erstrebenswerter, diesen Dauerkonflikt zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufzulösen.“ – Demzufolge muss es diesen Konflikt in dieser Lagerbildung ja noch geben, und zwar in einer relevanten Häufigkeit, sonst müssten wir ihn ja nicht auflösen.

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  2. Gregor Ilg
    Gregor Ilg sagte:

    Vielen Dank für eure Antworten. Wie gesagt, ich bezweifle (und bestreite) nicht, dass es nicht Menschen gibt, die sich selber ausbeuten, sich ausgebeutet fühlen oder tatsächlich ausgebeutet werden. Aber ich persönlich finde allgemeine Aussagen wie: „Die heute 20-jährigen wünschen sich Strukturen, Ordnung und klare Anweisung von oben“ nicht für hilfreich in der Diskussion, wenn es um die (Arbeits-)Welt der Zukunft geht. Auch das „Wir“ uns ständig selbst optimieren und die Anpassung ans System exzerzieren ist m.E. sehr pauschal. Wer ist dieses „Wir“? Ich finde mich nicht in dieser Aussage wieder, kenne aber durchaus Leute, auf die das vielleicht zutrifft. Aber was bedeutet das nun? Müssen „wir“ was ändern? Muss das jeder einzelne für sich entscheiden? Müssen „wir“ das für die „anderen“ entscheiden, denen „wir“ nicht zutrauen, diese Entscheidungen selbst zu treffen?

    Wie gesagt, es geht mir gar nicht um für inhaltliche Richtigkeit der Aussage an sich. Ich wollte nur mein Unbehagen an den Formulierungen ausdrücken, die meines Erachtens eine Allgemeingültigkeit suggerieren, die so zumindest für mich nicht erkennbar ist.

    Antworten
    • Ute
      Ute sagte:

      Lieber Gregor, ich verstehe was Du meinst und Du hast da einen Aspekt mit hinein gebracht, dem wir mehr Aufmerksamkeit schenken sollten: Dem Individuum Mensch. Klar sind wir alle so wie wir sind und das ist gut so!!! Inga wollte mit dem Artikel etwas hervorheben, was sich auch bei dem Meetup zeigte: Viele Menschen werden von der Gewaltigkeit der Masse bewegt und bewegen sich kaum aus eigenen Impulsen. Jede Bewegung im Innern wurde von den Bewegungen im Außen kopiert und internalisiert. Es gibt unter Angestellten kaum noch so etwas wie „eigene Wege gehen“. Das findet sich bei Selbstständigen und Freiberuflern schon eher. Auch ich war an dem Abend anwesend und durfte aus meinen persönlichen Erfahrungen und von meinem Lebens- und Arbeitsmodell erzählen. Jede von anderen definierte Ausbeutung wird doch erst zu einer, wenn ich es selbst als solche empfinde, oder nicht? Es passierte mir auch an dem Abend, dass man mir unterstellte, ich wüsste nicht wieviel meine Arbeit wert sei, weil ich – anders als die meisten unter uns – nichts für meine Arbeit fordere, sondern darauf vertraue, dass mich andere für die Wertschöpfung auch mit einem monetären Gegenwert versehen, der mir meine Existenz sichert. Dazu gehört auch zu wissen, was den Wert der eigenen Arbeit ausmacht. Wo und wann beginnt hier die Ausbeutung in uns selbst und wo und wann beginnt sie bei den Anderen? Ich meine als Begünstigter im Außen? Zu welchem Zeitpunkt wird erkennbar, ob ich mich selbst ausbeute? Oder wie es mal der liebe Cem ausdrückte (bei einer leidenschaftlichen Diskussion mit u.a. Inga und mir bei zwei Treffen) Ist der Sklave erst dann ein Sklave, wenn er sich selbst als solcher wahrnimmt und empfindet? Es sind so wahnsinnig viele Aspekte, die da hineinspielen und ich merke zum Beispiel bei jeglicher Diskussion zum Thema #newwork wie am Ende viele, vor diesen Fragen, die hier im Austausch zumindest angesprochen werden, zurückschrecken oder es mündet sogar in persönliche Streitigkeiten. Alles erlebt 😉 Es gehört so vieles zu diesem Thema und eines der größten Themen ist diese Angst vor der Freiheit. Wie gehe ich mit Freiheit um? Kann ich die Ausbeutung meiner selbst verantworten, wenn ich diese selbst gar nicht als Ausbeutung empfinde? Ich könnte hier gerade Stunden darüber schreiben. Doch mich interessiert auch, was in den anderen dazu vorgeht :-)))

      Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Du hast natürlich vollkommen Recht und läufst bei mir offene Türen ein, wenn Du Generalisierungen hinterfragst. Das die kommende Generation an Arbeitnehmer*innen, die jetzt noch studieren, ALLE „sich Strukturen, Ordnung und klare Anweisung von oben“ wünschen, kann gar nicht zutreffend sein. Indes finde ich es wichtig, dem ganzen Gerede von GenY/Z etwas entgegenzusetzen. Dort findet dieselbe Generalisierung statt, nur mit mehr oder minder umgekehrten Vorzeichen.

      Mit dem „müssen“ ist das so eine Sache. Wir müssen nur dann, wenn wir etwas bestimmtes erreichen wollen. Und selbst dann nicht immer. Was wir sicher nicht müssen: für andere entscheiden, denen wir selbst nicht zutrauen, diese Entscheidungen selbst zu treffen. Selbst wenn wir das wollten – wir könnten es gar nicht. Denn die Entscheidung bleibt das Hoheitsgebiet jedes einzelnen.

      Antworten
  3. Gregor Ilg
    Gregor Ilg sagte:

    Liebe Ute,

    du triffst mit deinem Kommentar genau meine Intention (nur von dir besser ausgedrückt). Ich hatte selber das Glück in verschiedenen Arbeitsituationen tätig zu sein (Praktikant, Selbständig, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Angestellter im Konzern) und habe in den verschiedenen Funktionen auch ganz unterschiedliche Motivationen (und „Ausbeutungsgrade“) gehabt. Für mein erstes Praktikum habe ich bei einer Musikvideoproduktion für 300€ im Monat meist mind. 60h/Woche mit Wochenend- und Nachtarbeit ohne Überstundenausgleich gearbeitet. Und ich habe jeden Tag genossen. Weil ich es gern gemacht habe und viel lernen konnte. Von außen betrachtet hätte jeder Betriebsrat Schnappatmung bekommen. Wenn es damals schon einen Mindestlohn gegeben hätte, hätte ich diese Chance vermutlich nie bekommen.

    Von daher glaube ich auch, dass man die Menschen nicht vor der Freiheit schützen muss. Stattdessen hilft es möglicherweise ihnen auch schon zur Schulzeit beizubringen mit dieser Freiheit umzugehen (statt als Einzelkämpfer irgendwelchen Leistungsbeurteilungen hinterherzurennen). Vielleicht würden auch andere Maßnahmen dazu beitragen, dass Menschen in die Lage versetze werden, freie Entscheidungen zu treffen. Das bedingungslose Grundeinkommen (http://futureproofworld.com/ruiniert-bedingungsloses-grundeinkommen-gesellschaft-4-annahmen-bge-kritiker/) wäre m.E. durchaus einen Versuch wert.

    —–

    Lieber Andreas,

    wie so oft in unseren Diskussionen, kommen wir aus unterschiedlichen Perspektiven und landen dann doch wieder recht nah beieinander. Muss wohl an der gesunden Grundeinstellung liegen 😉 Denn, wie sollte es anders sein, auch ich kann dir nur zustimmen, was das GenY-Gerede angeht. Hier hat Generalisierung natürlich mindestens genauso wenig Sinn.
    —–

    Viele Grüße,
    Gregor.

    Antworten
  4. Inga Ketels
    Inga Ketels sagte:

    Das, wovor wir im heutigen Kapitalismus Lebenden geschützt werden müssen, ist nicht ein Übermaß an Freiheit. Es ist unser Begehren.

    Dieses wird natürlich von den Strukturen, in denen wir leben, geformt bzw. deformiert. Letzteres dann, wenn wir die Muster der Corporate Society allzusehr auf unsere sozialen Interaktionen und unser Privatleben übertragen. Z.B. wird unser Sinn für Ästhetik sehr stark durch die Werbewelt geformt. Es findet hier eine ungeheure Normierung statt, derer wir uns nicht einmal bewusst sind. Was uns gefällt, gefällt uns oft, weil es uns gefallen soll. Wir brauchen außerdem immer mehr Likes, um unser Ego zu füttern. Unser Dating-Verhalten gleicht durch die Nutzung von Apps wie Tinder immer mehr der Auswahl in einem Katalog. Wir praktizieren einen privatisierten Konsumismus. Der Bürger als Konsument.

    Auf vielen Ebenen findet ein Nudging statt, hin zu einer passiven Konsumentenhaltung. Diese apolitische Haltung führt dazu, dass wir uns in der Arbeitswelt lieber dem Zwang zur permanenten Selbstoptimierung unterwerfen und dem Anpassungsdruck unterliegen, als die Strukturen, innerhalb derer wir uns bewegen, zu hinterfragen.

    Anstatt uns mit anderen zu solidarisieren, werfen wir ihnen lieber vor, sie hätten sich einfach nicht genug angepasst. Diese gesellschaftliche Entsolidarisierung empfinde ich als ungeheuer problematisch. Gunnar Sohn hat letztes Jahr in einem Blogartikel sehr gut herausgearbeitet, wie die heutigen Arbeitsformen die Organisation unter den Beschäftigten erschweren:

    https://ichsagmal.com/2017/04/04/ueber-den-modell-platonismus-von-beratern-und-wissenschaftlern-newwork-newwork17-dorfcamp/

    Innerhalb des kapitalistischen Konkurrenzsystems sind wir eben primär Konkurrenten, erst sekundär Kollegen oder politische Agierende.

    In dem Artikel zitiert Gunnar auch Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut:

    „In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“

    Antworten

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