Beitragsbild New Work Kompass

New Work: Kompass für die neue Arbeitswelt – eine Replik

New Work: Vor einiger Zeit stolperten wir über den „Kompass für die neue Arbeitswelt“ von Mark Poppenborg, Mitgründer und Inhaber der intrinsify.me GmbH. Was wir da lasen – nun ja – überraschte uns. Genau genommen mussten wir uns ein wenig die Augen reiben, um sicherzugehen, dass da auch das steht, was wir glaubten gelesen zu haben. Und dann redeten wir, diskutierten, hinterfragten und reflektierten – wie wir das in unserer kleinen priomy-Bude immer tun. Herausgekommen ist ein Dialog, der im Sinne eines kritischen Diskurses unsere Sicht der Dinge darlegt. Denn „die neue Wirtschaft“, New Work, Agilität oder wie immer wir das Kind nennen, braucht genau das. Aber Achtung: Dieser Beitrag ist recht ausführlich. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir versucht haben, einigermaßen gründlich auf das einzugehen, was wir teils äußerst fragwürdig an dem Kompass finden.

New Work: Das Kompass-Versprechen

Mark Poppenborg (virtuell anwesend mit seinem Kompass): „Dieses eBook ist Dein Kompass, der als Einstieg in die neue Arbeitswelt dient und mit dem Du alle Trends und Entwicklungen bewerten kannst, die Dir begegnen.“ (Poppenborg 2018: 4).

Daniela: D.h., wenn ich den Begriff ‘Kompass’ wörtlich nehme, habe ich mit dem eBook ein Gerät in der Hand, mit dem ich etwas bestimmen kann. In diesem Fall nicht die Himmelsrichtungen, sondern die neue Arbeitswelt.

Andreas: Genau, der Titel impliziert Orientierung in der wuchernden Wildnis der neuen Wirtschaft, das was häufig als New Work beschrieben wird. Und natürlich steht hier alles drin, was es braucht „um den Überblick zu behalten“, wie es im Untertitel heißt. Dann nehmen wir das genauso ernst: ALLE Trends und Entwicklungen bewerten.

Stefan: Ich bin sogar noch etwas früher gestolpert. Der Untertitel des Kompass lautet: “Nur das musst Du wissen, um den Überblick zu behalten”. Damit wird eine Deutungshoheit aufgebaut, die im Kontext der sich im Wandel befindenden Arbeit und New Work nun wirklich nicht angebracht ist. Er schreibt ja später selbst, dass es keine Patentrezepte gibt.

New Work: Die Veränderung der Arbeitswelt

Mark Poppenborg (s.o.): “Der größte Irrtum der neuen Arbeitswelt ist,  dass Organisationen es ihren Mitarbeitern „nett einrichten“ müssten und dass Arbeit nun ab sofort immer und überall Spaß machen muss.” (a.a.O.: 5)

Stefan: Da stimmen wir zu 100% überein. Wer New Work auf das Bällebad, Feel-Good-Incentives, flexible Arbeitszeit und Home Office reduziert, betreibt Augenwischerei und meint es nicht ernst, bzw. hat es nicht verstanden. Er verschenkt nicht nur Entwicklungs- und Innovationspotential, sondern im Gegenteil, diese Reduzierung kann sogar die Selbstausbeutung von Mitarbeitenden fördern und ist demnach nicht gesund.

Mark Poppenborg (na, Ihr wisst schon…): “Der Urtreiber für Innovation ist immer der Wettbewerb. Dieser zwingt Unternehmen besser zu sein als ihre Konkurrenz.” (a.a.O.: 6)

Stefan: Das ist das altbackene Argument für ewiges Wachstum, was mantra-mäßig von neoliberaler Seite verbreitet wird. Überzeugt mich nicht wirklich! Innovationen entstehen genauso durch Unzufriedenheit mit einer Situation oder weil ein Mensch Spaß am tüfteln hat und sich das Leben vereinfachen möchte. Oft sind das iterative Prozesse, bei denen Kooperation wichtiger ist als Konkurrenz.

Replik #1 New Work Kompass

Andreas: Ja, Poppenborg zitiert die übliche Lesart, es fehlt nur noch das wirtschaftliche Megabuzzword: FORTSCHRITT! Auf diese Weise, so das standardökonomische Argument, wären Unternehmen gezwungen, „besser zu sein als die Konkurrenz.“ (a.a.O.: 6). Tatsächlich? Nehmen wir ein allseits bekanntes Beispiel: Apple. Es dürfte strittig sein, ob Apple bessere Produkte herstellt als die Konkurrenz. Was vielmehr zunehmend zu Buche schlägt, ist das emotionale Branding einer Marke. Und genau DAS inszeniert Apple vermutlich besser als jede andere Firma der letzten Dekade. Das reicht bekanntlich bis hin zur hochgradig durchdesignten Verpackung der Produkte, die eine enorme Qualitätsanmutung erzeugt – ein implizites Versprechen, das längst nicht mehr gehalten wird, wie die aktuellen Akkuprobleme verschiedener iPhones und immer wieder massive Bugs der verschiedenen Betriebssystemen ebenso belegen, wie zunehmende Hardware Pannen. Und überhaupt: Wie genau soll eigentlich gemessen werden, was „besser“ ist als die Konkurrenz? Und wer entscheidet darüber? Herr Poppenborg? Wir? Du?

Stefan: An dem Beispiel von Apple zeigt sich, dass es eben nicht zwangsläufig ein besseres Produkt braucht, um besser, bzw. erfolgreicher zu sein. Es reicht, das bessere Marketing zu machen und Bedürfnisse zu konstruieren. Der Erfolg ist an der Stelle insofern messbar, dass Apple als erstes den Marktwert von einer Billion überschritten hat.

Mark Poppenborg: “Treiber 2: Die Sehnsucht nach humaner Arbeit. Die Arbeitswelt wird nicht humaner weil wir es uns wünschen, sondern weil die Wirtschaft eine kreativere geworden ist.” (a.a.O.: 7)

Daniela: Damit bin ich überhaupt nicht glücklich – erstens, weil das Wort “kreativ” als Metapher für etwas anderes herhalten muss. Die Wirtschaft (nebenbei greift “die” Wirtschaft als Pauschalannahme nicht) ist nicht kreativer sondern kleinteiliger und kognitiver geworden. Wissensarbeiter sind nicht automatisch kreativ. Wissensarbeiter können wie alle anderen auch in sehr engen Schubladen denken und handeln. Wenn das gleiche Produkt in 28 verschiedenen Versionen existiert, ist das keine Kreativität, sondern Reproduktion. Zweitens ist Wirtschaft alleine deshalb humaner als vor 200 Jahren geworden, weil soziale Belange Eingang in Gesetzestexte, unsere Arbeitsschutzgesetze, gefunden haben.

Andreas: Und unabhängig davon, dass Arbeit umgekehrt durch die Einführung der standardisierten Fließbandarbeit nicht inhumaner wurde als die ägyptische oder US- amerikanische Sklavenarbeit, bin ich nicht in der Lage, eine solche durchgängige gesellschaftliche Forderung zu erkennen, vor allem deshalb, weil Poppenborg die Humanisierung im Kontext New Work auf Selbstverwirklichung reduziert. Wenn dem so wäre, wie erklären wir dann das wieder zunehmende Interesse am öffentlichen Dienst bei der jetzt in den Arbeitsmarkt strebenden Generation? Wer will sich denn in Ämtern selber verwirklichen? Vielleicht die eine oder der andere, die eine obsessive Leidenschaft für formal-juristische Prozesse haben. Aktuellen Studien zufolge geht es vielmehr um klar begrenzte Arbeitszeiten und Anstellungssicherheit.

Stefan: Ich frage mich an der Stelle, was humane Arbeit für uns heute eigentlich ist? Genauso wenig, wie ein pauschales Rezept für New Work vorhanden ist, gibt es eine pauschale Definition für humane Arbeit. Während die einen lieber einen nine-to-five Job machen und dabei nicht selber denken und (alleine) entscheiden möchten, wollen die anderen selbstbestimmt und eigenverantwortlich arbeiten.

Andreas: Stimmt. Aber es kommt noch besser! Denn Poppenborg ist wohl der Meinung, dass wir Menschen der Wirtschaft ausgeliefert sind:

Wirtschaft als unabänderliches Naturgesetz

Mark Poppenborg: “Die Wirtschaft lässt sich nicht von uns gestalten.” (a.a.O.: 8)

Andreas: Was ist das denn für eine Behauptung? Das kann nur bedeuten, dass Wirtschaft eine von Menschen unabhängige Entität ist, ansonsten ist das kompletter Blödsinn. Ein paar Zeilen weiter führt Poppenborg das weiter aus, was ich hier keineswegs vorenthalten will: Wir müssten lernen, „zwischen Anforderungen der Arbeit (von den Spielregeln der Welt getrieben) und Forderungen an die Arbeit (von den gesellschaftlichen Idealen getrieben) zu unterscheiden.“ (ebnd.). Jetzt sind wir gänzlich irritiert. Um das zu verdeutlichen, möge eine Paraphrase dienen: Die Anforderungen der Wirtschaft werden von den Spielregeln der Welt getrieben. Nach unserem Dafürhalten macht erstens die Metapher der „Spielregel“ klar, dass es sich um Menschenwerk handelt und nicht um ein unmenschliches Gravitationsgesetz, dass die Anforderungen der Wirtschaft definiert. Nochmal gewendet: Woher kommen denn die Spielregeln? Und noch einen Schritt weiter: Was sollen die Spielregeln „der Welt“ sein? Sind diese Spielregeln überall auf der Welt gleich? Mit Sicherheit. (Für alle AfD Leser*innen: Der letzte Satz beinhaltet Ironie.)

Replik #2 New Work Kompass

Daniela: Eben und wenn Spielregeln, die angeblich nicht von Menschen erfunden wurden, treibend sein sollen, dann sehe ich die “unsichtbare Hand des Marktes” von Adam Smith winken. Kann es sein, dass da jemand noch ein klassisches, aber veraltetes BWL-Verständnis hat? Klar, das hab ich als BWLerin auch gelernt, aber diese Modelle waren ohnehin schon von Anbeginn fragwürdig und erweisen sich zudem mehr und mehr als nicht zukunftsfähig. Es gibt längst alternative Ansätze: plurale Ökonomie, nachhaltige Betriebswirtschaftslehre, Gemeinwohlökonomie, etc., die einer Neuen Arbeitswelt, der New Work viel zuträglicher sind.   

Andreas: Sehe ich auch so. Ein paar Beispiele mögen dazu dienen, um die Absurdität der Aussage zu belegen, dass wir Wirtschaft nicht gestalten könnten:

  • Wie war das doch gleich mit der Sklavenarbeit? War die ein Naturgesetz? Wer hat die Spielregeln dieser menschenverachtenden Arbeitswelt geschaffen? Regneten göttliche Anweisungen vom Himmel, Menschen zu entführen und sie zu versklaven? Mutierten plötzlich menschliche Gene und zwangen eine Gruppe von Menschen, eine andere zu versklaven? Und wie war das dann ein paar Jahrhunderte später, als die Sklavenarbeit per Gesetz verboten wurde? Wer hatte diese Gesetze verfasst? Die Einführung und das spätere Verbot von Kinderarbeit sind ein weiterer starker Beleg für die Poppenborgschen Wirtschafts-Naturgesetze.
  • Zweitens ein deutlich aktuelleres Beispiel: Die Deregulation des Finanzmarktes. Vermutlich erinnern sich die meisten von uns vage daran, dass hier vor allem zwei politische Protagonisten die großen Treiber waren: Thatcher und Reagan. Nein, das kann nicht sein, dass waren sicher Aliens in menschlichen Hüllen wie bei Men in Black. Die Ergebnisse dieser per Gesetzgebung veränderten Spielregeln sind uns heute wohlbekannt, die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 ist bis heute nur vordergründig ausgestanden. Was natürlich daran liegt, dass wir die Wirtschaft nicht ändern können!
  • Drittens frage ich mich: Woher kommen denn die Veränderungen der Wirtschaft, die der Autor zu Beginn selbst beschrieben hat? Wer hat das Fließband eingeführt? Der liebe Gott? Die Schlümpfe? Und wer hat den Computer erfunden und ihn später massentauglich gemacht, das Internet, das Mobiltelefon? All das, was Poppenborg selbst als externen Treiber beschreibt? Ein Werk der Hobbits oder gar finsterer Orks? Nein, all das ist auf keinen Fall, wirklich auf gar keinen Fall Menschenwerk. Nimmer nimmermehr! (Achtung: Auch hier ist wieder Ironie im Spiel.)

Mit Verlaub: Dass sich Wirtschaft von uns nicht gestalten lässt, ist unfassbarer Unfug. Wirtschaft und ihre Spielregeln werden von Menschen gemacht. Durch niemanden sonst. Wer Gegenteiliges behauptet, muss sich die Frage gefallen lassen, woher diese Spielregeln ansonsten kommen sollen? Und wenn jemand etwas Derartiges behauptet, kann schon mal eine weitere Frage aufkommen: Wer soll exkulpiert werden? Und drittens: Zu welchem Zweck?

Replik #3 New Work Kompass

Daniela: Ich will noch einen anderen Aspekt ergänzen, denn Marks Äußerung negiert vollständig die auf dem Nachhaltigkeitsgedanken basierte Wirtschaft – Unternehmen, die fair und ökologisch seit Jahrzehnten ohne Gewinnmaximierung produzieren, gemeinwohlorientierte Unternehmen, Sharing-Modelle, die nicht auf Ausbeutung wie Uber basieren, Unternehmen der Circular Economy und eine ganze Bewegung von Jung-UnternehmerInnen, die Social Entrepreneurship betreiben. All diese Unternehmen sorgen netzwerkartig seit Jahrzehnten dafür, dass Wirtschaft sich – gefühlt zu langsam – verändert hin zu mehr sozialem und kooperativem Wirtschaften, der Form, die wir bei priomy stark mit New Work in Verbindung sehen.   

Stefan: Natürlich ist Wirtschaft kein Naturgesetz und wird von Menschen gestaltet, das sollte an der Stelle klar hervorgehoben werden. Aber werte Kollegen, in der globalisierten Welt ist es schon schwer das kapitalistische System zu ändern, einzelne Menschen, einzelne Organisationen, selbst einzelne Staaten beißen sich da die Zähne aus. Von der Warte aus betrachtet, können wir die Regeln nicht von heute auf morgen einfach selbstbestimmt anpassen und ändern. Nur den Kopf in den Sand stecken und sich in die Opferrolle zu begeben kann auch nicht die Alternative sein. Deswegen wollen wir ja erst einmal im Kleinen etwas bewirken und in Unternehmen und Organisationen anfangen, etwas zu verändern. Nämlich humanere Bedingungen zu schaffen, um selbstbestimmt arbeiten zu können.  

Der Begriff New Work

Mark Poppenborg: “New  Work” ist ein Modewort, das der austro-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann geprägt hat. Er beschreibt den Wandel der Arbeitswelt.”  (a.a.O.: 9)

Stefan: Das stimmt nur zum Teil. Auch wenn Bergmann sich mit den Arbeitern bei General Motors beschäftigte, ist seine Idee von New Work nicht auf die Arbeitswelt beschränkt, sondern betrifft ganzheitlich eine hochtechnisierte Gesellschaft mit dezentralen Lebens- und Arbeitswelten (siehe dazu auch den Beitrag „Was ist New Work“ von Andreas). Es sei mir die Frage gestattet, warum Poppenborg, nicht Bergmanns vollständiges Modell nennt. Das irritiert mich und ich frage mich schon, wem so eine reduzierte Sicht nutzen soll.

Mark Poppenborg: “Längst ist ‘New Work’ ein Plastikbegriff geworden, der vor allem für die Bewerbung von Veranstaltungen, Beratungsdienstleistungen, Publikationen u.ä.m. genutzt wird… “New Work” ist einfach nur ein Containerwort für alles was sich in der Arbeitswelt abspielt. (a.a.O.: 9)

Andreas: Im ersten Teil stimme ich Poppenborg zu, dass New Work „ein Plastikbegriff” für Diverses wurde. Dass New Work aber einfach nur ein „Containerwort (sei), für alles was sich in der Arbeitswelt abspielt“ (ebnd.) ist wenig überzeugend. Wenn jemand mit dem Anspruch antritt, die Bedeutung eines klar umrissenen Begriffs und seine anschließende Verwässerung („Plastikbegriff“, „Containerwort“) zu belegen, dann wäre es hilfreich, das ursprüngliche Verständnis transparent zu machen. Ich stoße mich an diesem unpräzisen Umgang mit Begriffen, was auch bei der Bewertung von Unternehmensdemokratie deutlich wird: „Sogar Unternehmensdemokratie wird propagiert, in der Hoffnung politische Ideale könnten auch in Organisationen Erleichterung bringen.“ (a.a.O.: 12) Mir ist weder ein Buch, noch ein Artikel noch sonst eine Publikation bekannt, in der jemand das propagiert. Die leitende Frage der Demokratisierung von Arbeit ist die, warum wir in einer halbierten Demokratie leben. Warum einige gesellschaftliche Grundrechte plötzlich das Papier nicht mehr wert sind, auf dem sie stehen, wenn wir als abhängige Angestellte arbeiten. Weder wir noch sonstige Autor*innen, die etwas über Unternehmensdemokratie veröffentlicht haben, glauben, dass die „politischen Ideale auch in Organisationen Erleichterung bringen“ würden. Abgesehen mal davon, dass wir gar nicht wissen, was hier mit „Erleichterung“ gemeint ist (der regelmäßige Gang zur Toilette wird’s wohl nicht sein).

Gamechanger sind eine Illusion

Mark Poppenborg: “Wie Du gesehen hast, können sich Organisationen die Regeln ihres Spiels nicht aussuchen…. Sie müssen alle überleben und dazu die Regeln des Spiels befriedigen.“ (a.a.O.: 10)

Andreas: Weiter geht es mit dem Objektivitätsanspruch: Organisationen können sich „die Regeln ihres Spiels nicht aussuchen.“ Das ist genauso überzeugend wie die durch Menschen nicht gestaltbare Wirtschaft. Wenn ich den Begriff Game Changer google, erhalte ich in 0,58 Sekunden 150 Millionen Treffer. Und selbst der deutsche Begriff Bahnbrecher führt immerhin noch zu 150.000 Ergebnissen. Game Changer sind eben jene Organisationen oder Menschen, die die Regeln ihres Spiels neu definieren. Die Beispiele dafür sind Legion, passend zu den 150 Millionen Suchergebnissen, gerade in den Zeiten der Digitalisierung, AirBnB, Spotify und Uber mögen hier nur als Beispiele dienen. Aber wahrscheinlich muss das alles ein gewaltiger Irrtum sein. Game Changer kann es ja nicht geben. Was wir auch daran erkennen, dass weltweit die Anpassung der Rechtslage an diese Arten der Plattformökonomie diskutiert wird. Damit schlagen wir dann auch zwei Fliegen mit einer Klappe, denn diese juristischen Anpassungen zeigen zugleich, das wir Wirtschaft nicht gestalten können. Strike!

Stefan: Genau. Poppenborg kommt von der Wirtschaft, die angeblich nicht gestaltet werden kann, auf Organisationen, die darauf aufbauend sich an unabänderliche Regeln halten müssen. Mir scheint, dass dies eine eher mechanistische Sicht auf Systeme ist, die aus vielen Annahmen aus einer historischen Vergangenheit kommt. Unternehmen waren schon immer soziale Systeme statt Maschinen. Und hatten durchaus die Wahl, wie sie sich zu den angeblich unabänderlichen Regeln des Marktes stellen und wie sie mit ihrem Mitarbeiter*innen umgehen. Kein Unternehmen ist gezwungen Old oder New Work zu betreiben.

New Work: Arbeit und Beschäftigung

Mark Poppenborg: “Was wirklich zählt ist echte Arbeit…. Solange ein Unternehmen mehr Geld einnimmt als es ausgibt, überlebt es. Dazu muss es Bedürfnisse von Kunden befriedigen, die zahlungswillig sind.” (a.a.O.: 10)

Daniela: Nein, nein und nein. Ein Unternehmen muss zum Überleben nicht zwingend mehr Geld einnehmen, als es ausgibt. Es reicht auch, genauso viel einzunehmen wie man ausgegeben hat – die schwarze Null. Dies belegen alle Unternehmen, die im Non-Profit-Bereich unterwegs sind. Auch diejenigen, die Gewinne vollständig wieder ins Unternehmen reinvestieren und/oder sich mit dem Überschuss gesellschaftlich engagieren kann man hinzuzählen. Das Thema Bedürfnisbefriedigung ist so eine Sache – welches Bedürfnis soll denn genau befriedigt werden? Sind es tatsächlich Kundenbedürfnisse oder nicht viel zu oft ein künstlich erwecktes Begehren im System Hyperkonsum?

Andreas: Und es kommt noch eine Kleinigkeit hinzu: Wenn es unser Bedürfnis ist, unsere Kleidung, Gadgets und Lebensmittel maximal billig einzukaufen, dann spricht alles für Kinderarbeit in Bangladesh, illegale Elektromüllkippen irgendwo in Afrika und industrielle Landwirtschaft mit Massentierhaltung. Ist die ethische Komponente zukünftiger Arbeitsgestaltung einfach nur idealistischer naiver Blödsinn, der die objektiven, unabänderlichen Spielregeln der Wirtschaft missachtet? Kann man so sehen, muss man aber nicht. Und man kann genau mit dieser Haltung, Ethik als Naivität abzutun, New Work und neue Wirtschaft voranbringen wollen. Wir machen das nicht. New Work heißt für uns immer auch die ethischen Aspekte mitzudenken. Wir halten es in diesem Punkt mit einem der deutschen ökonomischen Vordenker Wilhelm Röpke: “Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch.“ Und zwar im Plural. Das Maß ist eben nicht nur der Konsument.

Stefan: Und was ist Arbeit überhaupt? Ich halte mich da an die philosophische Definition: „Tätigkeit des Menschen in Abhängigkeit von Natur und natürlicher Bedürftigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltung und -verbesserung.” Irgendeinen Unfug zu (re)produzieren und dafür ein künstliches Bedürfnis zu konstruieren ist demnach keine Arbeit.

Mark Poppenborg: “Die Tätigkeiten, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse beitragen, nennen wir Arbeit. Alle anderen Tätigkeiten sind nur Beschäftigung.” (a.a.O. 10)

Daniela: Jetzt läuten bei mir alle Alarmglocken! Genau diese abgegrenzte und reduzierte Sicht verkennt das Wichtigste überhaupt: Wer oder was trägt dazu bei, dass ich meine Lebenszeit in ein Unternehmen stecken kann? Es sind Systeme, die mein Überleben erst möglich machen: meine tägliche triviale Versorgung mit Essen und Trinken, eine Unterkunft, die mir Schutz bietet, ein Gesundheits- und Pflegesystem, ein Rechtssystem, ein Mobilitätssystem, ein soziales, kulturelles und staatliches System. Exakt eine solch reduzierte Sicht, sorgt z.B. dafür, dass die sogenannte Subsistenzarbeit und Care-Arbeit, die nach wie vor weltweit hauptsächlich von Frauen geleistet wird, entweder gar nicht oder schlecht bezahlt wird. Diese isolierte Betrachtungsweise sorgt außerdem dafür, dass Lieferketten nicht lückenlos verfolgbar sind und dass Kosten externalisiert werden, damit das vermeintlich bedürfnisbefriedigende Produkt billig an Kunden gebracht werden kann. Findest Du, dass das ein gutes Modell von Neuer Wirtschaft ist?

Mark Poppenborg: “Die 2 Typen von Arbeit. Arbeit findet immer auf zwei Weisen statt, die ich ‘Wertschöpfung der Norm’ und ‘Wertschöpfung der Ausnahme’ nenne.”  (a.a.O.: 11)

Stefan: Diese “2 Typen von Arbeit” wären zu hinterfragen, denn Wertschöpfung kann dann nicht isoliert vom Kontext betrachtet werden. Und nach meiner oben genannten Definition wäre das Erfüllen von künstlich erzeugten Bedürfnissen und Überproduktion keine Arbeit sondern Beschäftigung. Und wenn diese Beschäftigung auch noch Ausbeutung beinhaltet ist das eine äußerst unethische Bedürfnisbefriedigung, die nicht meiner Sicht von neuer Arbeit entspricht.

Daniela: Als „Wertschöpfung der Ausnahme“ bezeichnet Poppenborg die Arbeit, welche die kreativen Ideen von Mitarbeiter*innen abschöpfen soll, wofür sie Freiraum bzw. wenig geregelte Umgebung brauchen. Da stimme ich zu. Allerdings verursacht dieser Freiraum in der  klassischen Lesart von Wirtschaft dem Unternehmen zunächst Kosten, die sich erst amortisieren, wenn die Idee sich in bare Münze verwandeln lässt. Ergo muss das Unternehmen in finanzielle Vorleistung gehen. Umgekehrt ist es in den üblichen Gehaltsmodellen nicht so, dass diese Ideenfindung, geschweige denn eine spätere mögliche Gewinnbeteiligung des/der Ideengeberin (vulgo: Wissensarbeiterin) in irgendeiner Weise berücksichtigt wird. Gehalt ist Verhandlungssache auf Basis einer Fachkompetenz, die aus vergangenem Wissen stammt und demnach nur für die ‘Wertschöpfung der Norm’ gelten würde. Würde sich umgekehrt die „Wertschöpfung der Ausnahme“ im Gehalt niederschlagen, hätte dies auch höhere Gehälter zufolge.

New Work: Organisationsveränderung

Andreas: Unter der Überschrift „Die 3 Dimensionen der Organisationsveränderung“ fasst Poppenborg Kultur- und Personalentwicklung sowie strukturelle Änderungen zusammen.

Mark Poppenborg: „Darunter (unter die Kulturentwicklung, Anm. d. Autoren) fallen Werteentwicklungskampagnen genauso wie Appelle an die Zusammenarbeit. Sie proklamieren die gewünschte Organisationskultur…“ (a.a.O.: 13)

Daniela: Mir scheint, dass wir uns hier zunächst die sprachliche Ebene genauer anschauen sollten.

Andreas: Ja, denn es ist schon etwas absonderlich, Kulturentwicklung als „Kampagnen“ oder „Appelle“, die die avisierte Kultur „proklamieren“, zu verstehen und zu beschreiben oder sie darauf zu reduzieren. Jeder der mich kennt weiß: Jetzt wird der Zeuch wieder zum Sprachzwangsneurotiker. Will heißen: Ich nehm das wörtlich, denn wir haben hier ja keine Belletristik vorliegen, sondern einen Kompass durch die neue Wirtschaft, in dem New Work als „Plastikbegriff“ und „Containerwort“ entlarvt und bloßgestellt wird. Also erwarte ich sprachliche Präzision.

Stefan: Wäre auch meine Intention an der Stelle. Das Arbeiten an Begriffen ist bei Kultur-Komplizen ein zentrales Anliegen, um später in sinnvolle Dialoge einsteigen zu können. Gerade das Thema Sprache erfährt ja gerade hohe gesellschaftliche Relevanz, wenn wir uns an Worte wie “Hetzjagd” … erinnern. Also, mach’ mal weiter, Andreas.

Andreas: Danke Stefan. Also ab dafür, rein in die Poppenborgsche Begriffswelt der Kulturentwicklung:

  • Kampagne stammt vom lateinischen campus, (flaches) Feld, daraus wurde im Italienischen campagna und frz. campagne. Daraus wiederum entlehnte das Deutsche seine Kampagne – anfänglich mit der Bedeutung des Feldzugs. Es gehört also in die Klasse des Warwordings, wie auch der allgemeine Sprachgebrauch immer wieder impliziert: Wahlkampagne, Pressekampagne, Werbekampagne und sogar Hetzkampagne. Derartige Kampagnen versuchen konzertiert mit mehr oder minder trickreichen kommunikativen Mitteln Menschen extrinsisch zu motivieren, sie von irgendetwas zu überzeugen oder sie zu irgendeiner gewünschten Handlung zu bringen. Eine Werbe- oder Wahlkampagne wird nicht die avisierte Zielgruppe einladen, diese Kampagne mitzugestalten. Die Zielgruppe ist im allgemeinen kein gestaltender Teil der Kampagne. Stattdessen findet ein expliziter Versuch der Fremdbestimmung statt. In diesem Sinne ist mir keine Kampagne als allgemein üblicher Umgang mit Werteentwicklungen über den Weg gelaufen. 
  • Appell stammt vom frz. appel (appeler: aufrufen), was wiederum mit dem lat. appellare zusammenhängt (um Hilfe ansprechen, anrufen). Dementsprechend ist im Deutschen die allgemein gängige Bedeutung eine dringliche Aufforderung oder der beschwörende Aufruf. Die ursprüngliche Entlehnung aus dem frz appel war im übrigen ebenfalls militärisch motiviert: Der Appell als Aufstellung, Antreten zur Überprüfung, Entgegennahme einer Nachricht oder eines Befehls. Guck an: Zusammenarbeit wird also möglicherweise in einem Appell als Befehl gefordert.
  • Proklamieren stammt, wie die anderen Begriffe, ebenfalls aus dem lat. proclamare, laut ausrufen, schreien. Daraus entwickelte sich über den Umweg des frz. proclamer das deutsche proklamieren: das feierliche Verkünden, aufrufen, kundgeben. Als Substantiv hat die Proklamation einen formalen Bedeutungsraum als amtliche Verkündigung, Bekanntmachung oder eine gemeinsame öffentliche Erklärung. 

Mark Poppenborg: „’Wir  müssen mehr kommunizieren’. Das sind typische Appelle an den Umgang miteinander…. Leitbilder, die Appellcharakter haben, sind hochgradig destruktiv.”  (a.a.O.: 14)

Daniela: Inhaltlich volle Zustimmung! Auch wenn ‘wir müssen kommunizieren’ sicherlich kein Satz im Leitbild ist, kann ich nachvollziehen, was Poppenborg meint. Die Leitbildentwicklung ist in vielen Unternehmen immer noch innerhalb der formalen Führung angesiedelt. Eine Vielzahl von Unternehmensleitbildern wurde (und wird) mit diesem Hierarchie-Verständnis ohne Beteiligung der Mitarbeitenden entwickelt, im Idealfall werden sie konsultiert, aber ein kooperativ entwickeltes Leitbild hat Seltenheitswert. Im Ergebnis hängt oder steht so ein Leitbild irgendwo und niemanden interessiert es.  Selbst im Nachhaltigkeitskontext ist die gemeinsame Entwicklung nicht der Regelfall. Hier fördert eher die “gemeinsame Sache”, der Unternehmenszweck, das Verhalten der Mitarbeitenden (nicht immer).

Mark Poppenborg: “Die Unternehmenskultur ist eine Sammlung impliziter Aussagen darüber, was in einem Unternehmen normal ist. Diese Normalität lässt sich nicht zielgerichtet erziehen, sondern entwickelt sich hinter dem Rücken der Mitarbeiter.” (a.a.O.: 13)

Stefan: Hier ging dann mir mal die Hutschnur hoch. Dass sich Kultur nicht direkt in einer mechanistischen Kausalkette beeinflussen lässt, damit gehe ich noch zu 100% mit, aber dass sich die “Normalität” hinter dem Rücken der Mitarbeiter*innen entwickeln soll, ist einfach unglaublich. Damit begäbe ich mich hier auch wieder in diese unsägliche Opferrolle, nichts tun zu können. JEDER Mensch in einer Organisation trägt seinen Teil zur Kultur bei! Jeder! Da gibt es keine Ausnahme. Leider ist das nicht allen bewusst, deswegen ist es wichtig, über die Rahmenbedingungen, die Kommunikation und die Rolle der einzelnen Personen im Unternehmen zu reden und allen bewusst zu machen, dass sie ein gestaltender Teil dieser Kultur sind.

Mark Poppenborg: „Empathischer Umgang ist aber etwas, das man einfach tut – wenn es der Kontext zulässt.“ (a.a.O.: 14)

Andreas: Potz Blitz! Wäre dem so, hätte Herr Poppenborg den Stein der Weisen zur persönlichen Veränderung und für die Psychotherapie insgesamt gefunden: Man muss sich einfach nur den passenden Kontext suchen, und kann dann plötzlich alles, was man und frau anderswo nicht kann. Das deckt sich nicht ganz mit meiner langjährigen Erfahrung als psychotherapeutisch tätiger ehemaliger Musiktherapeut. Zudem werden hier plötzlich kulturelle und individuelle Aspekte vermischt. Empathie als Fähigkeit einer einzelnen Person wird zum kulturellen Merkmal, das einfach stattfindet, wenn wir nur die Strukturen ändern. Wer schon mal miterlebt hat, das nur Hierarchien abgebaut werden, ohne sich um die damit verbundenen individuellen und kulturellen Konsequenzen zu kümmern, fliegt gepflegt auf die Nase. Poppenborg schreibt nicht, dass es erfolglos sei, ausschließlich das Verhalten von Mitarbeitern zu adressieren, sondern wer dies überhaupt tut: „Wenn ein Ansatz das Verhalten von Mitarbeitern adressiert, ist er häufig wirkungslos oder ebenfalls destruktiv.“ (ebnd.) Und auf derselben Seite: „Nur wenn ein Ansatz die Strukturen einer Organisation adressiert, kann er substanziellen Erfolg versprechen.“ Wir haben sehr wohl substanziellen Erfolg erlebt, ohne dass Strukturen verändert worden sind. Das kommt schlicht und ergreifend auf den jeweiligen Einzelfall an. Die Veränderung von Strukturen kann zentral sein, muss aber nicht. Diese Generalisierung ist wie die meisten Verallgemeinerungen reichlich fragwürdig.

Daniela: Da bin ich bei Dir, die Reduktion auf die Organisation ohne äußeren Kontext habe ich oben schon kritisiert. Was ich allerdings gut finde, ist, dass Poppenborg  anspricht, dass der Kontext innerhalb der Organisation in der Regel von Führungskräften geschaffen wird und das in diesem Zusammenhang Mitarbeiter und Kollegen als “unmotiviert” eingeschätzt werden. Eben diese Einschätzung basiert auf bewussten und unbewussten Glaubenssätzen, die eine Führung ins Unternehmen trägt und es damit im schlimmsten Fall kontaminiert.

Fazit

Auf den letzten Seiten bemerkt Poppenborg noch im Schnelldurchlauf (a.a.O.: 16-19), dass es um Talent und Kreativität geht, ortsunabhängige Arbeit auch Ausbeutung im Sinne der Clickworker-Plattformen sein kann und das exzessives Achtsamkeitstraining nicht unbedingt der Identitätsfindung dient. Das passt so und klar, können diese Themen an der Stelle nur benannt, aber nicht weiter erklärt werden. D’accord. Was uns zum Schluss jedoch noch auffiel:

Mark Poppenborg: “Die Bedeutung der neuen Arbeitswelten für Individuen… Mit dem Wandel der Arbeit kommt auf jeden Einzelnen ein deutlich höheres Maß an Eigenverantwortung zu.” (a.a.O.: 16)

Stefan: Ich ergänze: … höheres Maß an Eigenverantwortung für ALLE, die in irgendeiner Weise in betriebliche Arbeitsstrukturen eingebunden sind: Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, egal ob führend oder nicht, egal ob mittelbar oder direkt betroffen.

Mark Poppenborg: “… auch wenn man zum Feierabend die Bürotür schließt und die  Arbeit dort zurück lässt, so bleibt das Gehirn auch außerhalb dieser zeitlichen  Grenzen aktiv.” (a.a.O.: 16)

Daniela: Das ist einer der Gründe, warum man Unternehmen nicht auf Wirtschaft, Arbeit und Wertschöpfung reduzieren und isolieren kann.

Mark Poppenborg: “All diese Entwicklungen prägen unser Verständnis von Arbeit und erfordern einen ständigen Dialog, eine gesellschaftliche Aushandlung also, in der neue moralische Normen entstehen können.” (a.a.O.: 18)

Andreas, Daniela, Stefan: Hier widerspricht sich Poppenborg selbst, auf einmal werden neue moralische Normen ausgehandelt. Und genau diese neuen Normen führen dann dazu, dass die (Spiel)Regeln der Wirtschaft geändert werden. Eben wie bei den oben erwähnten Beispielen der Sklaven- und Kinderarbeit. Abgesehen davon, stimmen wir dieser Aussage zu und genau deshalb ist dieser “Kompass” für eine neue Arbeitswelt für uns ziemlich fragwürdig. Denn wer wirklich Orientierung sucht, bekommt hier nicht, wie im Untertitel versprochen, Antworten auf ALLE Trends (was hat es z.B. mit den Generationen Y/Z auf sich, wie steht es um Recruiting im Kontext von New Work usw., usf.). Dafür erhalten die Leser*innen aber eines ganz sicher: Den Freibrief, Wirtschaft nicht grundlegend neu zu denken. Die Rahmenbedingungen bleiben unberührt. Denn die können wir ja laut Poppenborg nicht gestalten. Kurzum: Bist du Unternehmer und hast keinen Bock, auch die Brille der Ethik aufzusetzen: Super, hier hast Du endlich die wohlfeile Begründung, warum das alles Blödsinn ist. Der Kompass ist eine Steilvorlage für die protestantische Arbeitsethik im Sinne von “Schaffe, schaffe Häusle baue!”: Denn nur was die Beschäftigung in Arbeit verwandelt (eine messerscharfe begriffliche Unterscheidung, wie wir gesehen haben) so dass wieder mehr gearbeitet wird, führt dazu, dass der Plastikbegriff New Work endlich vergoldet wird. Alles andere ist nicht nur Lug und Trug, sondern destruktiv. Kurzum gilt nach Poppenborg überspitzt: Nur wer die Strukturen der Organisationen ändert schafft die echte, wirkliche, die wahre neue Arbeitswelt.

Willkommen zurück bei den Restrukturierungsmaßnahmen!

 

Herzliche Grüße

Daniela, Stefan, Andreas

 

+++ Mark Poppenborgs erste Reaktionen auf unsere Kritik an seinem Kompass +++

Mark Poppenborg hat dankenswerterweise schnell auf unsere #KompassReplik geantwortet. Leider geht er nicht auf unsere Argumente ein, sondern fragt sich lediglich, wem unsere “Veralberung” dienen soll. Eine interessante Frage – wir sehen das recht trivial: Ein kritischer Diskurs ist die Grundlage der Transformation von Arbeit. „Der Dialog ist wichtig“, schreibt Poppenborg. Nun sind wir weiter verwundert, denn der Dialog scheint ja schon im Keim erstickt zu sein, wenn er gleichzeitig schreibt: „Wir bleiben zwar unterschiedlicher Meinung…“ und damit den Dialog damit sofort wieder beendet.

Wir haben zumindest die zentrale Aussage von Poppenborg und damit intrinsify.me richtig verstanden: „dass wir eben nicht die Autoren der Wirtschaft sind.“ Leider geht Mark auch an dieser Stelle nicht weiter auf unsere Gegenargumente ein, die wir oben ausführlich dargelegt haben.

Das klingt ein klein bisschen nach Luhmann und gerade so, als ob seine Sicht eine objektive Wahrheit darstellen würde („Man will das halt nicht wahr haben“). Dummerweise ist auch Luhmann nur ein Mensch und seine Sichtweisen müssen keineswegs wahr oder auch nur funktional sein (für wen müsste man dann noch fragen). Zudem klingt es so, als ginge es jetzt darum, dass all diejenigen, die Wirtschaft nicht als vom Menschen unabhängige operative Geschlossenheit verstehen, intellektuell mit dieser Wahrheit zu kämpfen hätten. Wir gehen davon aus, das aus den genannten Gründen Wirtschaft natürlich durch Menschen gestaltet wird. Zudem sind Menschen natürlich ein Teil der Wirtschaft und gleichzeitig ihre Umwelt.

 

Literatur

  • Poppenborg, M. (2018): Dein Kompass für die neue Arbeitswelt. Nur das musst Du wissen, um den Überblick zu behalten. intrinsify.me GmbH Nur erhältlich für Newsletter Abonnenten: https://intrinsify.de/news/

Aber ACHTUNG: Dort kann man nach Anmeldung zum Newsletter das PDF Downloaden. Allerdings hat Poppenborg ein überaus einladendes Impressum verfasst: „Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.“ Da scheint uns ein gewisser Widerspruch vorzuliegen. Als Abonnent erhält man keine schriftliche Genehmigung, das PDF (elektronisch) zu speichern. 

 

Bildnachweis

Beitragsbild: Pixabay, ergänzt durch uns um Schriftzug

 

 

 

15 Kommentare
  1. André Claaßen
    André Claaßen sagte:

    Zunächst grüße ich herzlich die Runde.

    Aber jetzt mal ehrlich: Was ist die Intention dieses Artikels? Vordergründig scheint es darum zu gehen, sich mit dem „Kompass“ von Mark Poppenborg auseinanderzusetzen und den dort vertretenden Positionen eigene Sichtweisen gegenüberzustellen.

    Ich finde aber, der Kontext passt nicht. Der „Kompass“ ist eine bewusst einfach geschriebene Marketinglektüre für Menschen, die in 2018 zum ersten Mal den Newsletter von Intrinsify bestellen. Viele Sachverhalte sind in dem E-Book vereinfacht und bewusst undifferenziert dargestellt. Ich glaube nicht, dass dieser Artikel mit Euren differenzierteren arbeitsphilosophischen Sicht eine gute Auseinandersetzung mit dem ebook ist. Genauso wenig, wie ich auf eine Werbebroschüre der Fa. Aldi mit einer differenzierten Sicht auf zeitgemässes Marketing reagieren würde. Wie soll Poppenborg, sofern der die Replik überhaupt zur Kenntnis nimmt, reagieren?

    Inhaltlich habe ich folgende Mikropositionen:

    Poppenborg: Wirtschaft lässt sich nicht gestalten …

    Das übersetze ich mit: Es ist nicht effizient, die Umwelt gestalten zu wollen. Wirksamer ist die Gestaltung der eigenen Organisation.

    Poppenborg: Was wirklich zählt ist echte Arbeit…. Solange ein Unternehmen mehr Geld einnimmt als es ausgibt, überlebt es. Dazu muss es Bedürfnisse von Kunden befriedigen, die zahlungswillig sind.

    Das übersetze ich mit der Kernthese von Intrinsify: Arbeit ist, was Nutzen schafft, Beschäftigung ist Waste. Und die Schwarze Null lässt sich doch technisch auch nur erreichen, in dem bewusst auf einen Überschuss hin gewirtschaftet wird, sonst ist auch eine NPO schnell im Minus.

    Ich teile eure Meinung, dass Poppenborg eher einer (klassischen) betriebswirtschaftlichen Argumentation folgt und damit Fragen zur Ethik oder ganz profan zur Compliance nicht betrachtet. Wie schon oben gesagt, der Kompass ist eine Einsteigerlektüre.

    Trotz meiner Kritik hatte ich Spaß beim Lesen und fühlte mich ein wenig in Eure Runde hineinversetzt. Dennoch, die wahre Diskussion würde ich mir persönlich eher direkt mit Poppenborg/Vollmer wünschen. Ob das möglich ist, kann ich nicht beurteilen.

    Viele Grüße,
    André

    Antworten
    • Stefan Röcker
      Stefan Röcker sagte:

      Hallo André,

      vielen Dank für Dein Feedback! Die Argumentation, dass der Kompass nur einen vereinfachende Marketingbroschüre wäre finde ich, gerade auch im Kontext von Fake-News, gefährlich. Hieße das ja, dass ich zu Werbezwecken unverbindlich Halbgares verbreiten darf, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.

      Viele Grüße,
      Stefan

      Antworten
    • Daniela Röcker
      Daniela Röcker sagte:

      Lieber André,

      danke Dir für die kritischen Worte. Die Intention des Artikels ist, Position zu beziehen, genau wie Du schon schreibst.

      Wenn jemand im Namen einer Gemeinschaft (ob er tatsächlich für die Gemeinschaft spricht, ist nochmal eine andere Frage) eine „Orientierungshilfe“ anbietet, würde ich hinterfragen wollen, ob es sich wirklich „nur“ um Marketing handelt. Und selbst wenn es reines Marketing sein sollte, hieße das, dass mit dem Hinweis „Ist ja nur Marketing“ alles zu entschuldigen und zu rechtfertigen ist. Halte ich für falsch, denn Werbung hat auch immer sozio-kulturelle Aspekte und Auswirkungen (siehe z.B. genderspezifische Werbung für Kinder) und kann daher m.E. nicht banalisiert werden.

      Antworten
  2. Gottfried Epp
    Gottfried Epp sagte:

    Liebe Daniela, Stefan und Andreas,
    vorweg vielen Dank für Eure Bemühungen im Dialog über die „neue Arbeitswelt“ bzw. „New-Work“ durch Euer Engagement!
    Eine zweite Vorbemerkung wäre mir auch wichtig: Ich schätze die Bemühungen von Intrinsify.me den Austausch zwischen interessierten menschen zu fördern sehr (z:B. Organisation von Meetups in Ö – Linz und Wien), und hoffe, dass sich die weitere Diskussion auf sachlicher Ebene bleibt.

    Die Tatsache, dass der „Orientierungskompass“ als Marketing / Akquise-Intrument eingesetzt wird, erklärt vielleicht die Schärfe und Zuspitzung mancher Absätze und Überschriften.
    Beispielsweise die Unterüberschrift der Titelseite „Nur das musst Du wissen, um den Überblick zu behalten“
    – Mit der „nur das“ (und sonst nichts?) Formulierung positioniert man sich schon sehr in der Experten*innen Position, bzw. transakationsanalytisch im Eltern-Ich. „Ich sorge für dich“, „Ich passe auf Dich auf“ und „Ich sage Dir, was richtig und falsch ist“.
    Anm.: Das Eltern- Ich ist wichtig und richtig, allerdings NUR wenn man auch in der Eltern-Rolle ist, bspw. Vater zum Sohn am Spielplatz „Klettere nur so weit rauf, wie Du auch selbst wieder runterklettern kannst“ – also in der Beschützer-Rolle.

    In Eurer Replik ist öfters von der Oper-Rolle die Rede (Anm.: entspricht in der TA dem Kind -Ich). Ich denke, dass es in der New-Work / Neue Arbeitswelt / … Debatte vor allem um die „neue“ Beziehungsgestaltung zw. Menschen die im selben Unternehmen arbeiten geht. Weg von einer fixierten Beziehungsgstaltung (ich Chefe, du nix) hin zu einer Beziehungsgesatltung auf Augenhöhe und aktiver Vertrauenbildung (Wie können wir das gemeinsam lösen) – möglicherweise mit wechselnden Führungsrollen. Kurzum: Weg vom Begriff der „Führungskraft“ hin zu „Führungsarbeit“ – und weils englisch halt besser klingt, kann man statt Führungsarbeit auch Leadership sagen.

    Zusammengefasst: Mich freut es, wenn Begriffe genauer / exakter definiert werden. Dies ermöglicht wechselseites Lernen. Es unterstützt uns dabei, nach zu denken, zu reflekieren und auch hin zu spüren,
    – Wie wollen wir (als Einzelperson, als team, als Organisation) sein? Welche Werte sind und dabei wichtig?
    – Welche Vision wollen wir dabei verwirklichen?

    Schöne Grüße aus Wien
    Gottfried

    Antworten
  3. Markus Fischer
    Markus Fischer sagte:

    Hello zusammen,
    mir gefällt Euer kritische Blick und die Einladung zum Dialog über New Work.
    Inhaltlich stimme ich Eurer Sichtweise zu.

    Die Firma Intrinsify.me, lebt davon, „höheren Sinn“ in der Wirtschaft zu verkaufen. Das Duo Poppenburg/Vollmer erkennt aber gar keinen Sinn darin! Simple, neoliberale BWL verpackt in moderne Worthülsen (teils aus New Work entliehen) reicht ihnen völlig.

    Mich hat das anfangs irritiert, mittlerweile es mir unsympathisch (weil ich es als bewusste Irreführung sehe), und ich habe den Kontakt zu dieser „Bewegung“ schnell wieder gelassen und mich über die Mogelpackung geärgert.

    Von der Beschäftigung mit intrinsischer Motivation, was ja der Namensgeber der Firma ist, hätte ich mir wesentlich mehr erwartet.

    Der „Kompass“ von Herrn Poppenburg ist für mich ein weiterer Ausdruck dieser inhärenten Verwirrung von intrinsify (oder Irreführung, je nachdem wie man es sehen will).

    Viele Grüße
    Markus Fischer

    Antworten
    • Andreas Zeuch
      Andreas Zeuch sagte:

      Hi Markus,

      eine harte Kritik. Da würde mich interessieren, wie du zu dem Ergebnis kommst, intrinsify sei eine neoliberale Mogelpackung, die NW bewusst missbrauchen würde – wenn ich dich richtig verstehe. Das ist ja zunächst mal nur eine Position. Das bedarf der Belege, mindestens aber Indizien.

      Herzliche Grüße
      Andreas

      Antworten
      • Markus Fischer
        Markus Fischer sagte:

        HI Andreas,
        erst mal: „neoliberale BWL“ hat ja absolut seine Berechtigung. Diese Theorie/Praxis braucht es (auch) in der Wirtschaft und Unternehmensführung und war ja höchst erfolgreich für den Wohlstand des Menschen. Die Begrenzungen und blinden Flecken (sozial, ökologisch) werden natürlich jetzt zunehmend deutlich.

        Wie ich zu der Meinung zu intrisify.me komme? Das kann ich nicht im Detail sagen, ich lese und höre viel, natürlich auch von den Herren Poggenburg/Vollmer. Der Artikel von Herrn Vollmer https://www.capital.de/karriere/der-denkfehler-der-new-work-bewegung hat für mich die Sache noch mal auf den Punkt gebracht, was die Denke und Weltsicht von intrinsify.me angeht.
        Das ist das Eine. Das andere ist, dass mir inhaltlich überzeugende Ansätze und Veröffentlichungen zu dem Thema „intrinsische Motivation“ auf intrinsify.me komplett fehlen. Vielleicht bekommt man die nur, wenn man Mitglied ist.
        Macht es das deutlicher?
        Viele Grüße!
        Markus

        Antworten
  4. Carsten Roth
    Carsten Roth sagte:

    Guten Tag zusammen,

    über den Artikel von Herrn Poppenburg bin ich irritiert.
    – ist Herr Poppenburg nun Journalist, der mir eine differenzierte Betrachtung zum Thema New Work liefert. Kann nicht, weil die Inhalte weder differenziert noch inhaltlich belastbar sind.
    – ist er Blogger, der mir inhaltlich etwas neues liefert. Könnte schon eher passen, wenn die Inhalte etwas neues liefern würden.
    – ist er Berater, der sich für Projekte ins Gespräch bringen möchte? Weiß ich nicht.
    oder ist er auf Mitgliederfang für die kostenpflichtigen Inhalte auf intrinsify.de. Ja glaube schon! Dann ist die allgemeine Echauffierungszurschaustellung hier in den Kommentaren etwas des guten zuviel. Denn so scheint es ja heute gängige Praxis zu sein. Ich zeige Dir wie du in 10 Schritten zum erfolgreichen Unternehmer oder 50 kg abnehmen kannst. Wenn du deine Email Adresse einträgst, erfährst du das Erfolgsrezept. Inhaltlich sollte man es dann nicht zu genau nehmen. Hier geht es um Aufmerksamkeit. Passt nur nicht in den Kontext der Kernaussage von intrinsify: „intrinsify ist der Think Tank und das führende Netzwerk für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung.“ Nach der Aussage hängt die Messlatte bezüglich der Qualität ziemlich hoch.
    Herzliche Grüße
    Carsten

    P.S. ich war bis heute Mitglied bei Intrisify.

    Antworten
    • Markus Fischer
      Markus Fischer sagte:

      Hallo Carsten,
      danke für deine Spezifizierung, das macht auch mein Unbehagen mit dem Artikel von Herrn Poggenburg klarer. Es geht bei dem Artikel um Marketing eines Bloggers, was aber inhaltlich nicht überzeugend ist. Und das dies dem eigenen Anspruch von intrinsify.me nicht entspricht sehe ich genauso.
      Viele Grüße
      Markus

      Antworten
  5. Torben Müller
    Torben Müller sagte:

    Hallo in die Runde,
    dass Veröffentlichungen (wie hier der Kompass) kommentiert, auch teils mit Ironie bespielt, vor allem aber inhaltlich kritisiert werden, dient im Kern der Sache – sollte es zumindest. Mit Sache meine ich zum einen die Art und Weise wie wir alle über Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft heute und in Zukunft denken, und zum anderen die Sinngebung und Schärfung der Begriffe, was in komplexen Themen wie diesem offensichtlich kein einfaches Unterfangen ist.

    Ich möchte mir auch nicht anmaßen über die Intention des Kompasses oder auch der Gegendarstellung zu urteilen. Stattdessen will ich zwei Aspekte erörtern, über die ich spontan nachgedacht habe, nachdem ich beide Texte gelesen habe.

    1. Haben wir nun Einfluss auf die Wirtschaft oder haben wir keinen?
    Ich glaube es liegt ein Missverständnis bei der Unterscheidung zwischen den Einflussfaktoren Markt (im Kompass Anforderungen der Arbeit) und Mitarbeiter (im Kompass Forderungen an die Arbeit) sowie dem Zeithorizont vor.

    Wenn ich im Unternehmen Arbeit verrichte, muss ich mich an dem orientieren, was ein Kunde oder „der Markt“ abnimmt und bezahlt (objektiv), unabhängig davon, was und wie ich gerne arbeiten möchte (subjektiv). Das ist der Grund, warum auch in Selbstorganisation nicht jede(r) machen kann was er/sie will, solange das Unternehmen im System Wirtschaft überlebt. Als Mitarbeiter im Unternehmen kann ich die Wirtschaft nicht an das Unternehmen anpassen. Ich muss in ihrem Kontext arbeiten, um Wert zu erzeugen, für den bezahlt wird. Ob im Büro eine Tischtennisplatte steht oder nicht, spielt dafür keine Rolle. Auch nicht, ob ich in der Lage bin, Bedürfnisse bzw. Nachfrage durch Marketinggeschick zu erzeugen. Wo ist da die Grenze?

    Zumindest indirekt aber, durch lose Kopplung und meist nur sehr langsam, denke ich, kann Wirtschaft schon gestaltet werden. Und das passiert ja auch. Durch Wahl einer Partei, die meine Ideen für Wirtschaftspolitik bestmöglich vertritt oder, etwas direkter, aber auch nur in einem minimalen Maße, durch mein Konsumverhalten. In seltenen Fällen wird Wirtschaft auch durch Ausnahmeunternehme(r/n) „(um)gestaltet“ (disruptive Technologien, neue Geschäftsmodelle etc.). Aber, hier bin ich bei André: Es ist nicht effizient, die Umwelt zu gestalten. Wirksamer ist die Gestaltung der eigenen Organisation. Das heißt nicht, dass man in die Opferrolle gehen muss, nicht mehr wählt oder interveniert.

    2. Gehalt für Ideen
    Einen sehr interessanten Aspekt macht Daniela auf. Wie werden Ideen bezahlt? In der Wertschöpfung der Norm konnte man Leistung standardisieren. Anzahl Arbeitsschritte oder Teile/Dienste pro Monat zum Beispiel. Wer eine Schicht länger an der Maschine blieb, bekam einfach entsprechend etwas mehr. Mit Ideen geht das nicht.

    Darüber lohnt es sich nachzudenken. Stecken Mitarbeiter(innen) und Inhaber bzw. Führungskräfte doch immer öfter in der unlösbaren Aufgabe ein nachvollziehbares Gehalt zu finden. „Was bin ich mit meinen guten Ideen, meinem untrüglichen Gespür für den Markt und die richtige Teamzusammensetzung Wert?“ Spontan würde ich hier ziemlich liberal antworten: das, was du am Arbeitsmarkt aushandelst.

    Es grüßt
    Torben

    Antworten
  6. Peter Madlener
    Peter Madlener sagte:

    Die Kritik an Marks Text hat mich stark irritiert. Insbesondere, weil ich sowohl Eure, als auch die Beiträge von Mark sehr schätze. Nachdem Andreas seine Bereitschaft für einen weiteren Dialog signalisierte, hat sich die Situation für mich aber auch wieder entspannt.

    Was habe ich wahrgenommen?
    Im Text von Mark wurde auf eine klassische wissenschaftlich Schreibweise verzichtet. Das macht den Text einfach lesbar, möglicherweise als Werbung nutzbar und auf der anderen Seite natürlich auch angreifbar. Gleiches nehme ich aber auch in Eurer Kritik wahr. Beispielsweise lese ich dort: „ Luhmanns Sichtweise muss keineswegs wahr oder auch nur funktional sein“. Als Begründung wird angeführt: „Luhmann ist nur ein Mensch“. Mit genau der gleichen Begründung kann argumentiert werden, dass Luhmanns Sichtweisen wahr sein könnten.

    Für einen fruchtbaren Dialog braucht es meines Erachtens auch einen Wechsel der Ebene, sonst wird das Problem mit seinen Ursachen bearbeitet.

    Einigkeit scheint mit darin zu bestehen, dass es sich bei dem was beobachtet und beeinflusst werden soll um Systeme handelt. Weniger Klarheit besteht darin, wie diese Systeme zu bezeichnen sind, wo die jeweiligen Systemgrenzen liegen, wie diese entstehen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

    Mit einem Rückgriff auf die Systemtheorien wird auch klar, dass der Beobachter Teil des Systems ist und damit unterschiedliche Wahrnehmungen wesentlich wahrscheinlicher sind als dass verschiedene Beobachter zum gleichen Ergebnis kommen. An der gegenseitigen Akzeptanz dieser Differenzen könnte ein Dialog ansetzen. Also wie kommt es, dass ich etwas ganz anderes sehe obwohl wir doch auf das gleiche System schauen? Schauen wir auch wirklich auf das Gleiche? Wie kommt es, dass wir überhaupt etwas sehen? Ist das was wir da sehen die Welt oder möglicherweise doch nur unsere eigene interne Konstruktion? Welche Rolle spielt dabei die Sprache und die verwendeten Begriffe? …

    Wer gerne mehr über die Beobachtung, Funktion und Operationen von Systemen erfahren möchte findet im in den Blogs von Gitta Peyn sicher interessantes und lesenswertes.
    https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/
    https://gitta-peyn.de/blog/

    Antworten
    • Dr. Andreas Zeuch
      Dr. Andreas Zeuch sagte:

      Hi Peter,

      danke für Deine Zeilen.

      Irritation
      Was genau hat Dich denn „stark irritiert“? Ist mir nicht klar.

      Wissenschaftlichkeit und Wahrheits/Objektivitätsanspruch
      Peter, uns ist es vollkommen egal, ob ein Text „wissenschaftlich“ verfasst ist oder nicht. Oder nein: Eigentlich lesen wir lieber Sachliteratur statt hyperakademische Fachliteratur. Spätestens seit meiner Promotion sind mir die Probleme scheinbaren Objektivitätsanspruchs in der Wissenschaft auch durch eine wissenschaftliche Sprache und ihre Tilgung des Autors absolut bewusst. Ich kann hier nicht im Geringsten nachvollziehen, wie du darauf kommst, dass das für uns auch nur andeutungsweise von Bedeutung gewesen wäre – oder das wir dies gar kritisch angemerkt hätten. Präzision im Denken und der Sprache haben nichts mit wissenschaftlichen Formulierungen zu tun.

      Dass Luhmanns Sicht/Modell/Theorie wahr sein KÖNNTE ist doch trivial. Bitte vergiss nicht die Chronologie. Mark schrieb zuvor: „Man will das halt nicht wahr haben,“ ER tut hier also selbst nach unseren Argumenten so, als ob seine Ausgangsthese, die er an Luhmann anlehnt, eine Wahrheit wäre, die bittere Pille, die wir nur schwer schlucken könnten. Daraufhin haben wir klargestellt, dass die Luhmannsche systemtheoretische Sicht keine objektive Wahrheit darstellt.

      Ob eine (nicht/vorwissenschaftliche) These überzeugt oder nicht, ob wir sie für richtig oder falsch halten, hat nicht im Geringsten etwas mit dem Sprachstil/duktus zu tun. Sondern vielmehr mit den Argumenten und Fakten, die die jeweilige Aussage/These belegen. Und da kam einfach so ziemlich rein gar nichts an Belegen, lediglich irgendwelche Behauptungen. Wenn Du das bereits als wissenschaftliche Sprache verstehst, es nicht bei bloßen Behauptungen zu belassen, sondern diese auch logisch nachvollziehbar zu begründen – ja dann fordern wir einen wissenschaftlichen Sprachstil. Ist u.E. aber keineswegs das zentrale Merkmal wissenschaftlicher Schreibweise.

      Wirklichkeit als Konstruktion
      Wenn Du Dich mit System- und Chaostheorie, Kybernetik und Konstruktivismus beschäftigt hast, ist Dir sicher der performative Widerspruch des Konstruktivismus bekannt: Er dekonstruiert sich selbst. Der Kern des Konstruktivismus besteht darin, dass wir als Menschen zumindest im Reich sozialer Systeme keine von uns unabhängigen, objektiven, wahren Aussagen machen können und dass unsere Erkenntnisse subjektive Konstruktionen sind. Somit ist auch der Konstruktivismus selbst keine Wahrheit. Übersetzt heißt das für mich: Der Konstruktivismus hat seine Grenzen. Es ist eben nicht alles völlig beliebig und irgendwie nur eine Frage subjektiver Interpretation. In Bezug auf eine der Kernaussagen von Mark, Wirtschaft könne nicht von Menschen geändert werden, haben wir unsere Argumente oben aufgeführt, warum wir diese Aussage für sachlich falsch und unhaltbar halten. Und keineswegs der Meinung sind, dass das nur eine Frage subjektiver Interpretation ist.

      Nun würde mich interessieren, was Du zu unsren Argumenten denkst – um in der ganzen Debatte mal mehr auf die Inhalte zu kommen.

      Herzliche Grüße
      Andreas

      Antworten
      • Peter Madlener
        Peter Madlener sagte:

        Hallo Andreas,
        vielen Dank für dein Feedback. Das hilft mir beim weiteren nachdenken.

        Irritiert hat mich ganz einfach ein Unterschied zwischen meiner Weltanschauung und dem was ich bei Euch gelesen habe. Und dabei geht es tatsächlich nur um meine Sicht auf die Welt und wie ich diese beobachte. Das kann und darf von außen gesehen natürlich unklar sein.

        Eure Argumente entsprechen Euren Erfahrungen und passen zu den Modellen die Ihr zur Herleitung nutzt. Eine Debatte dazu scheint mir nicht zielführend. Ich könnte nur meine Argumente in den Ring werfen, die auf meinen Erfahrungen und Modellen beruhen. Dann könnten wir darüber streiten was richtig oder falsch ist. Das bringt mich nicht weiter.

        Es wird mich aber freuen wenn Ihr euch bei Gitta und Ralf Peyn umschaut. (Die Links stehen oben) Was dort angeboten wird, hat nach meinem Dafürhalten echtes Potential Licht in das Verhalten komplexer Systemen zu bringen, weit jenseits von Debatten.
        Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es mit den vorhandenen Werkzeugen möglich Annahmen in emulierten Systemen auszuprobieren und dabei zu beobachten was sich entwickelt.

        Herzliche Grüße, Peter

        Antworten
        • Andreas Zeuch
          Andreas Zeuch sagte:

          Hi Peter,

          ich kann dir immer noch nicht folgen – im Sinne von: Ich verstehe dich immer noch nicht.

          Was hat vor allem unser Kernargument zur Gestaltbarkeit von Wirtschaft durch uns Menschen mit Wahrnehmung zu tun? Gibt es in Deiner Wahrnehmung nicht die erwähnten Beispiele von Sklaven- und Kinderarbeit – und die aus meiner Sicht nicht subjektive Tatsache, dass wir diese Phänomene gesellschaftlich durch neue Gesetze beendet haben?

          Ich wünsche mir (und mir ist klar: Dies ist nur ein Wunsch) von Dir, dass Du mir erklärst, wieso Wirtschaft denn nun nicht durch Menschen gestaltbar sei? Wer gestaltet Wirtschaft dann? Woher kommen die politischen Rahmenregulationen durch Gesetze? Wer entscheidet, wenn nicht die Geschäftsführung oder ein Vorstand, dem Wachstumshype hinterherzulaufen, oder ihm bewusst aus dem Weg zu gehen, so wie beispielsweise Basecamp.

          Dies ist mir persönlich wohl der wichtigste Punkt überhaupt. Dessenthalben reduziere ich mich jetzt in meiner Antwort nur auf diesen einen Punkt.

          Antworten

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