New Work, Unternehmensdemokratie und Achtsamkeit

Achtsamkeit: Von 2017 bis Ende 2018 begleitete ich ein rund 1000 Mitarbeiter*innen umfassendes Unternehmen auf dem Weg zu Agilität und Selbstorganisation. In meiner Arbeit mit verschiedenen Lenkungsgremien und Teams kam irgendwann auch das Thema Achtsamkeit auf den Tisch. Das hat viele Gründe – und nun wird es Zeit, dieses Thema endlich hier im Blog zu reflektieren.

Achtsamkeit: Definition 

Wie mit den meisten nicht naturwissenschaftlichen Begriffen ist es auch mit der Achtsamkeit. Es gibt nicht eine allerseits oder von den meisten anerkannte durchgängige Definition. Alleine bei Wikipedia finden sich vier verschiedene Definitionen von unterschiedlichen Expert*innen. Mein Verständnis von Achtsamkeit beschreibe ich folgendermaßen:

  1. Achtsamkeit ist die bewusste bewertungsfreie Wahrnehmung des Hier und Jetzt.
  2. Achtsamkeit ist zudem die Wahrnehmung der eigenen aktuellen Wahrnehmung.

Dem ersten Punkt würden vermutlich die meisten Menschen, die sich professionell mit Achtsamkeit auseinandersetzen, zustimmen. Ich ergänze noch den rekursiven, sebstbezüglichen Schritt der Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmung. Denn genau das ist ein wichtiger Aspekt: Mit der Zeit Muster der eigenen Wahrnehmung zu erkennen. Was nehme ich wahr, was nicht? Was blende ich bewusst oder unbewusst aus? Kann ich eine Wahrnehmung wieder loslassen? Oder beiße ich mich an etwas fest? Gibt es Aspekte, die ich bevorzugt wahrnehme, Körperempfindungen, Emotionen, Gedanken?

Um die Vorteile der Meditation zu genießen, muss niemand Buddhist werden!

Über die Definition hinaus ist wichtig, dass Achtsamkeitsübungen, insbesondere Meditationen, keineswegs zwangsläufig an bestimmte Religionen oder spirituelle Praktiken gebunden sind. Natürlich kann jeder Mensch völlig unabhängig seiner persönlichen Glaubensbekenntnisse meditieren, bzw. Achtsamkeitsübungen ausführen. Die oftmals polemische Verkürzung auf eine esoterische oder religiöse Praxis ist sachlich schlicht und ergreifend falsch. Entweder ist sie der Unwissenheit geschuldet oder der rhetorischen Absicht, Achtsamkeit bloßzustellen. Meiner Erfahrung nach nutzen insbesondere jene Menschen (meistens Männer, nebenbei bemerkt) diesen einigermaßen billigen Trick, die selbst keinerlei theoretische oder praktische Erfahrung mit Achtsamkeitsübungen haben, geschweige denn auch nur eine einzige wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema kennen.

Achtsamkeit: Was bringt’s im Allgemeinen?

Warum kann jeder Mensch davon profitieren, sich in Achtsamkeit zu üben? Zunächst mal nicht aufs Arbeitsleben bezogen, sondern ganz allgemein? Welche Vorteile bringt es, einen Teil der eigenen Lebenszeit mit Achtsamkeitsübungen und -training zu verbringen? Diese Frage hat in den letzten Jahren vor allem der amerikanische Molekularbiologe und emeritierte Professor Jon Kabat-Zinn untersucht. Er hat das mittlerweile weltweit verbreitete und anerkannte Programm der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) entwickelt und beforscht.

Mittlerweile gibt es hunderte von empirischen Untersuchungen zu dem Effekten von Achtsamkeitsübungen verschiedener Couleur. Streng wissenschaftlich gesehen ist die aktuelle Lage noch nicht absolut eindeutig, das möchte ich der Korrektheit halber vermerken. Wer indes selbst schon längere Zeit Erfahrung mit Achtsamkeitsübungen wie beispielsweise verschiedenen Formen der Meditation gesammelt hat, weiß wohl aus eigener Erfahrung: Es macht sehr wohl Sinn, einen Teil der eigenen Lebenszeit in Achtsamkeitsübungen zu investieren. Mögliche psychologische Effekte sind dabei:

  • Stressreduktion (insbesondere im Sinne der MBSR)
  • Emotionsregulation (man/frau lernt, mit den eigenen Emotionen besser umzugehen, freier zu handeln, weil man nicht mehr automatisch auf etwas mit einer bestimmten Emotion reagiert und sich last not least nicht von den eigenen Emotionen mitreißen zu lassen)
  • Steigerung von
    • Aufmerksamkeit
    • Konzentration
    • kognitiver Leistung

Darüber hinaus gibt es auch schon eine große Anzahl an Untersuchungen über die somatischen, also körperlichen Effekte von Achtsamkeitsübungen, insbesondere Meditation. Hier zeigen sich positive Effekte auf

  • Blutdruck
  • Herzfrequenz und
  • Cholesterinspiegel

Wenn in verschiedenen Meta-Studien (Studien, in denen andere Studien untersucht werden) die Qualität der Untersuchungen bemängelt wird, sollte angemerkt werden, dass dieses Forschungsfeld auch alles andere als simpel ist. Die psycho-somatischen Zusammenhänge sind komplex, es gibt Effekte auf körperlicher wie psychischer Ebene, Wechselwirkungen zwischen beiden und es kommt natürlich hochgradig auf den Kontext an, in dem die Effekte untersucht werden. Last not least gibt es eine Vielzahl verschiedener Übungen – und individuell höchst unterschiedliche Ausgangspunkte, zB. hinsichtlich der aktuellen psychischen und körperlichen Verfassung, der eigenen Historie und Erfahrung mit Achtsamkeit und dem beruflichen wie privaten Umfeld. Kein Wunder, dass es nicht trivial ist, zu belastbaren Ergebnissen zu kommen. Wer sich in die allgemeine Wirksamkeit weiter vertiefen möchte, ist mit dem Buch „Meditation für Skeptiker“ sehr gut bedient.

Achtsamkeit in Old Work

Aus dem letzten Abschnitt geht bereits hervor, dass Achtsamkeitstrainings und -übungen gerade im Zusammenhang mit Arbeit äußerst nützlich sein können. Und sei es nur, ein Instrument bereit zu haben, mit dem das eigene Stresserleben positiv beeinflusst werden kann. Dabei muss ich wohl kaum lange argumentieren, dass durch die Beschleunigung der Arbeitswelt (Agilität! aber dazu später mehr) zumindest auch das Potential von Stresserleben gesteigert wird. Dazu würde alleine schon die Beschleunigung der Kommunikation ausreichen.

Das ist keineswegs nur meine persönliche Meinung, sondern nachweislich schon seit einigen Jahren die Sichtweise großer, teils wegweisender und einflussreicher Unternehmen. Einige haben schon seit geraumer Zeit Achtsamkeitsprogramme für Ihre Mitarbeitenden im Angebot:

  • Das amerikanische Biotechnologie-Unternehmen Genentech mit rund 12.300 Mitarbeitenden in 2016 hatte bereits 2006 im Rahmen seines Personal Excellence Program Achtsamkeit im Angebot.
  • Google begann 2007 Achtsamkeit mit seinem „Search inside yourself“ Programm anzubieten. Heute ist dieses Programm sogar öffentlich zugänglich.
  • Intel zog 2012 mit seinem Programm „Awake@Intel“ nach.
  • Und SAP hat 2013 sogar den Begriff der Achtsamkeit gleich in den Namen des dazugehörigen Programms gepackt: „Global Mindfulness Practice“.

Auffälligerweise sind dies ausnahmslos Unternehmen, die in den Bereichen (relativ) neuer Technologien und Dienstleistungen (IT, Biotech) unterwegs sind. Darüberhinaus wird Achtsamkeit aber auch schon in großen Unternehmen traditionellerer Branchen thematisiert wie ABB, Bosch, BMW, Ford, Siemens und ThyssenKrupp (vgl. Drath, K. (2018): Die resiliente Organisation. Haufe: 356) Spätestens damit sollte klar sein: Es handelt sich nicht um esoterischen Nonsens.

Achtsamkeit in New Work

Wenn es darum geht, Arbeit zu erneuern und eine andere Arbeits- und Organisationskultur zu entwickeln, spielt Achtsamkeit noch viel mehr als in der althergebrachten Arbeit eine wichtige Rolle, zumindest bei folgenden Entwicklungen und Aufgaben:

  • Die Transformation von der alten in die neue Arbeitswelt. Denn niemand weiß vorher, wie diese Reise verläuft und wo sie genau hinführt
  • Abbau starrer Hierarchien hin zu einer dynamischen Führung, bei der dauerhaft zwischen Führen und Folgen gependelt wird
  • Agil unter Unsicherheit entscheiden
  • Bewältigung der steigenden Komplexität neuer Arbeitsformen und -kulturen
  • Digital beschleunigte Kommunikation meistern
  • Und bei all dem darauf achten, sich nicht selbst auszubeuten und gesund zu bleiben

Für mein Dafürhalten sind das nicht gerade kleine Herausforderungen, bei denen ziemlich viel daneben gehen kann, wenn wir nicht achtsam sind, sondern hoppla hopp aktionistisch (re)agieren. Einen besonderen Stellenwert hat dabei die Aufgabe von allen Mitarbeitenden, im Rahmen einer Transformation gut auf sich selbst zu achten. Denn zu der oftmals ohnehin steigenden Arbeitsbelastung (Stichwort Arbeitsverdichtung) kommt dann auch noch die zusätzliche Arbeit durch den intensiven Veränderungsprozess. Das kann ganz schnell zu Burnout oder zumindest in dessen Nähe führen. Und selbst wenn es keinen fordernden Veränderungsprozess gibt, kommt es gerade dann leicht zur Selbstausbeutung, wenn die Arbeit doch soviel Spaß macht und man und frau soviel selbst bestimmen kann (Vgl. dazu den Beitrag New Work – die schöne neue Arbeitswelt. Selbstausbeutung unter dem Deckmantel der Freiheit? von Inga Ketels).

New Work: Achtsamkeit statt automatisiertem Arbeitsvollzug!

Über die oben erwähnten Punkte hinaus geht es aber um noch mehr. Denn New Work ist aus meiner Sicht auch hinsichtlich der nötigen Achtsamkeit ein deutlicher Gegenentwurf zur Old Work. Da wo früher qua der formal-fixierten Hierarchien und Stellenbesetzungen vieles auch hinsichtlich der Erwerbsbiografien automatisch ablief, da wird es in der neuen Arbeitswelt durch andere Mechanismen wie Sinnkopplung dringend nötig, selber immer wieder zu erspüren, ob ich das, was ich nun gerade leiste, im besten Bergmann’schen Sinn auch wirklich wirklich will. Kurz und knapp:

Wer sinnvoll leisten will, was er oder sie wirklich wirklich will, braucht ein gerütteltes Maß an Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist dann der Gegenentwurf zum allmorgendlichen automatisierten Aufstehen und standardisierten Vollzug der Arbeit. Wenn ich indes nicht roboterhaft sondern sinnvoll arbeiten will, bin ich gezwungen, mich in meiner Arbeit immer wieder zu reflektieren: Ist das, was ich hier mache, das, was ich auf Dauer wirklich wirklich will? Handelt es sich gerade nur um einen kurzfristigen Durchhänger, weil ich gerade persönlich von etwas ganz anderem frustriert bin, oder weil mir gerade nur ein Kollege oder Kunde auf den Senkel geht? Oder ist es eben doch etwas Grundlegenderes, was für mich nicht mehr stimmig ist? Letztlich geht es darum, am nächsten Morgen nicht zur Arbeit zu kommen, weil es ein automatisiertes Programm ist, sondern weil ich es will.

Im nächsten Beitrag gibt es eine Zusammenfassung einer aktuellen Interviewstudie zur Untersuchung von Achtsamkeit und der Auswirkungen im Kontext New Work von Lisa Prause, einer unserer neuen Gastautor*innen. In einem weiteren Beitrag stelle ich dann noch verschiedene Möglichkeiten vor, wie Achtsamkeit konkret trainiert und zunehmend verfeinert werden kann. Erfreulicherweise gibt es heute mehr Möglichkeiten, als noch vor 20 Jahren, wobei natürlich die grundlegenden Mechanismen unverändert bleiben – aber dazu später mehr.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: pixabay: NeuPaddy, CC0, freier Download
  • Buddha meditiert: Bernd Gagnon, CC BY-SA 3.0
  • Terminatorskelett: Thomas Johnson, CC BY-SA 2.0
4 Kommentare
  1. Alex Stöckli
    Alex Stöckli sagte:

    Sehr gut gelungener Artikel. Am Interessantesten fand ich den Abschnitt über interessierte Selbstgefährdung. Also die eigentlich paradoxe Situation, dass intrinsisch motivierte Menschen (psychisch) am meisten gefährdet sind. Das ist tatsächlich die Rückseite der Medaille, wenn der Antreiber (Chef) verinnerlicht wird.

    Ich habe deinen Artikel in einem Blogpost kurz besprochen und verlinkt: https://well-working.blogspot.com/2019/03/5-mal-achtsamkeit-im-unternehmen.html

    Antworten
  2. Christine
    Christine sagte:

    Lieber Andreas,
    Du hast – in bewährter Weise, wieder einmal – ein weites Feld beeindruckend übersichtlich zusammengefasst und plausibel dessen Relevanz aufgezeigt. Herzlichen Dank dafür! Viele Grüße, gerade von den Lindauer Psychotherapiewochen zum Thema „Schöne digitale Welt“ nach einem erfrischend – aufrüttelnden Vortrag von Vivian Frick vom iwö Berlin!
    Christine

    Antworten
  3. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Liebe Christine,

    vielen Dank für die Blumen, das freut mich sehr. Zumal ich eher das Gefühl hatte, über das Sujet hinwegzuhuddeln…

    Zur „schönen digitalen Welt“ – oh je, ich lese gerade den „Überwachungskapitalismus“ von Shoshanna Zuboff. Google, Facebook und Co. sind ein Frontalangriff, ein Sperr- und Dauerfeuer gegen unsere Achtsamkeit und das sensible Horchen in und auf uns selbst; das angebliche „Ende der Privatheit“ wäre das Ende des Mensch-Seins, wie wir und unsere Generation es noch kennenlernen durfte und konnte. Unsere Kinder, unsere neuen Generationen, kennen diese Privatheit schon fast nicht mehr. Wie soll da Achtsamkeit gelingen?

    Herzliche Grüße, Andreas

    Antworten

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