Partizipation – Die zweite Seite einer Medaille. Teil 1

Was verstehen wir unter Partizipation? Ein Begriff, der in vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen eine große Rolle spielt. Ein Phänomen, das in jeder Organisation, in jeder Gruppe/Team, in jeder Beziehung die Substanz der jeweiligen Kultur ausmacht. Die Kultur-Wissenschaft nennt sie Solidarität. Der Artikel „Was ist Partizipation?“ zeigt eine Seite der Medaille auf, die Außenseite.  Die andere Seite der Medaille ist die Innenseite. Wir können dem Menschen alle äußerlichen Freiheiten geben und er würde sie vielleicht doch nicht nutzen können. Denn die Freiheit, die er zudem benötigt, ist die Freiheit im Bewusstsein, die Reife der „Integrierten Stufe“.

Ok, ok. Jetzt mal langsam. Wie ist das hier gemeint? Der Mensch ist gefangen im Bewusstsein? Ist das nicht ein wenig esoterisch?  Nein, ganz und gar nicht. Das Thema befindet sich klar im Rahmen der Wissenschaften und ist sogar ziemlich komplex. Und es ist entscheidend für unser kollektives Zusammensein. Da es aber nicht allgemein verbreitet ist, werde ich in diesem Artikel meinen bescheidenen Beitrag zur Aufklärung leisten. Dabei werde ich es Stück für Stück aufrollen und es aus seinem gut verpackten Zustand entfalten.

Indizien aus der Geschichte

Wenn wir Partizipation untersuchen wollen, können wir auch einen Blick in die Geschichte werfen, zu einer Zeit, in der Partizipation das erste Mal in der frühesten Demokratie der Menschheit gefragt war. Eine Grundlage für die Demokratie bestand in den inspirierenden Handlungen Solons. Er erhielt als Amtsführer den Auftrag, die Konflikte zwischen Bauern und Adligen zu lösen. Solon musste beobachten, dass die Freiheit zur Beteiligung an einem demokratischen Prozess nicht ausreichte, dies auch zu tun. So wurde er zum ersten dokumentierten Menschen, der die Bekanntschaft mit der Gefangenschaft im Bewusstsein machte und bemühte sich daher, der Masse ein selbstbestimmendes Bewusstsein einzuhauchen.

Diese Athenische Entwicklungsgeschichte der Demokratie fand jedoch ohne eine große Revolution statt, im Gegensatz zu vielen anderen demokratischen Entstehungsgeschichten in Europa. Prägten doch die meisten Umwälzungen von einer Monarchie in eine Demokratie das Bild, dass solch eine Entwicklung nur mit einer Revolution stattfinden konnte. Vielleicht diente aber auch die britische Entwicklung im 17. Jahrhundert als Vorreiter für alle weiteren demokratischen Entwicklungen in Europa. So begann es in Großbritannien mit einem Bürgerkrieg und der Enthauptung des britischen Monarchen (vgl. Bleicken 1995: S. 133). Vielleicht half es auch, einen Strich unter die Angelegenheit zu ziehen, um nicht wieder in die Versuchung zu geraten, in eine Monarchie zu rutschen. Dietrich Schwanitz stellte hierzu eine signifikante Beobachtung in den Raum, die meiner Meinung nach einen wesentlichen Teil der Lehren der Europäischen Geschichte bzgl. der Entwicklung von Demokratien ausmacht. D. Schwanitz schreibt:

„Revolutionen brechen nicht dann aus, wenn es den Leuten am schlechtesten geht, sondern dann, wenn sie glauben, nur wenig trenne sie davon, dass es ihnen besser geht, wenn eine Stimmung aufkommt, dass etwas faul ist, dass die Regierten die Nase voll haben und die Regierenden ihre eigene Ideologie nicht mehr glauben, und wenn man einen Haken findet, an dem sich die Revolte aufhängen lässt.“ (vgl. Schwanitz, 1999: S.154)

So kann man auch erkennen, dass der Drang nach Mitbestimmung dann aufsteigt, wenn der Mensch mit der Funktionsweise des bestehenden Systems unzufrieden ist, er demnach ein Bewusstsein für „Outside the Box“ erreicht hat.

Die psychologische Innenwelt

Nun betreten wir die Innenwelt des Menschen. Um mich darin nicht zu verlieren, suchte ich zunächst eine Orientierung, einen Kompass, der mir eine Orientierung in den Wissenschaften der menschlichen Psychologie als solches gibt. Hierfür stieß ich auf den Begriff der Autonomie. Dieser wird sich später auch noch zeigen und ist ein guter Marker für die reife Bewusstseinsstufe “Integral”. Und siehe da, der Begriff selbst entschlüsselte für mich schon wichtige Informationen, wie das häufig geschieht, wenn wir auf die Wortherkunft schauen.

„Als Autonomie (altgriechisch αὐτονομία autonomía ‚Eigengesetzlichkeit‘, ‚Selbstständigkeit‘, aus αὐτός autós ‚selbst‘ und νόμος nómos ‚Gesetz‘) bezeichnet man den Zustand der Selbstbestimmung, Unabhängigkeit (Souveränität), Selbstverwaltung oder Entscheidungs- bzw. Handlungsfreiheit. Ihr Gegenteil ist die Heteronomie.“ Aus <https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomie>

Mit diesem Fokus auf die Eigengesetzlichkeit und Selbstbestimmung stieß ich auf Auseinandersetzungen im Rahmen der “Selbstbestimmungstheorie”, der “Entwicklungspsychologie”, der “Psychoanalyse” und der “Integralen Theorie von Allem”.

Selbstbestimmungstheorie

„Die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) bildet einen breiten Rahmen für das Studium der Motivation und Persönlichkeit des Menschen. SDT artikuliert eine Metatheorie für die Gestaltung von Motivations-Studien, eine formale Theorie, die intrinsische und vielfältige extrinsische Motivationsquellen definiert, und beschreibt die jeweiligen Rollen intrinsischer und extrinsischer Motivations-Typen in der kognitiven und sozialen Entwicklung sowie in den individuellen Unterschieden. “ Aus <http://selfdeterminationtheory.org/theory/>

Die Auseinandersetzung der Selbstbestimmungstheorie zeigt unter anderem gut auf, wie Mensch in einem sozialen Kontext regelrecht konditioniert werden kann, zu einem Ausmaß, dass Mensch sich mit einer Persona identifiziert, die er jedoch im tiefen Kern nicht ist. Dabei lädt die SDT uns dazu ein, mit scharfem Blick darauf zu schauen, wie dieser Weg der Identifizierung mit einer von außen antrainierten Persona funktioniert.

Ryan und Deci unterscheiden hierbei vier Stufen der Entwicklung bzgl. der Motivation im Menschen. Die Folgende Tabelle beschreibt diese Entwicklung:

Abb. 1 – SDT Autonomie-Dimension der Motivation

Aus <https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstbestimmungstheorie#Motivation_und_Autonomiegrad>

Wir können also ablesen, wie sich die Innenwelt eines Menschen bzgl. des Autonomiegrades darstellt. Um sich den Verlauf der Entwicklung von extern bis integriert besser zu verdeutlichen, will ich an dieser Stelle ein Beispiel anführen.

Versetzen wir uns in die Lage einer Programmiererin eines Online-Spiele-Herstellers.

  • ExternFrisch aus dem Studium widmet sie sich ihren Aufgaben, in erster Linie angetrieben durch ihr üppiges Gehalt und ihre Sonder-Boni bei besonderen Projekten.
  • IntrojiziertMit der Zeit freut oder ärgert sie sich auch über ihre Erfolge und Misserfolge als solches, verstärkt durch den sozialen Abgleich der neu gewonnen wohligen Verbindungen zu einigen Kollegen. Sie empfindet ab jetzt ein Pflichtgefühl, das noch nicht mit Eigenverantwortung zu vergleichen ist. Diese Zeit entspricht demnach einer introjizierten Motivation.
  • IdentifiziertIm Laufe der Zeit könnte es sein, dass sie beginnt, sich mit den Aufgaben der Arbeit zu identifizieren. Allmählich entsteht eine Identität der Programmiererin, mit der Arbeits-Motivation, sich genau dieser Identität anzuschließen.
  • IntegriertWenn sich im weiteren Verlauf Anteile ihres Selbstbildes zum Assimilieren anbieten, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese neue Identität integriert.

Nach dem Verständnis der SDT sollten wir diesen Zustand kritisch hinterfragen. Denn “Integriert” hört sich zunächst sehr organisch an. Betrachten wir jedoch die Historie, wie der Weg der Integration begonnen hat, so fällt auf, dass der Beginn nicht intrinsisch gewählt wurde. Es ist, als würden wir uns an den Umstand gewöhnen. Wie weit wir unseren Kern verlassen haben, fällt uns dabei nicht auf. Demnach können wir hier schon erkennen, wie subtil das Thema Motivation-Autonom-Intrinsisch ist. In den SDT-Untersuchungen finden wir die Aussagen:

„Die Integration weicht jedoch immer noch von der intrinsischen Motivation ab. Integration fällt immer noch mit einem instrumentellen Ergebnis zusammen und ist daher von Natur aus nicht interessant, befriedigend, erfreulich oder erfüllend. Nach dieser Konzeptualisierung, die als organismische Integrationstheorie bezeichnet wird, kann der Mensch selbst dann ein Gefühl der Autonomie erfahren, wenn Verhalten außerhalb des Systems belohnt wird. Die Unterscheidung zwischen autonomer und kontrollierter Motivation erschien daher wichtiger als die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation.“ Aus <https://www.sicotests.com/psyarticle.asp?id=440>

Auffällig hierbei ist der Einfluss der Sozialisation, des kulturellen Rahmens. Forscher wie Michel Foucault widmeten sich gerade diesen Auswirkungen der Kultur auf das Individuum. Eines seiner Zitate verdeutlicht das:

„Macht ist ein produktives Prinzip in der Gesellschaft. Sie bringt Wissen hervor, erschafft durch ihre Kontrolle das Individuum und ganze Institutionen und Techniken.“ Referenz: https://beruhmte-zitate.de/autoren/michel-foucault/  

Diesen kulturellen Einfluss sollten wir uns merken, für einen späteren Teil in meinen Beitrag hier.

Fazit Selbstbestimmungstheorie

Was bedeutet das nun für unser Thema Partizipation? Wir können mit Hilfe der SDT erkennen, wie subtil Mensch konditioniert wird. Das bedeutet, wenn Mensch sich mit einem „Angestellten-Bewusstsein“ identifiziert hat, braucht es eine besondere Zeit der Entwicklung, aus dieser Identifizierung hinauszuwachsen, da das Auflösen der Fehl-Identifizierung sich anfühlen wird wie die Aufgabe eines echten Teils des Selbst. Das gleiche gilt auch für das „Vorgesetzten-Bewusstsein“. Als Angestellter oder als Vorgesetzter identifiziere ich mich jedoch mit Eigenschaften, die für eine autonome Partizipation in einem demokratischen Unternehmen ungeeignet sind. Entweder will ich nicht MIT-bestimmen oder nur bestimmen.

SDT und Entwicklungspsychologie

Weiter Studien zeigen auf, dass Mensch in drei Orientierungsarten unterschieden werden können:

„Die Autonomie-Orientierung”

  • Der Mensch besitzt einen klaren Zugang zu seinem Wesenskern und fühlt sich von Ereignissen in der Umwelt intrinsisch motiviert, wenn sie diesen Kern berühren und optimal herausfordernd sind.
  • Die Selbstinitiierung folgt aus der eigenen kontemplativen Beurteilung der Angebote und zielt auf das eigene innere Wachstum.

“Die kontrollierte Orientierung”

Der Mensch orientiert sich in seiner Motivation an externen Anreizen, die nicht das innere Wachstum beabsichtigen, sondern ihn von Außen antreiben. Darunter fallen Anreize wie Belohnung, Bestrafung, angeordnete Lieferfristen oder andere Kontrollmechanismen.

“Die unpersönliche Orientierung”

  • Der Mensch orientiert sich an seinen Kompetenzen, die er für unwesentlich hält. Er identifiziert sich mit einer Persönlichkeit, die keinen Gestaltungsspielraum hat. Alles, was er erreicht, hängt vom Glück oder Schicksal ab, sprich, er wird unpersönlich kontrolliert.
  • Ihm ist es lieber, die Dinge bleiben stets, wie sie sind.

Vergl. <http://selfdeterminationtheory.org/general-causality-orientations-scale/>

Diese drei Orientierungstypen lassen sich auch aus den Perspektiven der Entwicklungspsychologie ablesen, die ich im nächsten Beitrag aufzeigen werde.

 

Herzliche Grüße

René

 

 

Quellen

  • Bleicken, Jochen (1995): Die athenische Demokratie, Auflage 4, Stuttgart, UTB

 

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