Partizipation und die Evolution von Organisationen

Seit einiger Zeit sorgt das Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux für Aufmerksamkeit, da es eine neuartige Sichtweise bzgl. der Evolution von Organisationen verspricht. Gleichzeitig bereitet es mir aber auch etwas Unbehagen, da es teilweise quasi-religiöse Züge trägt und mir als Atheist sprachlich den Zugang zu gewissen Ableitungen erschwert.

Doch der Reihe nach.

Evolution von Organisationen

Laloux hat auf der Basis der Forschungsergebnisse von Clare Graves und zum Teil auch von Ken Wilber eine Theorie zur Evolution von Organisationen entwickelt. Diese erstreckt sich über einen Zeitraum von ca. 100.000 Jahren. In dieser Zeitspanne verortet er sieben wesentliche Entwicklungsstufen, welche eine exponential zunehmende organisatorische Komplexität aufweisen, aber deswegen auch mit einer entsprechenden dynamischen Komplexität umgehen können. Hierbei benutzt der Autor ein Farbsystem, um die jeweiligen Stufen zu bezeichnen (welches leider frappierend an die Gliederung der Spiral Dynamics erinnert – hierzu später mehr).

Die vorgestellten Stufen und deren jeweilige Durchbrüche und Innovationen erscheinen hierbei durchaus schlüssig und erlauben eine praxistaugliche (Haupt-)Einordnung eines bestehenden Unternehmens. Klugerweise besteht Laloux darauf, dass man nicht dem Irrtum unterliegen sollte, dass ein Unternehmen immer einer „Farbe“ zugehörig sei, und das es stets den Kontext zu differenzieren gilt, in dem ein bestimmtes Verhalten (bzw. die entsprechende Metapher) zu Tage tritt.

Zum Einstieg hier eine Übersicht über das Stufenmodell:

  1. Stufe, Sippe, keine Organisation
  2. Stufe, „Magisches Erwachen“, Clan, immer noch keine Organisation
  3. Metapher: Wolfsrudel
  4. Metapher: Armee
  5. Metapher: Maschine
  6. Metapher: Familie
  7. Metapher: ?

 

Ich habe auf Basis seines Buchs diese Grafiken verdichtet, um die wesentlichen Eigenschaften der Stufen darzustellen.

Im Zusammenhang mit der letzten Stufe schreibt Laloux über eine neue Metapher und beschreibt das Verständnis von Organisationen als lebendige Organismen. An dieser Stelle sei mir der Einschub gestattet, dass ich beim Lesen selbiger Stelle laut los lachen musste, ist diese Erkenntnis doch schon wirklich alt und lässt sich bis in die 1930er Jahre zurück verfolgen (Coases, Nature of the Firm, 1937). Seit 1959 gibt es das von Stafford Beers entwickelte Viable System Model (Modell für lebensfähige System), welches präzise all die Bestandteile und Wirkgefüge beschreibt, nach denen Organisationen heutzutage streben.

Die Vorteile einer lebensfähigen Organisation

  • Komplexität wird bewältigt(barer), in dem die Intelligenz der Organisation erschlossen wird.
  • Funktionale Hierarchie & lebensnotwendige Selbstorganisation werden ins Gleichgewicht gebracht.
  • Logische (sinnkoppelnde) Verbindung von Struktur und Prozess
  • Die Potenzialentwicklung der gesamten Organisation wird gefördert und die Lernfähigkeit erhöht (Agilität).
  • Die Informationsarchitektur des VSM erlaubt die Entwicklung einer hohen Anpassungsfähigkeit an ein dynamisches Umfeld (Adaptivität & Innovation), Change-Prozesse sind daher obsolet.
  • Der innere Zusammenhalt wird gestärkt, die Regenerationszeit verbessert (Resilienz).

Daraus geht hoffentlich deutlich hervor, warum mich diese Darstellung so sehr reizt – ergänzt sie doch die von Unternehmensdemokraten wahrgenommene gestiegene Nachfrage nach sinnkoppelnder Arbeit und der Suche des Einzelnen nach Bedeutung in diesen immer komplexeren Zeiten. Es sei mir vorab der Einschub erlaubt, dass diese  Nachfrage keinen Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit darstellt – ein oft gehörtes Argument, welches leider die Faktenlage bzgl. der UD ausblendet. Doch zurück zu Lalouxs Darstellung, denn ich sah folgendes Muster und unterteilte die Stufen von Laloux auf einer weiteren Meta-Ebene:

Metaebene der Evolution von Organisationen nach Frederic Laloux/Mark Lambertz

Zusammengefasst: Auf der Y-Achse ist die Fähigkeit zur Absorption von Komplexität abgebildet und erfasst damit die Möglichkeit zur effizienten Steuerung und Kontrolle eines lebensfähigen  Systems („mit dem geringsten Schaden für Menschen und Kosten“). Es erhöht, frei nach Heinz von Foerster, die Wahlmöglichkeiten für die gesamte Organisaiton, wenn ein gemeinsames – bedeutsames – Hauptziel existiert.  Somit erschien es mir logisch in der „Smaragd“-Phase die UD zu verorten. Für mich als Management Kybernetiker erscheinen die Thesen von Laloux als kongeniale Ergänzung zu meinem Umfeld der Intelligenten Organisation. Blöderweise ist es aber nicht so einfach, wie es den Anschein hat.

Die Sache mit dem Geschmäckle

Leider gibt es einen Haupt- und einen Nebenaspekt, welcher aus meiner Sicht jeweils eine negative Konnotation mit sich bringt. Zum einen ist da zunächst die juristische Auseinandersetzung um den Nachlass von Clare Graves zu nennen. Etwas vereinfacht ausgedrückt sieht es so aus, als wäre es auch weiterhin für unabhängige Forscher nicht möglich die Unterlagen von Graves zu beurteilen. Die Rechte an einem großen Teil des Nachlasses werden von Dr. Don Beck hartnäckig verteidigt, sodass sich der Eindruck aufdrängt, dass die Datenlage vielleicht doch nicht so eindeutig ist, wie Beck es gerne hätte. Immerhin ist er der Rechteinhaber und hat das Spiral Dynamics (Geschäfts-)Modell entwickelt. Hinzu kommt, dass in Spiral Dynamics (SD) Kreisen Kritik am Stufenmodell gerne damit begründet wird, dass man halt dann eine bestimmte Stufe noch nicht erklommen hätte und daher das Modell nicht verstehen könne.

Das ist eine holzschnittartige Logik, die eher an religiöse Organisationen erinnert und sich aus der Wissenschaft nur die Erkenntnisse zu eigen macht, welche ins eigene Weltbild passen. Critical Thinking scheint nicht erwünscht zu sein. Hierzu wird Andreas noch später einen Blogpost schreiben. 😉

Der eher kleinere Nebenaspekt betrifft die biografische Herkunft von Frederic Laloux. Er war Associate Partner bei McKinsey und hat einen klassischen MBA – und plötzlich hat er die Kraft der sinnkoppelnden Arbeit entdeckt und propagiert sinngetriebene Selbstorganisation. Da schmunzelt der Unternehmensdemokrat und schweigt …

Denn es ist ja schön, wenn immer mehr Menschen verstehen das verantwortungsvolles wirtschaftliches Handeln und unternehmerischer Erfolg keine Gegensätze sind die sich abstoßen, sondern ganz im Gegenteil einander beflügeln können.

Hierzu gibt es im Buch eine große Menge an Anregungen und Mustern zu entdecken, die Laloux als Fallbeispiele ins Buch aufgenommen hat. Daher: klare Kaufempfehlung!

 

Bildnachweis

Beitragsbild und alle weiteren Grafiken: Mark Lambertz

7 Kommentare
  1. Andreas Schiel
    Andreas Schiel sagte:

    Lieber Mark,
    vielen Dank für den Beitrag und Deine Einschätzungen zu dem Buch von Laloux! Nachdem ich sein Buch gelesen hatte, hatte ich dasselbe ambivalente Empfinden: Viele kluge Einschätzungen und faszinierende Praxisstudien – aber warum dieser esoterische Ansatz?
    Dann habe ich Laloux bei einer Veranstaltung in Berlin erlebt und fand ihn sehr angenehm und für rationale Diskussionen jeder Form offen. Er wirkt, finde ich, absolut ehrlich überzeugt von seinem Ansatz. Vielleicht ist es die esoterische, etwas mehr auf einen emotionalen Zugang setzende Herangehensweise, die einer wie er brauchte, um das eher gefühllose McKinsey-Denken zu überwinden. Und so ein Ansatz spricht sicher auch nochmal ein ganz anderes Publikum an als z.B. Dein Buch über das VSM.
    Deine Überlegungen gehen ja ohnehin schon dahin, aber ich würde das noch mehr betonen: Das sind unterschiedliche Zugänge zu einer Materie – und über welchen Zugang man da hin findet ist ja letzten Endes egal. Das passt auch gut zur Diskussion von Conny Dethloff und Andreas Zeuch hier auf dem Blog in der letzten Woche: Der Begriff Unternehmensdemokratie provoziert, aber sorgt auch für viel Aufmerksamkeit und Diskussion, während Selbstorganisation weniger kontrovers klingt und so vielleicht eher ergebnisoffenere und konfliktärmere Diskussionen erlaubt. Und das Buch von Laloux ist vielleicht gut für alle, die bei Kybernetik und Systemtheorie nur an Technik denken und sofort abschalten.

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    • Mark Lambertz
      Mark Lambertz sagte:

      Hi Andreas,
      Dank‘ Dir für den persönlichen Eindruck! Mir gingen, sehr vereinfacht Formulierungen wie „die Menschen machen jetzt mehr Yoga“ auf den Senkel. Ich fand das unterkomplex und unterscheide noch mal zwischen Emotionalität, Spiritualität und Esoterik. Was wiederum zu Deinen Hinweisen bzgl. des Gebrauchs von Sprache und den Dialog von Andreas und Conny passt. Und sicher: Alleine der Begriff ‚Kybernetik‘ schreckt nicht wenige ab und viele Wege führen nach Rom. Ich finde es nur wichtig nach Ankunft in der ewigen Stadt auch für diese eine Karte zu haben 🙂

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      • Andreas Schiel
        Andreas Schiel sagte:

        Also, mit Yoga kann ich ganz persönlich auch nicht viel anfangen, aber ich kenne Leute, die das sehr ernsthaft betreiben und eher als Wissenschaft auslegen denn als Entspannungsmethode. Aber ich verstehe, was Du meinst.
        Auf die Themen Emotionalität, Spiritualität etc. komme ich wahrscheinlich demnächst auf meinem Blog zurück, wenn es um ‚Resonanz‘ geht. Dafür lese ich gerade ein sehr spannendes Buch, das den heute so oft erhobenen Anspruch von ‚Ganzheitlichkeit‘ auf einer ziemlich rationalen Basis ausformuliert. Dann können wir uns ja nochmal wi(e)dersprechen 😉

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  2. Andreas Zeuch
    Andreas Zeuch sagte:

    Lieber Mark,

    ich poste den folgenden Kommentar, weil Joachim den Kommentar selber nicht absenden konnte:

    Spannende Diskussion und Auseinander-Setzung :-), allerdings sind die Beiden ja (thematisch) nicht wirklich viel auseinander, oder? Spannend finde ich noch folgenden Aspekt: Es geht immer wieder um „die Verhältnisse“ , in denen (Angeblich) manches/vieles nicht möglich sein soll, oder dass Menschen in manchen Berufen sowieso benachteiligt sind oder nicht alle Möglichkeiten haben.
    Mein Gedanke/Ansatz/Behauptung hier nur ganz kurz – bei Bedarf gerne länger im persönlichen Austausch (on- oder offline): Es geht in den meisten Fälle viel mehr um die PERSPEKTIVE und die SICHTWEISE, die ein Mensch zu einem bestimmten Thema ein-nimmt. Und diese kann ich JEDERZEIT beeinflussen, habe vollen, eigenständigen ZUGRIFF darauf. Beste Grüße vom ganzheitlichen StimmWirkungsCoach Joachim Beyer-Wagenbach

    Freundliche Grüße
    Joachim Beyer-Wagenbach

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