Rituale. Tot oder lebendig und warum wir sie brauchen.

Rituale: Erst mal Dir und Euch allen, liebe Leser*innen, alles Gute fürs neue Jahr. Mögen Eure Wünsche in Erfüllung gehen und ihr gesund bleiben oder werden.

Die letzten Wochen waren wieder eine Zeit zweier großer, kulturell verankerter Rituale: Weihnachten und Silvester. Ich bin dabei prinzipiell ein großer Freund lebendiger Rituale (was das heißen könnte, versuche ich unter anderem in diesem Beitrag zu erkunden) – und kann tote Rituale herzlich wenig leiden. Das wurde mir dieses Jahr zu Silvester einmal mehr bewusst…

Tote Rituale #1: Silvester

… will heißen: So ab ca. 19 Uhr begann in Berlin eine Böllerei, so dass man und frau meinen konnte, die eigene Uhr würde falsch gehen (abgesehen von der latent bürgerkriegsartigen Atmosphäre). Die ursprüngliche Idee, das alte Jahr mit der Böllerei und Feuerwerk zu verabschieden und damit gleichzeitig das neue zu begrüßen, wurde komplett ad absurdum geführt. Der Jahreswechsel fand, wenn man dem unsäglichen Gelärme folgt, über rund 4-5 Stunden statt, eine physikalisch höchst interessante Dehnung von Zeit, da sprang kein Zeiger von 23:59 auf 00:00 um.

Zudem sollen ehedem, vor langer Zeit, mit der Lärmerei naheliegenderweise alle möglichen bösen Geister vertrieben werden. Ein Brauch, der insbesondere in unserer post-postmodernen Zeit wirklich glaubwürdig ist. Ich bin mir sicher, dass vielleicht nicht alle, aber bestimmt ganz viele der Böllerfans an böse Geister glauben, die sie kraftvoll mit viel Schwarzpulver vertreiben wollen. Mit anderen Worten:

Von der ursprünglichen Idee ist damit so ziemlich rein gar nichts mehr übrig geblieben. Es wird halt gemacht. Weil „man“ das so macht – und da ist sie wieder, die Uneigentlichkeit, über die Heidegger so anregend philosphierte. Es gibt keinen wirklichen, authentischen Bezug mehr zu diesem Ritual. Es wird zum Anlass einer Handlung, die das eigentliche Ritual immer weiter aushöhlt und unter einem Berg von Banalitäten begräbt („Boah, geiler Knall!“).

Tote Rituale #2: Weihnachten

Wenn wir noch ein paar Tage weiter zurückblicken, wird die Welt der Rituale leider nicht lebendiger. Ist jedenfalls mein Eindruck, zumindest im Allgemeinen. Wer genau glaubt eigentlich noch an die jungfräuliche Geburt Christi? Wer von all denen, die Weihnachten feiern, ist überhaupt noch in der Kirche (ich nicht)? Wer pflegt eine lebendige christliche Religiösität oder Spiritualität? Natürlich nicht niemand. Umgekehrt wohl kaum alle oder auch nur der größte Teil derer, die einen Tannenbaum in die Wohnung schleppen, ihn mehr oder minder geschmackvoll schmücken, um dann einen Berg Geschenke darunter zu platzieren.

So wie so ziemlich alles wurde auch dieses Ritual äußerst effizient durch kapitalistische Mechanismen assimiliert. Die Vorbereitungen beginnen gefühlt immer früher, wenn die ersten Schokonikoläuse (oder -lause??) feilgeboten werden und potthässliche Weihnachtsterne mit stilisiertem Kometenschweif die meisten Fußgängerzonen ästhetisch vergewaltigen und gleichschalten. Für B2C Unternehmen ist die Weihnachtszeit fast überall die wichtigste Zeit mit den größten Umsätzen. Und dazu müssen die Endkunden, also Du und ich, kaufen. Aber was?

Damit sind wir bei der nächsten Groteske, denn die Zeit der „Besinnlichkeit“ bedeutet im Vorfeld erst mal häufig eine Menge Stress. Neben den letzten Arbeitstagen, die für viele schon eine Arbeitsverdichtung vor den Ferien darstellen, muss dann noch überlegt werden, was man wem schenken könnte, wer sich was gewünscht hat und wo man das gemessen an seiner individuellen Wertewelt am besten einkauft. Und wenn es das eine oder andere nicht gibt, oder man Tante Erna oder Tschakkeline oder sonst wen vergessen hat, dann beginnt hektischer Aktionismus, um doch noch die letzten Geschenke zu erwerben. Das ist essentiell, denn ansonsten droht ein veritabler Streit unterm dem Weihnachtsbaum, den die meisten wohl kaum absichtlich herbeisehnen (Wie schon Hazel Brugger meint: „Ich wünschte mir zu Weihnachten nur Harmonie und als ich sie nicht bekam, hatte ich einen Schreianfall.“)

Beide kulturell geprägten Großrituale sind mit Sicherheit nicht in allen aber in vielen Fällen ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und verlieren sich irgendwo zwischen völliger Beliebigkeit und Perversion, sprich: Der Verkehrung ins Gegenteil (Stress statt Besinnlichkeit, Streit statt Liebe…). Kurz: Für mich persönlich sind sie tot. Was nicht heißt, dass sie im Einzelfall eine überaus lebendige Resonanz beim einen oder der anderen auslösen. Und wo das so ist, zoll ich vollen Respekt. Aber ich glaube kaum, dass dies bei den meisten Menschen so ist. Damit kommen wir zur Frage, was denn eigentlich lebendige Rituale sind?

Lebendige Rituale

Das Ritual des Hakas in einem anderen, nicht traditionellen Kontext der All Blacks

Für mich gibt es lebendige und tote Rituale ebenso, wie lebendige und tote Metaphern – und damit lehne ich mich auch an etwas Metapherntheorie an. Der amerikanische Linguist George Lakoff und sein Landsmann Mark Johnson, Professor in der philosophische Fakultät der Universität Oregon, unterschieden in ihrem Werk Metaphors we live by unter anderem lebende von toten Metaphern. Sehr verkürzt gesagt besteht der Unterschied darin, dass die toten Metaphern überhaupt nicht mehr als solche wahrgenommen und automatisiert genutzt werden. Wenn Du Dich jetzt fragst, was eine solche tote Metapher sein könnte, bist Du sicher nicht allein. Wie wär’s zum Beispiel mit dem Tischbein? Schon mal drüber nachgedacht, dass dies eine Metapher ist? Oder die Baumkrone?

Lebendige Metaphern erkennen wir noch als solche und fallen uns teils durch ihren Sprachwitz auf. Besonders lebendige Metaphern sind oft als sprachliches Stilmittel Teil kunstvoller Literatur. Sie verdeutlichen auf lebendige, weil neue, frische und teils überraschende Weise eine besondere Bedeutung von etwas. Vor den Augen der Leser*innen oder Zuhörer*innen entstehen neue innere Bilder, ein kreativer Prozess wird in Gang gesetzt. Oder, so eine andere Funktion von Metaphern, sie verdeutlichen abstrakte Aspekte: Der Zahn der Zeit. Ähnlich verhält es sich meines Erachtens mit Ritualen. Wer denkt denn noch wirklich über die Bedeutung von Weihnachten und Silvester nach? Wer kommt durch diese (toten) Rituale in einen Prozess der Selbsterkenntnis? In welcher Familie spielt Weihnachten eine tiefgreifende spirituelle Rolle? Oder wie steht es um typische kirchliche Hochzeitsfeiern? Ich kenne persönlich Menschen, die dieses Ritual als reine Dienstleistung der Kirche begreifen, auf dass sie nach x Jahren Kirchensteuer ein Anrecht haben. Die Hochzeit in Weiß wird zur bloßen bezahlten Show.

Ein lebendiges Hochzeitsritual kann beispielsweise darin bestehen, dass die Protagonisten ein eigenes Ritual erschaffen und durchführen. Das hatte ich 2006 mit meiner heutigen Exfrau gemeinsam gemacht. Und wir luden vor allem noch unsere Freunde zum Mitwirken ein – und ließen uns selbst überraschen, denn wir legten nur den Rahmen fest und überließen die Details vier Freunden. Heraus kam ein Ritual, das tatsächlich alle Gäste  berührte. Und zwar in einer extremen Spannweite von Lebensentwürfen und -stilen. Dieses Ritual fand ein anarchischer junger Verwandter genauso schön wie die fast steinalte stockkonservative Großmutter. Warum? Weil es authentisch war, echt – und eben lebendig. Und noch etwas ist großartig daran: Meine Exfrau und ich, die wir uns in 2018 trennten, erinnern uns auch heute noch gerne daran und sind gemeinsam stolz darauf. Vielleicht hat dieses selbsterschaffene Ritual sogar dazu geführt, dass wir uns in Würde und Respekt trennen konnten und heute einen ebensolchen Kontakt pflegen. Ohne Gram, Wut und was sonst noch all die Hochzeit-in-Weiß-Fans in ihren Rosenkriegen Jahre später inszenieren.

Dabei ist keineswegs so, dass Rituale immer neu erfunden werden müssen, um lebendig zu sein. Es ist vielmehr die Frage, wie die Teilnehmenden und Ausführenden das Ritual subjektiv erleben. Um bei dem Eingangsbeispiel von Weihnachten zu bleiben: Selbstverständlich gibt es Menschen, die auch dieses recht betagte Ritual mit ihrem eigenen Leben füllen und umgekehrt ihr Leben mit diesem Ritual erfüllen. Genauso kann es mit der klassischen Hochzeit in Weiß sein, wenn dies der authentische Wunsch der beiden Partner ist und keine kulturell und familiär eingeimpfte Standardprozedur: „Das macht man so.“ Wenn die beiden Partner eine lebendige Liebe zu ihrer Vorstellung eines christlichen Gottes spüren, kann auch ein millionenfach durchgeführtes, längst globalisiertes Ritual überaus lebendig sein.

…und warum wir sie brauchen

Wozu denn nun die ganze Laberei über Rituale? Die kritische Reflexion, das Nachdenken? Weil wir Rituale brauchen und selbst in unserer angeblich aufgeklärten Zeit der Digitalen Transformation mit all ihren monsterschlauen Algorithmen eben doch noch regelmäßig wieder Rituale ausüben, im Kleinen (Händeschütteln, Abschiedswinken etc.) wie im Großen (Abiturfeiern, Taufen etc.). Das sich die oben beschriebenen Rituale so hartnäckig halten, obwohl sie einer aufgeklärten Grundlage entbehren (Geister vertreiben, Jungfrauengeburt), zeigt eben: Wir brauchen sie. Aber warum eigentlich? Rituale dienen uns Menschen ganz allgemein in verschiedener Weise:

  • Rhythmisierung zeitlicher und sozialer Abläufe (Taufe, Hochzeit, Beerdigung – Zyklen des Lebens; Begrüßung und Verabschiedung im Alltag…)
  • Halt und Orientierung, indem sie auf vorgefertigte Handlungsabläufe und altbekannte Symbole zurückgreifen (hier zähle ich vor allem religiös oder spirituell geprägte Rituale zu)
  • Vereinfachung und Bewältigung komplexer lebensweltlicher Situationen, indem es durch Wiederholung hochaufgeladene, krisenhafte Ereignisse in routinierte Abläufe überführt (Trauerrituale)
  • Symbolische Auseinandersetzung mit Grundfragen der menschlichen Existenz
  • Ausgrenzung oder Beherrschung „Unwissender“, derjenigen, die nicht dazu gehören (Stammesrituale wie der oben rechts abgebildete Haka – im sublimierten Rugby-„Krieg“)

Diese kleine Liste soll natürlich nicht im Geringsten vollumfänglich sein, sie ist nur ein kurzer Einblick in die Welt der Rituale und Ihrer Funktionen. Es gibt unzählige tradierte und neu erfundene, einzigartige Rituale, von denen viele äußerst unterschiedliche Funktionen haben.

Rituale und Organisationsentwicklung

Vielleicht wird mit dem obigen Überblick deutlich: Gerade in der Transformation von alter Arbeit hin zur Welt neuer Arbeit können Rituale eine wichtige Rolle spielen, so wie im Arbeitsalltag ganz allgemein, egal ob in alter oder neuer Arbeit. Aus meiner Erfahrung heraus kann es beispielsweise nützlich sein, sich zu einem passenden Zeitpunkt der Transformation von alten, mittlerweile dysfunktionalen Glaubenssätzen, Grundannahmen, Verhaltensweisen bis hin zu Objekten der alten Arbeitswelt zu verabschieden. Und zwar mit Würde und Respekt, schließlich war in keinem mir bekannten Fall die Vergangenheit der Old Work ausnahmslos schlecht.

Interessanterweise beobachte ich eine mir nicht zufällig erscheinende Korrelation: Überall dort, wo es kein Abschiedsritual gab – aus welchen Gründen auch immer – kam es im Laufe der nächsten Monate zu mehr emotionalen Problemen und Widerständen in der Belegschaft, als in den Fällen, wo der Übergang aus der einen in die andere Welt bewusst rituell inszeniert wurde.  Da ich dies nicht im Geringsten wissenschaftlich untersucht habe, bleibt es bis auf weiteres nur eine subjektive, unbewiesene Beobachtung. Allerdings eine, die mir eine gewissen Augenscheinvalidität zu haben scheint.

Wenn sich eine Organisation von der alten in die neue Arbeitswelt begibt, ist es sinnvoll, sich auch Gedanken über mögliche neue Rituale zu machen. Die müssen nicht alle von vorn bis hinten vollständig bewusst durchdacht und kreiert worden sein. Aber auch auf dieser Ebene kann ein deutlicher Unterschied zur Old Work markiert werden, einmalig oder in größeren wie kleineren zeitlichen Abständen.

Last not least brauchen Organisationen in der neuen Arbeitswelt auch neue Rituale, weil alte einfach nicht mehr greifen. Wenn es keine 7 oder 10 Hierarchieebenen mehr gibt, fehlen entsprechende Karriereleitern (eine weitere Metapher, übrigens…). Wenn ein Arbeitgeber die übliche Karriereentwicklung (mit den entsprechenden Business-Ritualen) nicht mehr bieten kann, könnte Persönlichkeitsentwicklung statt klassischer Karriere eine Alternative sein (vgl. meinen Beitrag New Work: Persönlichkeitsentwicklung statt Karriere). Und das könnte effektiv durch neue, authentisch selbstbestimmt entwickelte Rituale untermauert und flankiert werden.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: André Karwath, CC BY-SA 2.5
  • Weihnachtsbaum: Malene Thyssen, CC BY-SA 3.0
  • Haka der All Blacks: Sonya & Jason Hills, CC BY-SA 2.5
1 Antwort
  1. Benjamin Klassen
    Benjamin Klassen sagte:

    Hallo Andreas,

    ich wünsche Dir ebenfalls einen guten Start ins neue Jahr. btw gehöre ich zu der (kleinen) Gruppe, für die Weihnachten mehr ist als der Stress auf der Jagd nach Geschenken sowie sich über die Feiertag ein paar Kilo auf die Rippen „zu futtern“. Aber das nur am Rande…

    Der genannte Punkt „Abschiedsritual“ lässt mich gedanklich nicht los, da er beim Lesen Sinn für mich macht. Jedoch komm ich noch nicht ganz dahinter, wie das in Praxis aussehen kann. Ich persönlich erlebe und begleite Veränderungen im beruflichen Kontext bei sogenannten „agilen Transformationen“. Somit sollte mein Augenmerk ebenfalls auf den von Dir genannten Punkt liegen. Magst Du den Aspekt nochmals etwas ausführen?

    Danke im Voraus und Gruss
    Beni

    Antworten

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