Sinnlos über Sinn sinnieren

Am 28. April diesen Jahres erschien ein relativ ausführlicher Artikel über Sinn in der Arbeit im Handelsblatt. Also nicht in einem der alternativen Wirtschaftsmagazine, sondern in einer der deutschen Wirtschaftstraditionszeitungen. Sinn oder Purpose auf Neudeutsch ist im Mainstream als Thema angekommen. Dazu passt ein Interview mit Birger Priddat, Seniorprofessor und Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten/Herdecke, 2018 publiziert in der noch recht jungen alternativen Wirtschaftszeitschrift „Neue Narrative“. Mit Priddat hatte das Magazin einen Gesprächspartner, der den Anschein besonderer intellektueller Schärfe vermittelt, dazu passend total aus der Zeit gefallen und anachronistisch verziert mit einer Fliege. Martin Wiens sprach mit Priddat über Sinn und Wirtschaft. Leider musste ich feststellen: Ein nur bedingt sinnvolles Gespräch zu einem wichtigen Thema.

These über Sinn in der Arbeit

Gleich zu Beginn stellt Priddat eines klar, als er gefragt wird: „Sinn wird zunehmend zu einem relevanten Konzept für Manager. Wie fühlen Sie sich mit der Entwicklung?“ Seine lapidare und damit umso brutalere Antwort: „Man muss ja trennen zwischen dem, was man Managern in der Ausbildung verkaufen will, und der generellen Frage des Sinns, die ja erst mal überhaupt nichts mit Wirtschaft zu tun hat.“ Also ist eines sofort klar: Wirtschaft ist ein sinnloses Unterfangen. Hach, wie ich derartig apodiktische Aussagen liebe! Da saust sofort das argumentative Fallbeil herab und schwupp torkelt die Debatte um die Zukunft und den Sinn von Arbeit kopflos umher.

Höchst interessant, dass der Interviewer mechanisch seine Fragen abarbeitet und erst gar nicht nachfragt: Lieber Herr Priddat, dass sollten Sie uns jetzt aber erklären, warum Sinn „erst mal überhaupt nichts mit Wirtschaft zu tun“ habe? Nichts davon. Also stelle ich die Frage. Blöd nur, dass Herr Priddat jetzt nicht mit mir spricht und ich also alleine vor mich hindenke. Ob was auch immer etwas mit Sinn zu tun hat oder nicht, lässt sich nicht im geringsten Objektivieren. Genau das ist der Witz am Sinn. Er ist und bleibt eine zutiefst persönliche Frage. Genauso wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Diese Frage ist nicht allgemeingültig zu beantworten, deshalb kommt Douglas Adams auch auf die Antwort 42 und Monty Python darauf, immer nett zu den Nachbarn zu sein.

Birger PriddatOb also Wirtschaft etwas mit Sinn zu tun hat oder nicht, ob Wirtschaft für MICH sinnvoll sein sollte, ob ICH die Sinnfrage stelle, ist und bleibt meine Angelegenheit. Ob Du Dir diese Frage stellst, ist Deine Deutungshoheit. Priddat erzeugt also gleich zu Beginn die Schimäre einer objektiven Wirklichkeit. Wirtschaft und Sinn seien völlig unabhängige Sphären, Begriffe, die per se rein gar nichts miteinander zu tun hätten. Schön, dass der honorige Professor mir das klarmacht. Ich habe keine Ahnung wie es Dir geht – aber ich frage sehr wohl, ob und welche Form von Wirtschaft mir sinnvoll erscheint. Für mich ist eine Wirtschaft, die auf dem ewig währenden Wachstumsparadigma aufgebaut ist, total sinnlos. Sie ist ein schlechter Treppenwitz in der Geschichte des Universums, der auf eine denkbar simple Frage keine Antwort findet: Wie soll in einem begrenzten System ewiges Wachstum möglich sein? Und das, lieber Herr Priddat, ist nur eine von einem Haufen weiterer Fragen:

  • Wieso sollten wir das Wertvollste was wir haben – unsere Lebenszeit – nicht ausnahmslos in das investieren, was uns sinnvoll erscheint?
  • Wieso sollten wir nicht fragen, welchen Sinn es hat, vollkommen ineffiziente Hierarchievorgaben einzuhalten?
  • Wieso brauchen wir die fünfhundertste Zahnpasta, jedes Jahr ein neues Smartphone und überhaupt immer mehr?
  • Wieviel ist eigentlich „genug“?
  • Wieso gelten in der Wirtschaft als Teilsystem unserer demokratisch verfassten Gesellschaft (bei allem aktuell immer grauenhafterem Versagen) eigentlich keine demokratischen Regeln?
  • Welchen Zweck haben Unternehmen?
  • … – hier noch ein Haufen weiterer Fragen zur Unternehmensführung

Sinnlos Wirtschaften 

Faszinierend, wie Priddat eiskalt eine völlig sinnlose Wirtschaft beschreibt und keinerlei Konsequenzen daraus zieht: „Ein Lagerarbeiter auf der Niedriglohnebene bei Amazon … buckelt da nur, um die Kohle zu kriegen und dann zu Hause etwas anderes zu machen.“ Die Sache an sich ist damit wohl trefflich beschrieben. Aber das der Lagerarbeiter damit erstens einen Großteil seines Lebens mit einer sinnlosen Tätigkeit verplempert und zweitens innerhalb einer Demokratie autokratisch behandelt wird, hinterfragt der Professor nicht. Das trifft nicht nur den Lagerarbeiter, der demnächst sowieso wegautomatisiert wird, sondern auch haufenweise andere Bullshit Jobs (David Graeber).

Sinnvoll Wirtschaften ist laut Priddat wohl eine Mode

Dann folgt sogleich die nächste Volte zur aktuellen Sinndebatte in der Arbeit: „Der Trend geht zur Work-Life-Balance: Work ist mehr definiert durch Geld, und Life durch Sinn. Da hat sich in den letzten Jahren so eine Verschiebung herbeigeführt.“ Ach guck an. Dass stattdessen immer weniger von Work-Life-Balance als von Work-Life-Blending gesprochen wird, scheint am Professor vorbeigezogen zu sein. Dass mittlerweile sogar in DAX30 Konzernen zunehmend mehr von Purpose geschwätzt wird („Die Frage nach dem Warum: Was unserer Arbeit Bedeutung verleiht„), um sich verlogen an den Zeitgeist anzubiedern und die besten jungen Talente im War for Talents zu gewinnen, muss Priddat wohl auch irgendwie verschlafen haben. Last but not least sind seine oben zitierten Worte ein veritabler Widerspruch zu seiner anfänglichen Aussage bei Beginn des Interviews: „Ach, wissen Sie, das ist wahrscheinlich eine Mode.“ (Wiens 2018, kursiv AZ) Tatsächlich fragt der Interviewer dann allen Ernstes, was Priddat von der Verschiebung halte – aber nicht, wie er auf diese skurrile, realitätsverzerrende Idee kommt, der „Trend gehe zur Work-Life-Balance“ oder wie er diesen Widerspruch aufzulösen gedenke.

Somit ist die Sinnfrage etwas für Wissensarbeiter und all diejenigen, die in der Hackordnung der neuerdings angesagten Work-Life-Balance weit oben stehen. Und die „… Manager, die sich die Sinnfrage radikaler stellen, gehen raus.“ Mag sein. Ich habe keine Ahnung, ob die Aussage einer empirischen Überprüfung standhalten würde, aber selbst wenn, vermisse ich auch hier eine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung oder Einschätzung. Was hätte das für Konsequenzen für die jeweiligen Unternehmen und für unsere Wirtschafts- und Arbeitslandschaft? Wäre dem so, müssten Bullshit Jobs vervielfacht und gleichzeitig in ihrer Sinnlosigkeit zementiert werden. Das wiederum hätte möglicherweise ziemliche Konsequenzen für die Gesundheit der Arbeitnehmer*innen, denn Sinnerleben ist für die eigene psychische und damit auch somatische Gesundheit nicht gänzlich unwichtig, wie schon vor Jahrzehnten Aaron Antonovsky mit seiner Salutogenese darlegte.

Sinn- und Atmosphären-Management

Atmosphären-Management

Atmosphäre – wird demnächst auch gemanaged…

Gegen Ende beginnt Priddat dann noch allen Ernstes von Sinn-Management zu reden. Er verbleibt somit in der alten Tayloristischen Trennung von Denken und Handeln, Planen und Ausführen. Wenn es gelingt, „… Arbeit auf diese Kreativitätspotenziale hin auszurichten“, dann „könne man von Sinn-Management reden“ (a.a.O.) Spätestens jetzt bin ich vollkommen verwirrt und verstehe so ziemlich gar nichts mehr. Was genau soll es bedeuten, „Arbeit auf Kreativitätspotenziale hin auszurichten“? Und wieso wird damit Sinn gemanaged?

Wer es schafft, noch weiter zu lesen, wird schnell merken, dass bei Priddat so ziemlich alles „gemanged“ wird. Dort kommt er auf das, was heute unter „Feel-Good-Management“ firmiert und nennt es flugs „Atmosphären-Management“. Wobei nicht klar ist, ob er den ebenso grauenhaften Begriff des „Feel-Good-Managements“ nicht kennt oder einfach nur einen eigenen Begriff kreieren will. Allerdings ist auch das vage und irgendwie nicht ganz stringent: „… der Trend ist, dass die Firmen sich dreimal überlegen, wie sie sich verbessern: Wie erleichtert man den Leuten, ihre Arbeit besser ausführen zu können?“ und meint damit, sich einer möglichen Ausbeutungstendenz zu widersetzen. Echt sinnvoll das alles. Es dürfte wohl möglich sein, Arbeitsbedingungen arbeitnehmerfreundlich zu gestalten – aber damit ist nicht im Geringsten sichergestellt, dass Sinnkopplung stattfindet. Das Produkt muss mich bei allen tollen Arbeitsbedingungen rein gar nicht überzeugen – es kann sogar konträr zu meinen Werten liegen. Aktuell dürften zum Beispiel im Automotive Bereich einige Arbeitsplätze durchaus auch für Freigeister attraktiv sein. Aber findet man und frau deshalb das Produkt an dem sie beteiligt sind zwingend sinnvoll?

Summa Summarum: Vielleicht wäre ein sinnvolleres Gespräch mit intellektuellem Nährwert entstanden, wenn jemand anderes mit jemand anderem über Sinn und Sinnkopplung in der Arbeit gesprochen hätte.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild:
  • Birger Priddat: Pressefotos von Priddat
  • Laufsteg: Korean Culture and Information Service, CC BY-SA 2.0
  • Atmosphäre: NASA Earth Observatory, gemeinfrei
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