Spielt, Ihr Narren! :: #NKNA19 :: Was hat Neue Arbeit mit Spiel zu tun?

NKNA19: Der eine oder die andere von Euch hat es schon mitbekommen: Unsere 2. transsektorale (Un)Konferenz Neue Konzepte für Neue Arbeit #NKNA19 ist bezüglich der Rahmenbedingungen endlich spruchreif: Sie findet dieses Mal über anderthalb Tage vom 10.-11. Mai 2019 statt, natürlich wieder in Berlin. Fokusthema: Spielt, Ihr Narren! Wie bitte? Was soll das denn? Genau das möchte ich in diesem Post beleuchten. Denn die Zukunft der Arbeit, die Transformation raus aus dem Taylorismus und Fordismus, hin zu selbstbestimmter Arbeit, die auf der anderen Seite nicht als total kontrolliertes digitales Fließband missbraucht soll, hat eine Menge mit Spiel und einer spielerischen Haltung zu tun.

Um die Frage des Zusammenhangs und der Relevanz von Spiel(en) für Neue Arbeit zu erläutern, brauchen wir erst mal ein klares Begriffsverständnis von Arbeit einerseits und Spiel andererseits. Auch wenn es nicht die eine richtige Definition gibt, so wird doch wenigstens unser Begriffsverständnis als Veranstalter klar.

#NKNA19 – Was ist Arbeit?

Wortherkunft

Wikipedia fasst die Etymologie in Anlehnung an den Duden kurz und bündig zusammen:

  • Das Wort Arbeit ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, „Waise“, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter).
  • Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
  • Das französische Wort travail hat eine ähnliche, sogar noch extremere Wortgeschichte hinter sich: es leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab.
  • Das italienische lavoro und englische labour (amerikanisch labor) gehen auf das lateinische labor zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.

Ilia Efimovich Repin (1844-1930) – Volga Boatmen (1870-1873) – Arbeit in ihrer alten Bedeutung: Mühsal, Strapaze, Knechtschaft

Das ist immer wieder erschreckend: Arbeit war einen Großteil der letzten gut zwei Jahrtausende eher Strafe und Leid als Vergnügen. Die aktuelle Debatte um Neue Arbeit und die Zukunft der Arbeit adressiert Bedürfnisse, die selbst heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, nur langsam bis in die Mitte der Gesellschaft hinein sickern. Das Arbeit eine Not-Wendigkeit ist, die eher übel als wohl sicherstellt, unsere Lebenshaltungskosten finanzieren zu können, ist selbst heute noch trotz allen Wohlstands und aller sozialer Sicherheitsnetze die normierte Sicht. Es geht den meisten Menschen bis heute immer noch weniger darum, gut ein Drittel der eigenen kostbaren, einzigartigen Lebenszeit sinnvoll zu verbringen, als vielmehr um Anstellungssicherheit.

Wortbedeutung

Definitionen gibt es wie Sand am Meer, aber es scheint einige wiederkehrende Merkmale des Begriffs Arbeit zu geben:

  • bewusst und zielgerichtet
  • dient der Erzeugung, Verteilung und Aufrechterhaltung von Produkten und Dienstleistungen
  • ist die Durchführung zielgerichteter Dienstleistungen (zB öffentlicher Dienst)
  • führt in einer vorwiegend monetär organisierten Gesellschaft zum Einkommen
  • ist oft ein zentraler Bestandteil des individuellen Selbstbildes und -werts

Damit werden allerdings verschiedene gesellschaftlich äußerst wichtige Tätigkeiten nicht als Arbeit verstanden: Erziehung, Hausarbeit, private Pflege und Ehrenamt. Ohne die Millionen Menschen, die all dies teils täglich leisten, würde unsere Gesellschaft ziemlich schnell zusammenbrechen. Allen diesen Tätigkeiten ist von einem traditionellen Arbeitsverständnis her gesehenen eines gemeinsam: Sie werden nicht monetär vergütet. Aber was sind sie dann, wenn nicht Arbeit? Hobby und Freizeitvergnügen? Selbstverwirklichung? In fast allen Fällen wohl kaum. Sie sind allesamt zumindest eines: Eine bewusste und zielgerichtete Tätigkeit, deren Zweck nicht in sich selbst liegt. Womit wir möglicherweise beim (bislang) wichtigsten Unterschied zwischen Arbeit und Spiel wären.

#NKNA19 – Was ist Spiel?

Wortherkunft

Bei der Recherche nach der Wortherkunft erlebte ich eine Überraschung: Der Begriff  hat seine Wurzeln im „mittelhochdeutsch, althochdeutsch spil, eigentlich wohl = Tanz(bewegung), Herkunft ungeklärt“ stellt der Online Duden hochoffiziell klar. In der Printversion Duden Band 7 zur Etymologie findet sich etwas mehr: „Das Substantiv bewahrte seine vermutliche Grundbedeutung „Tanz, tänzerische Bewegung“ … bis in mhd. Zeit, doch bedeutete es von Anfang an meist „Kurzweil, unterhaltende Beschäftigung, fröhliche Übung“. (Duden, Bd 7: 690)

Auch wenn, so wie dargestellt, die Wortherkunft mehr oder minder ungeklärt beziehungsweise nur grob geklärt ist, wird der Unterschied zur Arbeit mehr als deutlich: Das Eine ist eine ernste, mühe- oder sogar leidvolle Tätigkeit, die fast schon einer Strafe gleichzukommen scheint, während Spiel eben das Gegenteil ist. Das gilt heute sicherlich nicht mehr so drastisch wie früher zu Zeiten von Sklaverei, Leibeigenschaft und Frondiensten, hat aber immer noch einen Anflug davon. Dabei müssen wir nicht nur an offensichtlich ausgebeutete Arbeitnehmer*innen in der dritten Welt denken, oder an all die Sub-Subunternehmer in der Logistik, wo die Fahrer*innen oftmals nicht einmal den Mindestlohn erhalten. Selbst hochausgebildete Personen sind betroffen, wie Ärzt*innen in Krankenhäusern, die immer wieder bis an ihre körperlichen und psychischen Grenzen getrieben werden und darüber hinaus.

Wortbedeutung

In der Definition des Spiels wird schnell ein interessanter Unterschied zur Arbeit deutlich: Das Spiel an sich ist zunächst mal nicht zweckgerichtet, beziehungsweise ist autotelisch, trägt also seinen Zweck in sich selbst. Soweit die allgemeine Sichtweise, die ich allerdings in Frage stelle: Denn wenn wir spielen bezwecken wir damit oft sehr wohl etwas: Spaß, Freude, Ablenkung, Unterhaltung, Zeitvertreib oder was sonst noch. Allerdings sind alle diese Zwecke zunächst nicht darauf ausgerichtet, mit der Tätigkeit Kunden im weitesten Sinne (Bürger, Patienten…) zufriedenzustellen und den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Womit allerdings sofort klar wird:

Wenn schon Arbeit bislang im Allgemeinen nicht als Spiel verstanden wird, so kann doch Spiel sehr wohl Arbeit sein, wie jeglicher Profisport zeigt. Andreas Zeuch

Pollice Verso, Jean-Léon Gérôme 1872

Desweiteren wird schon längst der positive Charakter von Spiel funktional für weitere Zwecke genutzt, zum Beispiel mit Lern- oder Bildungsspielen. Spätestens in diesem Zusammenhang werden die Chancen sichtbar, die im Spiel mit seinem freiwilligen, selbstbestimmten Charakter und der freudvollen Ausübung liegen, schließlich wird im allgemeinen niemand zum Spiel gezwungen. Und wenn, dann könnten wir wohl zurecht hinterfragen, ob Gladiatorenspiele überhaupt ein Spiel sind. Interessant, dass sie offensichtlich ein regelrechter literarischer und cineastischer Topos wurden, wie die zeitgenössische Kinolandschaft mit Filmen wie „Die Tribute von Panem“ immer wieder zeigt. In allen Fällen geht es um autokratische Herrschaft und Unterdrückung, kurzum: die Pervertierung von Spiel.

#NKNA19 – Neue Arbeit und Spiel

Nach dieser kleinen Einsicht in die Wortherkunft und allgemeine Bedeutungsgebung der Begriffe Arbeit und Spiel sollte der Zusammenhang und die Relevanz von Spiel für Neue Arbeit klar sein: Neue Arbeit steht für die Befreiung der Arbeit von all ihren ursprünglich negativen Eigenschaften. Sie soll keine Ausbeutung sein, selbst- statt fremdbestimmt, sie soll ein Quell von Freude sein, wenn auch nicht immer, so doch im Grunde. Und vor allem ist sie im Ideal so wie das Spiel nicht nur funktional auf die Erzeugung und Distribution von Produkten und Dienstleistungen ausgerichtet, sondern gewinnt auch autotelische Züge, wird also auch zum Selbstzweck. Ich arbeite nicht mehr, nur um mein Geld zu verdienen (Zwang zumeist), sondern mache diese spezifische Arbeit, weil sie mir Freude bereitet, weil sie ein Ausdruck meiner persönlichen Werte und Weltsicht ist.

So wie die Pädagogik die vielen Vorteile eines spielerischen Lernens längst entdeckt hat und rege nutzt, so können wir im Kontext der Transformation von Arbeit lernen, all diese guten Eigenschaften ebenfalls zu nutzen. Die Eigenschaften von Spiel(en) scheinen geradezu prototypisch geeignet, um die Zukunft der Arbeit zu gestalten. Und so wird es nicht nur nachvollziehbar, was Stefan Meißner, Professor für Medien- und Kulturwissenschaften an der Hochschule Merseburg schreibt, sondern geradezu zwangsläufig:

Wir erkennen nicht nur im spielerischen Umgang mit Problemen das ungeahnte Produktivitätspotenzial des Spielens überhaupt: Kreativität, Innovation oder Disruption – allesamt ohne spielerische Einstellung zur Welt, im Sinne einer Als-ob-Tätigkeit nicht möglich – werden vielmehr zum zentralen Ziel weiter Teile der Erwerbstätigkeit. (Meißner, S. (2018): 20)

Die Auseinandersetzung mit Spiel(en) bei der Transformation von Arbeit hin zu Neuer Arbeit eröffnet eine Menge anderer Möglichkeiten, Standpunkte und Perspektiven, als wenn wir nur durch die Brille der althergebrachten Arbeit auf die zu entwickelnde Neue Arbeit blicken. Aber auch dieser Dreh, so scheinbar gegensätzliche Phänomene wie (Neue) Arbeit und Spiel(en) zusammenzudenken, hat seine Schattenseite. Nämlich genau dann, wenn das Spiel verkürzt wird zum neuen Wirkhebel, um Produktivität, Effizienz und Effektivität unendlich in die Höhe zu schrauben. Es gilt also, achtsam bei dieser für viele vielleicht ungewohnten Verbindung vorzugehen. In diesem Sinne freuen wir uns auf unsere kommende 2. (Un)Konferenz #NKNA19 vom 10.-11. Mai in Berlin und sind jetzt schon gespannt auf die Reaktionen und Ergebnisse.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

  • Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Dudenverlag.
  • Meißner, S. (2018): Arbeit und Spiel – mit Technik neu bestimmt. In: Friedrich, A. et al.: Arbeit und Spiel. Nomos (S. 19-31)
  • Oschmiansky, F. (2010): Der Arbeitsbegriff im Wandel der Zeiten. Bundeszentrale für politische Bildung

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Screenshot unserer priomy Website, ©priomy2018
  • Volga Boatmen: Ilia Efimovich Repin, gemeinfrei
  • Spielendes Kind: Jean-Baptiste Siméon Chardin, gemeinfrei
  • Pollice Verso von Jean-Léon Gérôme 1872, gemeinfrei
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