Studie: Partizipation aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen

Wer mehr Partizipation, also Mit- und Selbstbestimmung in der eigenen Organisation will, steht unter anderem vor der großen Herausforderung, dass es immer wieder bei den Mitarbeiter*innen und Führungskräften an den Kompetenzen dafür mangelt. Wer jahrelang nur Erfüllungsgehilfe war und auf Anweisungen der Chefin gehandelt und das eigene Gehirn ausgeschaltet hatte, wird nicht von jetzt auf gleich die nötigen Kompetenzen für selbstbestimmte Arbeit aus dem Hut zaubern. Das liegt unter anderem auch daran, dass es auf dem Bildungsweg schon früh an Mit- und Selbstbestimmung mangelt, wie jetzt eine aktuelle Studie belegt.

Das Studiendesign

Die vorliegende deutsche Studie ist ein Teil der internationalen Umfrage „Children’s Worlds. The international Survey of Children’s Well-Being“, die zum zweiten Mal als repräsentative Studie durchgeführt wurde. In insgesamt 36 Ländern wurden bis Juli 2019 Acht bis Zwölfjährige zu ihrem subjektiven Wohlbefinden befragt. Im deutschen Teil wurden zudem noch Dreizehn- und Vierzehnjährige befragt und ergänzend 24 qualitative Gruppendiskussionen durchgeführt. Somit kam es in der deutschen Studie zu einer Untersuchungsgröße von 3500 Kindern und Jugendlichen.

Für die quantitative Erhebung nahmen 30 Grundschulen und 28 weiterführende Schulen teil, über die der Feldzugang erfolgte. Die eigentliche Erhebung erfolgte dann freiwillig im Klassenverband.  „Die Studie arbeitet mit den vier Bedarfsdimensionen aus dem „Konzept für eine Teilhabe gewährleistende Existenzsicherung für Kinder und Jugendliche“. Diese vier Bedarfsdimensionen sind:

  • Rechte, Beteiligung und gute Interaktionen
  • Zugänge zu guter und bedarfsgerechter Infrastruktur
  • Zeit, Zuwendung und Fürsorge
  • Absicherung finanzieller Bedarfe.“ (Andresen, S. et al. (2019): Childrens World+. S. 11)

In der Studie werden qualitative und quantitative Datenerhebungen und -auswertungen trianguliert, um so die komplexen Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen möglichst angemessen zu untersuchen. Die Stichprobe setzte sich am Ende folgendermaßen zusammen:

Studienergebnisse

Im Kontext selbstbestimmter Arbeit (Agilität, Augenhöhe,  New Work, Unternehmensdemokratie etc.) ist die erste Bedarfsdimension „Rechte, Beteiligung und gute Interaktionen“ wichtig. Aus meiner Sicht ist dabei ein erstes wichtiges Item die Frage, inwieweit die Schüler*innen der Meinung sind, dass ihre Eltern ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Diese Dimension wurde wiederum in den Lebensbereichen Schule und Familie untersucht.

Selbst- und Mitbestimmung in der Familie

Dieser Bereich wurde durch folgende Fragen erhoben:

  • Ich kann bei Entscheidungen mitbestimmen (Mitbestimmung).
  • Meine Eltern erlauben mir genug (Selbstbestimmung).
  • Meine Eltern hören mir zu und nehmen mich ernst (gute Interaktionen)

Auffällig ist in diesem Bereich die deutlich geringere völlige Zustimmung bei der Frage nach der Mitbestimmung. Hier stimmt nicht mal ein Drittel der Befragten zu, während bei der „guten Interaktion“ fast 50% völlig zustimmen und bei der Selbstbestimmung immerhin noch knapp 47%. Die Kinder dürfen also in ausreichendem Maß selbst ihre Entscheidungen treffen (Meine Eltern erlauben mir genug) und haben weitgehend das Gefühl, dass ihnen Ihre Eltern gut zuhören und sie ernst nehmen. Allerdings scheint es ein Defizit bei gemeinsam getroffenen Entscheidungen zu geben.

Selbst- und Mitbestimmung in der Schule

Dieser Bereich wurde durch folgende Fragen erhoben:

  • Ich kann in der Schule mitentscheiden (Mitbestimmung)
  • Meine Lehrerinnen und Lehrer hören mir zu und nehmen mich ernst (gute Interaktionen)

Gut Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen (69,4%) fühlen sich von Ihren Lehrerinnen ernst genommen. Das ist die gute Botschaft. Allerdings ist weniger als die Hälfte der Teilnehmer*innen der Meinung, in der Schule mitentscheiden zu können. Unter dem megakognitiven Gesichtspunkt individueller EntscheidungsKompetenz ist dies nicht gerade ein erfreuliches Ergebnis. Die Schüler*innen lernen nicht durchgängig, eine für sich passende (Lern)Umgebung mitzugestalten.

Dazu passt eine extrem interessant Reflexion auf die Mitbestimmung bei der Entwicklung des Schulsystems selbst – was für die spätere Change- und Transformationsprozesse beim Arbeitgeber tief blicken lässt. Eine typische Bemerkung dazu:

„Also bei G8 und G9 hatten, glaube ich, hauptsächlich nur Erwachsene Mitbestimmungsrecht, obwohl die gar nicht mehr in der Schule sind.“ Quelle: Transkript aus der qualitativen Erhebung Children‘s Worlds+. (ebnd.: 47)

Zusammenfassung

Insgesamt zeigt Children’s World+, dass Mit- und Selbstbestimmung bereits für Kinder- und Jugendliche eine zentrale Dimension des Wohlbefindens ist. Beeindruckend ist dabei, dass den Teilnehmer*innen teils schon recht früh der Zusammenhang zur späteren Arbeitssituation klar ist, wie folgendes Zitat eines Zehnjährigen belegt:

„Wenn man nicht mitbestimmen darf, weil … bei manchen Firmen … nur die oberen Ränge mitentscheiden (dürfen). Und wenn man dann selber keine Stimme hat, … ist (das) dann schon blöd, wenn die Firma dann schließt und man ist dann arbeitslos. Die anderen haben dann schon meistens einen Job, die weiter oben sind… Und die unteren, die wissen gar nichts davon, auf einmal schließt die Firma. Deswegen finde ich es schon wichtig, dass man überhaupt Bescheid kriegt und dass man auch mitbestimmen darf.“ Quelle: Transkript aus der qualitativen Erhebung Children‘s Worlds+. (ebnd.: 48)

Wir sollten also dringend in der Familie und Schule unseren Kinder und Jugendlichen schleunigst mehr Selbst- und Mitbestimmung zukommen lassen. Das ist nicht nur für mündige Mitarbeiter*innen wichtig, die zukünftig auch kompetent ihre neuen Entscheidungsräume nutzen, sondern genauso für unsere zukünftigen Bürger*innen. In einer Zeit präfaschistischer Rechtspopulisten wie Trump, Bolsonaro, Orban und Salvini liegt es jetzt an uns, den zukünftigen Generationen stabile demokratische Selbst- und Mitbestimmungskompetenz zu vermitteln.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quelle

  • Andresen, S. et al. (2019): Childrens World+. Eine Studie zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Goethe Universität Frankfurt, Jacobs Foundation, Bertelsmann Stiftung.

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Ralf Roletschek, Free Art License 1.3
  • Tabellen: Bertelsmann Stiftung 2019
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